IMI-Analyse 2009/041 - in: AUSDRUCK (Oktober 2009)

Die Rattenfänger von Balingen

Wie die Bundeswehr mit Musik neuen Nachwuchs sucht

von: Michael Schulze von Glaßer | Veröffentlicht am: 13. Oktober 2009

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„Musix and More“ – mit diesem „fetzigen“ Untertitel wirbt die Bundeswehr für ihren vierten bundesweiten Orchesterwettbewerb „Bw-Musix 2009“. Für die „Musix“ sollen dabei die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sorgen. Für das „More“ sorgt die Bundeswehr selbst – es besteht aus dem Versuch, die Jugendlichen für den Militärdienst anzuwerben.

Rund 850 Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren nahmen an den ersten „Bw-Musix“ im Jahr 2003 in der Luitpold-Kaserne in Dillingen an der Donau teil1 – mit knapp 1.000 Teilnehmern hatte die Bundeswehr gerechnet.2 34 Schülerbands, 9 Disc-Jokkeys und 11 Jugendblasorchester waren bei dem „grandiosen Musikwochenende“ dabei, berichtet die Bundeswehr-Zeitung „aktuell“.3 In der Jury saßen Moderatoren zweier großer Musikfernsehsender und neben dem Wettbewerb wurde ordentlich gefeiert: „Dank einer Schaltung von Radio Andernach [dem Radiosender der Bundeswehr] wurde die Party live sogar in die Einsatzgebiete nach Bosnien-Herzegowina, in das Kosovo und nach Afghanistan übertragen“, erfreuten sich die Militärs.4 Die Gewinner erwarteten CD-Produktionen, Live-Auftritte sowie Ausstattungs- und Instrumentengutscheine.5 Im Rahmen des „Deutschen Musikfestes“ fanden 2007 in Würzburg die zweiten „Bw-Musix“ statt – diesmal jedoch ohne moderne Klänge von DJs und Schülerbands.6 In Würzburg nahmen 12 Jugendblasorchester an dem Militärspektakel teil. Die Ankündigung den Wettbewerb von nun an jährlich durchzuführen machten die Militärs wahr. Schon im November 2008 spielten 1.300 Jungendliche und auch Kinder bei den „Bw-Musix“ in Friedrichshafen auf. Die 22 Orchester spielten im Rahmen der internationalen Musik-Expo „MyMusic“7 auf der Bundeswehr- Veranstaltung.8 Es winkten Preise im Gesamtwert von 12.000 Euro.9 Auch 2009 sollen die „Bw-Musix“ wieder stattfinden.10 Vom 27. bis 29. November wird die Kreisstadt Balingen in Baden-Württemberg der Armee ein Forum bieten.11

Beworben werden die Musikevents u.a. im kostenlosen Bundeswehr-Jugendmagazin „infopost“, das mit einem ganzseitigen Artikel zur Teilnahme an den ersten „Bundeswehr- Musix“ aufforderte12 und auch eine Nachberichterstattung13 bot. Zumindest die ersten „Bw-Musix“ im Jahr 2003 wurden mit einer eigenen – heute nicht mehr verfügbaren – Website14 beworben. Auf der Internetseite konnten sich die Jugendlichen für das Ereignis anmelden und sich informieren. Auch eine „Fun & Download“- Rubrik war auf der Internetpräsenz zu finden. Die wöchentlich erscheinende Bundeswehr-Zeitung „aktuell“ widmet sich jeder der Musik-Veranstaltungen und bewirbt das Event. Ausführliche Berichte über die „Bw-Musix“ finden sich auf vielen offiziellen Armee-Websites, besonders natürlich auf der des Militärmusikdienstes. 15 Auch mit Werbung auf zivilen Internetauftritten versucht es die Bundeswehr, um vor allem Musiker aus der Region rund um den Veranstaltungsort anzusprechen – das kann, wie im Falle der Stadt Balingen, aber auch zu Protesten führen. In Balingen tobt ein handfester Streit über den Sinn des Militärmusik-Spektakels. Zahlreiche Lehrerinnen und Lehrer der städtischen Jugendmusikschule protestierten im Frühjahr in einem gemeinsamen Brief16 an die Stadt, als das Logo der Bundeswehr-Veranstaltung samt Informationsblättern, Anmeldebogen und Wettbewerbsordnung auf der Website der Balinger Musikschule prangte. „Wir befürchten, dass Jugendliche für den Militärdienst umworben werden“, erklärte dazu eine Balinger Musikschullehrerin, die den Protest mitorganisiert. 17 Schon beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ habe die Bundeswehr um Minderjährige geworben.

