IMI-Analyse 2004/002 - in: AUSDRUCK - Das IMI-Magazin (Februar 2004)

Ein Kronzeuge packt aus

Ein Nachtrag zu den Kriegslügen im Zusammenhang mit dem amerikanischen Krieg gegen den Irak

von: Jürgen Wagner | Veröffentlicht am: 14. Januar 2004

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Bisher war lediglich nachweisbar, dass der amerikanische Angriffskrieg gegen den Irak bereits unmittelbar nach den Anschlägen des 11. September 2001 beschlossen wurde.[1] Obwohl es nahe liegt, fehlten bislang eindeutige Beweise – die häufig gesuchte „smoking gun“ -, dass die US-Regierung diesen Krieg ab dem Tag der Machtübernahme durch die neokonservativen Hardliner mit dem „Wahlsieg“ George W. Bushs anvisiert hatten und somit kein direkter Zusammenhang zwischen den Anschlägen des 11. September bzw. der Bekämpfung des Terrorismus und dem Krieg gegen Bagdad besteht.
Nachdem inzwischen der ehemalige Finanzminister Paul O’Neill an die Öffentlichkeit gegangen ist, hat sich dies geändert. Zudem kommen O’Neills Enthüllungen zu einem Zeitpunkt, an dem immer neue Beweise auftauchen, in welch unglaublichem Ausmaß die Öffentlichkeit von Seiten der US-Regierung hinsichtlich der angeblich von irakischen Massenvernichtungsmittel und Kontakten zur Terrororganisation Al-Qaida ausgehenden Gefahr belogen wurde, um einen Krieg zu legitimieren, der offensichtlich aus vollständig anderen Motiven geführt wurde.

