IMI-Standpunkt 2009/064

Casten für den Krieg: Deutsche Firma wirbt Zivilisten für US-Kriegsübungen


von: Michael Schulze von Glaßer | Veröffentlicht am: 25. November 2009

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Im Auftrag der US-Army sucht die deutsche Firma „Supply & Service Team GmbH“[1] – kurz SST – in deutschen Städten Komparsen für das Programm „Civilians On The Battlefield“ (COB). Ein Firmenstandort von SST ist das bayerische Hohenfels, südöstlich von Nürnberg. Dort befindet sich einer der größten Militärübungsplätze Deutschlands, auf dem US-Soldaten für die Kriege im Irak und in Afghanistan ausgebildet werden.

Isolierte Kriegsprobanden

Mit Anzeigen in lokalen Medien macht SST auf seine Castings aufmerksam: „Sie sprechen Dari oder Paschtu und haben Interesse an einem Job als Statist? Dann kommen Sie zu unserem Casting und informieren sich“, hieß es beispielsweise am 12. Oktober 2009 in der Hessisch-Niedersächsische-Allgemeinen. Gesucht wurden mit der Anzeige neben Statisten auch Führungspersonen, die als Supervisor für die Militärfirma arbeiten. Die Anzeige machte auf ein SST-Casting aufmerksam, das am 15. Oktober 2009 im nordhessischen Kassel stattgefunden hat.[2] Während der Veranstaltung wurden Flugblätter verteilt, die den potentiellen Statisten mitteilten, worum es bei der Arbeit geht: „Es geht nicht um einen Film, sondern um ein realistisches Training zur Vorbereitung von Soldaten auf ihren Auslandseinsatz. Durch ein groß angelegtes Rollenspiel sollen die Truppen mit den Traditionen, Gepflogenheiten und Gewohnheiten im jeweiligen Einsatzgebiet vertraut gemacht werden. […] Der Teilnehmer bleibt während der gesamten Zeit (ca. 3 Wochen) auf dem Militärgelände. Er darf das Gelände in dieser Zeit aus Sicherheitsgründen nicht verlassen. […] Die Benutzung eines Handys ist während der drei Wochen aus Sicherheitsgründen nicht gestattet. Für wichtige Telefonate wird allerdings ein Firmentelefon vorhanden sein.“

Untergebracht sind die Statisten während der Militärübungen in einer Kaserne oder in Zelten. Arbeiten sollen die in Kassel rekrutierten Statisten auf dem Militärübungsplatz Hohenfels in kleinen Siedlungen arabischen Baustils, die vor einigen Jahren auf dem Platz errichtet wurden. Hier üben die US-Soldaten den Häuserkampf und die Erstürmung von Wohnungen. Jeder Statist bekommt dabei eine eigene Rolle samt Verkleidung. Orientalisch aussehende Menschen – besonders aus Afghanistan oder dem Irak – werden von der „Supply & Service Team GmbH“ besonders gerne genommen und bekommen während des Militärtrainings große Rollen, wie beispielsweise als Bürgermeister, Polizeichef oder Politiker zugesprochen. Terroristen und Aufständische werden jedoch von verkleideten US-Soldaten gemimt.

Auch wenn während der Militärmanöver nur mit Platzpatronen geschossen wird errechnen kleine, auf den Rücken aller Beteiligten platzierte Computer – auch der Statisten – die Flugbahnen der Geschosse. Wer getroffen wurde, erfährt dies mithilfe eines lauten Piep-Tons aus dem Rechner, muss zu Boden gehen und regungslos liegen bleiben. Laut SST werde die nächste Manöverübung voraussichtlich Anfang Januar 2010 eine Afghanistan-Simulation sein. Pro Jahr werden bis zu sieben dieser etwa 28 Tagen dauernden Übungen unter Beteiligung von Statisten durchgeführt. Die Verpflegungskosten werden dabei übernommen. Je nach Rolle des Statisten gibt es zwischen 90 und 130 Euro pro Tag – gerade für in Deutschland lebende Ausländer ein großer Anreiz. Wer die Militärübungen jedoch vorzeitig verlässt bekommt nachträglich 20 Euro pro Tag vom Gehalt abgezogen, für psychische und körperliche Folgeschäden durch die Militärübungen wird seitens SST keine Haftung übernommen.

Die Castings finden meist in Hotels statt. Nach dem ausfüllen eines Bewerbungsbogens, in dem unter anderem nach der Ableistung eines Militärdienstes, Aufenthaltsstatus und Krankheiten gefragt wird, müssen die Personen auch vorsprechen. Wer das Casting übersteht, wird einer Sicherheitsprüfung des CIA unterzogen, diese kann zwischen sechs und acht Wochen dauern – mit der Unterschrift unter den Bewerbungsbogen stimmen die potentiellen Statisten auch der Weitergabe der eigenen Daten an Sicherheitsbehörden zu. Da die Statisten während der Militärübungen in Hohenfels viel über die Taktiken und Techniken der US-Armee erfahren, hütet sich das Militär vor Statisten, die diese geheimen Informationen z.B. an Aufständische im Irak weitergeben könnten. Daher ist wohl auch das Mitführen von Kameras jeglicher Art auf dem Militärübungsplatz verboten. Für die Zeit auf dem Militärareal sind die Statisten nahezu von der Außenwelt abgeschnitten.

