Quelle: Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. - www.imi-online.de

Dokumentation

Offener Brief an das Rektorat der Universität Tübingen

Dokumentation / Marxistische Aktion Tübingen (31.03.2010)

Lieber Herr Engler, Liebe Frau Gropper!

Über den Zeitraum mehrerer Wochen durften wir im vergangenen Semester ihre Strategie gegenüber den legitimen Forderungen der protestierenden Student*innen im Kupferbau der Uni Tübingen kennen lernen: Verbale Zugeständnisse kombiniert mit der Versicherung, wir hätten doch alle dieselben Ziele auf der einen Seite; eine starre Verweigerungshaltung bei der Umsetzung wirklicher Veränderungen auf der anderen. Diese Strategie hat nun – wirft man einen Blick auf die von ihnen zugesicherte ‚Zivilklausel’ und vergleicht diese mit dem Programm an der Uni Tübingen im SoSe 2010- eine neue Dimension erreicht.
Verabschiedet wurde im Senat eine ‚Zivilklausel’, die das Papier nicht wert ist, auf der sie gedruckt ist. Garantiert wird dabei – worauf bereits die Informationsstelle Militarisierung (http://www.imi-online.de/2010.php?id=2072) hingewiesen hat- keineswegs, dass es keine Kooperation von Universität und Rüstungskonzernen oder Bundeswehr geben darf; gefordert wird lediglich, dass die Forschung in irgendeinem Sinne ‚friedlichen’ Zwecken dienen muss. Die Schwammigkeit dieser Forderung wird nur noch von ihrer Naivität übertroffen. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass die Bundeswehr oder ihre Kumpanen in Politik und Kapital ihre Wehrforschung unter Titeln wie „Hauptseminar: Einführung: Wie bombardiert man ‚versehentlich’ die afghanische Zivilbevölkerung II“ an der Uni anbieten würden. Klarerweise redet man hier lieber über „Friedenssicherung“, über Engagement in Fragen der nationalen oder internationalen „Sicherheit“ oder über „außenpolitische Herausforderungen“ in einer multipolaren Welt. Ihrer Zivilklausel nach könnte man auch die Münchner Sicherheitskonferenz, ein Kriegstreibertreffen gegen welches jedes Jahr tausende Menschen auf die Straße gehen, an der Universität Tübingen stattfinden lassen.
Und tatsächlich, eine ähnliche, wenn auch bedeutend kleinere Veranstaltung haben Sie ja auch vor! Am 15. April 2010 soll, so kann man der Homepage des Bundesverbandes Sicherheitspolitik an Hochschulen (BSH) entnehmen, an Ihrer Hochschule und mit offizieller Unterstützung selbiger das so genannte ‚Sicherheitspolitische Forum’ stattfinden. Abgesehen davon, dass am Programm so ausgewiesene Freunde militärischen Abenteurertums wie Wolfgang Ischinger, der Organisator der Münchner Sicherheitskonferenz, vertreten sind, spricht schon das Ankündigungsplakat eine eindeutige Sprache: Zu sehen ist ein Mann vor einem Nuklearsprengsatz, auf dem groß „Iran“ zu lesen ist. An die Bombe ist ein kleines Lämpchen angeschlossen, und der Mann beteuert: „Really … it´s for peaceful, domestic uses…“. Säbelrasseln á la Tübinger ‚Zivilklausel’. Man könnte noch einiges über diese Tübinger Sicherheitskonferenz und ihr ‚friedenssicherndes’ Potential anfügen, aber vor unserem geistigen Ohr hören wir sie bereits rufen: „Aber ist nicht auch eine Grüne anwesend, die eine Lanze für die Abrüstung brechen wird? Und müssen wir als Pluralisten nicht auch die Argumente eines Carlo Masala hören?“ Nein, müssen wir nicht! Abgesehen davon, dass Grüne spätestens seit dem Jugoslawienkrieg nur noch sehr lückenhafte Feigenblätter für solche Veranstaltungen abgeben, weil sie selbst längst auf der Neuen Deutschen Welle richtung Platz an der Sonne schwimmen, können wir nicht tolerieren, dass unter dem Deckmäntelchen irgendwelcher ‚Diskussionen’ Studierende und Schüler*innen sukzessive an militaristische und imperialistische Positionen gewöhnt werden.