Auch die Baden-Württembergische Fachgruppe Musik in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di nahm im Juli in einem Brief an den Balinger Oberbürgermeister Helmut Reitemann (CDU) und den Gemeinderat Stellung: „Werbeaktionen der Bundeswehr dürfen an Jugendmusikschulen, an denen Minderjährige, Kinder und Jugendliche unterrichtet werden, keinen Raum einnehmen“.18 Mittlerweile ist das „Bw-Musix“-Logo wieder von der Website der Jugendmusikschule verschwunden. 19 Dafür prangt es jetzt – ebenso wie die Informationsblätter20 und die anderen Formulare21 – auf der wohl noch öfter besuchten Website der Stadt Balingen.22 Die Stadt macht aber nicht nur Werbung für die Armee, sondern stellt für die „Bw- Musix 2009“ ein ganzes Messegelände sowie einen Proberaum zur Verfügung.23 Im Vordergrund der Veranstaltung stehe „der Wettbewerb der Jugendblasorchester sowie eine Musikinstrumentenmesse“, teilte der konservative Oberbürgermeister Balingens mit.24 Der Musikgerätehersteller Yamaha ist Kooperationspartner der Bundeswehr bei dem Event. „[G]ezielte Nachwuchswerbung“ werde es nicht geben und „[e]s wird auch niemand gezielt angesprochen“, so Reitemann.25 In einem Anfang Juni erschienenen Artikel der Balinger Lokalzeitung „Schwarzwälder Bote“ hört sich dies vonseiten der Bundeswehr jedoch differenzierter an: „Bei Workshops, Konzerten und Ausstellungen in den gewerblichen Schulen könnten die Besucher ausgiebig schnuppern, stöbern und Instrumente ausprobieren. Dass die Bundeswehr dabei auch Nachwuchs gewinnen möchte, hält [Militärmusik-Dezernent] Langendorf für selbstverständlich. ‚Wir möchten uns als Arbeitgeber präsentieren’, verteidigt er die Idee, auch allgemeine Info-Stände aufzustellen“. 26 Auch Stabsfeldwebel Dirk Freutel vom veranstaltenden „Zentrum für Nachwuchsgewinnung“ der Bundeswehr gab zu den „Bw-Musix 2009“ auf Nachfrage Auskunft. Ziel sei es, dass „sich die Vereine im Wettbewerb messen können und natürlich auch, dass wir [die Bundeswehr-Veranstalter] sehen, wo es geeignetes Potenzial für uns gibt“, das müsse man ganz klar sagen, betonte der Stabsfeldwebel.27 Schon im Bericht über die „Bw-Musix 2008“ spricht die Armee ungewöhnlich offen über die Intention des Events: „Aus Sicht der Bundeswehr sind natürlich auch die Öffentlichkeits- und Nachwuchsarbeit Gründe für diesen Wettbewerb: ‚Wir wollen unaufdringlich mitteilen, dass die Bundeswehr berufliche Möglichkeiten in vielen Bereichen bietet – vor allem auch im Militärmusikdienst der Bundeswehr’“ zitierte die Bundeswehr-Presseabteilung damals den Leiter des Militärmusikdienstes, Oberst Dr. Michael Schramm.28 Ähnlich liest es sich im Jugendmagazin der Bundeswehr, der „infopost“, über die ersten Bw-Musix: „[N]icht zuletzt sollen die Jugendlichen in diesem musikalischen Rahmen die Möglichkeit bekommen, die Bundeswehr mit ihren Berufschancen für junge Leute kennen zu lernen und in den Dialog mit Soldaten zu treten.“29

So kann es denn auch für die Kinder und Jugendlichen, die während der „Bw-Musix 2009“ in 22 Orchestern gegeneinander antreten, riskant werden, wenn sie sich auf die Bundeswehr einlassen: Junge Musiker, die in die Armee eintreten, müssen die gleiche militärische Grundausbildung durchlaufen wie alle anderen Soldaten und neben dem Instrument die Waffe in die Hand nehmen: „Kampfeinsätze haben die aber nicht“, beschwichtigt Stabsfeldwebel Freutel.30 Meist werden die Nachwuchsmusiker in einem der 18 deutschen Musikkorps31 eingesetzt, die im Jahr 2009 über 1.300 Einsätze außerhalb militärischer Liegenschaften32 haben. Als Militärmusiker werden die jungen Menschen dann ihrerseits zur banalen Militarisierung der Gesellschaft beitragen, beispielsweise öffentliche Militärrituale unterstützen oder an Musikfesten teilnehmen. Auch in der BigBand der Bundeswehr könnte der musikalische Nachwuchs eingesetzt werden: „Mit ihren beliebten Bühnenshows und moderner Unterhaltungsmusik hat sie sich nicht nur in den Dienst der Öffentlichkeitsarbeit gestellt, sondern auch der Nachwuchsgewinnung gewidmet.“33

Wie gut sich Musik für die Öffentlichkeitsarbeit eignet, weiß auch der Vizepräsident für Information und Kommunikation des deutschen Reservistenverbands, Michael Sauer. Im „Veranstaltungs- und Organisationshandbuch für den Tag der Reservisten 2008“ stellt er fest: „Musik geht unter Umgehung des Verstandes direkt ins Gemüt und schafft ein positives Klima für […] Gespräche mit den Bürgern“.34 Auch zur internen Truppenunterstützung würden die jungen Bundeswehrmusiker eingesetzt: Laut Stabsfeldwebel Freutel könne es dabei auch vorkommen, dass die Militärmusiker für Konzerte zur Truppenbetreuung ins gefährliche Ausland geschickt würden – auch nach Afghanistan.35

