IMI-Analyse 2010/021 - in: junge Welt, 29.5.2010

Afghanistan: Reine Schaufensterreden


von: Lühr Henken | Veröffentlicht am: 31. Mai 2010

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Es gibt eine asiatische Spruchweisheit: »Wenn Gott eine Nation bestrafen will, dann läßt er sie in Afghanistan einfallen.« Der Kolonialmacht England ist es nie gelungen, Afghanistan zu beherrschen. Sie mußten schmachvolle Niederlagen einstecken. 1842 war für die Briten besonders düster. Theodor Fontane hat die Niederlage im Gedicht: »Das Trauerspiel von Afghanistan« verarbeitet: »Mit dreizehntausend der Zug begann/Einer kam heim aus Afghanistan.« In der Tat hatten die Afghanen nur den Arzt William Brydon am Leben erhalten, damit er daheim von den Greueln berichten konnte. Das ist die größte Niederlage der britischen Kolonialgeschichte bis heute. Auch 1880 verloren die Briten in der Schlacht von Maiwand in der Nähe Kandahars ihren zweiten Krieg. 1919 endete der dritte anglo-afghanische Krieg mit einem Patt. Britannien entließ Afghanistan in die Unabhängigkeit. Aus diesem Nimbus des Unbesiegten speist sich bis heute die Kampfkraft der Paschtunen.

Das bekam auch die Sowjetarmee in den 80er Jahren zu spüren. Mit dem Afghanistan-Krieg, der mit dem Abzug der Armee endete, sind verblüffende Parallelen auffällig. Aktuell sind etwa 110000 ausländische Soldaten unter NATO-Befehl bzw. im Rahmen der von der USA geführten Operation »Enduring Freedom« in Afghanistan. Bis Mitte dieses Jahres werden es wohl annähernd 150000 sein. Die Sowjetunion hatte zuletzt etwa 120000 Soldaten in Afghanistan. Auch gab es damals einen Aufwuchs der afghanischen Armee von anfangs 87000 (1979) auf zuletzt 330000 (1989). Dazu kamen damals noch Milizen von 150000 auf der afghanischen Regierungsseite, so daß diese etwa 600000 Soldaten und Milizen aufbrachte. Diese Größenordnungen werden von der NATO ebenso angestrebt. Dem damaligen Krieg fielen eine bis 1,3 Millionen Afghanen zum Opfer. Soll dieser Krieg ähnlich enden? Dabei weiß man auf der NATO-Seite auch aufgrund von Analysen von Aufstandsbekämpfungen, daß diese historisch nur eine Erfolgsquote von mageren 25 Prozent haben.

Dennoch hält die NATO an ihren Plänen in Afghanistan fest. Aktuell wird ein Großangriff auf Kandahar, die Taliban-Hochburg, vorbereitet. Sie ist mit etwa 500000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Afghanistans. Entweder wird es ein furchtbares Gemetzel geben, oder die Taliban werden vertrieben oder von beidem etwas. In jedem Fall hat es die US-Regierung eilig. Im November finden in den USA Wahlen statt. Das Repräsentantenhaus wird komplett neu gewählt und ein Drittel der Senatorenposten wird neu besetzt. Präsident Barack Obama und seine Demokraten sind nach jüngsten Umfragen in der Defensive.

Ob bis dahin ein Erfolg zu verbuchen ist? Eine Studie des unabhängigen britischen Instituts ICOS aus dem Jahr 2008 macht darauf aufmerksam, daß der militärische Widerstand bereits 72 Prozent des afghanischen Territoriums kontrolliere, nach noch 54 Prozent ein Jahr zuvor. 2009 waren es schon 80 Prozent. Die Dramatik zeigt sich zum einen in der Zunahme der Zahl der Anschläge mit Sprengfallen von 82 im Jahr 2003 auf 8159 im letzten Jahr. Auch der Anstieg der getöteten Besatzungssoldaten von 57 im Jahr 2003 auf 520 im Jahr 2009 ist Beleg dafür, daß der Charakter des Einsatzes sich qualitativ gewandelt hat. Die Zahl der getöteten Zivilpersonen hat sich in den vergangenen drei Jahren nach UN-Angaben auf 2412 mehr als verdoppelt.

