IMI-Analyse 2005/002

Frauenmorde auch außerhalb der "Stadt der toten Mädchen":

Feminizid als Strukturmerkmal der lateinamerikanischen Gesellschaft?

von: Johannes Plotzki | Veröffentlicht am: 26. Januar 2005

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In der urgent action 236/2004 von amnesty international heißt es: „Alma Brisa Molina Baca wurde am 24. Juli 2004 in Ciudad Juárez im mexikanischen Bundesstaat Chihuahua entführt, sexuell misshandelt und ermordet.“[1] Der Tod der jungen Arbeiterin entspricht dem, was Menschenrechtsorganisationen als „Feminizid“ bezeichnen und seit mehr als 10 Jahren für einen eingrenzbaren Raum im Norden Mexikos signifikant erscheint. Anfang Januar diesen Jahres starb zuletzt in Ciudad Juárez eine 25-Jährige, weil sie sich gegen einen sexuellen Übergriff wehrte.[2] Noch häufiger ist dort das spurlose Verschwinden von jungen Frauen: fast jede Woche eine.

Die traurige Bilanz der letzten 11 Jahre: Von 1993 bis 2004 rund 400 ermordete Mädchen und junge Frauen, meist im Alter von 13-25 Jahren. Viele wurden vor ihrem Tod tagelang gefangen gehalten und gequält. In 137 aufgelisteten Fällen wurden sie vor ihrem Tod sexuell misshandelt. Die gefundenen Leichen wiesen Spuren sexueller Folterung auf. 75 waren so stark entstellt, dass sie nicht mehr identifiziert werden konnten. Nach unterschiedlichen Angaben verschwanden im gleichen Zeitraum außerdem 400 bis 600 junge Frauen. Was diesen angetan wurde, wird voraussichtlich nie ans Tageslicht kommen. Amnesty International schrieb in dem Ende 2003 eigens zu diesem Thema veröffentlichten Report „Nicht tolerierbare Tote – Zehn Jahre Entführungen und Morde in Ciudad Juárez und Chihuahua“, dass „in einer Großzahl der Fälle die Brutalität, mit der die Mörder die Frauen entführten und ermordeten über den reinen Akt des Tötens hinaus geht und eine der grausamsten Beispiele von Gewalt gegen Frauen offenbart.“[3]
Sind bei „Serienmorden“ diesen Ausmaßes sonst alle Kanäle auf Alarm, Prävention und Strafverfolgung geschaltet, baut sich hier im nördlichen Bundestaat Chihuahua nur eine gewaltige Mauer des Schweigens und Vertuschens auf. Trotz elfjähriger Erfahrung mit den immer wieder nach dem gleichen Muster ablaufenden Tötungen junger Frauen, können die mit den Ermittlungen beauftragen Behörden keine nennenswerte Erfolge aufweisen. Im Gegenteil: „Offizielle Untersuchungen der Entführungs- und Mordserie an Frauen in Ciudad Juárez werden stets behindert, indem Spuren nicht verfolgt, Zeugen nicht verhört, gerichtsmedizinische Ergebnisse manipuliert und andere Fahrlässigkeiten begangen werden.“[4] Für die Hinterbliebenen der Opfer ist neben ihrer Trauer besonders erschütternd zu erfahren, dass sie mit ihren Nachfragen bei den ermittelnden Stellen auf taube Ohren stoßen und dort mit völligem Desinteresse im besten, und bewußter Irreführung bezüglich des Ermittlungsstandes im schlimmsten Fall abgespeist werden. „Die Behörden verweigern den Familien der Opfer ihr Recht auf Teilnahme an offiziellen Untersuchungen und institutionalisieren damit ihre Verantwortungslosigkeit bei der Aufklärung und Beendigung der Entführungen und Morde.“[5]
Auch aufgrund internationalen Drucks setzte Präsident Vicente Fox im Januar 2004 eine föderale Sonderstaatsanwaltschaft unter der Leitung von Maria Lopez Urbina ein, nachdem die bis dahin beauftragte Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Chihuahua keine Erfolge vorweisen konnte.

