IMI-Standpunkt 2007/059

Bündnispartner am Hindukusch?

Interview mit Claudia Haydt von der Informationsstelle Militarisierung über Afghanistan im Neuen Deutschland, 13.09.2007

von: Claudia Haydt / Peter Nowak / Neues Deutschland / Dokumentation | Veröffentlicht am: 13. September 2007

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ND: Das Bundeskabinett hat in der vergangenen Woche ein neues Konzept für den Einsatz in Afghanistan beschlossen. Damit werde die zivile Komponente verstärkt, heißt es in den Medien. Das wäre doch eine positive Entwicklung, oder?

Haydt: Der militärische Aspekt bleibt bei dem Konzept der Bundesregierung unverändert. Neu ist lediglich, dass die Kosten für zivile Aufgaben auf 100 Millionen Euro aufgestockt werden. Unter diese Rubrik fallen allerdings auch die Kosten für die Polizeiausbildung. Deshalb ist der Anteil für humanitäre Aspekte noch unklar.

Würde aber ein Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, der auch von der Informationsstelle Militarisierung gefordert wird, nicht eher islamistischen Gruppierungen wie den Taliban in die Hände spielen?

Das ist ein moralisches Argument, das aber mit der Realität in Afghanistan nichts zu tun hat. Die Besatzungspolitik der NATO spielt den Taliban in die Hände. Im Jahr 2001 war ihr Image viel schlechter, als es heute nach sechs Jahren Krieg und Bombardements mit den vielen Opfern in der Bevölkerung ist. Dadurch haben die Taliban wieder an Unterstützung gewonnen.

Halten Sie humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung angesichts der aktuellen Lage ohne eine militärische Absicherung überhaupt für möglich?

Auf jeden Fall. Das zeigt sich am Beispiel Indien. Die Regierung hat nur humanitäre Mitarbeiter vor Ort und lehnt jeden Bezug auf das Militär strikt ab. Auch viele Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder die Welthungerhilfe arbeiten nicht mit der Bundeswehr und zunehmend auch nicht mehr mit der afghanischen Regierung, die als Teil der Besatzungsstruktur wahrgenommen wird, zusammen. Nur dadurch erhalten sie Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung und können ihre humanitären Aufgaben wahrnehmen.

Sehen Sie jenseits islamistischer Gruppierungen auch Kräfte in Afghanistan, mit denen die Linke und die Friedensbewegung hierzulande kooperieren können?

Ja. Ich nenne die sehr aktive Lehrergewerkschaft. Sie hat wiederholt für bessere Ausbildung und Entlohnung gestreikt. Sie kämpft gegen die Besatzung und für soziale Rechte, wird aber von den Medien hierzulande kaum wahrgenommen.

Für den 15. September ruft die Antikriegsbewegung zu einer Demonstration auf. Warum gibt es trotz deutlicher Ablehnung des Einsatzes in der Bevölkerung wenig Mobilisierung?

Viele Menschen sehen keine Alternative zum Militäreinsatz. Die Aufgabe der Antikriegsbewegung ist es daher, deutlich zu machen, dass erst nach einem Abzug der Truppen Entwicklungsalternativen in Afghanistan eine Chance haben. Trotzdem hoffe ich, dass sich zahlreiche Menschen an der Demonstration beteiligen. Schließlich gibt es in der SPD und bei den Grünen Abgeordnete, die an dem Einsatz zweifeln. Hier könnte eine Demonstration Druck ausüben.

Interview: Peter Nowak

Die Soziologin Claudia Haydt ist Mitglied im Vorstand der Informationsstelle Militarisierung (IMI)

Neues Deutschland, 13.09.2007

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Die Aktion »Frieden für Afghanistan – Bundeswehr raus« gegen die Verlängerung der Bundeswehreinsätze beginnt am 15. September um 12 Uhr im Bereich Alexanderplatz / Rotes Rathaus, danach führt eine Demonstration zur Straße des 17. Juni, wo eine Abschlusskundgebung geplant ist.

Zur Finanzierung kann mit Spenden auf das Konto der Frieden- und Zukunftswerkstatt, Frankfurter Sparkasse 1822, Konto-Nr. 200081390, Bankleitzahl BLZ 500 502 01, Stichwort »Afghanistan« beigetragen werden.

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