Erste erfolgreiche Proteste

Zwar gibt die „Supply & Service Team GmbH“ auf ihrer Website an, im „Einsatz für den Frieden“ zu stehen und betont bei den Castings immerzu, dass es sich um ein „interkulturelles Training“ handele, bei dem US- und NATO-Soldaten für andere Kulturen sensibilisiert werden sollen, Aktivisten aus der Friedensbewegung sehen das jedoch anders. In den vergangenen Jahren sind mehr als 30 SST-Castings reibungslos über die Bühne gegangen. Doch vor kurzem kam es in Kassel erstmals zu Protesten gegen ein Casting[3] der Firma mit Hauptsitz in Krailling bei München: „Wer für die SST GmbH und somit für die US-Army arbeitet, hilft bei der Führung eines klar völkerrechtswidrigen Kriegs mit“, erklärte der Anmelder der Protestaktion am 15. Oktober 2009 in Kassel. Besonders schwer wiegt der Vorwurf der Demonstranten, dass die Statisten auch bei der Soldaten-Ausbildung für den völkerrechtswidrigen Krieg im Irak beteiligt sind. Dies wiesen die Mitarbeiter der Militärfirma in Kassel allerdings von sich: gesucht würden ausschließlich Statisten für den Afghanistan-Krieg. Die von den Statisten verlangten Sprachkenntnisse in Dari und Paschtu seien in Afghanistan, dem Iran und in Pakistan gesprochene Sprachen. Laut ihrer Website[4] sucht SST aber auch Probanden die Arabisch – die Amtsprache im Irak – beherrschen. In einem Artikel[5] der Süddeutschen Zeitung vom November 2008 sagen ehemalige Statisten, die von SST angeworben[6] wurden, zudem aus, sehr wohl den Irak-Konflikt simuliert zu haben.

Die Auseinadersetzung in Kassel endete mit einem Erfolg der Friedensaktivisten. Knapp eine Stunde nach Beginn des Castings musste die Veranstaltung abgebrochen werden: das „Grand Hotel La Strada“, in dem das Casting stattfand, kündigte der „Supply & Service Team GmbH“ aus Krailling bei München die Räume: das Hotel fürchtete aufgrund der Proteste um seinen Ruf und die Ruhe ihrer Gäste. Die Demonstranten freuten sich: „Keine Statisten – keine Übungen – keine Kriege!“ Einige ausgefüllte Bewerbungsbögen konnten die SST-Mitarbeiter aber noch mitnehmen.

In Zukunft wird die bereits 1999 gegründete „Supply & Service Team GmbH“ wohl noch mehr Castings durchführen – erst wenige Tage vor dem Casting in Kassel rekrutierte SST schon in Bochum[7] neue Statisten. Bisher bezog die US-Army ihre Statisten oft von der undurchsichtigen[8] Firma Optronic GmbH & Co KG[9] aus Königsbronn nahe Ulm. Scheinbar hat das Unternehmen diese Tätigkeit aber aufgegeben. Zwar freute sich Optronic in einem Artikel auf ihrer Website[10] vom 30. September 2009 über den Gewinn der Ausschreibung für einen „Civilians On The Battlefield“-Auftrag. Noch am selben Tag zog sich das Unternehmen aber aus unbekannten Gründen aus dem Auftrag zurück: „Aufgrund aktueller Gegebenheiten legt die Firma Optronic den COB-Auftrag nieder.“ Schon heute rekrutiert die „Supply & Service Team GmbH“ nicht nur Statisten für den Truppenübungsplatz Hohenfels, sondern auch für internationale Manöverübungen in anderen Staaten. Somit unterstützt SST die Ausbildung von US-Soldaten für die Kriege in Afghanistan und im Irak und kann nach eigenen Angaben schon heute auf einen Pool von 9.000 Statisten zurückgreifen.

Anmerkungen

[1] www.sst-services.com – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[2] Pflüger-Scherb, Ulrike: Komparsen für das Kriegstraining, in: Hessich-Niedersächsische-Allgemeine-Online (www.hna.de), 13. Oktober 2009 – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[3] AG Antimilitarismus: Kassel: Keine Statisten für den Krieg, in: Indymedia-Deutschland (www.de.indymedia.org/), 15. Oktober 2009 – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[4] SST GmbH: Anforderungsprofil COB: www.sst-services.com – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[5] Kolowosa, Wlada: Martin ist kein einziges Mal gestorben, in: jetzt.de-Magazin der Süddeutschen Zeitung (http://jetzt.sueddeutsche.de/), 11. November 2008 – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[6] Ebenda.

[7] Schmücker, Christian: Casting für den Übungs-Krieg, in: Der Westen (www.derwesten.de), 14. Oktober 2009 – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[8] Lorscheid, Helmut: „Import – Export – Heiße Ware“, in: Telepolis (www.telepolis.de), 18. Juni 2004 – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[9] www.us-statisten.de – letzter Zugriff am 24. November 2009.

[10] Ebenda.

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