Freihandelszonen und gesetzeslose Räume

Die Tatorte der Morde und Entführungen im Bundesstaat Chihuahua liegen immer in Ciudad Juárez, der „Stadt der toten Mädchen“, sowie weniger häufig in Chihuahua-Stadt an der Grenze zur USA. Es ist eine der weltweit bestbewachtesten Grenzen, die entlang des Rio Bravo verläuft, einem Rinnsaal mit kamerabewachter Sperranlage. Trotz aller Abwehrtechnik ist sie gerade für zwei Dinge durchlässig: Für den internationalen Drogen- und Menschenhandel, sowie für alles, was als Input in die dort angesiedelte Exportproduktion hineingesteckt wird, und als Gewinn wieder heraus fließt. Entlang des Grenzstreifens ist seit den 1960er Jahren eine Freihandelszone eingerichtet, die 28 Kilometer nach Mexiko hineinreicht. Hier haben sich mittlerweile 2.500 sogenannte Maquiladora-Betriebe angesiedelt, in denen eine Millionen Menschen arbeiten, 70 % von ihnen sind Frauen. Die Maquiladoras bekamen mit dem seit 1994 in Kraft getretenen Freihandelsabkommens NAFTA zwischen Mexiko, den USA und Kanada einen neuerlichen Aufschwung. In ihnen lassen transnationale Unternehmen unter Umgehung der in ihren Stammsitzländern existierenden Mindestlöhne und internationalen Arbeitsrechte Textilien und Elektronikprodukte für den Export herstellen.
Auf dem Weg in „den Norden“, wie die USA von vielen Arbeitssuchenden aus Mittel- und Südamerika häufig genannt werden, landen nicht wenige in Ciudad Juárez, anstatt am Zielort ihrer Wahl, weil sie vorher an der Grenze abgefangen, oder kurz nach Grenzübertritt als „Ilegale“ aufgegriffen und umgehend zurück hinter die „stählerne Grenze“ verfrachtet werden. Sozusagen als Synergieeffekt aus verstärkter Zuwanderung arbeitswilliger MigrantInnen und dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Freihandelszone wuchsen die Grenzorte rasant an. Es entstanden weitläufige Areale mit notdürftig errichteten Wellblechhütten. Auf der Strecke bleiben die Errichtung einer sozialen Infrastruktur und die kulturellen Wurzeln der MigrantInnen. Aufkommende Prostitution, Waffen- und Frauenhandel, sowie Drogenkriminalität können als „unkontrollierbare Nebenerscheinungen einer lediglich auf wirtschaftliche Bedürfnisse ausgerichteten Entwicklung“[6] bezeichnet werden.
Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Maquiladoras waren auch größtenteils die Arbeitsstätten der ermordeten und verschwundenen Frauen von Ciudad Juárez und Chihuahua, wenn sie nicht als Angestellte in der Gastronomie, oder als Straßenhändlerinnen arbeiteten, bzw. noch die Schule besuchten. Allen gemeinsam ist ihre Herkunft aus den unteren sozialen Schichten.[7]

