IMI-Analyse 2010/009 - in: AUSDRUCK (Februar 2010)

Psychologische Kriegsführung

Wie die Bundeswehr die Klassenzimmer erobert.

von: | Veröffentlicht am: 16. Februar 2010

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Über 500 Menschen demonstrierten am 23. Januar 2010 laut und bunt auf den Straßen der Stadt Freiburg in Baden-Württemberg gegen die Militarisierung von Bildungseinrichtungen. Der Protestzug unter dem Motto „Bundeswehr raus aus den Klassenzimmern“ war der bundesweit erste gegen Militärs an deutschen Schulen. Die Bundeswehr hat mittlerweile viele Wege gefunden, um neue RekrutInnen in den Schulen anzuwerben. Zudem sollen schon die jungen Menschen vom Militär und der Notwendigkeit militärischer Kriegseinsätze überzeugt werden.

Kanonenfutter und Akzeptanz

Doch warum braucht die Bundeswehr überhaupt neue Leute? In Deutschland gibt es zwar eine Wehrpflicht, dennoch sind immer weniger junge Menschen für diesen Dienst „tauglich“. Zudem gibt es die Möglichkeit, dem Dienst an der Waffe zu entgehen und einen zivilen Ersatzdienst zu leisten. Nach wie vor sind „[g]ut ausgebildete, gleichermaßen leistungsfähige wie leistungswillige Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter […] Grundvoraussetzung für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr“, heißt es im aktuellen „Weißbuch 2006 – zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr“ des Bundesministeriums der Verteidigung. Trotz eines generellen Personalabbaus beziffert die deutsche Armee ihren Personalbedarf in dem zukunftsweisenden Strategiepapier mit jährlich „20.000 jungen Frauen und Männern“. Um diesen Bedarf sicherzustellen, ist jedes Mittel Recht: auch der Einzug in die Schulen. Nicht zuletzt geht es der Bundeswehr aber auch um die „Herzen und Köpfe“, wie es im militärischen Jargon heißt. Auslandseinsätze wie der in Afghanistan werden von der heimischen Bevölkerung immer noch kritisch gesehen und teilweise – so der Afghanistan-Einsatz – sogar von einer breiten Mehrheit abgelehnt. Obwohl dies nicht die Aufgabe der Bundeswehr ist, betreibt sie eine intensive Image-Pflege. Ziel ist es, die Akzeptanz weltweiter Militäreinsätzen zu erhöhen – Krieg soll wieder ein legitimes Mittel der Politik werden. Diese Militarisierung setzt schon bei den Jüngsten an – den Schülerinnen und Schülern.

Kooperation und Ausbildung

Am 29. Oktober 2008 wurde in Nordrhein-Westfalen die bundesweit erste Kooperationsvereinbarung zwischen einem Landesschulministerium und der Bundeswehr unterzeichnet. Der Vertrag sieht vor, dass Jugendoffiziere im „schulischen Kontext Schülerinnen und Schüler über die zur Friedenssicherung möglichen und/oder notwendigen Instrumente der Politik“ informieren – dieses Instrument kann auch das Militär sein. „Dabei werden“, so heißt es im Vertragstext weiter, „Informationen zur globalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung genauso wie Informationen zu nationalen Interessen einzubeziehen sein.“ Das nationale Interesse Deutschlands umfasst, laut dem Bundeswehr-Weißbuch, auch die Sicherung von Rohstoffen für die deutsche Wirtschaft. Den Schülerinnen und Schülern ab der 5. Schulklasse soll eine Politik vermittelt werden, die den Einsatz des Militärs zur Sicherung von Rohstoffen als vollkommen legitim erachtet. Wenn ein Land seine Rohstoffe nicht an Deutschland verkaufen will, gibt es diverse Instrumente, um Druck auszuüben. Eine militärische Intervention wird vielleicht nicht das Erste sein, liegt aber durchaus im Bereich des Möglichen. Für die Kooperation zwischen Bundeswehr und Schulen wurden in der Vereinbarung einige Grundlagen festgehalten:

– Eine Intensivierung der Zusammenarbeit im Rahmen der politischen Bildung.

– Die Möglichkeit der Einbindung der Jugendoffiziere in die Aus- und Fortbildung von Referendarinnen und Referendaren sowie von Lehrkräften.

– Die Möglichkeit der Teilnahme von Lehrkräften und Bediensteten des Schulministeriums bei Aus-, Fort- und Weiterbildungsseminaren der Bundeswehr und von Besuchen in Militäreinrichtungen.

Mit der Aus- und Fortbildung von ReferendarInnen versucht die Armee ihren Einfluss auf den Schulunterricht zu verschleiern: nicht die Angehörigen der Bundeswehr bringen den Schülern bei, dass Militär ein Mittel der Politik ist, sondern die jungen – scheinbar neutralen und daher unverdächtigen – Lehrerinnen und Lehrer. Da die Bundeswehr-Besuche an Schulen im Rahmen des normalen Unterrichts stattfinden, herrscht Anwesenheitspflicht.

