Pressebericht - in: Märkische Allgemeine, 13.04.2004

Deutschlands größter Ostermarsch

ZUR 88. PROTESTWANDERUNG GEGEN DAS BOMBODROM KAMEN VIELE POLITIKER UND NOCH MEHR VOLK

von: KATHRIN GOTTWALD / Märkische Allgemeine / Pressebericht / Dokumentation | Veröffentlicht am: 13. April 2004

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von KATHRIN GOTTWALD

FRETZDORF Dass Ministerpräsident Matthias Platzeck beim Ostermarsch in Fretzdorf schon ein gutes halbes Stündchen in der Menschenmenge vor der Kirche gestanden hatte und dann mit dem Pulk zum Kundgebungsplatz gewandert war, hatten die meisten der knapp 10 000 Teilnehmer der 88. Protestwanderung gegen das Bombodrom gar nicht mitbekommen.

Platzeck erschien wie aus dem Nichts in Begleitung seiner Lebensgefährtin Janet Jesorka und zweier dezent auftretender Bodyguards auf dem Platz. Aber aus dem Plan, sich einmal unauffällig unters Volk mischen zu können, wurde natürlich wieder nichts. Schon bald stand der Regierungschef in einer Traube aus Politikern seiner Partei und Journalisten.

So bekam Platzeck, der geduldig ein Interview nach dem anderen gab, kaum etwas von Benedikt Schirges Ansprache mit. Der Pfarrer von Zühlen und Sprecher der Bürgerinitiative „Freie Heide“ war natürlich bestens geeignet, die geistliche Besinnung zu halten, mit der noch jede der inzwischen 88 Protestwanderungen begonnen hat.

„Ostern – das heißt Aufstand des Lebens über den Tod, Aufstand der Liebe über den Hass. Leben und Liebe kann man nicht herbeibomben, aber Tod und Hass“, sagte Schirge. Er zitierte aus der Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“, und „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“ (Matthäus 5).

Als Moderator der Großveranstaltung war es Schirge eine Herzensangelegenheit, Landrat Christian Gilde hervorzuheben und besonders herzlich zu begrüßen. „Schön, dass Sie immer, immer dabei sind“, rief er dem in der Menge stehenden Landrat zu.

Fast eine Stunde dauerte es, bis nach der Besinnung der gesamte Zug der Demonstranten den etwa zwei Kilometer entfernten Kundgebungsplatz erreicht hatte. Benedikt Schirge fürchtete um den Zeitplan und drängte Ute Watermann, mit ihrer Rede anzufangen, doch die Sprecherin der Internationalen Vereinigung der Ärzte gegen den Atomkrieg zögerte. Obwohl schon Tausende hinter der Absperrung standen, riss der Strom der nachrückenden Demonstranten nicht ab.

Watermann hielt ein leidenschaftliches Plädoyer ge gen jede Art von Kriegsübungen. „Wir stopfen die Welt voll mit Waffen, liefern unterschiedslos in Konfliktregionen und an Diktaturen“, sagte sie und stellte fest: „Dabei geht es doch nicht um Frieden und Demokratie, sondern ums blanke Geschäft.“

Dank an die „Freie Heide“

Sie dankte der Bürgerinitiative „Freie Heide“ und allen Aktivisten, „dass Sie das nicht mitmachen und dank Ihrer Arbeit der Platz so lange verhindert wurde.“ Tobias Pflüger von der Informationsstelle Militarisierung * Tübingen haute in dieselbe Kerbe: Er sehe „einen direkten Zusammenhang“ zwischen den Plänen für das Bombodrom und der Umwandlung der Bundeswehr in eine Interventionsarmee. „Was hier geübt werden soll, ist Krieg, und wir wollen nicht, dass Krieg ein normales Mittel der Politik wird.“

Platzeck steht zur Bundeswehr

Ministerpräsident Matthias Platzeck bekräftigte nochmals seine klare Absage an das Bombodrom, stellte sich aber zur Enttäuschung vieler Demonstranten nicht generell gegen Militäreinsätze. „Ich glaube, dass die Bundesrepublik Deutschland die Bundeswehr braucht.“

Die für eine Protestwanderung ungewöhnlich lange Rednerliste (ein gutes Dutzend Politiker stand hinter der Bühne Schlange) forderte bald ihren Tribut. Nach und nach löste sich die Menschenmenge vor der Absperrung auf. Die Wanderer hockten sich zum Picknick ins Gras, schlenderten an den Info- und Souvenirständen entlang oder traten vorzeitig den Rückmarsch an. Als Benedikt Schirge nach gut zwei Stunden Kundgebung sein Schlusswort hielt, waren nur noch einige hundert Demonstranten auf dem großen Platz.

* verbessert

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