Diese Entwicklung machte für die USA einen Strategiewechsel notwendig, denn so konnte es nicht weitergehen, wenn der Krieg nicht verlorengehen sollte. Ausgangspunkt der militärischen Überlegungen ist das Feldhandbuch der US-Armee zur Aufstandsbekämpfung (FM 3-24 Counterinsurgency). Das stellt schlicht und ergreifend fest, daß zur Niederschlagung eines Aufstands pro 1000 Einwohner 20 bis 25 Sicherheitskräfte nötig sind. Auf Afghanistan umgesetzt, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung, wären »570000 bis eher 710000 Sicherheitskräfte erforderlich« (14.10.2009). Deshalb kursiert bereits seit März 2009 der Plan aus Obamas Beraterstab, in den nächsten sechs bis sieben Jahren die afghanischen Sicherheitskräfte auf 400000 zu erhöhen (FAZ vom 20.3.2009). Das wäre etwa eine Verdoppelung. Hinzu käme eine Aufstockung der eigenen Truppen.

Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs der USA, Michael Mullen, sagte Mitte vergangenen Jahres: »Wir müssen in den kommenden zwölf bis 18 Monaten die Wende in Afghanistan erreichen. Andernfalls schaffen wir es womöglich gar nicht.« Demnach soll also ganz konkret die Wende bis spätestens Ende 2010 erreicht sein. Genau auf dieses Datum zielt die schnelle Verlegung der 30000 Mann, die Obama Anfang Dezember 2009 nach langer Diskussion angeordnet hatte. Sie soll im Juni 2010 abgeschlossen sein. Obama verdreifacht damit die Zahl der US-Truppen seit Beginn seiner Amtszeit von 32000 auf 98000 im Juni 2010. Hinzu kommen knapp 8000 Soldaten aus anderen NATO-Ländern, so daß die ISAF dann etwa 150000 Soldaten umfassen wird. Im Ergebnis führt das zu noch mehr Leid, Blut und Opfern in Afghanistan.

Obama verband die Aufstockung mit der Ankündigung, ab Juli 2011 mit einer Truppenreduzierung zu beginnen. Das zielt auf den Beginn der Kampagne zur Wiederwahl Obamas im November 2012. Wie unsicher diese Ankündigung ist, wurde schon wenige Tage danach klar. Ob es dann wirklich zum Beginn des Abzugs kommt oder erst später, soll erst im Dezember 2010 entschieden werden. »Abhängig von den Bedingungen vor Ort werde dann ›eine Handvoll‹ Truppen abgezogen«, so US-Kriegsminister Robert Gates. Nicht zu vergessen: Obama hatte nur den Beginn des Abzugs genannt, über die Geschwindigkeit und das Ende sagte er gar nichts.

Von einer Ausbildungsoffensive für die afghanischen Sicherheitskräfte (Armee und Polizei) klang in Obamas Rede Anfang Dezember zwar nichts an. Allerdings hatten bereits ein paar Tage zuvor die afghanischen Minister für Verteidigung und Inneres das Vorhaben bestätigt. Nach ihren Worten soll die Armee konkret auf 240000 Soldaten und die Polizei auf 160000 Mann anwachsen. In der Summe sind es die von den USA vorgegebenen 400000 Sicherheitskräfte. Präsident Hamid Karsai präzisierte den Zeitraum dafür: »Wir sind entschlossen, daß die afghanischen Sicherheitskräfte innerhalb von fünf Jahren fähig sein sollen, federführend für die Sicherheit im ganzen Land zu sorgen.« Das heißt ganz konkret: ab Ende 2014.

Das ist das Fernziel. Ein Etappenziel auf dem Weg dahin wurde auf der Afghanistan-Konferenz in London Ende Januar 2010 konkretisiert. »Im Oktober 2011 soll die afghanische Armee eine Stärke von 170000 Mann haben, die afghanische Polizei soll auf 134000 Mann angewachsen sein«, heißt es in der FAZ vom 29. Januar 2010. Die Summe ist 304000. Wie realistisch diese Vorhaben sind, werden wir nachher untersuchen.

