IMI-Standpunkt 2007/043

Vom Staatsbürger in Uniform zur Armee der Unterprivilegierten


von: Jürgen Wagner | Veröffentlicht am: 22. Mai 2007

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Die Situation in Afghanistan eskaliert zusehends, mittlerweile kamen 21 Bundeswehr-Soldaten beim dortigen Einsatz ums Leben, zuletzt drei bei einem Anschlag Mitte Mai. Trotzdem fällt Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung nichts anderes ein, als nach den obligatorischen Beileidsbekundungen für die Angehörigen, mit einem kräftigen „Weiter so!“ zu reagieren. Unmissverständlich machte er damit klar, dass er die Auffassung seines Kabinettskollegen Peter Struck teilt, zur Not den Kriegseinsatz noch zehn Jahre oder länger fortführen zu wollen: „Es darf nichts an dem Auftrag geändert werden“, betonte Jung.[1]

Offensichtlich sind die Zeiten, in denen Bundeswehrsoldaten primär ihre Panzer in Erwartung eines sowjetischen Angriffs in den heimischen Kasernen polierten, definitiv vorbei. Der Hauptauftrag der Truppe besteht mittlerweile darin, Kriegseinsätze im Ausland durchzuführen, wie im Weißbuch der Bundeswehr unmissverständlich klar gemacht wurde. Dies hat nicht nur zur Folge, dass bei diesen Auslandseinsätzen die Soldaten lange Zeit von ihren Familien und Freunden getrennt werden und immer häufiger Leib und Leben dabei aufs Spiel setzen, mehr und mehr Soldaten kehren inzwischen auch traumatisiert aus diesen Einsätzen zurück: Gegenüber 2003 (48) lässt sich bis zum Jahr 2005 (140) nahezu eine Verdreifachung von Soldaten feststellen, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden, wobei die Dunkelziffer noch erheblich höher liegen dürfte.[2]

Zusammengenommen ist es deshalb nicht verwunderlich, dass der Soldatenberuf auf der Beliebtheitsskala weit unten steht. Tatsächlich rechnet die Bundeswehr in kurzer Zeit mit erheblichen Rekrutierungsproblemen, denen dadurch begegnet werden soll, dass verstärkt Jugendliche geworben werden sollen, die über kaum eine andere berufliche Perspektive verfügen. Angesichts der steigenden toten und traumatisierten Soldaten ist es allerdings mehr als zynisch, wenn die Bundeswehr mit dem Argument wirbt, sie biete einen „sicheren“ Arbeitsplatz.

Steigender Bedarf nach Kanonenfutter

Die Bundeswehr rechnet in Kürze mit einem erheblichen Bewerbermangel und schlägt deshalb Alarm: „'Der ab 2009 einsetzende demographische Wandel wird (…) die Rahmenbedingungen für die Personalgewinnung nachhaltig beeinflussen', heißt es in einem Bericht des Verteidigungsministeriums an den Verteidigungsausschuss des Bundestages. […] Da ab 2008 ein Rückgang der betroffenen Jahrgänge um bis zu 50 Prozent prognostiziert wird und zugleich viele Arbeitnehmer in den Ruhestand gingen, werde der 'Wettbewerb – vor allem um den qualifizierten Nachwuchs am Arbeitsmarkt – an Brisanz gewinnen.' Weiter heißt es in dem Bundeswehrpapier, dass eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in Deutschland, die 'Konkurrenzsituation für die Bundeswehr weiter verschärfen' könnte.“[3]

Im Umkehrschluss heißt das, wer eine berufliche und soziale Perspektive hat, geht angesichts der hohen Wahrscheinlichkeit, sich in einem Kriegseinsatz wieder zu finden, in der Regel nicht zur Bundeswehr. Umso mehr ein Grund mit einer Charmeoffensive gerade dort junge Rekruten zu gewinnen, wo tatsächlich kaum andere Berufsperspektiven existieren.[4]

Sozialabbau als Rekrutierungshilfe

Gerade für Menschen aus ökonomisch benachteiligten Bevölkerungsschichten ist die Bundeswehr attraktiv, wie „Y – Das Magazin der Bundeswehr“ offen einräumt: „In Zeiten zunehmender Zukunftsängste hat ein praktisch unkündbarer Arbeitsplatz mit Ausbildungsbedingungen große Anziehungskraft.“[5] Der Zusammenhang zwischen ökonomischer Perspektivlosigkeit und der Bereitschaft, sich beim Bund zu verpflichten, ist eindeutig und wird teils auch in Studien der Bundeswehr offen eingeräumt. So kommentiert die „Taz“ die Ergebnisse einer Studie des „Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr“ folgendermaßen: „Vom Spiegelbild der Gesellschaft zur Armee der Arbeitslosen: Je höher die Arbeitslosigkeit in einer Region, desto leichter fällt der Bundeswehr die Rekrutierung. Das erklärt auch den hohen Anteil von Soldaten aus Ostdeutschland. Mehr als ein Viertel der in der Studie befragten jungen Männer – Frauen, die zum Bund wollen, bilden immer noch eine absolute Minderheit – will sich deshalb als Soldat verpflichten, weil keine Chance auf einen anderen, besseren Ausbildungsplatz in Sicht ist.“[6]

