Pressebericht in: Schwäbisches Tagblatt, 25.05.2007

Gegenwind vom Neckar

Aus der Region fahren viele Gegner des G-8-Gipfels nach Heiligendamm

von: Jonas Bleeser / Schwäbisches Tagblatt / Pressebericht / Dokumentation | Veröffentlicht am: 26. Mai 2007

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Von Jonas Bleeser

KREIS TÜBINGEN. Sie machen sich zu hunderten auf: ganz verschiedene Menschen aus der Region, die Kritik am G-8-Gipfel in Heiligendamm üben wollen. Ihre Motive und Ziele sind verschieden, in einem sind sie sich jedoch einig: Sie sind gegen die Politik der G-8-Staaten und die Art, wie sie beschlossen wird. Die Staats- und Regierungschefs, an die sich ihr Protest richtet, werden sie kaum zu Gesicht bekommen. Viele fahren trotzdem, andere engagieren sich in Tübingen.

G8 ist derzeit überall. Auch weit ab vom Tagungsort in Heiligendamm an der Ostsee finden sich Zeichen des Widerstandes gegen das Treffen: Fahne nahe des Schafsstalls beim Tübinger Sportinstitut.

Christen und Kommunisten, Gewerkschafter und Autonome, Attac und die Aidshilfe – der Protest gegen das Treffen der Gruppe der Acht (G8) ruht auf vielen Schultern. Wenn sich die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, der USA, Russlands, Großbritanniens, Italiens, Kanadas und Japans vom 6. bis 8. Juni bei Rostock treffen, dann sind aus all diesen Staaten bereits Demonstranten vor Ort – und auch aus der Region.

Razzia machte Busse voll

Ein Bündnis aus linken Gruppen und Basisorganisationen mobilisiert bereits seit einem halben Jahr zu den Protesten. Von Tübingen aus fahren zwei Busse mit etwa 100 Leuten zur zentralen Großdemonstration am 2. Juni in Rostock, etwa noch einmal so viele sollen mit dem Attac-Sonderzug oder Autos anreisen. Die bundesweiten Razzien bei Gipfel-Gegnern hatten eher einen mobilisierenden Effekt: „Danach stieg der Kartenverkauf stark an“, sagt Julia Günther vom Bündnis.

Die Gründe, warum Menschen sich gegen den Gipfel engagieren, sind vielfältig. Wilhelm Nestle von der globalisierungskritischen Organisation Attac, die sich unter anderem für eine Besteuerung globaler Geldströme einsetzt, kritisiert das G-8-Treffen aus zweierlei Gründen: Erstens fehle die demokratische Legitimation, zweitens seien keine Lösungen, sondern weitere Verschlechterungen für den Großteil der Menschheit zu erwarten.

„Sie stehen alle im Banne der neoliberalen Ideologie“, sagt Nestle, „Alles, was Wettbewerb und Profit verhindert, soll verschwinden.“ Er erhofft sich von dem Protest auch, „dass wir bei den Politikern eine Bewusstseinsänderung erreichen“.

Johannes Plotzki von der Informationsstelle Militarisierung (IMI) ist da wenig optimistisch. Ihm geht es eher darum, durch die öffentliche Aufmerksamkeit die eigene Kritik an der Politik der Industrienationen bekannter zu machen. Die würden ihre wirtschaftlichen Interessen zunehmend militärisch durchsetzen oder zumindest Kriege billigend in Kauf nehmen – und daran verdienen: „Die EU ist seit 2005 Weltwaffenexporteur Nummer Eins – noch vor den USA“.

Drei Demonstrationen am Flughafen Rostock-Lage, an dem auch Militärflugzeuge stationiert sind, hat der Tübinger Europaabgeordnete und IMI-Gründer Tobias Pflüger (Linke) angemeldet.

Ilse Braun vom Weltladen Tübingen kritisiert die Auswirkungen der europäischen Handelspolitik in den afrikanischen Staaten. Durch die Vorgaben der Welthandelsorganisation (WTO), deren Beschlüsse im wesentlichen von der G8 bestimmt würden, werde die dortige Wirtschaft ruiniert.

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Auf einer ihrer Reisen durchs südliche Afrika habe sie die Folgen des Abbaus von Zöllen selbst gesehen: „Eine Tomatenfabrik musste schließen, weil die Tomaten aus Europa billiger waren.“ Braun ist es wichtig, die Bevölkerung rund um Rostock zu erreichen.

Patente sind ein Grund, warum Thomas Pfister von der Aidshilfe Tübingen-Reutlingen zur Demo nach Rostock fährt. Die meisten Aidskranken leben in Afrika und haben kein Geld für teure Medikamente. WTO-Vorschriften verbieten die Produktion billiger Präparate, wenn das Patent bei einem hiesigen Hersteller liegt. In Indien würde ein Aids-Medikament für Kinder billig produziert. „Boehringer-Ingelheim hat vor einem indischen Gericht dagegen geklagt – jetzt ist die Versorgung für viele bedroht.“

„Den Staaten, die Flüchtlinge abschieben, ist es völlig egal, was mit den Menschen passiert.“ Für Jan-Timo Ort von der Freien SchülerInnen Organisation Tübingen ist das ein Grund, seine Pfingstferien in einem der Gipfelgegner-Camps zu verbringen. Dort will er mit neuen Protestformen experimentieren, beispielsweise als Clown verkleidet demonstrieren.

Glockenläuten zum G-8-Gipfel

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) reist am Montag mit etwa 100 Leuten aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart nach Rostock, so Jochen Rimmele vom Bischöflichen Jugendamt in Wernau. Mit dabei ist auch Wolf Reichert aus Tübingen. Der Student machte ein freiwilliges Soziales Jahr in Argentinien, als dort 2001 die Wirtschaft kollabierte: „Da hab‘ ich gemerkt, was eine abgesprochene Wirtschaftspolitik bewirkt.“ Er wird in Workshops beim Alternativ-Gipfel mitarbeiten: „Das geht nicht nur in Richtung der Staatschefs, es wirkt zurück in die Zivilgesellschaft.“

Auch die Gewerkschaften beschäftigt der Gipfel. Die IG-Metall Reutlingen-Tübingen mobilisiert zwar nicht selbst, gibt aber die Informationen an ihre Mitglieder weiter. Besonders erbost ist Gewerkschaftssekretär Ernst Blinzinger über die Einschränkungen des Demonstrationsrechts: „Das ist eines Rechtsstaats nicht würdig.“

Die Evangelische Kirche setzt ein akustisches Signal: Acht Minuten lang läuten am 6. Juni von Ergenzingen bis Pliezhausen um 18 Uhr die Glocken. Denn dann beginnt nicht nur der Gipfel, sondern auch der Kirchentag. „Wenn man akustisch über Deutschland horcht, wird das ein lautes Signal“, sagt Stiftskirchenpfarrer Karl Kleinknecht.

Dort wie in anderen Kirchen wird es dann eine Andacht geben – mit Blick auf Globalisierungsprobleme. Von Montag an bis Sonntag organisiert außerdem die sozialistische Jugend einen Infostand über den Fortgang der Proteste auf dem Holzmarkt, am 8. Juni ist dort ein großer Aktionstag des Bündnisses.

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