Quelle: Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. - www.imi-online.de

IMI-Analyse 2006/011 - in: AUSDRUCK (Juni 2006)

Die Besetzung des Iraks und ihre „Kollateralschäden“

Kevin Gurka (12.06.2006)

http://www.imi-online.de/download/KG-Irak.pdf

Am 20. März 2003 erfolgte der Angriff der „freiheitlich demokratischen Allianz“ unter der Führung der USA und unter Beteiligung 48 weiterer Staaten, auf den Irak, Operation Iraqi Freedom. Als offizielle Rechtfertigung für diesen Angriffskrieg diente der angebliche Besitz von Massenvernichtungswaffen, der dem Irak aber nie nachgewiesen werden konnte. Legitimiert wurde er darüber hinaus mit der Menschenrechtslage im Irak. Diese wurde als überaus prekär empfunden und es bot sich geradezu an, die seitens eines autoritären Regimes verübten Massenmorde an Kurden und Schiiten unter dem Befehl Saddam Husseins als ein Paradebeispiel barbarischen Terrors zu propagieren. Einen weiteren Legitimationsgrund lieferte die angebliche Unterstützung des Terrornetzwerks Al-Quaida.[1] Die Konsequenz konnte daher nur eine Besetzung des Iraks sein – eine Besetzung mit Soldaten, die sich allesamt den „freiheitlich demokratischen Werten“ verpflichtet fühlen, die einen unmittelbaren Angriff mit Massenvernichtungswaffen auf die „freiheitliche demokratische Welt“ zu verhindern wissen und darüber hinaus das irakische Volk aus den Klauen des irakischen Diktators Saddam Hussein befreien. Schließlich, nach erfolgreicher Mission, sollte dieses Land mit einer Demokratie versehen und somit für Freiheit, Frieden, Demokratie und Wohlstand im Irak gesorgt werden.

Die Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden, das Land wurde inzwischen zum radikalsten Spielfeld neoliberaler Ausbeutungspolitik gemacht,[2] Freiheit und Frieden sind für den Irak in weitere Ferne gerückt als je zuvor und eine Demokratie unter der Schirmherrschaft der USA erscheint geradezu als Widerspruch in sich.

Die verheimlichten Opfer der Irak-Besatzung

Tatsächlich hat sich die Menschenrechtslage im Irak seit der Okkupation durch die Truppen der „freiheitlich demokratischen Allianz“ dramatisch verschlechtert und die Zahl der zivilen Opfer drastisch erhöht, was aber seitens der Besatzungsmächte USA und England bislang erfolgreich geleugnet wird.

Der Oberkommandierende der US Armee, General Tommy Franks, antwortete auf eine Frage nach den irakischen Opfern von Krieg und Besatzung mit der Aussage, „We don’t do body counts“ – Wir zählen keine Leichen.[3] Konsequenterweise wurde dem irakischen Gesundheitsministerium in Bagdad untersagt, Informationen über zivile Opfer herauszugeben. „Die irakische Regierung untersagte ihrem Gesundheitsministerium Informationen darüber zu veröffentlichen, wie viele Iraker getötet wurden und von wem.“ [4]

Sollte es dennoch öffentlich werden, dass die Aktivitäten der Besatzungsmächte zivile Opfer forderten, so werden diese als Kollateralschäden verbucht. „Die Opfer amerikanischer Aggression, sind irgendeiner weiteren Bestätigung unwürdig und werden einfach als Kollateralschäden abgetan.“[5]

Das Projekt „Iraq Body Count“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat alle, als Folge der amerikanischen Invasion, getöteten Zivilisten zu registrieren, zählt mindestens 34.511 zivile Opfer.[6] „Die meisten Todesfälle waren auf Gewalteinwirkung zurückzuführen, hauptsächlich auf Angriffe der US-Luftwaffe und Artilleriefeuer der alliierten Bodentruppen. Die Opfer waren größtenteils Frauen und Kinder.“[7]

Eine Studie, erstellt von Epidemologen der Johns Hopkins School of Public Health und Ärzten der Al-Mustansiriya Universtiät in Bagdad – erschienen im Lancet, einer renommierten Ärztezeitung[8] – berücksichtigt auch indirekte Todesopfer durch Krankheiten, etc. und kommt selbst bei vorsichtiger Interpretation auf 98.000 irakische Zivilisten, die in den ersten 18 Monaten an den Folgen des Krieges und der Besatzung starben. Dass diese Zahlen seitens der amerikanischen und englischen Regierung als spekulativ und nicht glaubwürdig abgestempelt wurden, scheint angesichts der vorherrschenden Besatzungspolitik nur konsequent zu sein, müssten sie andernfalls ja eine moralische Bankrotterklärung eingestehen.