Die nochmalige Absenkung des Hartz-IV-Satzes für Jugendliche kommt dabei einer Zwangsverpflichtung schon relativ nahe: „Eine Zwangsverpflichtung von Arbeitslosen ins Militär gibt es noch nicht, und sie wäre wohl auch kontraproduktiv. Aber der Hartz-IV-Satz ist gerade bei Jugendlichen derart niedrig, daß der ökonomische Druck häufig ausreicht, um die Betroffenen ins Militär zu treiben. Manche 'Arbeitsgemeinschaften' (Arge) verpflichten Hartz-IV-Empfänger bereits, wenigstens an der Wehrdienstberatung teilzunehmen.“[7] Darüber hinaus reagierte die Bundeswehr inzwischen auf den Bewerbermangel mit einer Absenkung der Einstellungskriterien.

Einstellungskriterien abgesenkt

Ein Schreiben des Psychologischen Dienstes des Verteidigungsministeriums an das Personalamt der Bundeswehr gibt an, eine Herabsenkung der Eingangsqualifikationen sei „zur Erleichterung der schwierigen Bedarfdeckung“ besonders für Auslandseinsätze erforderlich.[8] Damit reagiert die Truppe auf die zunehmend kritischere Bewerbungslage: „[I]mmer weniger Junge interessieren sich für eine Laufbahn als Zeitsoldat. Statt zur Truppe zieht es solide Kandidaten in die Wirtschaft. Der Bundeswehr bleiben Bewerber, die keine andere Perspektive haben. […] Erst Anfang Oktober hat das Verteidigungsministerium die Hürden für Neueinstellungen deutlich gesenkt. […] Um ihren Bedarf überhaupt noch decken zu können, schaut die Bundeswehr bei Einstellungstests nicht mehr so genau hin: Wer als Zeitsoldat oder 'Längerdiener' (23 Monate) zur stolzen Gebirgsjäger- oder Fallschirmjäger-Truppe will, bei dessen Denkvermögen genügt die Note 5. Auch in puncto Stressresistenz ist man mit 'mangelhaft' noch willkommen. Rücksichtslosigkeit, Sturheit und Egoismus mögen bei Personalchefs gar nicht gern gesehen sein – der Bundeswehr genügt ab jetzt eine 6 in 'sozialer Kompetenz'.“[9]

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Von der Idee eines Staatsbürgers in Uniform, einer Armee, die wenigstens in Ansätzen die gesamte Bevölkerungsstruktur widerspiegelt, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Hiermit befindet sich die Bundeswehr in schlechter Gesellschaft und vollzieht eine Entwicklung nach, die in anderen Ländern schon deutlich weiter fortgeschritten ist. So hat bspws. Spanien schon vor längerem den zur Aufnahme in die Berufsarmee notwendigen Intelligenzquotienten deutlich abgesenkt, um an genügend Nachwuchs zu kommen und in Großbritannien wird straffälligen jungen Männern angeboten, statt ins Gefängnis zur Armee zu gehen.[10]

USA: Blick in die Kristallkugel

Explizit mit der Begründung, Gelder für den „Krieg gegen den Terror“ freischaufeln zu müssen, setzt US-Präsident George W. Bush zum groß angelegten Sozialkahlschlag an: u.a. sollen Medicare und Medicaid um 31 Mrd. und Bildungsprogramme für arme Familien um 13.5 Mrd. gekürzt werden.[11] Gleichzeitig stammen die US-Soldaten, die Opfer seines Kreuzzuges werden, genau aus jenen Bevölkerungsschichten, die von diesen Streichungen am stärksten getroffen werden.

