IMI-Analyse 2004/028

Rüstungsproduktion – Das Beste für die Stadt?

Überlegungen zum Rüstungsstandort Bremen

von: Lühr Henken | Veröffentlicht am: 21. Oktober 2004

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Ich möchte drei Fragen behandeln:

1. Zu welchem Zweck wird die Bundeswehr aufgerüstet?
2. Was stellen die wesentlichen Bremer Rüstungsbetriebe her und welche Bedeutung hat dies im Kontext der Bundeswehrkonzeption?
3. Wie ist der Umfang der Bremer Rüstungsproduktion national einzuordnen?

„Mögliches Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die ganze Welt“. Markanter als es Verteidigungsminister Struck am 13.1.2004 tat, lässt sich die Dimension deutscher Militärpolitik kaum umreißen. Von 2006 bis 2010 will Struck die Bundeswehr so radikal umbauen wie noch nie. Sie soll in drei völlig neue Kategorien unterteilt werden, die ihr neue Offensivkraft verleihen soll: in sogenannte Eingreif-, Stabilisierungs- und Unterstützungskräfte.
-35.000 Mann „Eingreifkräfte“. Das sind Hightech-Soldaten mit entsprechender Ausrüstung aller drei Teilstreitkräfte für die schnellen Eingreiftruppen von EU und NATO.
-70.000 Mann „Stabilisierungskräfte“ sind für längerfristige Einsätze vorgesehen, also KFOR, SFOR, ISAF etc..
-210.000 Soldaten und ziviles Personal „Unterstützungskräfte“,

Die radikale Umorientierung weg von der Landesverteidigung hin zur weltweiten Interventionsfähigkeit hat für die Bundeswehr höchste Priorität. Dass dies im Widerspruch zum Grundgesetz steht, darüber setzt sich die Regierung hinweg. Art. 87a GG lautet: „Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf“.

Die Europäische Union schafft sich eine Schnelle Eingreiftruppe, die unter anderem rund 400 Flugzeuge und 100 Schiffe umfassen und spätestens nach 60 Tagen vor Ort sein soll. Von den 80.000 Soldaten dafür stellt Deutschland das größte nationale Kontingent aller Staaten: 18.000 Mann. Die Speerspitze dieser
EU-Truppe sollen zehn superschnelle Einsatztruppen bilden. Diese sogenannten Battle-Groups, jeweils 1.500 Mann stark, können schon innerhalb von zwei Tagen am Einsatzort sein. Ihre Aufstellung soll bis 2007 erfolgen. Die ersten zwei bis drei „Battle Groups“ sollen bereits im nächsten Jahr einsatzbereit sein. Ihr Einsatzradius: 6.000 km um Brüssel und zwar „vor allem in Afrika“. Struck will mit der deutsch-französischen Brigade bis 2007 dabei sein.

Die Schnelle Eingreiftruppe der NATO, NRF, soll, 21.000 Mann stark, in zwei Jahren stehen. Der faktische deutsche Anteil wird mit 6.200 Mann sehr groß sein. Binnen fünf bis dreißig Tagen soll die Truppe weltweit vor Ort sein können.
Geht es nach den Planungen des Verteidigungsministeriums werden nur für neue Waffen und ihre Entwicklung in den nächsten 10 Jahren mindestens 70 Milliarden Euro ausgegeben. Der Ansatz dafür im Einzelplan 14 soll um gut 50 Prozent bis 2009 steigen.

Die Bremer Rüstungsindustrie trägt dazu beträchtlich bei. Ich möchte im Folgenden die wesentlichen Bremer Rüstungsfirmen und ihre bedeutendsten Vorhaben darstellen:

STN Atlas Elektronik

Im August letzten Jahres haben die beiden Eigentümer des größten Bremer Rüstungsbetriebs STN Atlas Elektronik sich den Betrieb in zwei etwa gleiche Hälften aufgeteilt. Die Abteilun-gen Land-, Flug- und Simulationstechnik wurden von der Rheinmetall DeTec AG übernom-men. Die Firma heißt nun Rheinmetall Defence Electronics GmbH. Der nach dem Umsatz in Europa größte Rüstungskonzern die britische BAe Systems erhielt den Betriebsteil, der Mari-neausrüstung herstellt. Er heißt nun Atlas Elektronik GmbH.

