IMI-Standpunkt 2008/026

Die Bundeswehr setzt sich in den ARGEn fest


von: Jonna Schürkes | Veröffentlicht am: 18. April 2008

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Eine Kleine Anfrage und Nachfrage der Linksfraktion im Bundestag im Februar und April 2008 hat ergeben, dass die Bundeswehr in elf Agenturen für Arbeit (ARGE) Büros dauerhaft unterhält. In 204 ARGEn finden regelmäßig Rekrutierungsveranstaltungen der Bundeswehr statt (eine Liste der ARGEn mit Büros und regelmäßigen Veranstaltungen findet sich im Anhang). Es zeigt sich, dass die Zusammenarbeit zwischen ARGEn und Bundeswehr trotz massiver Kritik an dieser Praxis weiter ausgebaut wird. Die Büros der Bundeswehr befinden sich vor allem in Städten mit einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosenquote. Angesichts der zahlreichen Aussagen von Wehrberatern und Rekrutierungsstrategen bei der Bundeswehr, man wolle und müsse aufgrund sinkender Bewerberzahlen (wegen Geburtenrückgang und abschreckender Wirkung von Auslandseinsätzen) die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen ausnutzen, ist die Auswahl der ARGEn durchaus nachvollziehbar.

Die Bundeswehr hat bereits im November 2007 ein Kooperationsvertrag mit der ARGE Leipzig geschlossen, der die Anwerbung von Jugendlichen für den Soldatenberuf verbessern soll. Die Kooperation besteht darin, dass die Bundeswehr die Möglichkeit erhält, in den Räumen der ARGE und des Berufsinformationszentrums (BIZ) zu rekrutieren und die Jugendlichen über die ARGE auf die Veranstaltungen hingewiesen werden.Damit die Mitarbeiter der ARGE auch überzeugend für den Beruf des Soldaten werben können, werden sie direkt in Bundeswehreinrichtungen auf die Beratungsgespräche mit jugendlichen Arbeitslosen vorbereitet[1]. In Dessau finden nicht nur regelmäßig Veranstaltungen der Bundeswehr statt, im Januar 2008 veranstaltete die ARGE eine Bundeswehrmesse in ihren Räumlichkeiten. Eine ganze Woche lang hatten die Rekrutierer Zeit, arbeitslose Jugendliche abzufangen und sie für den Soldatenberuf zu werben.

Unklar bleibt weiterhin, ob arbeitslosen Jugendlichen Leistungskürzungen drohen, wenn sie nicht an den Rekrutierungsveranstaltungen der Bundeswehr teilnehmen. So äußerte sich der Sprecher der ARGE Leipzig Ronny Schleicher in der Dresdner Morgenpost Ende 2007 dazu folgendermaßen: „Ein Angebot für einen Job beim Bund werten wir als normale Wiedereingliederungshilfe. Allerdings werden wir in jedem Einzelfall prüfen, ob das Angebot zumutbar war und somit Sanktionen fällig werden“[2]. Jedoch wurde die Nachfrage nach einer solchen Praxis sowohl in einer kleinen Anfrage im sächsischen Landtag als auch in der bereits erwähnten Anfrage im Bundestag verneint.

Fakt ist, dass die Bundeswehr die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen ausnutzt, um sie als Soldaten rekrutieren zu können. Das Problem der Bundeswehr, ausreichend Nachwuchs zu rekrutieren, wird sich verschärfen. Der Druck auf Jugendliche aufgrund von verschärften Auflagen für Hartz IV-Empfänger unter 25 Jahren reicht da offensichtlich nicht aus. Vielmehr nistet sich die Bundeswehr inzwischen in den ARGEn ein und sitzt somit an der Quelle. Die Antworten auf die Anfragen haben gezeigt, dass weder die sächsische Landes- noch die Bundesregierung etwas an dieser Praxis auszusetzen hat.