Anmerkungen
1 N. N.: Bw-Musix 2003, in: infopost Nr. 4/2003, Seite 3.
2 N. N.: Let’s meet and compete – Bundeswehr- Musix, in: infopost Nr. 3/2003, Seite 7.
3 Wilkens, Holger/Mettbach, Benjamin: Musikalisches Feuerwerk, in: aktuell – Zeitung für die Bundeswehr Nr. 38/2003, Seite 11.
4 Ebenda.
5 Siehe Fußnote 2.
6 Härtel, Klaus: Hohes Niveau in Würzburg, in: www.militaermusik.bundeswehr.de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
7 N. N.: Bw-Musix’08 – Jugendblasorchesterwettbewerb, in: www.mymusic-expo.com – letzter Zugriff am 22. September 2009.
8 Schmidt, Sebastian: Den Ton getroffen, in: aktuell – Zeitung für die Bundeswehr Nr. 47/2008, Seite 12.
9 N. N.: Wettstreit um die schönsten Töne, in: infopost Nr. 3/2008, Seite 20.
10 Langendorf, Johannes M.: Bw-Musix 09, in: www.militaermusik.bundeswehr.de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
11 Ebenda.
12 Siehe Fußnote 2.
13 Siehe Fußnote 1.
14 Damals war die Website, wie ein in der infopost Nr. 3/2003 auf Seite 7 abgebildeter Screenshot zeigt, unter www.bw-musix. de zu finden.
15 Website des Militärmusikdienst: www. militaermusik.bundeswehr. de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
16 Brief von Hansjörg Striebel, Silke Gustedt und insgesamt 12 Lehrkräften der Jugendmusikschule Balingen an den Balinger Oberbürgermeister Reitemann, Josef Lohmöller und die Gemeinderatsmitglieder: „BW-Musix 2009, Kooperation der Stadt Balingen und der Jugendmusikschule mit der Bundeswehr“, Balingen den 19. Juni 2009.
17 Telefoninterview mit Silke Gustedt, Lehrerin an der Jugendmusikschule Balingen, Kassel/ Bonn, August 2009.
18 Brief des Landesvorstands der Fachgruppe Musik in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di Baden-Württemberg, Thomas G. Wagner (Vorsitzender) und Gerhard Manthey (Landesfachbereichsleiter) an den Balinger Oberbürgermeister Reitemann, Josef Lohmöller und die Gemeinderatsmitglieder: „BW-Musix 2009, Kooperation der Stadt Balingen und der Jugendmusikschule mit der Bundeswehr“, Stuttgart den 7. Juli 2009.
19 Website der Jugendmusikschule Balingen: www2.balingen.de/jms/ – letzter Zugriff am 22. September 2009.
20 Broschüre: Jugendblasorchesterwettbewerb – Bw-Musix 09, auch zu finden auf www.militaermusik. bundeswehr.de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
21 Anmeldung zum 4. Jugendblasorchesterwettbewerb Bw-Musix’09; Wettbewerb Bw-Musix 09 – Wettbewerbsordnung. Beides auch zu finden auf www.militaermusik.bundeswehr.de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
22 Website der Stadt Balingen: www.balingen.de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
23 Aus der Antwort vom 5. August 2009 auf einer E-Mail-Anfrage an Oberbürgermeister Reitemann: „Fragen zu Bw-Musix“ vom 30. Juli 2009, Kassel.
24 Ebenda.
25 Brief „BW Musix“ von Oberbürgermeister Reitemann als Antwort an Silke Gustedt, Balingen, den 1. Juli 2009.
26 Blottner, Heike: Blasmusik und mehr, in: www.schwarzwaelder-bote.de, am 4. Juli 2009 – letzter Zugriff am 22. September 2009.
27 Telefoninterview mit Stabsfeldwebel Dirk Freutel vom Zentrum für Nachwuchsgewinnung OST, Organisator der Bw-Musix’09, Kassel/Berlin, den 17. August 2009.
28 Schmidt, Sebastian: Erfolgreich: Der Jugendblasorchesterwettbewerb der Bundeswehr – Bw- Musix 08, in: www.streitkraeftebasis.de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
29 Siehe Fußnote 1.
30 Siehe Fußnote 27.
31 N. N.: Hier machen wir Musik – Die Musikkorps der Bundeswehr [Standortverzeichnis der Bundeswehr-Musikkorps], in: www.militaermusik. bundeswehr.de – letzter Zugriff am 22. September 2009.
32 Bundestags-Drucksache 16/12038.
33 Zech, Christine/Landendorf, Johannes M.: Klingend kurios und hoch zu Ross, in: aktuell – Zeitung für die Bundeswehr Nr. 32/2005.
34 Sauer, Michael: Veranstaltungs- und Organisationshandbuch für den Tag der Reservisten 2008.
35 Siehe Fußnote 27.

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