Dokumentation / in: ftd.de, 18.7.2003

Plünderung im Akkord

Vor amerikanischen Augen werden Iraks antike Schätze geraubt. Im Hintergrund bereiten US-Sammler einen juristischen Beutezug vor.

von: Hannes Külz / Financial Times Deutschland / Dokumentation | Veröffentlicht am: 19. Juli 2003

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Ihr Handwerk haben die Plünderer im Griff. „Solche Leute würde ich sofort für meine Grabungen einstellen“, sagt Margarete van Ess, Direktorin der Orient-Abteilung am Deutschen Archäologischen Institut. Den Räubern der antiken Schätze in Irak gelinge es, metertiefe Löcher mit senkrechten Wänden abzustechen. „Jemand, der so arbeitet, ist schwer zu finden“, sagt van Ess.

Das Ergebnis der Arbeit findet sie hingegen „erschütternd“. Vergangene Woche war die Archäologin mit einer Delegation der Unesco in Irak unterwegs und machte sich vor Ort ein Bild. Selbst am hellichten Tag rücken ganze Hundertschaften mit Lastwagen an und durchwühlen die archäologischen Stätten Iraks. In fast industriellem Akkord“, so van Ess, suchen sie nach Tontafeln, Rollsiegeln, Töpfen und Terrakotten.

Die Lage ist außer Kontrolle

Auch Monate nach dem Fall Bagdads sind die amerikanischen Besatzer weit davon entfernt, die Lage in Griff zu bekommen. Vornehmlich in der Nähe von Militärcamps wird inzwischen überwacht. Neben den bekanntesten Stätten in Babylon, Nimrud, Hatra und Ur stehen 47 weitere unter Schutz. Bekannt sind über 10.000.

Besonders dramatisch ist die Wühlerei, weil sie die Orte für Archäologen wertlos macht. Knochenstücke oder beschädigte Tontafeln, für die es kein Geld gibt, die aber für die Forschung interessant wären, werfen die Plünderer beiseite. In der Hitze zerfallen die Fundstücke nach wenigen Tagen zu Staub. Außerdem hinterlassen Hacken und grobe Schaufeln Mondlandschaften, in denen eine Rekonstruktion antiker Gebäude unmöglich ist.

Ruf nach dem irakischen Antikendienst

Jane Waldbaum, Präsidentin des Archäologischen Instituts von Amerika (AIA) kennt nur eine Möglichkeit, um das Treiben zu stoppen. „Der Antikendienst muss schnellstmöglich wieder aufgebaut werden“, sagt sie. Jene 25.000-Mitarbeiter-Behörde, die das archäologische Erbe Iraks einst effektiv schützte. Plünderungen gab es so gut wie keine.

Doch seit 1990 ließen die Uno-Sanktionen gegen Irak die Behörde zusammen schnurren wie eine Dattel in der Wüstensonne. Aus Geldmangel strich die Regierung das Budget rigoros zusammen. Mitarbeiter wurden entlassen, kaum mehr als zehn Autos blieben dem Dienst. Die Flugverbotszonen machte den Hubschrauberkontrollen von entlegenen Stätten ein Ende. Um hin und wieder nach dem Rechten zu sehen, nahmen die Wächter einen Bus in die nächstgelegene Stadt und fuhren von dort mit dem Taxi weiter.

Millionengeschäft mit Raubkunst

„Die Zahl der Plünderungen ist seit 1990 explodiert“, sagt McGuire Gibson, Orientexperte der Universität Chicago. Herkunftsdokumente zu fälschen sei kein Problem. Jährlich würden „etliche Millionen Dollar“ umgesetzt.

Inzwischen ist der Antikendienst wieder auf 1500 Mitarbeiter gewachsen. „Sie stehen Gewehr bei Fuß“, sagt Margarete van Ess. Doch loslegen können sie noch lange nicht. Seit der Plünderung des Bagdader Nationalmuseums Mitte April haben sie keine Schreibtische mehr, seit Mai wurde kein Lohn mehr bezahlt. Die paar Dienstwgen, die sie noch hatten, wurden geklaut.

Die Plünderer sind schwer bewaffnet

Gegen die schwerbewaffneten Räuber könnten die Wächter ohnehin kaum etwas ausrichten. In der babylonischen Stadt Isin etwa, im Süden des Landes, konnte nicht einmal die zuschauende Unesco-Delegation die Räuber aus der Ruhe bringen. Ohne Sicherheit für die Wächter gibt es keine Kontrollen, ohne Kontrollen gibt es keine Sicherheit für die Stätten. „Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, sagt Margarete van Ess.