Das Konzept der NATO

Es wird eine neue Taktik der Aufstandsbekämpfung angewandt, die den Stichworten »Shape, Clear, Hold and Build« folgt. Wie hat man sich das vorzustellen? Nach dem Truppenaufmarsch (shape), werden die Aufständischen angegriffen, also vertrieben oder vernichtet (clear), danach wird der Raum dauerhaft besetzt (hold), das sollen afghanische Sicherheitskräfte, vor allem Polizisten machen, so daß abschließend der Aufbau beginnen kann (build). Die Ausbildung der afghanischen Armee soll im Feld geschehen. Das wird als »Partnering« bezeichnet. »Grundgedanke des Partnering ist, daß künftig nicht mehr die ISAF-Kräfte aus den Feldlagern zu ihren Operationen ausrücken und dann nach einigen Tagen zurückkehren, sondern daß ein einmal besetzter ›Raum‹, wie die Militärs sagen, dann dauerhaft gehalten wird, und zwar durch die afghanischen Sicherheitskräfte. Die ISAF-Partner würden etwa die Außensicherung übernehmen. Das ›gepartnerte‹ Vorgehen bedeutet also nicht, daß künftig Patrouillen aus drei Deutschen und drei Afghanen gelaufen werden, sondern daß ganze Einheiten nebeneinander operieren« (FAZ vom 21.4.2010). Vor der Bundestagsentscheidung im Februar malte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg für den Einsatz werbend ein defensives Bild vom Partnering: »Partnering bedeutet insbesondere, Präsenz in der Fläche zu zeigen und durch die Präsenz in der Fläche – die keine offensive Präsenz ist, sondern mit Ausbildung und Schutz der Bevölkerung verbunden ist – Rückzugsräume für die Taliban zu minimieren und sie auch ein Stück weit zu isolieren von der Bevölkerung.« Von Gefährdung keine Rede. Nachdem Anfang April jedoch vier Bundeswehrsoldaten auf einer Ausbildungstour mit Soldaten der afghanischen Armee getötet wurden, korrigierte Karl-Heinz Lather, deutscher Vier-Sterne-General bei der NATO, die verharmlosende Aussage seines Ministers. Er sagte, die neue Einsatzstrategie der ­NATO würde »zu mehr Opfern unter den deutschen Soldaten führen«.

Wie das »Clear« funktioniert, darüber geben Berichte über eine Angriff auf einen afghanischen Ort in Hör- und Sichtweite des deutschen Feldlagers in Kundus Auskunft. Anfang November 2009 griffen 300 US-Spezialkräfte und 800 Afghanen den Ort Gul Tepa an. Nach übereinstimmender Darstellung kreisten Soldaten das Gebiet zuerst ein, dann begannen gezielte Bombardements aus Kampfjets und aus unbemannten Drohnen der US-Armee. Der Gouverneur von Kundus sprach von »unzähligen Bomben, die fünf Tage lang, 24 Stunden, abgeworfen« worden seien. Eine lokale Politikerin sagte, die Einschläge wären sehr nahe am Stadtkern gewesen. Die Bilanz: nach afghanischen Angaben 133 getötete Taliban. Erste Meldungen, Zivilisten seien nicht unter den Opfern, wurden bald aufgeweicht. Spiegel online schrieb am 17. November 2009: »So geht man im ISAF-Hauptquartier von rund 125 Toten aus, davon sollen aber nur 75 Taliban gewesen sein. Öffentlich spricht jedoch niemand über diese Zahlen.« Die wohlklingenden Ansätze der Zivilisierung des Krieges erweisen sich sehr schnell schon als Propagandavorhang, hinter dem ein ganz gewöhnlicher, aber höchst brutaler Krieg geführt wird, dem Zivilpersonen, darunter Frauen und Kinder, zum Opfer fallen. Schlimm ist, daß die Abschirmung gegenüber der Öffentlichkeit so gut klappt.