Zunächst zur Firma Rheinmetall Defence Electronics am Brüggeweg: Sie übernahm rund 1.400 der rund 3.000 Beschäftigten von STN und setzte 2003 410 Mio. Euro um. Ihre elektronischen Produkte finden in Aufklärung, Sensor-, Sicht- und Führungssystemen des Heeres Anwendung. Es werden Bordkanonen für Tornados und Eurofighter hergestellt und auch die Laderampen für die Military-Airbusse A 400M sollen dort später gefertigt werden. Die Firma stellt für alle Teilstreitkräfte Simulatoren zur Verfügung. Ein zukunftsträchtiges Feld ist die Herstellung von Aufklärungs- und Kampfdrohnen. Es lohnt sich, die Drohnenentwicklung genauer anzuschauen.

Das Drohnensystem KZO dient der präzisen Aufklärung bei nahezu allen Wetterbedingungen und zu jeder Tages- und Nachtzeit in Echtzeit in einer Entfernung von mindestens 65 km über dem Gefechtsfeld, damit die Artillerie ihre Wirkung entfalten kann. Artillerie: das sind vor allem 185 Panzerhaubitzen 2000 (40 km Reichweite, Eigenwerbung: die „besten Geschütze der Welt“) und 154 Mehrfachraketenwerfer MARS (deutsche „Stalinorgeln“). Bis 2007 sollen 60 KZO-Drohnen für insgesamt (inklusive Entwicklungskosten) rund 540 Mio. Euro ausgeliefert werden.

Rheinmetall Defence Electronics bietet auch Aufklärungsdrohnen auf der Basis der US-Drohne Predator an.

Die BAe-Systems Tochter Atlas Elektronik ist Weltmarktführer bei Sonar-, Kontroll- und Führungssystemen für U-Boote

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und Weltmarktführer bei Minenjagdsystemen. Bedeutsam ist die Herstellung von Schwergewichtstorpedos in ihrer Niederlassung in Wedel/Holstein. Die Reichweite der Torpedos von 50 km macht die neuen brennstoffzellenangetriebenen U-Boote 212 der Bundeswehr zu den kampfstärksten konventionellen U-Booten der Welt.
Mit den 1500 Beschäftigten, (ca. 200 davon in Wedel) plant Atlas für 2004 einen Umsatz von 357 Mio.. Im Jahr 2003 waren es noch 273 Mio. Euro gewesen.
Friedrich Lürssen Werft

Das Einsatzkonzept der „Deutschen Marine“ ist ausgelegt auf die Einwirkung von See aus auf fremdes Land. Dabei ist der Verbund von Fregatte und Korvette von zentraler Bedeutung. Die Fregatte als Leitschiff des Einsatzverbandes, zu dem auch U-Boote, Mineneinheiten und Versorgungsschiffe zählen, führt die Korvetten, die mit ihren Marschflugkörpern Ziele auf fremdem Gebiet beschießen können.

Die private Friedrich Lürssen Werft, Kern der Lürssen-Gruppe, hat für die drei neuen Fregatten der Sachsen-Klasse, die bis 2006 in Dienst gestellt werden sollen, jeweils das Vorderschiff hergestellt. Jede Fregatte, die derzeit als die „modernsten Fregatten der Welt“ gelten, kann gleichzeitig ca. 250 Luftziele in einem Radius von rund 400 km exakt erfassen und bekämpfen.
Nach Bauplänen von Blohm+Voss fertigt Lürssen auch zwei der fünf Korvetten für die „Deutsche Marine“, die für den küstennahen Flachwassereinsatz konzipiert sind. Jede der hochseegängigen Korvetten erhält als Grundausstattung vier Marschflugkörper, mit denen noch nach 200 km Überlandflug metergenau der 200 kg-Sprengkopf ins Ziel befördert werden kann.