Schon lange versucht die US-Armee ihren enormen Personalbedarf durch die Rekrutierung aus dem Lager der im Schnitt ökonomisch deutlich schlechter gestellten Minderheiten zu decken, für die sie oftmals die einzige Berufsperspektive darstellt: „Die Rekrutierung von Minderheiten zum aktiven Dienst in der US-Armee ist eine wichtige Priorität für die Militärplaner.“[12] So stellen die Afro-Amerikaner zwar lediglich 13.1% der Gesamtbevölkerung, ihr Anteil in der US-Armee beläuft sich aber auf 21.8%. „Im Irak sterben sie wieder, die Außenseiter, die Unterklasse, die Minderheiten. Die unterprivilegierten Latinos machen 25 Prozent der US-Gesamtbevölkerung aus, aber satte 34,4 Prozent des Militärpersonals.“[13]

Eine kürzlich erschienene Studie des „Carsey Institutes“ weist zudem darauf hin, dass die US-Opfer im Irak deutlich überproportional aus dem armen ländlichen Amerika stammen: „Die hohen Todesraten unter Soldaten aus ländlichen Gebieten hängt mit der höheren Zahl an Einschreibungen junger Erwachsener aus dem ländlichen Amerika zusammen. Die höheren Einschreibungszahlen zu den bewaffneten Streitkräften unter ländlichen Jugendlichen hängen möglicherweise mit den gesunkenen Lebenschancen dort zusammen. Der Übergang von der Jugend zum Erwachsenendasein ist in ländlichen Gebieten problematischer, weil es dort schlechtere Jobaussichten gibt.“[14]

Da es der US-Armee angesichts von inzwischen mehr als 3.000 toten US-Soldaten zunehmend schwerer fällt, an neue Rekruten zu gelangen, bietet man bspws. auch Einwanderungswilligen eine Aufenthaltsgenehmigung an, sollten sie sich „freiwillig“ für die Streitkräfte verpflichten. So ist der Zustand der US-Armee ein Blick in die sprichwörtliche Kristallkugel, wohin sich auch die Bundeswehr zu entwickeln droht: „Die US-Army ist ein Auffangbecken für die Armen und Unterpriviliegierten Amerikas: Immigranten, die ihre Einbürgerung vorantreiben wollen, Afro-Amerikaner, Latinos, arme weiße Außenseiter – sie alle kämpfen im Irak für den Glanz einer Nation, die ihnen daheim nicht viele Chancen lässt.“[15]

Anmerkungen

[1] Bundesregierung hält an Kundus-Einsatz fest, Netzzeitung, 20.05.2007.
[2] Kampfeinsätze führen zu psychischen Deformationen, Pressemitteilung von IngeHöger, 26.10.2006.
[3] Bundeswehr gehen die Rekruten aus, tagesschau.de, 15.05.2007; Auch das Magazin der Bundeswehr betont: „Wenn die Konjunktur anzieht, entscheiden sich mehr Leute für zivile Berufe.“. Eschenbach, Jan-Philipp: Nachwuchswerber – Am Puls der Gesellschaft, in: Y. Magazin der Bundeswehr, 10/2006, S.86-90, S. 88.
[4] Vgl. zur Bundeswehr-Charmeoffensive: Humburg, Heiko: PR-Strategien der Bundeswehr in Zeiten von Jugendarbeitslosigkeit und „Hartz IV“, in: Ausdruck – Das IMI-Magazin (April 2007).
[5] Eschenbach 2006, S. 87.
[6] Koufen, Katharina: Zerrspiegel der Gesellschaft, taz, 08.11.2006. Vgl. hierzu ausführlich Schürkes, Jonna: Sozialabbau als Rekrutierungshilfe der Bundeswehr, in: AUSDRUCK – Das IMI-Magazin (Oktober 2006).
[7] Brendle, Frank: Hartz Y, in: Junge Welt, 30.04.2007.
[8] Leersch, Hans-Jürgen: Es wird praktisch jeder genommen, Welt Online, 03.11.2006.
[9] Eichele, Holger: Bundeswehr drückt beide Augen zu, Münchner Merkur, 07.12.2006.
[10] Auf Grundlage von Aussagen von Werner Siemann (CDU/CSU) in: Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 98. Sitzung, Berlin, Donnerstag, den 6. April 2000.
[11] Rupp, Rainer: Bush füllt Kriegskasse, Junge Welt, 7.2.2007.
[12] Adamshick, Mark: Social Representation in the U.S. Military Services, Circle Working Paper 32 (MAY 2005), S. 3.
[13] Sorge, Helmut: E-Mail aus Hollywood: Die Armee der Underdogs, Spiegel Online, 12.02.2003.
[14] O'Hare, William/Bishop, Bill: U.S. Rural Soldiers Account for a Disproportionately High Share of Casualties in Iraq and Afghanistan, Carsey Institute Fact Sheet No. 2 (Fall 2006).
[15] Sorge 2003.

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