„Eine Strategie der Einschüchterung und der Beherrschung“

Warum? Dies dürfte die Frage sein, die sich wohl nie zufriedenstellend beantworten lässt. Warum kann so etwas wie in Ciudad Juárez und anderswo ungestraft bleiben, wie kann es überhaupt erst zu diesen grausamen Taten in dieser Häufigkeit kommen?
Die Antworten sind im kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichem Umfeld zu suchen. Neben den bereits erwähnten Maquiladoras, sind die auf wirtschaftliche Entwicklung ausgerichteten Grenzstätte zu einem gesetzeslosem Raum geworden, in dem Drogenklans wichtige Schlüsselpositionen eingenommen haben und in dem Gewalt dominiert. Einschließlich der Gewalt gegen Frauen. Die Täter verheimlichen ihre Taten nicht und versuchen nie die Leichen zu verstecken, als ob sie sich auf die Straflosigkeit verlassen könnten und sich deshalb in Sicherheit wiegen. Angehörigengruppen, die sich in der lateinamerikanischen Förderation von Vereinigungen Verschwundener (FEDEFAM) organisieren, vermuten, dass die Fälle von Ciudad Juárez von höchster Stelle gedeckt werden, da wohl Politiker und Polizei selbst in die Morde verstrickt seien.[8] Für Judith Galarza, Generalsekretärin von FEDEFAM, kommt ein weiterer Aspekt speziell in Ciudad Juárez hinzu, der dort die Gewalt gegen Frauen erklären könnte: Die Morde seien auch als Warnung an alle Frauen Mexikos zu verstehen, die sich in sozialen und politischen Bewegungen engagieren. Hintergrund für diese Annahme ist, dass vor allem das Wahlverhalten der Frauen die Ablösung der über 70-jährigen Herrschaft der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) in Ciudad Juárez bewirkte. „Unsere Ansicht ist, dass die Frauen die politische Wende bestimmt haben, und dass genau darum nach Mitteln gesucht wird, die Frauen zu kontrollieren. Nicht um sie zu identifizieren und zu ermorden, sondern um eine Strategie der Einschüchterung und der Beherrschung zu fahren. Damit sie nicht weiterhin Alternativen konstruieren (…). Wir Frauen wurden eingeschüchtert und anstatt uns auf die Politikanalyse konzentrieren zu können, müssen wir uns erst einmal selbst verteidigen.“[9] Judith Galarza betont, dass es Aggressionen gegen Frauen in ganz Mexiko und in allen Bereichen gibt, und der Machismo seit Jahrhunderten existiert. Auch über die Grenzen von Chihuahua und Mexikos hinaus.
Obwohl laut der staatlichen Menschenrechtskommission Ciudad Juárez die Stadt mit dem krassesten Anstieg und der höchsten Anzahl von Frauenmorden in Mexiko[10], werden nicht nur im nördlichen Bundesstaat Chihuahua Frauen umgebracht oder verschwinden. Es liegen insgesamt in Mexiko mehr als vier Tausend Vermisstenanzeigen von verschwundenen Frauen vor. „Im Bundesstaat Jalisco werden bisher dreißig getötete Frauen gezählt, und wir wissen es gibt zahlreiche in León, Sonora, Coahuila…“, so die Präsidentin der Kommission zur Überwachung der Untersuchungen zum Feminizid, Marcela Legarde.[11]
In den beiden südlichen Bundesstaaten Veracruz und Chiapas sind in den vergangenen drei Jahren rund 1.500 Frauen und junge Mädchen getötet worden. Fielen in Chiapas im Jahr 2002 insgesamt 289 Frauen dem Feminizid zum Opfer, waren es in den beiden darauffolgenden Jahren 382 (2003) und 203 (2004) Frauen. In Veracruz dagegen wurden in 2002 15 Frauen umgebracht, 2003 bereits 371 und im Jahr 2004 waren es 204. Hinzu kommen bekanntgeworde Fälle von Feminizid in den Bundestaaten Aguascalientes, Colima, Nuevo León, Querétaro, San Luis Potosí, Tamaulipas, Guanajuato, Zacatecas und Morelos.[12]