Auch im Saarland (März 2009) und in Baden-Württemberg (Dezember 2009) gibt es mittlerweile eine Kooperation zwischen Armee und Schulministerium, in Rheinland-Pfalz ist eine Vereinbarung in Planung – der Wortlaut entspricht jeweils dem der Vereinbarung aus NRW.

Jugendoffiziere und Wehrdienstberater

Jugendoffiziere, junge Männer und Frauen mit einem abgeschlossenem Studium und langjähriger militärischer Erfahrung in der Bundeswehr, sind ein grundlegender Bestandteil der Nachwuchs- und Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Armee. Die Einheit wurde 1958 – nur drei Jahre nach Gründung der Bundeswehr – ins Leben gerufen, um den Ruf der Armee zu verbessern. Heute gibt es 94 hauptamtliche und über 300 nebenamtliche Jugendoffiziere, die an der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation (früher: Amt für psychologische Kriegführung) ausgebildet wurden und werden. Neben der fachlichen Ausbildung werden die Jugendoffiziere auch in Rhetorik geschult.

Haupteinsatzgebiet der zwischen 27 und 35 Jahre alten Jugendoffiziere sind Schulen: 2008 führten die 94 hauptamtlichen Jugendoffiziere 8.061 Veranstaltungen mit 199.227 Teilnehmerinnen und Teilnehmern durch, von denen 175.450 Jugendliche waren. Die meisten Veranstaltungen waren Vorträge zu Themen wie „Der Soldat als Staatsbürger in Uniform“ oder „Auslandseinsätze der Bundeswehr“. 360 Simulationen des POL&IS-Spiels mit rund 17.500 SchülerInnen, LehrerInnen sowie StudentInnen und ReferendarInnen wurden an mehr als 2.000 Seminartagen durchgeführt. 2008 wurden außerdem 647 „Besuche bei der Truppe“ registriert, an denen 19.500 Zivilisten teilnahmen. Die Jugendoffiziere führten in dem Zeitraum zudem über 500 Seminarfahrten mit Jugendlichen (meist Schulklassen) nach Brüssel, Straßburg, Wien, Berlin oder Stettin durch. In 1.376 Seminartagen konnten sich über 15.500 TeilnehmerInnen sicherheits- und verteidigungspolitisch aus dem Blickwinkel der Bundeswehr weiterbilden. An 69 Podiumsdiskussionen nahmen Jugendoffiziere 2008 teil. 311 Großveranstaltungen – beispielsweise Messestände oder Tage der offenen (Kasernen-)Tür – haben Jugendoffiziere zudem im Jahr 2008 begleitet.

Jugendoffiziere sind zwar keine Wehrdienstberater, aber sie weisen den SchülerInnen den Weg dorthin: geben Adressen heraus und werben für den Dienst bei der Bundeswehr.

Unterrichtsmaterial und Deutungshoheit

Die Bundeswehr geht aber nicht nur selbst in Schulen, sondern hat auch Unterrichtsmaterialien im Repertoire: die unverdächtige von einer Stiftung getragene „Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e.V.“ ist für die kostenlosen Schulhefte mit dem Titel „Frieden & Sicherheit“ verantwortlich. Bei näherem Hinsehen stellt sich die als „unabhängig und gemeinnützig“ bezeichnete Arbeitsgemeinschaft als neoliberaler Think-Tank heraus: beispielsweise befindet sich der Sitz der Arbeitsgemeinschaft im Haus der FDP-Bundespartei im Berliner Regierungsviertel.

„Frieden & Sicherheit“ besteht aus einem beinahe jährlich erscheinendem Schülermagazin samt Lehrerheft, einem monatlichen Arbeitsblatt und einer Website. Die Unterrichtsmaterialien sind für junge Leute ansprechend gelayoutet und perfekt zum Einsatz in der Schule aufbereitet: es werden Aufgaben gestellt, die von den SchülerInnen bearbeitet werden müssen, dazu gibt es Lösungshefte für die LehrerInnen.

Das Schülermagazin geht in der Debatte um die Deutungshoheit des Begriffs „Frieden“ in die Offensive, was sich schon im Titel des Magazins wieder findet. Den jungen Leuten soll beigebracht werden, dass nur das Militär einen stabilen Frieden schaffen kann. Zwar wird der diplomatische Weg nicht vollkommen übergangen, die Vereinten Nationen aber beispielsweise als zahnloser Tiger dargestellt. Den Materialien ist nicht abzusprechen, von Pädagogik-Experten erstellt worden zu sein: Inhalte werden unauffällig und geschickt rübergebracht. Ansatzpunkte für Kritik an den Texten finden sich nicht leicht.