Keine Massenvernichtungsmittel

„Kurz gesagt: Es gibt keinen Zweifel, dass Saddam Hussein jetzt über Massenvernichtungsmittel verfügt“, erklärte Vizepräsident Dick Cheney im August 2002. Noch am 30. März 2003 versicherte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: „Wir wissen wo die irakischen Massenvernichtungsmittel sind.“[2] Die von diesen Waffen angeblich ausgehende Gefahr stellte die zentrale Legitimation des amerikanischen Angriffskrieges dar.
Demgegenüber hatten kritische Stimmen, wie bspws. der ehemalige UNO-Waffeninspekteur Scott Ritter, schon im Vorfeld des Krieges schlüssig bewiesen, dass eine solche Gefahr nicht existierte.[3] Diese Auffassung wurde nun auch von einem im Januar 2004 veröffentlichten Report des zum US-Establishment zählenden Carnegie Endowment for International Peace bestätigt.[4]
Im Gegenzug zu der von der US-Regierung behaupteten Ineffektivität der UNO-Inspektionen kommen die Carnegie-Autoren zu einem gänzlich anderen Ergebnis: „Die UN-Inspektionen und Sanktionen zerstörten die umfassenden irakischen Kapazitäten zur chemischen Waffenproduktion effektiv.“ Ebensowenig stimmte der Vorwurf der US-Regierung, der Irak habe das Potenzial und die Absicht innerhalb eines Jahres an Nuklearwaffen zu gelangen: „Iraks Atomprogramm wurde aufgelöst und es gab keine überzeugenden Beweise für seine Wiederaufnahme,“ stellt der Report fest und kommt folgerichtig zu dem Schluss, dass irakische Massenvernichtungsmittel „keine unmittelbare Gefahr für die Vereinigten Staaten, die Region oder die globale Sicherheit, darstellten.“[5] Dies dürfte auch den Hardlinern im Weißen Haus bekannt gewesen sein die sich hierdurch aber von ihren Kriegsplänen nicht abhalten ließen.
Auch die Ergebnisse – oder besser das Fehlen solcher – der Joint Captured Material Exploitation Group, die mit dem Aufspüren irakischer Massenvernichtungsmittel beauftragt wurde, sprechen eine deutliche Sprache, wie ein Artikel der Washington Post bestätigt: „Die Fahnder haben keine Hinweise für die beiden von Washington und London vor dem Krieg am häufigsten genannten Befürchtungen gefunden: Dass der Irak ein geheimes Arsenal alter Waffen und fortgeschrittene Programme zur Herstellung neuer Waffen hatte. […] Die Fahnder betonen, dass der Irak nicht, wie von Washington und London behauptet, die Produktion seines tödlichsten Nervengases VX wiederaufgenommen hatte […] und sie haben das ehemalige Atomwaffenprogramm, das von Präsident Bush als ‚eine ernste und wachsende Gefahr‘ und von Vizepräsident Dick Cheney als eine ‚tödliche Bedrohung‘ beschrieben wurde, in fast demselben zerrütteten Zustand vorgefunden, wie es die UN-Inspektoren in den 90ern zurückgelassen hatten.“[6]
Ebenso löst sich der Vorwurf in Luft auf, der Irak habe nicht alle Anfang der 90er eingelagerten biologischen Kampfstoffe zerstört und verfüge etwa weiter über 8.500 bis 25.000 Liter Anthrax, wie Außenminister Colin Powell am 05. Februar 2003 vor der UNO angab. Inzwischen an die Öffentlichkeit gelangte irakische Regierungsdokumente belegen zweifelsfrei, dass sämtliche biologischen Waffen im Sommer 1991 zerstört wurden.[7]
Da der Carnegie-Report auch zu dem Ergebnis kommt, dass es der irakischen Regierung unmöglich war, eventuell vorhandene Massenvernichtungsmittel zu verstecken oder zu zerstören, ohne dass dies bemerkt worden wäre,[8] lässt dies nur eine vernünftige Schlussfolgerung zu: Der Irak verfügte nicht über solche Waffen. Und da Donald Rumsfeld tatsächlich weiß „wo die irakischen Massenvernichtungsmittel sind,“ nämlich nirgends, verwundert es auch nicht weiter, dass er kürzlich 400 der insgesamt 1400-köpfigen Joint Captured Material Exploitation Group, die diese Waffen aufspüren sollte, abzog. Der Rest der Einheit soll sich künftig zunehmend mit der Bekämpfung des Widerstands gegen die US-Besatzung beschäftigen, womit Washington offiziell eingesteht, dass „die Regierung nicht mehr länger erwartet die chemischen und biologischen Waffen zu entdecken, die vom Weißen Haus letzten März als wichtigster Grund für den Krieg angeführt wurden.“[9] Ein Editorial der International Herald Tribune kommt zu folgendem Schluss: „Die Sorge, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungsmittel verfügte, entbehrte jeglicher Grundlage. Neun Monate ergebnisloser Suche haben das zunehmend klar gemacht.“[10]
Wie konnte es der US-Regierung dennoch gelingen, derart haltlose Behauptungen weitestgehend widerspruchslos in die Welt zu setzen? Einer der Hauptfaktoren hierfür war, dass man sich mit dem Office of Strategic Plans (OSP), unter Aufsicht des stellvertretenden Verteidigungsministers Paul Wolfowitz und Staatssekretär William Luti, eine Art privaten Nachrichtendienst ins Pentagon geholt hatte. Statt auf sich auf CIA und DIA-Analysen berufen zu müssen, die teilweise nicht den Wünschen der Neokonservativen entsprachen, lieferte das OSP eigene „nachrichtendienstliche Erkenntnisse“, indem auf abenteuerliche Weise „Beweise“ für irakische Massenvernichtungsmittel konstruiert und der Öffentlichkeit als seriös recherchierte Geheimdienstarbeit verkauft wurden.[11] Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sogar der Carnegie-Report von einer systematischen, sprich bewussten Täuschung der Öffentlichkeit ausgeht: „Regierungsmitglieder missinterpretierten systematisch die von irakischen Massenvernichtungsmitteln und Raketenprogrammen ausgehende Gefahr.“[12]
Ebenso systematisch wie bei den Massenvernichtungsmitteln wurde bezüglich angeblicher irakischer Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Qaida gelogen.

