IMI-Analyse 2010/033 - in: AUSDRUCK (Oktober 2010)

Emanzipation an der Waffe? Frauen in der Bundeswehr


von: Claudia Haydt | Veröffentlicht am: 7. Oktober 2010

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Mit strahlendem Gesicht robbt eine Frau im Bundeswehrflecktarnanzug durch einen militärischen Übungsparcours und die Bildunterschrift verkündet stolz: „Trotz Hindernissen in die Gleichberechtigung“.[1] So illustriert die Bundeswehr auf ihrer Homepage die Situation der Frauen in der Bundeswehr. Gut zehn Jahre ist es her seit am 11. Januar 2000 Tanja Kreil vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg das Recht erhielt „an der Waffe zu dienen“, Zeit für einen neuen Blick auf die Bedeutung von Frauen in der Bundeswehr und für die Bundeswehr.

Neues Kanonenfutter

Tanja Kreil hatte diese Klage damals mit Unterstützung des Bundeswehrverbandes betrieben, da innerhalb der Bundeswehr ein starkes Interesse daran bestand, die im Grundgesetz verankerte Beschränkung des Einsatzes von Frauen in der Bundeswehr zu überwinden. Bereits damals war klar, dass die Bundeswehr als Wehrpflichtarmee ein Auslaufmodell ist und dass die Rekrutierung von Nachwuchs für die Einsätze der Bundeswehr in aller Welt ein wachsendes Problem sein wird. Durch die neue Möglichkeit nun auch Frauen für den „Dienst an der Waffe“ auszubilden, hat sich der Pool für die Rekrutierung faktisch verdoppelt.

Zurzeit sind etwa 16.900 Soldatinnen beim Heer (10.400), der Luftwaffe(4.300) und der Marine(2200) tätig. Es fällt auf, dass bei der Verteilung der Frauen auf die einzelnen Verwendungsbereiche immer noch klassische Rollenmuster zum Vorschein kommen. 42% der Frauen entscheiden sich für den Sanitätsdienst und weitere 22% sind in eher unterstützender Tätigkeit in der Streitkräftebasis eingesetzt. Insgesamt sind 9 Prozent der Bundeswehrangehörigen weiblich.

Unter den Bundeswehrsoldaten, die im Auslandseinsatz sind, ist der Anteil regelmäßig etwas niedriger und liegt bei 5%, zurzeit sind 370 Soldatinnen in den verschiedenen Kriegs- und Besatzungseinsätzen tätig. Bei den Spezialeinheiten der Bundeswehr wie dem Kommando Spezialkräfte (KSK) und Kampfschwimmern der Marine sind übrigens nach wie vor keine Frauen im Einsatz (außer in unterstützender Funktion). Die Bundeswehr peilt im Sanitätsdienst einen Frauenanteil von 50% an und in der übrigen Bundeswehr 15%. Bei den neuen Rekruten hat sie diesen Anteil ungefähr erreicht, da allerdings Frauen gerade in der ersten Zeit (und nach ersten Erfahrungen mit der Bundeswehr) immer wieder abspringen, ist nicht davon auszugehen, dass sie ihre Zielvorgaben so schnell erreicht – es sei denn, die wirtschaftliche Zwangslage spitzt sich weiter zu.

Frauen schaffen Akzeptanz

Im Verhältnis zur niedrigen Anzahl der Frauen in den Bundeswehrauslandseinsätzen tauchen diese Frauen erstaunlich häufig auf Bildern auf, mit denen die Bundeswehr ihre Tätigkeit an die Öffentlichkeit transportiert. Dahinter steht eine bewusste Strategie, da gerade durch die Darstellung von Frauen, die als „friedlicher“ wahrgenommen werden, eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz erhofft wird. Das „Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr“ beschäftigt sich in einer Studie „Truppenbild mit Dame“[2] intensiv auch mit dieser Frage. Anlässlich des zehnten Jahrestages freut sich die Bundeswehr auf ihrer Homepage „Immer mehr Frauen entscheiden sich für die Bundeswehr“ und erklärt auch gleich unter Berufung auf die bereits erwähnte Studie, warum dies für die Bundeswehr so wichtig ist: „Zusammen mit ihren männlichen Kameraden erfüllen die Soldatinnen den Auftrag der Bundeswehr; auch in den Auslandseinsätzen. Ihre wachsende Zahl in den Streitkräften fördert zudem die Akzeptanz der Bundeswehr in der Gesellschaft.“[3] Frauen werden somit Teil der Öffentlichkeitsstrategie der Bundeswehr. Es geht einerseits direkt um ihre Rekrutierung und ihren zukünftigen Militäreinsatz. Andererseits ist das Thema junge Frauen und Militär auch so exotisch, dass es für die Medien Anlass ist, darüber zu berichten – was die Rekrutierung von weiteren Frauen (und Männern) befördert. Mädchen, die beim „Girls-Day“ das „Berufsfeld Bundeswehr“ erkunden und dabei in Panzern sitzen dürfen, sind beliebte Fotomotive für Artikel in der regionalen und überregionalen Presse. Der Fernsehsender SAT1 produzierte 2008 eine Dokusoap „24 Stunden Reportage – Hanna geht zur Bundeswehr“ und die Bildzeitung[4] zeigt im Herbst 2009 die jüngste Rekrutin Antje Köhlerin im schulterfreien Tarntop und Flecktarnhose. Dass diese 16jährige zur Bundeswehr darf, liegt übrigens daran, dass Deutschland großen diplomatischen Druck darauf verwenden hat, durch ein Zusatzprotokoll die UN-Kinderrechtskonvention auszuhöhlen und so eine „legale“ Möglichkeit geschaffen wurde, Kindersoldaten[5] zu rekrutieren. Im Kontext der üblichen Bildzeitungsfrauendarstellungen wird Antje Köhler somit zu einer Art Maskottchen für die Bundeswehr – eine Rolle, die für Frauen im Militär historisch alles andere als neu ist.[6]