Zum Bundeswehreinsatz

Seit Dezember 2001 beteiligt sich die Bundeswehr an ISAF, zunächst nur in Kabul, ab Dezember 2003 auch in Kundus. Sie betreibt in Kundus, Faisabad und Masar-i-Scharif jeweils ein Provincial Reconstruction Team (PRT, Einheiten für den Wiederaufbau in afghanischen Provinzen). Zur Zeit befinden sich am Hindukusch inklusive der Bundeswehrsoldaten im Luftwaffenstützpunkt Termes in Usbekistan 4270 Soldaten (Stand 7.5.2010). Seit März 2007 setzt sie sechs Tornados zur Bodenaufklärung in Gesamtafghanistan ein. Sie befehligt das Regionalkommando Nord der ISAF, in einem Gebiet, das halb so groß ist wie die Fläche Deutschlands. Seit Mitte 2008 stellt sie eine Schnelle Eingreiftruppe (Quick Reaction Force, QRF), deren 200 Soldaten im Norden häufig eingesetzt werden. Dem gesamten Kontingent stehen neben 970 gepanzerten Fahrzeugen neun Schützenpanzer »Marder« und bald auch zwei Panzerhaubitzen 2000 und Panzerabwehrraketen TOW zur Verfügung. Die Bundeswehr hat 15 Drohnen vom Typ KZO im Einsatz und ab August 2010 stehen drei Drohnen des Typs Heron 1 zur Verfügung. Guttenberg kündigte vor kurzem an, noch weitere 15 »Marder« in den Norden Afghanistans verlegen zu wollen. Die Haubitzen sollen mit einem abschreckenden oder einschüchternden Schuß direkt gegen Aufständische eingesetzt werden. Die Panzerabwehrraketen aber nicht gegen Panzer, denn die Aufständischen haben keine, sondern gegen Einzelpersonen oder kleine Gruppen von verschanzten Gegnern, wenn diesen mit den leichten Waffen der Infanterie nicht beigekommen werden kann. Der Bundestag beschloß am 26. Februar 2010, die Mandatsobergrenze um fast 20 Prozent von 4500 auf 5350 zu erhöhen. Das Mandat endet am 28. Februar 2011.

Zu den offiziellen Kosten des Bundeswehreinsatzes muß ein Wort verloren werden. Die sind drastisch gestiegen, binnen eines Jahres um 53 Prozent im Monatsdurchschnitt. In diesem Jahr werden es mehr als eine Milliarde Euro sein.

Der Bundeswehreinsatz wird von einer Bevölkerungsmehrheit abgelehnt. Seit Anfang Dezember ermittelt Infratest-Dimap für die Tagesschau der ARD konstant Werte um 70 Prozent, die für »einen möglichst schnellen Abzug« sind. Zuletzt, Mitte April, sprachen sich nur 26 Prozent für ein »Bleiben« aus. Die Regierung regiert also gegen die Bevölkerung.

Selbst die wohlklingende Formulierung der Bundesregierung, sie strebe eine »Übergabe in Verantwortung« an die Afghanen an, vermochte keinen Umschwung in der Bevölkerungsmeinung herbeizuführen. Außenminister Guido Westerwelle sagte am 3. Dezember letzten Jahres im Bundestag, die Bundesregierung wolle eine Abzugsperspektive in dieser Legislaturperiode erarbeiten. Er gehe davon aus, daß zum Jahresende 2011 mit dem Abbau von Bundeswehrsoldaten begonnen werden könne. Ziel sei eine selbsttragende Sicherheit in Afghanistan. Damit werden Ziele in einem überschaubaren Zeitraum anvisiert, die eine Machbarkeit suggerieren. Die Frage ist nur: Geht das so?

Armee als Kanonenfutter

Beginnen wir mit dem afghanischen Militär: Mitte April soll die Afghanische Nationalarmee (ANA) nach NATO-Angaben 113000 Soldaten stark gewesen sein. Bis Oktober 2011 sollen es 171600 sein (ein Plus von 58600). Ist das zahlenmäßig erreichbar? Vergleiche mit den Ausbildungszahlen der letzten Monate lassen das als machbar erscheinen. Jedoch die Skepsis überwiegt. Die Neue Zürcher Zeitung stellte am 24. Juli 2009 fest, man neige hier zur Schönfärberei, »wirklich einsatzbereit« seien »weniger als die Hälfte der Einheiten«.

Der Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte wird als Herkulesaufgabe aufgefaßt. Die FAZ zitiert am 16. Februar 2010 einen deutschen Offizier: »Wir beginnen beim Urschleim.« Wiederholt käme es vor, daß Angehörige der afghanischen Armee für Tage oder Wochen verschwinden – vor allem im Sommer, wenn die Ernte ansteht. Die Abwesenheitsquote in den Einheiten betrage mitunter bis zu 40 Prozent.