Keine Rauchenden Colts

Laut Washington sei es eine der Hauptsorgen gewesen, dass Saddam Hussein seine ohnehin nicht vorhandenen Massenvernichtungsmittel über seine ebenfalls nicht existenten Kontakte zu Al-Qaida, an die Terrororganisation weitergeben könne und damit eine direkte Bedrohung der USA darstelle.
Bei seiner Rede vor der UNO war sich Colin Powell noch sicher es bestehe „ein düsterer Nexus zwischen dem Irak und Al-Qaida, der klassische Terrororganisationen und moderne Tötungsmethoden kombiniert“ um dann fortzufahren: „Irakische Offizielle verneinen Vorwürfe über Verbindungen zu Al-Qaida. Diese Verneinungen sind schlicht nicht glaubhaft.“ Wer in diesem Zusammenhang nicht glaubhaft war, war einmal mehr die US-Regierung, die in Form von Colin Powell inzwischen einräumen musste, es gäbe „keine smoking gun, keine konkreten Beweise für eine Verbindung“ zwischen dem Irak und Al-Qaida.[13] Auch der Carnegie-Report kommt zu demselben Schluss: „Es gab und gibt keine soliden Beweise für ein kooperatives Verhältnis zwischen Saddams Regierung und Al-Qaida. […] Es gab keine Hinweise die die Behauptung unterstützen dass der Irak seine Massenvernichtungsmittel an Al-Qaida weitergegeben hätte und zahlreiche Beweise die dagegen sprechen.“[14]
Selbst aus Sicht der Analytiker bei Carnegie lag keine zwingende Notwendigkeit für einen amerikanischen Angriff auf den Irak vor, da das Land keinerlei Gefahr für die Vereinigten Staaten darstellte. Mit einer Kombination aus Abschreckung und UNO-Inspektionen, die sich im nachhinein ja als überaus wirkungsvoll herausgestellt haben, hätte der Irak auch künftig davon abgehalten werden können sich Massenvernichtungsmittel zu beschaffen oder aggressive Handlungen zu begehen: „Somit bestand nie die Notwendigkeit einer Wahl entweder nichts gegen irakische Massenvernichtungsmittel zu unternehmen oder einen Krieg zu führen.“[15]
Um genau diesen Eindruck zu erwecken und ihren schmutzigen Krieg verkaufen zu können scheute die US-Regierung vor keiner Lüge zurück. Dass sie dabei derart rücksichtslos, offensichtlich und plump vorging überrascht immer wieder aufs neue.
Beispielhaft hierfür ist die dilettantische Fälschung von Dokumenten, die einen irakischen Ankauf von Uran im Niger beweisen sollten. So zierte etwa eines der Dokumente ein vollständig veralteter Briefkopf eines Niger-Ministeriums und wurde von einer Person unterzeichnet, die zuletzt vor mehr als 10 Jahren dort beschäftigt war.[16]

„Wir sehen uns in Bagdad“

Da wohl auch Saddam Hussein nicht entgangen sein konnte, dass die US-Regierung zu einem Angriff fest entschlossen war, versuchte die irakische Regierung ab Spätherbst 2002 verzweifelt den drohenden Krieg doch noch abzuwenden. Über verschiedene Mittelsmänner machte man den USA so weitgehende Zugeständnisse, dass sie fast schon der von Washington angestrebten bedingungslosen Kapitulation nahe kamen.
Im einzelnen bot der Irak an,

– mehrere tausend Experten und Soldaten mit der Erlaubnis in den Irak zu lassen, dort nach Massenvernichtungsmittel zu suchen.
– amerikanischen Konzernen künftig einen privilegierten Status bei der Ausbeutung der Ölvorkommen des Landes einzuräumen.
– des Terrorismus verdächtigte Personen auszuliefern und mit den USA im „Kampf gegen den Terror“ vollständig zu kooperieren.
– innerhalb von zwei Jahren freie Wahlen abzuhalten.[17]

Als Richard Perle dieses Angebot an die CIA weiterleitete war die Antwort ebenso prägnant wie entlarvend: „Sag ihnen, dass wir sie in Bagdad sehen werden.“[18] George Monbiot kommentierte dies im britischen Guardian folgendermaßen: „Saddam Hussein scheint alles daran gesetzt zu haben, eine diplomatische Alternative zu dem bevorstehenden Krieg zu finden, während die US-Regierung anscheinend alles notwendige unternahm um eine zu verhindern.“[19] Jeder irakische Versuch, den Krieg zu vereiteln war von vorneherein zum Scheitern verurteilt, denn wie inzwischen feststeht hatte der gewaltsame Sturz Saddam Husseins seit der Machtübernahme der Hardliner oberste Priorität.