Liste der Agenturen für Arbeit in denen die Bundeswehr dauerhaft Büros unterhält:
Celle, Donauwörth, Essen, Hamm, Hildesheim, Lübeck, Mainz, Mühlhausen, Osnabrück, Paderborn, Weilheim

Liste der Agenturen für Arbeit und Dienststellen in denen die Bundeswehr dauerhaft Sprechstunden anbietet:
Aachen, Aalen, Ahaus, Ahlen, Alsfeld, Altöttingen, Amberg, Anklam, Annaberg, Apola, Arnstadt, Aue, Auerbach, Bad Doberan, Bad Hersfeld, Bad Kissingen, Bad Kreuznach, Bad , iebenwerder, Bad Salzuflen, Bad Segeberg, Balingen, Bas Oldesloe, Beeskow, Belzig, Bergen, Bergisch Gladbach, Bernau, Bernburg, Bersenbrück, Bitterfeld, Bonn, Borna, Brandenburg, Brühl, Buchholz, Butzbach, Coburg, Coesfeld, Cuxhaven, Deggendorf, Demmin, Dessau, Detmold, Diepholz, Döbeln, Duisburg, Düren, Düsseldorf, Eberswalde, Eisennach, Elmsholm, Emden, Erbach, Erkelenz, Eschwege, Euskirchen, Eutin, Frankenberg, Frankfurt/M, Freiberg, Friedberg, Friesoythe, Fulda, Gelsenkirchen, Georgsmarienhütte, Gerolstein, Göppingen, Görlitz, Gotha, Greifswald, Greiz, Grimma, Guben, Güstrow, Hagen, Hagenow, Halberstadt, Halle, Hamburg, Hameln, Hanau, Heide, Heilbronn, Hermeskeil, Hettstedt, Hildburghausen, Hof, Holzminden, Höxer, Hoyerswerda, Hünfeld, Idar-Oberstein, Idstein, Ilmenau, Iserloh, Jena, Kaiserslautern, Kaltenkirchen, Kamenz, Köln, Königswusterhausen, Konstanz, Korbach, Köthen, Krefeld, Kronach, Kusel, Landau, Leer, Limburg, Lingen, Lippstadt, Lohr am Main, Lübbenau, Lüchow, Luckenwalde, Ludwigshafen, Ludwigslust, Malchin, Marienberg, Marktredwitz, Mayer, Meiningen , Melle, Merseburg, Meschede, Monschau, Münsingen, Münster, Nagold, Nauen, Neumünster, Neunkirchen, Neustrelitz, Nienburg, Nordenham, Norderstedt, Nordhausen, Nordhorn, Oberhausen, Ochersleben, Offenbach, Offenburg, Oldenburg i.H., Olsberg, Oschatz, Papehnburg, Parchim, Pasewalk, Perleberg, Pforzheim, Pirmasens, Pirna, Plauen, Quedlinburg, Rastatt, Rathenow, Recklinghausen, Rendburg, Reutlingen, Rheine, Ribnitz, Ribnitz-Damgarten, Riesa, Röbel, Rosenheim, Rostock, Rotenburg, Rottweil, Saarbrücken, Saarlouis, Salzwedel, Sangerhausen, Schleiz, Schönebeck, Schwalmstadt, Schweinfurt, Senftenberg, Sigmaringen, Soest, Sögel, Solingen, Soltau, Sömmerda, Sondershausen, Sonneberg, Stadtallendorf, Stadthagen, Stollberg, Strassfurt, Sulingen, Syke, Tauberbischofsheim, Teterow, Torgau, Tübingen, Ueckermünde, Uelzen, Vechta, Velbert, Waiblingen, Waren/Müritz, Weilburg, Weimar, Weißenfels, Weißwasser, Wernigerode, Wesel, Wismar, Witzenhausen, Wolgast, Worms, Wuppertal, Wurzen, Zeitz, Zweibrücken, Zwickau.

Quelle: Die Antwort auf die schriftliche Anfrage von Inge Höger im Bundestag

Anmerkungen

[1] Presseinfo der ARGE Leipzig (30.11.07): ARGE + Bundeswehr = Job, URL: http://tinyurl.com/5fvy75
[2] Ab in den Krieg, sonst wird die Stütze gekürzt, in: Morgenpost am Sonntag 16.12.07.

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