Pressebericht / in: Telepolis 07.05.2003

Die verlorene Ehre des Osman B.

Die Vorwürfe gegen das "Terrorpärchen von Heidelberg", Anschläge gegen US-Einrichtungen geplant zu haben, erwiesen sich als Luftblasen der Zeugin

von: Peter Nowak / Pressebericht / Dokumentation | Veröffentlicht am: 8. Mai 2003

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Als Terrorpärchen von Heidelberg geisterten Osman P. und seine Freundin Astrid E. im September 2002 durch die Medien [1]. Beide wurden kurz vor dem Jahrestag des Doppelanschlags von New York und Washington in ihrer Walldorfer Wohnung verhaftet. Die Spekulationen kannten zunächst keine Grenzen.

Über Verbindungen zu islamistischen Terrorgruppen wurde ebenso gemutmaßt wie über einen großen Anschlag, den das Duo gegen US-Einrichtungen in Heidelberg zum Jahrestag der Anschläge geplant haben soll. Die Beschuldigten bestritten die Vorwürfe stets vehement, fanden allerdings in den Medien und der Öffentlichkeit zunächst wenig Gehör. Kurz vor den Bundestagswahlen nutzten konservative Politiker den Fall, um der Bundesregierung einen zu laxen Umgang mit der Terrorszene vorzuwerfen und schärfere Gesetze zu fordern.

Auch in den USA schlugen die Festnahmen hohe Wellen. Die Washington Post wollte in dem Duo die größte Gefährdung für US-Personal seit dem 11. September 2001 ausgemacht haben. Dabei hatten die Ermittlungsbehörden schnell herausgefunden, dass die in der Wohnung der Beiden gefundenen Chemikalien zwar am Arbeitsplatz von P. gestohlen wurden, aber zum Bauen von Bomben völlig ungeeignet waren. Der Angeklagte behauptete, er habe die Materialien zum Bau von Böllern benutzen wollen.

Auch die arabischen Hintermänner haben nur in der Phantasie der Hauptbelastungszeugin Cristie A. existiert [2]. Die ehemals enge Freundin von Astrid E. hatte die ganze Sache ins Rollen gebracht. Als sie in der letzten Woche als Zeugin der Anklage ihre eigenen Angaben relativierte [3], war eigentlich schon klar, dass die Anklage mit leeren Händen dastehen würde. Selbst Staatsanwalt Jörg Richert musste Widersprüche in den Aussagen von Cristie A. feststellen. Die Verteidigerin von Osman P., Andrea Combé, sprach gar von einem „Gedankenkonstrukt“, das sich die Zeugin „zusammengesponnen“ habe.

Das Heidelberger Landgericht bestätigte diese Einschätzung mit seinem am Montag gefälltem Urteil. Osman B. und Astrid E. wurden vom Vorwurf freigesprochen, Bombenanschläge geplant zu haben. Trotzdem hat das Verfahren vor allem für Osman P. gravierende Folgen. Wegen Diebstahls von Sprengstoff und eines Drogendelikts wurde er zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Danach soll der seit Jahren in Deutschland lebende Mann in sein Heimatland Türkei abgeschoben werden.

Astrid E. erhielt wegen Cannabisanbau eine sechsmonatige Bewährungsstrafe. Die Politologin Claudia Haydt sieht [4] bei diesem Fall Parallelen an die Terrorhysterie der späten 70er Jahre. Gerade Menschen aus dem arabischen Raum ständen schnell unter Terrorismusverdacht.

Links

[1] http://www.wdr.de/tv/monitor/real.phtml?bid=390&sid=88

[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,213542,00.html

[3] http://www.fr-aktuell.de/ressorts/nachrichten_und_politik/deutschland/?cnt=203101

[4] http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/regionen/Irak/Stimmen/haydt.html

Original-URL: http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/co/14746/1.html

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