Ein gutes Beispiel für diese Gewöhnung sind die Jugendoffiziere der Bundeswehr, die Schülern und Schülerinnen durch Planspiele und ähnlichen Müll die ‚Arbeit’ der Bundeswehr näher bringen sollen. Richten Sie ihren Blick etwa auf die Homepage des Amtes für Geoinformationswesen der Bundeswehr, so werden sie dort ein schönes Schulprojekt finden, in dessen Rahmen bereits den Kleinsten ein Ausweg aus der Langweiligkeit des Schulunterrichts geboten wird: „Mathe muss nicht trocken sein“, heißt es dort, schließlich kann man ja auch Karten für die Bundeswehr zeichnen. „Wir tun im Wesentlichen das Gleiche wie jeder zivile Vermessungstrupp auch. Denn im Prinzip ist es egal, ob man den Gefahrenbereich einer Schießbahn auf einem Truppenübungsplatz oder die Grundstücksgrenzen in einem Neubaugebiet vermisst“, so Oberstleutnant Telzer zu den Elftklässlern.
Wir müssen Sie, Herr Engler und Frau Gropper, aber nicht auf diese Homepage hinweisen, denn Sie sitzen ja quasi an der Quelle, können Sie doch mit Frau Dr. Monika Lanik von der Ethnologie Tübingen direkt auf eine Angestellte dieses Amtes zurückgreifen. Diese bietet übrigens im kommenden Semester ein Hauptseminar zum Thema „Angewandte Ethnologie und Militär“ an. Ein Schelm, wer hier Böses denkt. Sie wird doch nicht etwa, wie ihr am rechten Rand agierender Kollege Thomas Bargatzky an der Uni Bayreuth, bei dem sie bereits mehrmals Gastvorträge hielt, Studierende dazu anhalten wollen sich bei der Bundeswehr zu engagieren? Bei dem regelmäßigen Autor der rechtsextremen Zeitschrift „Junge Freiheit“ Thomas Bargatzky kann der/die Interessierte direkt auf seiner Institutshomepage Formulare für Praktika bei der Bundeswehr downloaden. So wenig subtil wird Monika Lanik wohl nicht agieren. Dass Laniks Afghanistan-„Forschungen“ nichts desto trotz im Dienste des militärischen Engagements der Bundeswehr stehen, davon kann sich jedeR leicht in dem Buch „Afghanistan- Land ohne Zukunft?“ (download unter: www.streitkraeftebasis.de) überzeugen.
Sie werden sagen, wir sollen uns doch nicht über solche Kleinigkeiten echauffieren, es geht ja nur um „Diskussionen“. Aber steter Tropfen höhlt den Stein, und jeder dieser „Vorträge“ dient, ob bewusst oder unbewusst, ein und demselben Ziel: Die Menschen daran zu gewöhnen, dass die „Sicherheit“ Deutschlands am Hindukusch, am Horn von Afrika oder sonst wo verteidigt werden muss. Wir verweigern uns dieser deutschen Normalität: Bundeswehroffiziere in Klassenzimmern, Bundeswehrangestellte als Dozent*innen, Kriegslobbykonferenzen in der Neuen Aula sind keineswegs ‚normal’, und wir werden sie nicht stillschweigend hinnehmen. Auch Sie fordern wir auf, dieses Treiben nicht zu tolerieren!

Marxistische Aktion Tübingen, 21.März 2010

Quelle: http://www.jpberlin.de/tueinfo/cms/node/19082

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