Dokumentation - in: ZDF-online, 20.03.2004

„Ich würde es wieder tun“

Ehemaliger "menschlicher Schutzschild" Hahnel im Interview

von: ZDF / Pressebericht / Dokumentation / Jürgen Hahnel | Veröffentlicht am: 19. März 2004

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Original: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,2113379,00.html

Vor einem Jahr kampierte der Tübinger Jürgen Hahnel in einer Ölraffinerie in Bagdad, um als „menschlicher Schutzschild“ den Krieg im Irak zu verhindern. Zurzeit ist er wieder in Bagdad, um an den Aktionen der Friedensbewegungen zum Jahrestag des Irak-Krieges teilzunehmen. Im ZDFonline-Interview schildert der Aktivist die Bedingungen vor Ort und zieht eine persönliche Bilanz.

Annette Koch

ZDFonline: Ein Jahr nach Ihrem Einsatz als „menschlicher Schutzschild“ sind Sie wieder im Irak. Warum?

Jürgen Hahnel: Der Begriff „menschlicher Schutzschild“ gefällt mir nicht so sehr und klingt etwas überheblich. Wir waren damals als Mitglieder der Friedensbewegung hier, um die Lebensumstände der irakischen Bevölkerung zu beschreiben und um gegen einen Krieg vor Ort aktiv zu sein. Wir wollten den Hauptbetroffenen ein Gehör nach außen verschaffen. Krieg ist kein Mittel zur Lösung von Problemen und schafft neue. Deshalb bin ich wieder hier und möchte etwas „humanitäre Hilfe“ leisten.

ZDFonline: Welches Gefühl hatten Sie, als Sie jetzt wieder im Irak angekommen sind?

Hahnel: Ich bin mit Ängsten hierher gekommen, die auch bei den Menschen hier weit verbreitet sind, habe mich aber mittlerweile eingelebt. Zuvor war ich sechs Wochen in Israel/Palästina und habe schon dort eine sehr schwierige soziale und politische Situation erlebt. Als ich hier in Bagdad ankam, empfand ich vieles noch verschärfter als dort.

ZDFonline: Sie haben damals mit Ihrer Aktion dazu beitragen wollen, dass der Krieg verhindert wird. Das ist Ihnen nicht gelungen. Sehen Sie sich heute durch die Zustände im Irak bestätigt?

Hahnel: Ja. Die Bombardements und Bodenkämpfe haben mindestens 15.000 Irakern und Irakerinnen das Leben gekostet. Das Land wurde mit etwa 1500 Tonnen Uranmunition verseucht – mit gravierenden Langzeitfolgen. Den meisten Menschen geht es materiell noch schlechter als vor dem Krieg. Sie empfinden zwar eine gewisse Freiheit, aber die soziale und politische Lage ist angespannt.

Es gibt Wasser- und Abwasserprobleme sowie täglich mehrere Stromausfälle. Medikamente sind so teuer, dass sie sich immer weniger Menschen leisten können. Die Leute haben Angst vor Überfällen, die Arbeitslosigkeit ist hoch, es gibt politische und religiöse Spannungen, steigende Preise und zunehmende Verarmung. Bombenanschläge verunsichern die Menschen. Auch der Dank für die Befreiung von Saddam Hussein schwindet, die Iraker fühlen sich zunehmend „besetzt“ und zweifeln die Demokratieversprechen an. Ich finde es auch wichtig, dass Beobachter hier sind um auf Menschenrechtsverletzungen des amerikanischen und britischen Militärs hinzuweisen.

ZDFonline: Haben Sie Leute wieder getroffen, die Sie damals kennen gelernt haben? Wie geht es denen heute? Was sagen sie über die Entwicklung in ihrem Land?

Hahnel: In der Ölraffinerie sind fast noch alle beschäftigt, in den Hotels haben einige ihre Arbeit verloren. Die Ballett- und Musikschule wurde zweimal geplündert, eine christliche Familie fürchtet die religiösen Spannungen. Das Gebäude unserer damaligen staatlichen Begleiter wurde geplündert und wird seither von verschiedenen irakischen Menschenrechtsorganisationen und Parteien genutzt. Die meisten leben in einem Zustand der Hoffnung, sind sich aber der Gefahren der Entwicklung hier bewusst und wünschen sich eine baldige wirkliche Selbstverwaltung und die dazu notwendigen Wahlen.

ZDFonline: Wenn Sie zurückblicken: Hat der Einsatz als „menschlicher Schutzschild“ Ihr Leben verändert?

Hahnel: Nicht direkt, da ich schon viele Jahre in der Friedensbewegung in Deutschland aktiv war. Der Unterschied ist, dass ich jetzt in zwei Krisenregionen – Israel/Palästina und Irak – selbst vor Ort war. Ich versuche, dort Eindrücke und Informationen zu sammeln und diese weiterzuverbreiten. Ich bin der Meinung, dass wir in solchen Gebieten durch eigene Erfahrungen mehr von der Lebenssituation der betroffenen Menschen erfahren und verstehen, als durch die Distanz durch oft verkürzte oder verzerrte Medienberichte.

ZDFonline: Würden Sie wieder als menschlicher Schutzschild in ein Land gehen – auch wenn es in der praktischen Auswirkung „nichts gebracht“ hat?

Hahnel: Ich denke, dass nicht nur unsere Anwesenheit etwas gebracht hat, auch die ganze weltweite Bewegung zeigte, dass so eine Politik nicht geduldet wird. Es hat zwar nicht den Krieg verhindert – dazu waren wir auch zu wenige hier im Irak. Aber wir haben zumindest die Zerstörung der Örtlichkeiten, an denen wir waren, verhindert. Wir können die Erfahrungen zu Hause durch Öffentlichkeitsarbeit weitergeben und vielleicht ein anderes Mal mehr Leute werden. Es ist auch wichtig, dass internationale Beobachter da sind. Insofern würde ich es wieder tun.

Original: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,2113379,00.html

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