Bekenntnisse eines ehemaligen Finanzministers

Wieder ist es Colin Powell, der sich als Lügner entlarvt. Noch zwei Monate nach den Terroranschlägen 2001 gab er hinsichtlich Saddam Hussein noch an: „Ich habe nie einen Plan gesehen, wonach er beseitigt werden sollte.“[20]
Dagegen belegen die Aussagen von Paul O’Neill, Bushs vor einem Jahr entlassener Finanzminister,[21] zweifelsfrei, dass die US-Regierung den Krieg gegen den Irak vom ersten Tag ihrer Amtsübernahme geplant hatte. Der amerikanische Angriff auf Bagdad motivierte sich somit nicht, wie man uns fälschlicherweise glauben machen will, aus einer Neubewertung der sicherheitspolitischen Lage nach den Anschlägen des 11. September. O’Neill stellt die Hauptquelle für das Buch „The Price of Loyalty“ („Der Preis der Treue“) des Journalisten Ron Suskind dar. „Nach Angaben von Buchautor Ron Suskind zirkulierten in der Regierung schon in den ersten drei Monaten 2001 Pläne für eine Invasion des Irak, für eine Nachkriegsära und Vorstellungen über die Zukunft des irakischen Öls. Er habe entsprechende Unterlagen von O’Neill und anderen Insidern aus dem Weißen Haus erhalten, sagte Suskind.“ O’Neill wird mit folgenden Worten zitiert: „Es gab von Anfang an die Überzeugung, dass Saddam Hussein ein schlimmer Finger ist und weg muss.“[22] Weiter gibt O’Neill an verwundert darüber gewesen zu sein, dass im Nationalen Sicherheitsrat keine Diskussionen stattfanden, weshalb eine Invasion des Iraks erforderlich sei: „Es ging nur darum, einen Weg zu finden, es zu tun. Das war der Tenor. Der Präsident sagte ‚Suchen Sie mir einen Weg, das zu machen.'“[23]
Obwohl die US-Regierung schnell versuchte O’Neills Angaben zu dementieren, werden dessen Aussagen von Entifadh Qanbar, dem Sprecher der irakischen Exilopposition (Iraqi National Congress, INC) bestätigt, die aufs engste in die amerikanischen Kriegsvorbereitungen involviert war: „Qanbar sagte gegenüber CBS News, dass die Bush Administration bereits kurz nach der Machtübernahme […] darüber diskutiert habe, wie Saddam Hussein beseitigt werden könne.“[24]
„Wie frühere Regierungen waren wir für einen Regimewechsel“, räumte Bush seinerseits inzwischen ein, betonte aber, er habe damit lediglich die Politik seines Vorgängers fortgeführt und keine aggressivere Haltung als Clinton eingenommen.[25] Ein nicht näher genanntes Regierungsmitglied, das ebenfalls an den Diskussionen des Nationalen Sicherheitsrats im Januar und Februar 2001 teilnahm, verdeutlicht gegenüber ABCNEWS worin die Unterschiede zwischen Bush und Clinton lagen: „Der Präsident beauftragte seine Mitarbeiter im Pentagon damit, militärische Optionen, inklusive den Einsatz von Bodentruppen, zu untersuchen. Das ging über die halbherzigen Versuche der Clinton-Administration hinaus, Saddam Hussein ohne Gewalt zu stürzen.“[26]
Zusammenfassend kommt der Spiegel zu dem Ergebnis: „O’Neills Vorwürfe sind nicht aus der Luft gegriffen. Sie bestätigen, was sich seit einigen Wochen sowieso immer mehr herauskristallisiert: Dass Bushs Rechtfertigungsgründe für den Irak-Krieg (das Waffenarsenal, Saddams Verbindung zu den Attentaten des 11. Septembers) nur rhetorisches Schmückwerk für eine längst beschlossene Sache waren.“[27]
Wenn nicht aufgrund des Zusammenhangs zwischen dem Irak und den Anschlägen des 11. September, weshalb mussten dann schätzungsweise 10.000 irakische Zivilisten durch den amerikanischen Angriffskrieg ums Leben kommen?[28] Aufschlussreich sind hier Aussagen führender US-Regierungsmitglieder vor ihrem Amtsantritt.