Nicht zufällig werden Frauen sowohl als Soldatinnen als auch als Zivilistinnen für Kriege instrumentalisiert. Besonders deutlich wurde dies als im März dieses Jahres durch ein Geheimpapier des US-Geheimdienstes CIA an die Öffentlichkeit kam in dem überlegt wurde, wie bei kriegsmüden Europäerinnen und Europäern mehr Akzeptanz für den Krieg in Afghanistan geschaffen werden könnte. „Afghanische Frauen könnten wegen ihrer Fähigkeit persönlich und glaubwürdig über ihre Erfahrungen unter den Taliban zu sprechen … als ideale Botschafterin fungieren, um die Rolle der ISAF bei ihrem Kampf gegen die Taliban zu humanisieren. Durch öffentlichkeitswirksame Auftritte in den Medien sollten afghanische Frauen die Möglichkeit erhalten, den Frauen in Frankreich, Deutschland und in anderen europäischen Ländern ihre Erlebnisse mitzuteilen, sie könnten mithelfen, die unter den Frauen in Europa vorherrschende Skepsis gegenüber der ISAF-Mission zu überwinden.“[7] Wie durch militärische Machtmittel, durch Bombardements und durch Straßensperren gesellschaftlich verankerte frauenfeindliche Einstellungen (in welchem Land auch immer) bekämpft werden könnten, darüber sagen solche Texte nicht. Aber es geht ja auch nicht um die Frauen, sie sind – auf jeder Seite der Front – lediglich Mittel zum Zweck.

Neue Rollenbilder?

Manche Feministinnen (wenn auch bei weitem nicht alle) verbanden wie Alice Schwarzer mit der Freigabe des „Dienstes an der Waffe“ auch für Frauen die Hoffnung, so gesellschaftliche Rollenbilder überwinden zu können und die Frauenemanzipation voranzutreiben. Die gut untersuchten Entwicklungen in andern Armeen (z.B. in Israel) hätten da eigentlich bereits stutzig machen müssen, belegen[8] sie doch, dass die patriarchalen Strukturen des militärischen Apparates und des militärischen Alltags so dominant sind, dass sie gesellschaftliche Geschlechterkonstruktionen häufig noch verstärken, statt diese aufzulösen. Deswegen überrascht es auch nicht, wenn auch das „Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr“ nach wie vor altbekannte Probleme im Zusammenleben der Geschlechter innerhalb der Bundeswehr beschreibt. Etwa 43% der männlichen Soldaten sind sich sicher, dass Frauen für körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten ungeeignet sind. Von sexistischen Bemerkungen und anzüglichen Witzen sind nach eigenen Angaben die meisten Frauen betroffen (58%). Wesentlich gravierender ist, dass jede fünfte Frau von sexuellen Belästigungen in ihrem Arbeitsumfeld betroffen ist.[9] Dies sind nur einige Indizien dafür, dass manche junge Frauen für ihre „Chance“ bei der Bundeswehr einen hohen Preis bezahlen. Es ist gesellschaftlich bedenklich, wenn für junge Menschen (männlich und weiblich) die Bundeswehr als einzige Möglichkeit erscheint, eine Berufsausbildung zu machen oder ein Studium finanzieren zu können. Entsprechende Programme zur beruflichen Bildung im zivilen Bereich und besser Studienförderung würden sicher die Rekrutierung von SoldatInnen für die Bundeswehr erschweren, aber wer sagt denn, dass dies eine schlechte Entwicklung ist. Übrigens ist ebenso dringend eine Neuorganisation der Sportförderung außerhalb der Bundeswehr nötig. Von den 700 durch die Bundeswehr geförderten Spitzensportlern sind gerade mal ein Drittel weiblich. Geschlechtergerechtigkeit ließe sich auch hier wesentlich besser durch ein ziviles System bewerkstelligen.
Zur Emanzipation und zur Überwindung von geschlechtsspezifischer Rollenbildung hat die Freigabe des „Dienstes an der Waffe“ nichts beigetragen und es ist nicht davon ausgehen, dass dies im Rahmen patriarchaler Militärstrukturen jemals möglich sein könnte.

Anmerkungen:

[1] Frauen an der Waffe: Europa schreibt Bundeswehr-Geschichte, 11.01.2000; URL: www.bundeswehr.de

[2] Gerhard Kümmel, Truppenbild mit Dame, Forschungsbericht 82, März 2008, S.83.

[3] Starke Truppe – Immer mehr Frauen entscheiden sich für die Bundeswehr, 11.01.2010; URL: www.bundeswehr.de

[4] Antje aus Harburg ist Deutschlands jüngste Soldatin, 28.08.2009, bild-online.

[5] Ralf Willinger, »Bundeswehr wirbt und rekrutiert Minderjährige – und missachtet damit die Kinderrechte«, Terre des Hommes 24.5.2009.

[6] Vgl. Martin van Creveld, Frauen und Krieg, München 2001.

[7] CIA Red Cell Special Memorandum; Afghanistan: Sustaining West European Support for the NATO-led Mission-Why Counting on Apathy Might Not Be Enough, 11.3.2010 (Übersetzung C.H)

[8] Uta Klein, Militär und Geschlecht in Israel, Frankfurt/Main 2001.

[9] Gerhard Kümmel, a.a.O., S.76ff.

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