IMI-Standpunkt 2003/074 - in: Süddeutsche Zeitung, S. 9, 21.7.2003

Denk ich an Israel…

Ein jüdischer Historiker beklagt sich über sein Land

von: Dirk Eckert | Veröffentlicht am: 3. August 2003

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MOSHE ZUCKERMANN: Zweierlei Israel? Auskünfte eines marxistischen Juden an Thomas Ebermann, Hermann L. Gremliza und Volker Weiß, Konkret-Texte 34, Hamburg 2003. 139 S., 12 Euro.

Moshe Zuckermann, Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte in Tel Aviv, gehört zu den Israelis, die in oftmals scharfen Worten die israelische Politik gegenüber den Palästinensern kritisieren. Dabei scheut sich der Historiker auch nicht, den Zionismus anzugreifen, was ihm den Ruf eingebracht hat, Antizionist, zu sein. Zu Unrecht, wie das vorliegende Buch zeigt.

„Nach 1945 war das zionistische Projekt Israel nicht nur kein Fehler, sondern eine historische Notwendigkeit“, stellt Zuckermann im Gespräch mit den drei Publizisten Ebermann, Gremliza und Weiß klar. Die Gründung von Israel hält er für ein „gelungenes Projekt“. Trotzdem definiert sich Zuckermann, der nach einem zehnjährigen Aufenthalt in Deutschland nach Israel zurückkehrte, heute als einer, „der den Zionismus a posteriori, heute, nicht mehr akzeptieren kann“.

Seinen Gesinnungswandel führt er zurück auf die inzwischen 35 Jahre andauernde Besatzung der Westbank und des Gaza-Streifens, die, zuerst als Faustpfand für eine Friedensregelung gedacht, schon bald zum „Objekt einer ideologischen, theologisch-religiös aufgeladenen Begierde“ geworden sei. „Auf diese Weise ist der Zionismus zu einer radikal rechten Bewegung geworden, die kein Angebot für einen wirklichen Frieden mehr enthält.“

Bei seinen Gesprächspartnern stößt Zuckermann mit solchen Thesen auf Widerspruch. Für Ebermann, Gremliza und Weiß, die in dem Buch als Frage- Kollektiv auftreten, ist der Zionismus weiterhin „die zweitbeste Lösung, die er von Anfang an war“, und Israel notwendig als Zufluchtsstätte für Juden vor Antisemitismus. Zuckermann ist das zu wenig. Wenn sich die eigene Selbstbestimmung nur aus dem Negativen ableite, sei das für die betroffenen Menschen kein sehr angenehmes Gefühl, kritisiert er.

Daher sei auf Dauer „Israel mit Antisemitismus nicht zu legitimieren, vor allem aber als pulsierende Lebensrealität nicht aufrecht zu erhalten“. Nach Zuckermanns Ansicht sind die beiden in Frage kommenden Alternativen entweder der demokratische oder der jüdische Staat. Wegen der 1,2 Millionen Araber in Israel verwirft er das Prinzip „jüdischer Staat“ jedoch als „einfach nicht mehr praktikabel“. Seine Zukunftsperspektive ist „nicht ein jüdischer Staat, sondern ein israelischer Staat, der sich in den Nahen Osten integriert“.

Hier stößt er bei seinen Gesprächspartnern ein weiteres Mal auf Unverständnis, da sie den arabischen Antisemitismus für gegenwärtig sehr stark halten, so dass Israel sich gar nicht in den Nahen Osten integrieren könne. Doch auch in der Einschätzung der arabischen Welt besteht keine Einigkeit. Wenn die Konkret-Autoren den Koran als „eine der Quellen des heutigen arabischen Antisemitismus“ bezeichnen, hält Zuckermann ihnen Passagen aus dem jüdischen Gebetsritus entgegen und argumentiert, dass alle Religionen gegen Ungläubige nicht sehr menschenfreundlich seien. Aus der Tatsache, dass es in der arabischen Welt Antisemitismus gebe, will er keine „Dämonisierung des Islam“ abgeleitet sehen.

Die Publizisten wiederum beklagen, dass in Deutschland „im Fall Israels immer ungleiche Maßstäbe angelegt werden“: Hierzulande gelte Israel als das einzige Land, das so etwas wie Okkupation betreibt, obwohl etwa Marokko die West-Sahara besetzt halte. Verglichen damit habe es in den von Israel besetzten Gebieten eine „relativ milde Phase der Okkupation“ gegeben. Für Zuckermann ist das jedoch eine „Relativierung israelischer Taten“, die er „mit genau denselben Worten, mit eben diesen Beispielen in Israel von rechtsradikaler Seite“ höre.

Seine persönlichen Erfahrungen in Deutschland als Kritiker israelischer Politik sind andere: „In Deutschland treffe ich einerseits auf Antisemiten, andererseits auf Leute, die mich wegen meiner kritischen Haltung als Vorzeigejuden linker Antisemiten bezeichnen.“ Letzteren hält er spürbar gereizt entgegen: „Kinder, lehrt mich nicht, was Antisemitismus ist. Ich komme aus einem Zuhause, wo man das weiß. Ich brauche euren Nachhilfeunterricht nicht.“

Einig werden sich Zuckermann und seine Gesprächspartner nicht, da sie mit Israel ganz Unterschiedliches verbinden: Der israelische Staatsbürger Zuckermann, der erklärtermaßen gerne in Israel lebt, redet über die israelische Gesellschaft, den Nahost-Konflikt oder die Notwendigkeit, die Besatzung zu beenden. Dabei liefert er den Lesern wunderbar scharfe Analysen zur israelischen Politik. Die Konkret-Publizisten denken dagegen bei Israel an Antisemitismus, völkisches Denken und – letztlich – an Deutschland.

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