Schießen auf Verdacht

Natürlich drängt sich angesichts solch horrender Zahlen die Frage auf, warum es überhaupt zivile Opfer gibt, zumal der Krieg im Irak offiziell beendet ist und das Land unter dem Protektorat „freiheitlicher demokratischer Staaten“ steht, für die die Wahrung der Menschenrechte angeblich das oberste Gebot sei. Die Antwort wird sicherlich im Verhalten der Besatzer zu finden sein, das darin gipfelt, dass die Besatzungskräfte auf alles schießen, was ihnen verdächtigt erscheint und sei es nur weil er/sie/es sich bewegt hat, oder den Befehlen US-amerikanischer Besatzer nicht bei Zeit folge leisten konnte. Verantwortlich hierfür ist neben einem Mangel an englischem Sprachvermögen und der Unklarheit vieler Anweisungen sicherlich auch die Paranoia der Besatzer, wie Patrick Cockburn, britischer Journalist, es in seinem Artikel „Jede(r) ist in Gefahr vor schießwütigen US Truppen“ eindrucksvoll schildert. Er berichtet, wie er, als er in seinem Auto saß, beinahe von amerikanischen Soldaten erschossen wurde, weil er zuvor mit einem Satellitentelefon telefonierte und nicht unmittelbar den sich widersprechenden Befehlen dieser Soldaten nachkam, die mit Gewehren im Anschlag auf sein Auto zukamen. „Hätten ich und die beiden Iraker im Auto nicht unmittelbar begriffen, dass die Soldaten uns anschrieen und wären deshalb weitergefahren, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns erschossen hätten relativ groß gewesen.“[9]

Situationen wie diese sind für die im Irak lebenden Menschen keine Seltenheit. Ein pro-amerikanischer Minister in Bagdad wies seinen Fahrer an vorsichtig zu sein, denn die größte Gefahr im Irak sei es nicht von Aufständischen Irakern umgebracht, sondern aus Versehen von US-Soldaten erschossen zu werden. Laut Cockburn sei es schwierig zu wissen, was einen amerikanischen Soldaten dazu veranlasst das Feuer zu eröffnen. Ein irakischer Polizeioffizier sei schwer am Kopf verletzt worden, weil er am Straßenrand anhielt, um zwei seiner Freunde aussteigen zu lassen, ein irakischer Journalist und Freund Cockburns wurde auf der Fahrt mit dem Auto zum Schwimmbad von US-Soldaten erschossen. In Baij, nördlich von Bagdad, wurde ein Kind von einer US-Patrouille erschossen, weil es auf Geheiß seines Vaters versuchte die Sattelitenschüssel auf dem Dach zu justieren.

Scheinen all diese Menschen Opfer US-amerikanischer Paranoia zu sein, so kann die Exekution einer elfköpfigen Familie im Dorf Abu Sifa, 80 Km nördlich von Bagdad, nicht mehr mit dem Argument entschuldigt werden, amerikanische Soldaten hätten sich bedroht gefühlt und daher in Notwehr gehandelt.

Die US-Armee in ihrer Funktion als Todesschwadron

Am Mittwoch, den 15. März 2006 stürmten amerikanische Soldaten um 2:30 Uhr morgens das Haus der Familie Khalaf. Unterstützt wurden sie dabei durch massiven Beschuss des Hauses aus einem Helikopter der US-Armee. Nach Angaben der örtlichen Polizei wurden die Bewohner in einem Raum ihres Heimes zusammengetrieben und dort von den Soldaten hingerichtet. Exekutiert wurden vier Frauen (22, 23, 30 und 75 Jahre alt), zwei Männer (22 und 28 Jahre alt) und fünf Kinder (zwei von ihnen waren 5, zwei 3 Jahre und eines war 6 Monate alt). Nach der Hinrichtung wurden die drei Autos der Familie angezündet, ihre Tiere getötet und das Haus bombardiert.