Feminizide in Lateinamerika

Auch in Guatemala, dem südlichen Nachbarstaat Mexikos ist 2004 die Zahl der ermordeten Frauen im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen. Hier wurden im Jahr 2004 rund 527 Frauen ermordet. Zuletzt Mitte Dezember eine knapp 15-jährige in Quetzaltenango. Der Anstieg des Feminizids betrug in den beiden Vorjahren 135%. Wurden 2002 insgesamt 163 getötete Frauen gezählt, waren es 2003 schon 383.[13]
Ein Bericht der Liga ArbeiterInnen für den Sozialismus (LTS) macht deutlich, dass es sich bei Gewalt gegen Frauen um ein Phänomen handelt, welches in lateinamerikanischen und karibischen Ländern signifikant häufig auftritt, auch wenn weltweit Frauen unter Gewalt unterschiedlichsten Ursprungs zu leiden haben.[14]
Beispiel Bolivien: 7307 Fälle von häuslicher Gewalt gegen Frauen wurden dort zwischen 1994 und 1998 registriert. Beispiel Argentinien: Für Buenos Aires wird davon ausgegangen, dass in 120.000 Haushalten Frauen unter Bedingungen anhaltender häuslicher Gewalt zu leben haben und es werden mehr als 50 Frauenmorde, ausgeübt durch die Lebenspartner, pro Jahr registriert, sowie jährlich zwischen 5000 und 8000 Vergewaltigungen durch Familienmitglieder. Beispiel Brasilien: Bei einer Umfrage gaben 62% von 1800 befragten Frauen zwischen 15 und 49 Jahren an, sexuelle Beziehungen gegen ihren Willen gehabt zu haben.
Der Bericht fasst zusammen, dass der Feminizid die fünfthäufigste Todesursache von Frauen in Lateinamerika und der Karibik ist. 70% der Frauen haben Erfahrungen von häuslicher Gewalt und 30% haben ihren ersten sexuellen Kontakt gegen ihren Willen gehabt. „Es wird davon ausgegangen, dass 80% der Agressionen unaufgedeckt bleiben, weil sie entweder aus Angst nicht angezeigt werden, oder deswegen, weil davon ausgegangen werden kann, dass die Anzeige ohne Erfolg bleibt.“[15]
Der Feminizid wurzelt in einer für lateinamerikanische Gesellschaften typischen Mischung aus Straflosigkeit, einem bis an Frauenhass grenzenden Machismo, mangelnder Investition in soziale Infrastruktur und korrumpierten Behörden. Dies ist das Umfeld, in welchem die Morde an Frauen ohne nennenswerte Konsequenzen geschehen können.

Endnoten

[1] Amnesty International: UA-Nr: UA-236/2004, 02.08.2004.
[2] Vgl. Almargen: Periodismo de investigación. 10.12.2004. http://www.almargen.com.mx/homicidios.htm; La [3] Jornada, 5.1.2005.
[4] Amnesty International: „Intolerable Killings – Ten years of abductions and murders in Ciudad Juárez and Chihuahua.” 2003.
[5] Amnesty International: UA-Nr: UA-236/2004, 02.08.2004.
[6] Amnesty International, ebenda.
[7] Christina Buder: „Frauen ohne Wert – Die Frauenmorde in Ciudad Juárez.“ In: Frauensolidarität 2/2004, S. 28f.
[8] Vgl. Anne Huffschmid: Frauenmorde im Niemandsland. In: Lateinamerikanachrichten. Nr. 358, April 2004.
[9] Vgl. Christina Buder, ebenda.
[10] Gregor Maaß, Georg Neumann: An der Grenze zur Wahrheit. Ein Interview mit Judith Galarza. In: Lateinamerikanachrichten. Nr. 358, April 2004.
[11] Comisión Mexicana de Derechos Humanos: Modelo de Intervención frente el feminicidio en Ciudad Juárez. Juni 2004.
[12] Marcela Legarde im Interview mit Marta Nin i Camps: Mujeres asesinadas eran elegidas por internet, afirma la diputada federal Marcela Legarde. Juli 2004. Quelle: http://media.barcelona2004.org/es/nota.html?id=2948
[13] Vgl. Rafael Maya: El feminicidio en Chiapas y Veracruz supera la tragedia de Júarez. In: Mujeres en Red – El periodico feminista en red. 4.11.2004. Quelle: http://www.mujeresenred.net/news/
[14] Vgl. La Jornada, 8.12.2004; La Jornada, 5.1.2005.
[15] Vgl. Liga de Trabajadores por el Socialismo (LTS) (Hrsg.): LTS-Contra Corriente: América Latina y el Caribe registran los índices más altos de violencia contra las mujeres. Dez. 2004. Quelle:
www.geocities.com/ligamex.html
[16] Liga de Trabajadores por el Socialismo (LTS), ebenda.

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