IMI-Standpunkt 2009/012

NATO-Pipeline in Bodelshausen und anderswo


von: Jens Rüggeberg | Veröffentlicht am: 14. Februar 2009

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Dieser Text erschien in der von der Informationsstelle Militarisierung und der DFG-VK herausgegebenen Broschüre „Kein Frieden mit der NATO“. Vorbestellung der Broschüre mit 72 Seiten für 2 Euro zzgl. Versand an: imi@imi-online.de

Wie alle IMI-Publikationen steht auch die NATO-Broschüre kostenlos für den Download zur Verfügung: http://imi-online.de/download/webversion-imi-nato.pdf

Ohne Sprit kein Krieg – und ohne Unterbrechung des Treibstoffnachschubs kein Frieden. So könnte man das Thema meines Beitrags polemisch zusammenfassen.

Nachdem Tübingen fast vollständig zivilisiert ist – und zwar im ursprünglichen Sinne des Wortes, denn in Tübingen sind seit 15 Jahren keine Soldaten mehr stationiert und auch das Verteidigungsbezirkskommando 54 wurde inzwischen aufgelöst – gibt es nur noch zwei militärische Einrichtungen im Landkreis Tübingen: Einen Verbindungsoffizier im Landratsamt und ein Teilstück der NATO-Pipeline von Kehl in Richtung Aalen. Die Pipeline ist Teil eines ganz West-, Nord- und Südeuropa überspannenden militärischen Pipeline-Netzes der NATO. Sie transportiert Treibstoff, der aus französischen Häfen stammt.

Bereits seit den fünfziger Jahren wurde das Pipelinenetz gebaut. Es diente der Versorgung des Militärs mit Treibstoff. Schon damals führte ein Teilstück der Pipeline durch den Landkreis Tübingen. Bei Bodelshausen befand sich ein Tanklager. Dort konnten auch Tanklastzüge befüllt werden. Um 1990 lief die Betriebsgenehmigung für Pipeline und Tanklager aus, jedenfalls für das Teilstück, das durch den Kreis Tübingen verlief. Sie wurden stillgelegt. Die Stilllegung fiel zeitlich zusammen mit dem Ende des Kalten Krieges wegen Zusammenbruchs der Sowjetunion.

In den neunziger Jahren wurde dann die Wiederinbetriebnahme des Teilstücks Kehl-Aalen geplant. Dazu sollte die Pipeline völlig neu gebaut werden, aber auf der alten Trasse. Die Wiedereröffnung des Tanklagers bei Bodelshausen war nicht geplant, wohl weil es im Kreis Tübingen inzwischen keine Kasernen mehr gibt. Im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens legten sowohl das Tübinger Friedensplenum/Antikriegsbündnis als auch der Kreisrat der Wählervereinigung Tübinger Linke, Gerhard Bialas, Widerspruch gegen das Projekt ein. Juristisch hatten sie zwar keinen Erfolg; aber es gelang, die Problematik des Pipelineprojekts in die öffentliche Diskussion zu bringen: Militarisierung und ökologische Fragen standen im Mittelpunkt. Denn die Pipeline verläuft im Gebiet Seebronn/Bad Niedernau durch ein Wasserschutzgebiet. 2004 wurde das Teilstück Kehl-Aalen in Betrieb genommen. Aus diesem Anlass führte das Tübinger Friedensplenum in Bodelshausen eine Demonstration durch, die bis in den Wald zur Pipelinetrasse führte – die übrigens öffentlich zugänglich ist.

Die Pipeline ist im Kreis Tübingen unterirdisch verlegt. Ihre Trasse ist durch weiß-rote Pfosten gekennzeichnet. Im Wald bei Bodelshausen neben dem ehemaligen Tanklager befindet sich eine Verwaltungs- und Kontrollstation des Betreibers der Pipeline, der Fernleitungsbetriebsgesellschaft mbH (FBG; Sitz in Idar-Oberstein). Die FBG befindet sich im Besitz des Bundes. Sie ist eine Tochtergesellschaft der bundeseigenen Industrieverwaltungsgesellschaft (IVG).

Durch die Pipeline werden folgende Produkte geleitet: Dieselkraftstoff, Turbinenkraftstoff F 34 und Jet A-1 (so genanntes Kerosin, Treibstoff für Flugzeuge), Ottokraftstoff (normales Benzin) und Heizöl EL. In der Diskussion über die Pipeline wird auch der NATO-Universaltreibstoff JP 8 genannt, der noch giftiger als Kerosin ist und mit dem Kraftfahrzeuge aller Art wie Flugzeuge betrieben werden können. Offenbar ist aber die Vereinheitlichung der Kraftstoffe innerhalb der NATO noch nicht abgeschlossen.