Der Angriffskrieg war von langer Hand geplant

Eines kann man gewiss nicht behaupten: Nämlich dass sich die neokonservativen Kriegstreiber im Weißen Haus große Mühe gegeben hätten ihre aggressiven Pläne vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Schon Anfang der 90er sprach sich der heutige Vizepräsident und damalige Verteidigungsminister Dick Cheney für eine Invasion des Iraks aus, konnte sich allerdings seinerzeit nicht gegen Stabschef Colin Powell durchsetzen.[29] Schon damals wurde Cheney vom heutigen stellvertretenden Verteidigungsminister und führenden Kopf der Hardliner, Paul Wolfowitz, unterstützt. Dieser ließ in den folgenden Jahren keine Zweifel daran aufkommen, dass ein Angriff auf Bagdad auf seiner Prioritätenliste ganz oben steht, wie er bspws im Jahr 1998 gegenüber dem Sicherheitskomitee des US-Repräsentantenhauses versicherte: „Das wichtigste Problem ist, dass die USA unfähig oder -willig sind eine ernsthafte Irak-Politik zu verfolgen. Eine, die zum Ziel hat das irakischen Volk von Saddam Husseins tyrannischem Griff zu erlösen und die Nachbarn Iraks von Saddams mörderischer Gefahr zu befreien.“[30] Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass ihm der konservative National Review Online wohlwollend bescheinigte, er sei „mit der Vision eines Saddam-freien Mittleren Ostens ins Amt gekommen – und ist sich treu geblieben.“[31] Bedauerlicherweise trifft diese Einschätzung den Nagel auf den Kopf.
Aber nicht nur Cheney und Wolfowitz, nahezu die komplette derzeitige US-Regierung forderte seit langem den Sturz Saddam Husseins. So etwa in einem an Bill Clinton adressierten offenen Brief, ebenfalls aus dem Jahr 1998. Unterschrieben wurde er neben Wolfowitz unter anderem noch von Donald Rumsfeld, Handelsminister Robert Zoellick, dem stellvertretenden Außenminister Richard Armitage und weiteren Regierungsmitgliedern wie John Bolton, Peter W. Rodman, Paula Dobriansky, Elliot Abrams und Zalmay Khalilzad: „Wenn wir den gegenwärtigen Kurs weiter beschreiten wird die Sicherheit der amerikanischen Truppen in der Region, unserer Freunde und Verbündeten wie Israel und eine bedeutende Menge der Weltölversorgung in Gefahr gebracht.“[32]
Öl also, vor allem seine machtpolitischen Aspekte im Kontext der US-Globalstrategie, ist die Ursache für den amerikanischen Angriffskrieg.[33] Schon lange vor Bushs „Wahlsieg“ hatten die Neokonservativen ihre Globalstrategie ausführlich in dem Dokument Rebuilding America’s Defenses vom September 2000 niedergeschrieben.[34] Dort ist die Rede von der „Pax Americana“ als „strategischem Ziel“ der US-Außenpolitik und dem Anspruch auf eine Verewigung der US-Vormachtstellung in der Welt: „Derzeit sieht sich die USA keinem globalen Rivalen ausgesetzt. Die Grand Strategy der USA sollte darauf abzielen, diese vorteilhafte Position so weit wie möglich in die Zukunft zu bewahren und auszuweiten.“[35] Unter anderem wird dort auch eine aggressive Politik gegenüber dem Irak und generell eine umfassende Neuorientierung der US-Sicherheitspolitik, die sich am Ziel der Umsetzung amerikanischer Hegemonialansprüche zu orientieren habe.
Bis zum 11. September 2001 hatten die Neokonservativen allerdings ein großes Problem, das die Verwirklichung ihrer Absichten behinderte, wie das Dokument betont: „Der Prozess der Transformation, selbst wenn er revolutionäre Wandlungen bringt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach ohne ein katastrophales, katalysierendes Ereignis, ähnlich einem neuen Pearl Harbor, ein langer sein.“[36]
Dies ist die einzige Verbindung zwischen den Anschlägen des 11. September und dem Angriffskrieg gegen den Irak. Denn sie trugen maßgeblich dazu bei, diesen „revolutionären Wandel“ – der sich in Form zweier Kriege in Afghanistan und im Irak, der Präventivkriegsstrategie (Bush-Doktrin) und einer rücksichtslos imperialistischen Politik niederschlägt – zu beschleunigen, womöglich sogar überhaupt erst zu ermöglichen. Hierfür war sich die Bush-Administration keiner noch so großen Lüge zu schade.