Schwierigkeiten, die Beute wegzuschaffen, haben die professionellen Banden kaum. Noch lange sind die Schmuggelrouten in die Nachbarländer nicht unter Kontrolle. Von den rund 10.000 Gegenständen aus dem so genannten Neuen Magazin im Keller des Bagdader Museums haben ausländische Zollbehörden bislang weniger als 700 wiedergefunden. Metthew Bogdanos, Oberst der US-Marines, der im Auftrag des Pentagon die Raubzüge im Irak-Museums untersucht, nannte Großbritannien und die USA als „Hauptmärkte“.

Der Vertrieb läuft über Ebay

Trotz erhöhter Alarmbereitschaft der US-Behörden sei der Vertrieb noch immer relativ einfach, sagt Patty Gerstenblith, Spezialistin für Antiquitäten-Handelsrecht bei der AIA. „Es ist schwer, den Verkauf über Ebay zu stoppen“, sagt sie, „die meisten Verkäufer bleiben anonym und sitzen in einem anderen Land.“ Sie vermutet, dass auch Auktionshäuser wie Sotheby´s oder Christies außerhalb der öffentlichen Versteigerungen Beutekunst weiterverkaufen. „Private Händler machen das auf jeden Fall.“

In Amerika arbeitet eine schlagkräftigen Sammlerlobby darauf hin, die Kunstschätze künftig auch legal in ihre Vitrinen zu schaffen. Der American Council for Cultural Policy (ACCP), eine private Vereinigung von einflussreichen Museumsberatern, Anwälten und Kunstliebhabern macht sich in Washington gegen die restriktiven US-Einfuhr-Gesetze stark.

Was zählen irakische Gesetze heute?

Bislang verbietet der „National Stolen Property Act“ den Import von Kulturgütern, die einem fremden Staat gehören. Und das irakische Antiquitätengesetz von 1936 besagt, dass alle Gegenstände Irak gehören. Auch solche, die noch unter der Erde liegen. Doch wieviel zählt das Gesetz eines Staates, der am Boden liegt?n

In einer öffentlichen Erklärung reagierten rund 200 Institute, Museen und Archäologen auf den Vorstoß des ACCP. In ihrem Schreiben fordern sie die amerikanische Regierung auf, die Finger von der irakischen Regelung zu lassen.

Sammler wollen Gesetze „entflechten“

William Pearlstein, Schatzmeister der ACCP dementiert vehement, dass seine Organisation irgendeinen Einfluss auf die US-Gesetzgebung nehmen wolle. Ziel der Gruppe sei es, „mitzuhelfen, die amerikanische Öffentlichkeit über die Belange der Sammler zu unterrichten.“ Allerdings, so beklagt der New Yorker Anwalt, sei bei den US-Gesetzen doch einiges im Argen. So hätten die USA den am stärksten regulierten Antiquitätenmarkt weltweit. Ein „verwirrtes und verwirrendes Geflecht“ aus Straf-, Zoll-, und Importgesetzen. Das irakische Gesetz von 1936 zeuge von einer „Kulturpolitik, die auf Nationalismus und Handelssperren“ setze. Mehr Grabungslizenzen für ausländische Archäologen müssten her. Und eine Exporterlaubnis für „überflüssige Objekte“.

Kommt es tatsächlich zu Gesetzesänderungen in den USA oder in Irak, ist der ACCP bereits bestens aufgestellt. Dann dürfte der „Council for cultural property“ ein gehöriges Wort mitreden. Das elfköpfige Gremium berät den Präsidenten bei Vertragsverhandlungen über US-Handelssperren für Kulturgüter aus anderen Ländern. Der derzeitige Council stammt aus der Clinton-Zeit. Sein Nachfolger George W. Bush tauscht ab der nächsten Sitzung das komplette Kollegium aus.

Parteispender als Kunsthüter

An die Spitze hat er den millionenschweren Banker Jay Kislak aus Florida ausgesucht, der sich mit großzügigen Parteispenden an die Republikaner beliebt gemacht hat. Welche Politik die Kommission unter seiner Führung verfolgen wird, verrät Kislak nicht. „Und eine persönliche Meinung habe ich nicht“, sagt er. Auch von der Sammlergruppe ACCP, der er Medienberichten zufolge nahe steht, will er „noch nie im Leben“ gehört haben. Deren Schatzmeister Pearlstein gibt hingegen an, dass Kislak zu den Treffen der Grußße eingeladen wurde.

Unstrittig sind zumindest zwei Dinge: Zum einen, dass der Millionär eine der größten Sammlungen präkolumbianischer Kunst besitzt. Und zum anderen, dass von den neun Staaten, mit denen unter Beteiligung des Council Importsperren ausgehandelt wurden, fünf in Lateinamerika sind.

Wie die Zukunft der Archäologie in Irak aussieht, ist offen. Die US-Regierung müsse Vorschläge für neue Importgesetze machen, sagt Jane Waldbaum, Präsidentin des Archäologischen Institute von Amerika. „Und dann ist der Council dran.“

Original-URL des Artikels: http://www.ftd.de/pw/in/1058101423942.html

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