Finanziert werden die „Frieden & Sicherheit“-Materialien von der Bundesregierung. 2007 sind von den Schulen mehr als 325.000 Schüler- und über 16.000 Lehrerhefte für den Unterricht bestellt worden. Besonders für faule Lehrer bietet sich der Einsatz der Materialien an: die zeitaufwendige Unterrichtsvorbereitung fällt weg.

Spielen und Krieg

Seit 1989 führen Jugendoffiziere das Simulations-Brettspiel POL&IS – Politik & Internationale Sicherheit – durch. Grundlage des Simulationsspiels bildet ein großes Spielbrett, auf der eine Weltkarte zu sehen ist. Die Kontinente und Länder sind dabei zu elf verschiedenen Regionen zusammengefasst, welchen spezifische Eigenschaften zugeteilt wurden, die die reale Welt widerspiegeln sollen: Energie- und Rohstoffvorkommen, militärische Fähigkeiten, Industrie- und Agrarsektor sowie Bevölkerungszahl. Die Teilnehmer – zwischen 37 und 55 Spieler werden benötigt – schlüpfen in verschiedene Rollen: Regierungschef, Staatsminister (für das Militär zuständig), Wirtschaftsminister, Oppositionsführer, UN-Generalsekretär, Weltbank, Weltpresse und Nicht-Regierungsorganisationen (beispielsweise Greenpeace oder Amnesty International). Der Spielleiter, sprich Jugendoffizier, kann das Geschehen durch so genannte Spielbausteine steuern und lenken. Dabei werden gezielt Konflikte zwischen Staaten hervorgerufen und den Spielern zahlreiche militärische Mittel zur Seite gelegt: beispielsweise strategische Raketenverbände und Bombergeschwader, Atom-U-Boot-Flottillen und sogar atomare und chemische Waffen. Das rundenbasierte Spiel dauert zwischen zwei und fünf Tagen und wird in Schulen oder Kasernen gespielt. Das Strategiespiel POL&IS soll den SchülerInnen die Flausen von Lichterketten und Friedensbewegung aus dem Kopf treiben und sie mit der Realität und Alternativlosigkeit des Krieges bekannt machen.

Kongresse und Schülerzeitungen

Die Bundeswehr hat mittlerweile über 100 Jugendpressekongresse durchgeführt, bei der jeweils rund 130 Schülerzeitungsredakteure in eine Bundeswehr-Kaserne eingeladen werden, um dort einen Artikel über die Armee zu verfassen. Unterstützt werden sie dabei von professionellen JournalistInnen, als Ansprechpartner stehen die SoldatInnen der Bundeswehr zur Verfügung. Die einseitigen Artikel werden später in den Schülerzeitungen abgedruckt und Armee-unkritischer Inhalt kommt unauffällig an die MitschülerInnen.

Auch Werbung schaltet die Bundeswehr in Jugendmedien: In über 170 Schülerzeitungen fanden sich 2008 Werbeanzeigen der Bundeswehr. 2005 waren es noch knapp über 150. Auch in der größten deutschen Schülerzeitung, dem SPIESSER mit einer Auflage von einer Million Exemplaren, hat die Bundeswehr bereits öfters Anzeigen geschaltet. Massive Bundeswehr-Werbung findet sich ebenfalls in Medien für Schüler, die kurz vorm Abitur stehen und oft noch nicht wissen, was sie danach machen wollen: sie sollen für den Dienst an der Waffe gewonnen werden.

Bundeswehr und Schule

Die deutsche Armee hat mittlerweile zahlreiche Wege aufgetan in die Klassenzimmer zu gelangen: Kooperationsvereinbarungen, Jugendoffiziers-Vorträge, Schulmaterialien, das POL&IS-Spiel, Schülerzeitungen… Doch wächst auch die Kritik an den Militäreinsätzen in zivilen Bildungseinrichtungen. Die Demonstration in Freiburg war nur der Anfang. Auch SchülerInnenvertretungen, Elterninitiativen und LehrerInnen – darunter die große Lehrergewerkschaft GEW – wehren sich gegen die Militarisierung der Schulen. Die Bundeswehr wird es bei der Militarisierung der Schulen in nächster Zeit nicht mehr so einfach haben wie noch vor wenigen Jahren oder wie es auf der Demonstration in Freiburg klang: „Niemals-nie gibt’s Pausenbiere – für die Jugend-Offiziere!“

Dieser Text erscheint in der Jugendzeitung utopia – www.jugendzeitung.net – Ausgabe 16, März/April/Mai 2010 und ist eine Zusammenfassung der im Januar erschienenen Studie „Die Eroberung der Schulen – Wie die Bundeswehr in Bildungsstätten wirbt“ (IMI-Studie 2010/02), die kostenlos auf der IMI-Website eingesehen werden kann.

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