Endnoten
[1] Vgl. Woodward, Bob, Bush at war, New York 2002; Alcom, Gary, „Cry of the hungry hawks grows louder: Hardliners have had enough of the restraint orchestrated by Colin Powell“, Sidney Morning Herald, 29.09.01.
[2] Lobe, Jim, „The truth, the whole truth and nohing but…“, Asia Times Online, 04.06.03.
[3] Vgl. Pitt, William Rivers/Ritter, Scott, Krieg gegen den Irak: Was die Bush-Regierung verschweigt, Köln 2002.
[4] Cirincione, Joseph/Mathews, Jessica T./Perkovich, George, WMD in Iraq: evidence and implications, Carnegie Endowment for International Peace, January 2004.
[5] ebd., S. 47f.
[6] Gellman, Barton, „Iraq‘ arsenal was only on paper“, Washington Post, 07.01.04.
[7] ebd.
[8] Cirincione u.a., WMD in Iraq, S. 55.
[9] New York Times, zit. nach Vann, Bill, „US withdraws Iraq weapon-hunters as WMD lies crumble“, World Socialist Web Site, 10.01.04.
[10] „How was the U.S. so mislead?“, International Herald Tribune, 12.01.04.
[11] Vgl. Wagner, Jürgen, „Klartext: Paul Wolfowitz benennt die wahren Gründe für den US-Angriffskrieg gegen den Irak“, in: AUSDRUCK – Das IMI-Magazin (Juli 2003), S. 13-15.
[12] Cirincione u.a., WMD in Iraq, S. 50.
[13] Marquis, Christopher, „No ‚smoking gun‘ in Iraq, Powell admits“, New York Times, 09.01.04.
[14] Cirincione u.a., WMD in Iraq, S. 48.
[15] ebd., S. 57.
[16] Vgl. Hersh, Seymour M., „Why did the Administration endorse a forgery about Iraq’s nuclear program?“, in: The New Yorker, 31.03.03; Hauben, Ronda, „‚Macbeth‘ und die gefälschten Niger-Dokumente“, Telepolis, 21.07.03.
[17] Mellenthin, Knut, „Krieg war beschlossene Sache“, Junge Welt, 08.11.04.
[18] Risen, James, „As the war loomed, Iraq offered U.S. a deal“, International Herald Tribune, 07.11.03.
[19] Monbiot, George, „Dreamers and idiots“, The Guardian, 11.11.03.
[20] Pitzke, Marc, „Ein Insider packt aus“, Spiegel Online, 12.01.04.
[21] Er wurde aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über Bushs Steuersenkungspläne gefeuert.
[22] „Bush soll Irakkrieg direkt nach Amtsantritt geplant haben“, dpa/WEB.DE, 11.01.04.
[23] „Kriegsplanungen direkt nach Amtsantritt“, 10.01.2004, http://www.freace.de/artikel/200401/usa110104.html.
[24] „Saddam Ouster Planned Early ’01?“, CBSNews, 10.01.04.
[25] Neighbour, Margaret, „Bush admits he wanted regime change before 11 September“, The Scotsman, 13.01.04.
[26] Cochran, John, „Corroborating O’Neill’s Account“, abcNEWS, 13.01.04.
[27] Pitzke, „Ein Insider“.
[28] Nach Schätzungen von iraqbodycount.org starben im Irak zwischen 8.000 und 10.000 Zivilisten (Stand 12.01.03).
[29] Vgl. Woodward, Bob, The Commanders, New York 1992.
[30] McConnell, Scott, „The Struggle Over War Aims Bush Versus the Neo-Cons“, Antiwar.com, 25.09.01.
[31] Lowry, Richard, „Empty Powell. Colin Powell lacks the most basic ingredient to effective political leadership: ideas“, National Review Online, 20.09.01.
[32] Kagan, Robert/Kristol, William, „The Right War“, The Weekly Standard, 01.10.01.
[33] Vgl. zu den eigentlichen Gründen für den US-Angriff auf den Irak Wagner, Jürgen, Irak als Vorspiel: Die ‚Logik‘ der US-Ölstrategie, IMI-Studie 2003/04 (Februar 2003).
[34] Beteiligt waren neben Wolfowitz noch Lewis Libby, Cheneys heutiger Stabschef und weitere Mitglieder der Bush-Administration.
[35] Rebuilding America’s Defenses. A Report of The Project for the New American Century, September 2000, S. II; Vgl. auch Wolfowitz, Paul, „Remembering the Future“, in: The National Interest (No. 59), Spring 2000.
[36] Rebuilding America’s Defenses, S. 51.

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