Ibraheem Hirat Khalaf, dessen Bruder Faiz das Haus gehörte und der bei dem Anschlag sein Leben verlor, berichtete er habe die Hinrichtungen von seinem knapp 100 Meter entfernten Haus aus gehört. Er sagte ebenfalls, die US Truppen hätten das Haus aus einem Helikopter heraus mit sechs Raketen bombardiert. Der örtliche Polizeikommandant, Lt. Col. Faroog Hussain, berichtete,[10] die Autopsie im Krankenhaus in Tirkit habe ergeben, dass alle Opfer Kopfschüsse aufwiesen und Handschellen trugen. US-Major, Tim Keefe[11], US-Militärsprecher im Irak sagte, er habe die Bilder der Opfer gesehen, konnte keine Handschellen erkennen und bezweifle daher die Gültigkeit dieses Autopsieberichts. Der Grund für dieses Verbrechen sei laut US Angaben, (wen wundert dies?) die Jagd nach einem Al Quaida Terroristen gewesen, der sich eben in diesem Haus aufgehalten haben soll.

Rasheed Thair, ein Angestellter des Distrikts Ishaqi, in dem sich das Dorf Abu Sifa befindet, sagte, die Stadt sei tief bestürzt über die Morde. Weiterhin sagte er: „Alle kamen zur Beerdigung. […] Wir wollen, dass die Amerikaner eine Erklärung für dieses schreckliche Verbrechen abgeben, welches 11 Personen das Lächeln und den Traum einer Frühlingsnacht nahm und sogar das einfache Spielzeug der Kinder zerstörte.“[12]

Fadenscheinige Erklärungen und die Realität für die Opfer

US Präsident Bush sagte in einer Rede, in der er das Ende größerer Kampfhandlungen verkündete, „Mit neuen Taktiken und Präzisionswaffen können wir militärische Ziele erreichen, ohne Gewalt gegen Zivilisten richten zu müssen. Keine Hilfsmittel der Menschheit können die Tragik des Krieges verhindern, dennoch ist es ein großer Fortschritt, wenn die Schuldigen den Krieg weit mehr zu fürchten haben als die Unschuldigen.“[13]

Die einzige Taktik die den Unschuldigen wirklich helfen würde, wäre ein Ende der US-amerikanischen Besatzungen. Für viele der Opfer ist wäre dies allerdings zu spät, so auch für:
Turkiya Muhammed Ali (75), Faiza Harat Khalaf (30), Faiz Harat Khalaf (28), Um Ahmad (23), Sumaya Abdulrazak (22), Aziz Khalil Jarmoot (22), Hawra Khalaf (5), Asma Yousef Maruf (3), Aisha Harat Khalaf (3), Husam Harat Khalaf (6 Monate)

Anmerkungen

[1] Hierbei stellt sich berechtigterweise die Frage, warum ein säkulares Regime, das im Inneren jegliche politische Beteiligung religiöser Gruppen unterdrückte, eben weil Hussein in ihnen – insbesondere ihren Besitz von Massenvernichtungswaffen – eine enorme Gefahr für die Stabilität des Iraks sah, eine religiös legitimierte Terroristenorganisationen unterstützen sollte.
[2] Vgl. die entsprechenden Beiträge in dem hervorragenden Sammelband von Focus on the Global South mit dem bezeichnenden Titel „Destroy and Profit“, Januar 2006. Einsehbar unter http://www.focusweb.org/pdf/Reconstruction-Dossier.pdf
[3] Vgl. Guilliard, Joachim: Die verheimlichten Opfer im Irak. In: Ossietzky, 11.3.06. Whitney, Mike: Killing Children: the „My Lai“ phase of the Iraq war. In: http://www.opednews.com
[4] Cockburn, Patrick: Everyone is at risk from trigger-happy US troops. In: http://www.globalecho.org 26.03.06
[5] Whitney: Killing Children: the „My Lai“ phase of the Iraq war.
[6] http://www.iraqbodycount.net Stand: 26.April 2006
[7] Guilliard: Die verheimlichten Opfer im Irak
[8] Mortality before and after the invasion of Iraq in 2003 Al-Rubeyi BI The Lancet – Vol. 364, Issue 9448, 20 November 2004, Pages 1834-1835
[9] Cockburn: 26.3.06
[10] Schofield Matthew in: http://www.realcities.com/mld/krwashington 19.3.2006
[11] Derselbe Militärsprecher, der auch nach dem Massaker in Fallujah, bei dem weißes Phosphor gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt wurde, leugnete, dass das amerikanische Militär chemische Waffen im Irak einsetzen würde.
[12] Iraqi police repot details civilians‘ deaths at hands of US troops. In: http://www.uruknet.info
[13] Zitat in heise online: Rötzer, Florian: US-Militär macht heimlich einen „body count“ von getöteten Zivilisten im Irak. In: http://www.heise.de/tp

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Quelle: Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V. - www.imi-online.de