Pressebericht - in: Schwäbisches Tagblatt, 26.10.2003

In die Taschen der Reichen

500 Aktivisten demonstrierten in der Tübinger Innenstadt gegen den drohenden Sozialabbau

von: Susanne Wiedmann / Schwäbisches Tagblatt / Pressebericht / Dokumentation | Veröffentlicht am: 27. Oktober 2003

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TÜBINGEN. „Zähne zeigen, so lange wir sie noch haben!“ – „Abrüstung statt Sozialabbau!“ Mit Parolen wie diesen demonstrierten am Samstag rund 500 Aktivisten verschiedener politischer Couleur und aller Altersgruppen gegen die Sozialkürzungen. Vom Europaplatz aus schlängelte sich der Protestzug durch die Mühlstraße und Lange Gasse zum Marktplatz.

Mit wehenden Fahnen und ausgerollten Transparenten versammelten sich die Demonstranten hinter der Hauptpost. Ihrer Wut und Empörung über den „Sozialkahlschlag“ verschafften sie dort bereits Luft. Es sei an der Zeit, auf die Barrikaden zu gehen. „Die Politiker sollen sehen, dass wir nicht blöd sind, sondern blicken, was da passiert“, sagte eine Tübingerin. Ihm werde mulmig, wenn er an die Zukunft denke, gestand ein 19-jähriger Schüler. „Wir stehen auf, weil statt der Solidarität, das Ellenbogenprinzip hochgehalten wird.“

Der Demonstrationszug hielt vor der Tübinger SPD-Geschäftsstelle

Weil Junge gegen Alte, Gesunde gegen Kranke, Berufstätige gegen Erwerbslose, weil Deutsche gegen Immigranten aufgehetzt werden“, richtete sich Marc Amann, Sprecher des globalisierungskritischen Bündnisses „social forum Tübingen/Reutlingen“ an die 500 Teilnehmer.

Zwischenstation vor der Deutschen Bank, Tübingen

Das Netzwerk aus 30 gewerkschaftlichen und politischen Gruppen, Sozialinitiativen, Elternbeiräten, Behindertengruppen und Wohnkollektiven hatte im Verlauf der „Tübinger Aktionstage gegen Sozialabbau“ zur Demonstration aufgerufen. Vom Europaplatz aus bewegte sich der Demonstrationszug zunächst zum SPD-Büro in der Karlstraße, wo die ersten Redner ihren Protest gegen die Bundesregierung durch die Lautsprecher ertönen ließen. Die SPD dürfe ihre unsoziale Politik nicht fortsetzen, sich nicht auf die Seite internationaler Konzerne stellen, forderte Inigo Valdenebro von Attac Tübingen.

Vielmehr solle sie ihre „Rolle als Schiedsrichter im Konflikt zwischen Kapital und Arbeit“ wahrnehmen. Angesichts der Aufwändungen für den „militärischen Komplex“ sei die „Kürzungs- und Streichungswut“ im sozialen Sektor der „blanke Hohn“, sagte Till Gocht von der Informationsstelle Militarisierung. „Wer einerseits Aufrüstung zum Verfassungsrecht erhebt, andererseits Renten kürzt, Eintrittsgelder bei Ärzten einführt und den Sozialstaat bis zur Unkenntlichkeit entstellt, ist ein doppelter Kriegstreiber.“

Auch die Polizei wurde bei der Demo einbezogen

Mit dröhnender Musik, Trillerpfeifen und Trommeln zogen die Demonstranten durch den Stadtgraben in die Lange Gasse. Die Polizei hatte die Route für die Dauer der Protestaktion abgesperrt. Bei der Abschluss-Kundgebung auf dem Marktplatz kritisierte Gotthilf Lorch vom Club Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeF), dass die durch Steuergeschenke an Großverdiener entstehenden Defizite zunehmend von den Armen und dem Mittelstand getragen werden müssten.

„Die Kassen sind aber nicht leer, weil der Blitz reingefahren ist, sondern weil sie mutwillig geplündert wurden“, beklagte Gerlinde Strasdeit, Personalrätin des Tübinger Uniklinikums. „Weil seit Jahren aus den öffentlichen Kassen in die Taschen der Vermögenden und Reichen geschaufelt wurde.“ Geld sei doch da für Millionen-Subventionen in der Biotechnologie und, um dem Chef der Tübinger Chirurgie eine siebenstellige Abfindungssumme zu zahlen.

Rund 500 Demonstranten waren es schließlich auf dem Tübinger Marktplatz

Die Empörung über diesen „Deal“ sei groß. Protest wurde mithin gegen die „maßlose Umverteilung von unten nach oben laut“. Tobias Kaphegyi, der für den Arbeitskreis der Tübinger DGB-Gewerkschaften sprach, warnte davor in „Standortpanik und Sparwahn“ Menschen in Armut und Elend abzudrängen.

Text: Susanne Wiedmann
Bild(er): Hantke, Manfred
Online Redaktion:Hantke, Manfred

Original-URL (mit Bildern):
http://www.tagblatt.de/index.php?objekt=ST&id=37546

Die Internetseite des Social-Forums Tübingen: http://www.social-forum.de

Die zitierte Rede von Till Gocht (IMI):
http://www.imi-online.de/2003.php3?id=702

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