Bei Lürssen entstehen die zweite und die fünfte der Korvetten. Sie sollen im November 2007 und im April 2008 abgeliefert werden. Diese knapp 90 Meter langen Kriegsschiffe werden „Magdeburg“ und „Ludwigshafen“ heißen.

EADS Airbus Bremen

EADS Airbus am Bremer Flughafen stellt Bauteile für den Eurofighter her. Damit sind 165 Mitarbeiter beschäftigt. Legt man einen durchschnittlichen Umsatz von 175.000 € pro Beschäftigten in der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie zu Grunde, werden bei Airbus Bremen durch Rüstungsproduktion rund 30 Mio. Euro umgesetzt.
Ab 2012 erhält die Bundeswehr 60 Military-Airbusse A 400 M. Sie dienen der „Strategischen Verlegefähigkeit in der Luft“ und stellen damit ein Schlüsselprojekt dar. Für alle 180 Military-Airbusse, die die EU-Partner bestellt haben, soll die Vorab-Endmontage bei Airbus Bremen von 2006 bis 2016 erfolgen. Airbus spricht von 600 neuen Arbeitsplätzen. Der Airbus kann Kampfhubschrauber TIGER, Transporthubschrauber NH-90 oder das Gepanzerte Transportkraftfahrzeug (GTK) BOXER oder alternativ 116 Soldaten mit Ausrüstung transportieren. Fünf Schützenpanzer PUMA können inklusive Schutzmaterial in sechs Military-Airbusse verladen werden. Die Propellermaschinen gewährleisten einen schnellen weltweiten Transport von Soldaten und Gerät.
OHB-Systems

Die Bremer Firma OHB-Systems AG im Technologiepark bei der Uni stellt für die Bundeswehr ein System von fünf Radarsatelliten samt Bodenstation her, das ihr ab 2006 erstmalig eine weltweite wetterunabhängige Tag- und Nachtaufklärung ermöglicht. Die Kosten für dieses hochauflösende System, es kann weltweit noch Objekte bis zu 50 cm Länge identifizieren, werden inklusive Zulieferungen, Forschungs- und Entwicklungskosten etwa 750 Mio. Euro betragen. Die nationale weltweite Aufklärungsfähigkeit aus dem Weltraum ist die Vorausset-zung für die weltweite Einsatzfähigkeit der Bundeswehr. OHB expandiert.

Untersuchen wir anhand der Tabelle 1 (nur in der PDF-Version) die Frage:

Welchen Stellenwert hat die Bremer Rüstungsproduktion bundesweit ?
Rund 3.000 der 50.000 Arbeitsplätze der deutschen Rüstungsindustrie des Jahres 2001 befinden sich in der Stadt Bremen. Das heißt, obwohl die 540.000 Bremer und Bremerinnen nur 0,65 Prozent aller Einwohner Deutschlands stellen, gibt es hier sechs Prozent aller Rüstungsarbeitsplätze. 1989 betrug der Anteil der rüstungsabhängigen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe Bremens noch 9 Prozent. Bis 2002 hatte sich dieser Anteil zwar auf etwa 5 Prozent verringert (3000 von 58.857 ), was gemessen am bundesdeutschen Durchschnitt jedoch nach wie vor eine überproportional hohen Wert bedeutet: die entsprechende bundesweite Rate ist lediglich 0,62 Prozent (50.000 Rüstungsarbeitsplätze von 8,027 Mio. Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe ohne Bau ).
Fazit: Bremer Rüstungsbetriebe leisten vor allem mit Satelliten und Drohnen, mit Elektronik für Marine und Heer, durch Schiff- und Flugzeugbau einen beachtlichen Beitrag zur Entwicklung der weltweiten Interventionsfähigkeit der Bundeswehr. Jedoch ist die Rüstung in keinem anderen Bundesland so überrepräsentiert wie im kleinsten.

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