Bemerkenswert ist auch die Einschätzung des Generalstabschefs der pakistanischen Armee, General Ashfaq Parvez Kayani. Er findet zu dem Vorhaben »klare Worte: Er hält es für fast unmöglich, Streitkräfte in diesen Dimensionen aus dem Boden zu stampfen. Eine so stark wachsende Armee braucht seiner Ansicht nach nicht nur eine solide Ausbildung, sondern auch ein erfahrenes Offizierskorps. Eine Führungsstruktur lasse sich nicht aus dem Hut zaubern. Die Vorstellungen einer raschen Übergabe von Verantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte erscheinen ihm deswegen als zu ehrgeizig« (NZZ vom 19.2.2010).

Die ANA dient vor allem als Kanonenfutter. Nach Aussagen des NATO-Generals Egon Ramms, Kommandeur des »Allied Joint Force Command« im niederländischen Brunssum und Vorgesetzter des ISAF-Kommandeurs Stanley McChrystal, werden »monatlich 3000 neue Rekruten ausgebildet, um die Verluste von rund 1000 Soldaten (Gefallene und Deserteure) im selben Zeitraum auszugleichen«. Die Probleme seien groß, so Ramms. 15 Prozent aller afghanischen Soldaten seien drogensüchtig. Es gilt: Die Armee wächst bestenfalls quantitativ. 70 Prozent sind Analphabeten.

Im ARD-Weltspiegel (18.4.2010) kommt ein ehemaliger britischer Militär zu Wort, der die Ausbildung afghanischer Soldaten bewertet. »Daß die Afghanen eines Tages selbst für Sicherheit sorgen können, bezweifelt er mittlerweile: Die Ausbildung sei zu kurz und zu schlecht. ›Die Armee braucht Tausende frische Soldaten, die Qualität der Ausbildung wird seit zwei Jahren schlechter‹«. »Die Mehrheit der Rekruten stammt aus dem afghanischen Norden, also ethnische Usbeken, Tadschiken, Hazaras, alles Nichtpaschtunen. Problematisch ist auch die ethnische Vielfalt, beispielsweise, wenn die Herzen der Menschen im paschtunischen Süden gewonnen werden sollen. Dort sind Soldaten aus dem afghanischen Norden verhaßt.« Da die Taliban nahezu ausschließlich Paschtunen sind, wird mit dieser Ausbildungspolitik ein Bürgerkrieg systematisch provoziert. Deutlich wird, das Herausbilden eines afghanischen Militärs, das selbst für die Sicherheit im Land sorgen kann, dauert zumindest länger als vier oder fünf Jahre. Die Ankündigungen sind eine Mogelpackung.

Keine funktionierende Polizei

Die Stärke der nationalen Polizei (ANP) betrug laut NATO Ende März 103000 Mann. Bis Oktober 2011 sollen es 31000 mehr sein. Auch dieses Ziel scheint, gemessen an den derzeitigen Ausbildungszahlen realistisch zu sein. Jedoch überwiegt auch hier, mehr noch als bei der Armee, die Skepsis. Symptomatisch dafür: Am selben Tag, als die NATO ihre Zahlen nannte, zitierte die britische Tageszeitung The Independent aus bisher geheimgehaltenen Dokumenten des britischen Außenministeriums. Demnach würde sage und schreibe »ein Viertel der afghanischen Polizisten nur auf dem Papier existieren. (…) Laut den Regierungsdokumenten werde es ›viele Jahre‹ brauchen, eine funktionierende afghanische Polizei aufzubauen.«

Im November noch hatte der afghanische Innenminister die Zahl der Polizisten mit 82000 angegeben. Jedoch schon die mußte als geschönt angesehen werden. Denn schon zwei Monate zuvor stellte die FAZ (10.9.2009) fest: »Von dem Ziel, für die Afghanische Nationale Polizei (ANP) insgesamt 82000 Mann aufzustellen, ist man weit entfernt. Nach unterschiedlichen Angaben stehen zwischen 40000 und 60000 Polizisten zur Verfügung.« Aber nicht nur das: Täglich kommen laut Bund deutscher Kriminalbeamter acht afghanische Polizisten ums Leben. Das sind auf das Jahr gerechnet 2900. Demnach halten sich aktuell bei der Polizei Verlust- und Rekrutierungsraten in etwa die Waage, die Personalstärke stagniert.

