Pressebericht - in: taz Bremen, 16.07.2010

Vorbereitung auf den Exodus


von: Pressebericht / taz / Armin Simon / Malte Lühmann | Veröffentlicht am: 19. Juli 2010

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Weltgrößter Raumfahrtkongress in Bremen: Friedensinitiativen warnen vor Militärprojekten, Wissenschaftler planen die interplanetare Umsiedlung der Menschheit.

Für eine Weltraumstadt hält sie sich schon lange, dafür genügten die
Raketenstufen der EADS-Tochter Astrium und die Satellitenschmiede OHB. Kommende Woche steigt Bremen kurzzeitig sogar zum globalen Zentrum der Weltraumforschung auf. An die 4.000 WissenschaftlerInnen sowie VertreterInnen von Industrie und Raumfahrtagenturen treffen sich in der Messe Bremen zur größten internationalen Konferenz der Raumfahrtwissenschaft.

In 3.000 Vorträgen und auf 1.500 Postern geht es von Sonntag an sieben Tage lang um alles, was sich zwischen Stratosphäre und den Grenzen des Universums abspielt. Das „committee on space research“, kurz Cospar, zu Zeiten des Kalten Krieges gegründet, um einen wissenschaftlichen Austausch sicherzustellen, tagt alle zwei Jahre. Veranstalter ist diesmal das Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (Zarm) der Universität Bremen.

100.000 Euro hatte der notorisch klamme Stadtstaat für die Bewerbung um den Kongress springen lassen. Die Aussicht auf voll belegte Hotelbetten war so verlockend, dass Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) damals nach Peking flog, um die stimmberechtigten Cospar-Delegierten am Abend vor der Abstimmung zum Empfang zu laden – Konkurrent Delhi hatte das Nachsehen. Man wolle sich vor allem „in der Szene profilieren“, heißt es im Wirtschaftsressort heute. Neue Raumfahrtprojekte für Bremen seien ad hoc keine in Sicht.

Dennoch wird es auf der Tagung nicht nur um friedliche Wissenschaft gehen. Zwar beherrschen Themen von Meteorologie, Geologie und Klimaforschung, Materialwissenschaften, Biologie, Astro- und Fundamentalphysik das Programm. Das Zarm etwa stellt seine Experimente mit Bose-Einstein-Kondensaten vor, einem speziellen Aggregatzustand von Teilchen. Andere ForscherInnengruppen wollen die von Einstein postulierten Gravitationswellen mit Hilfe von Satelliten endlich einmal praktisch messen.

Aber, sagt Malte Lühmann von der Informationsstelle Militarisierung (IMI), „es geht nicht nur um Grundlagenforschung und Fliegen zum Mond“. Raumfahrt ist eine Dual-Use-Technologie: Militärische Zwecke sind leicht hinter zivilen zu verstecken. Und die meisten Raumfahrtunternehmen arbeiten auch fürs Militär. Für Meetings am Rande des Kongresses halten die Veranstalter Dutzende Räume vor.

Lühmann zufolge gibt es deutliche „Anstrengungen“, in die nationale Raumfahrtstrategie, die bis Jahresende stehen soll, „möglichst viele Sicherheits- und Rüstungstechniken mit reinzubringen“. Er fordert, bei Projekten wie der lasergestützten Datenübermittlung zu und zwischen Satelliten genau zu prüfen, ob nicht militärische Interessen im Vordergrund stehen. Auch müssten die Kosten, die durch militärische Zusatzanforderungen an vorgeblich rein zivile Projekte entstehen, offen gelegt werden. Bremer Aktionsgruppen haben bereits Proteste „gegen die Militarisierung des Weltraums und den satellitengestützten Krieg gegen Flüchtlinge“ angekündigt.

ZARM-Direktor Hans Rath verwies auf aktuelle Probleme wie den Klimawandel. Raumfahrtforschung sei nötig, um diesen beobachten und gegebenenfalls „gezielt korrigieren“ zu können. Von der in weiten Teilen präsentierten Grundlagenforschung sei ein kurzfristiger Nutzen zwar eher nicht zu erwarten, in langfristiger Perspektive seien Projekte wie die Besiedelung anderer Planeten aber ein Muss. „Was ist in 1.000 oder 2.000 Jahren?“, fragt Rath: „Die Ressourcen unserer Erde sind endlich – und die Lebensbedingungen auf der Erde verschlechtern sich stetig.“ Bei globalen Katastrophen, großen Meteoriteneinschlägen etwa, könnten nur „extern“ lebende Menschen noch helfen. Auch das Erdmagnetfeld werde nicht ewig halten. Und spätestens in 60 Millionen Jahren werde sich die Sonne so weit ausgedehnt haben, dass eine Umsiedlung auf andere Planeten sowieso zwingend sei: „Die Erde wird verdampfen.“

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