2008 wurde ein weiteres Teilstück der Pipeline fertig gestellt: das Teilstück Aalen-Leipheim. Das erstaunt auf den ersten Blick. Denn in Leipheim befindet sich kein militärisch genutzter Fliegerhorst der Bundeswehr mehr, sondern nur noch ein Sportflugplatz, der allerdings von Sportfliegern der Bundeswehr genutzt wird. Kann es denn sein, dass ein Projekt, das Hunderte von Millionen Euro verschlingt, zur Versorgung eines Sportflugplatzes gebaut wird?

Die Auflösung dieses Rätsels ergibt sich aus einem Planfeststellungsbeschluss der Regierung von Oberbayern vom 20.12.2007, das im Internet einsehbar ist.[1] Der Zweck der Leitung wird im Planfestfeststellungsbeschluss wie folgt beschrieben: „Die Produktenfernleitung Leipheim-Unterpfaffenhofen ist seit 1987 in Betrieb und dient als Bestandteil des NATO-Verbundsystems Mitteleuropa der Beförderung brennbarer bzw. wassergefährdender Flüssigkeiten. Sie verbindet die Übergabestation Leipheim und das Tanklager Unterpfaffenhofen (bei München) in Bayern. Sie befördert die für die Flugplätze Landsberg, Lechfeld und Leipheim erforderlichen Mineralölprodukte (Benzin, Düsentreibstoff, Dieselkraftstoff und Heizöl EL) von Unterpfaffenhofen aus. Nach der Errichtung des 3. Teilstücks Aalen-Leipheim voraussichtlich im April 2008 soll die Förderrichtung geändert und der Treibstoff vom Tanklager Aalen zu den angegebenen Flugplätzen, zum Tanklager Unterpfaffenhofen jedoch längstens bis 30.6.2009 befördert werden.“ (Seite 4)

Zur Erläuterung: Über Stichstrecken der Pipeline Leipheim-Unterpfaffenhofen werden die Militärflughäfen Landsberg und Lechfeld versorgt. Offenbar kommt bisher der Sprit aus Unterpfaffenhofen. In Zukunft soll er aber aus Leipheim kommen – und damit via Kehl, Bodelshausen und Aalen aus Frankreich.

In Lechfeld ist das Jagdbomber-Geschwader 32 stationiert, das einzige der Bundeswehr, das über so genannte ECR-Tornado-Flugzeuge verfügt. Dieses nahm am Jugoslawien-Krieg teil. Bis 1998 waren in Lechfeld auch US-amerikanische Militärflugzeuge stationiert. Auf dem Flugplatz Landsberg (läuft auch unter der Bezeichnung „Fliegerhorst Penzing“, da von Penzing aus zu erreichen) ist das Lufttransportgeschwader 61 stationiert, das aus zwei Staffeln besteht. Eine ist mit Flugzeugen vom Typ Transall C-160D ausgestattet, die andere mit Hubschraubern vom Typ Bell UH-1D. Das Geschwader soll angeblich in gut einem halben Jahrzehnt aufgelöst werden, weil die Transall veraltet ist und durch neuere Maschinen ersetzt werden soll und weil der Flughafen Landsberg/Penzing aufgrund seiner geographischen Lage nicht erweitert werden kann. Gegenwärtig scheint sich das Geschwader aber an Auslandseinsätzen zu beteiligen, so dass nicht sicher ist, ob es wirklich aufgelöst werden wird.

Einige völlig unscheinbare und harmlos aussehende rot-weiße Pfosten im Wald bei Bodelshausen, direkt vor unserer Haustür, markieren eine militärische Einrichtung, mittels derer die Bundeswehr Kriege in aller Welt führt. Es lässt sich also vor Ort die Militarisierung der deutschen Außenpolitik sinnfällig aufzeigen. Und da es sich um eine NATO-Einrichtung im weitesten Sinne handelt, kann an ihr im Vorfeld des Jubiläums zum 60. Jahrestag der Gründung der NATO Protest in der Region eingeübt werden. Für Friedensfreundinnen und -freunde also allemal ein lohnendes Objekt!

[1] http://regierung.oberbayern.bayern.de/Bereich5/5wirfuersie/5genehmig/50_55.1genehm/5_doku/PFB_Produktenfernleitung_Leipheim_LA_Unterpfaffenhofen.pdf

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