Zwischen 60 und 90 Prozent aller Polizeianwärter sind Analphabeten. Aus afghanischen Männern Ordnungshüter zu machen, ist in achtwöchigen Crashkursen unmöglich. »Vermittelt werden lediglich die ›absoluten Basics‹ wie Waffenkunde, Schießen und Checkpoint-Training sowie das Anhalten und Durchsuchen von Fahrzeugen, Personen und Gebäuden«, meldete ddp am 22. März 2010. US-General William Caldwell schätzt, daß lediglich ein Viertel der Polizisten qualifiziert sei. Folgendes Schlaglicht vermag das Wesen der Polizei zu verdeutlichen: »Daß manche Absolventen sich gleich den üblen Gepflogenheiten anpassen und an den Checkpoints abkassieren, zählt auch zu den betrüblichen Erfahrungen der internationalen Ausbilder. Das Image der Polizei, berichtet einer der deutschen Beamten, sei kaum besser als das der Taliban: ›In der Bevölkerung sind die als Wegelagerer verschrien.‹ Einer Umfrage zufolge hält die Hälfte der Afghanen ihre Ordnungshüter für korrupt« (FAZ vom 21.4.2010). Ein weiteres Schlaglicht lieferte der Kommandeur der deutschen Quick Reaction Force, Oberst Michael Matz: Er habe im Laufe des vergangenen halben Jahres gemeinsame Operationen erlebt, »wo die Armee gute Arbeit gemacht hat und die Polizei dann plündernd und raubend hinterhergewütet hat«. Jeder sechste Polizist ist drogenabhängig.

Noch einmal zurück zur NATO-Strategie. Die besagt: Erst mit erfolgreichem Partnering kann eine Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch die afghanische Seite vollzogen werden, so daß die NATO sich zurückziehen könnte. Der Erfolg des Partnering steht und fällt mit der Polizistenausbildung, denn Polizisten sollen das durch Militär von Aufständischen gesäuberte Gebiet halten. Die Polizeiausbildung ist demnach die Achillesferse des NATO-Einsatzes. Das Urteil von Praktikern ist wenig erfolgversprechend: »Deutsche Ausbilder halten die Methode (Partnering – L. H.) für lebensgefährlich und untauglich.« Sie heiße: »›Sterben gehen‹. (…) Sobald das Militär eine Region verlassen habe, (…) kämen die Taliban zurück und statuierten ein Exempel: ›Sie töteten bevorzugt Polizisten als Symbol der verhaßten Regierung in Kabul.‹« Im Bundespolizeipräsidium in Potsdam ist diese Gefahr bekannt, schreibt Der Spiegel am 3. April. »Die ANP ist nach wie vor in allen Landesteilen Hauptangriffsziel der Aufständischen, heißt es in einer internen Analyse.«

Die NATO hat sich nicht weniger vorgenommen, als in diesem und im nächsten Jahr 80 der insgesamt 320 Distrikte Afghanistans freizukämpfen. Daß es sich hierbei um Schaufensterreden handelt, machte kurz nach dem Bundestagsbeschluß der schon erwähnte NATO-General Ramms deutlich. Er sieht derzeit keine Möglichkeit, die internationalen Truppen ab 2011 aus Afghanistan abzuziehen. Die Rheinische Post zitiert ihn im März mit dem Satz: »Das kann man vergessen.« Ein Monat später sagte er gegenüber dem Focus: »Auch der Zeitplan Afghanistans, ab 2015 die Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen, wird zunehmend schwieriger zu halten sein.«

Zusammengefaßt: Wir haben es also mit dem Versuch der NATO zu tun, den Willen des militärischen Widerstands in Afghanistan eines Tages zu brechen. Im günstigsten Fall sollen dies dem Westen wohlgesonnene afghanische Kräfte bewerkstelligen. Das Geschehen will die NATO jedoch unter Kontrolle halten. Analog zum Irak. Die Wahrheit ist: Man steuert Afghanistan damit in einen endlosen Bürgerkrieg hinein. Diese »Afghanisierung des Krieges« ist keine »Übergabe in Verantwortung«, sondern unverantwortlich.

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