taz nrw/köln/ruhr, 17.4.2003

„Kontrolle dem irakischen Volk überlassen“

Die "Irakische Friedensinitiative gegen Krieg und Diktatur" fordert eine begrenzte Aktivität amerikanischer Truppen im Irak. Die taz sprach mit Haitham Altaan, einem 1961 in Mosul geborenen Maschinenbauingenieur und Aktivisten, der unter Saddam Hussein drei Jahre im Gefängnis saß

von: Dirk Eckert | Veröffentlicht am: 17. April 2003

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taz: Saddam Hussein und sein Regime sind gestürzt. Wie war Ihre Reaktion, als Sie davon erfahren haben?

Haitham Altaan: Ich bin froh, dass der Diktator schon weg ist. Aber ich habe immer noch keinen Kontakt zu meinen Verwandten in Bagdad. In der ersten Kriegswoche fiel eine Bombe auf den Stadtteil Shaab. Dort wohnen meine Schwester und meine Schwiegermutter. Wir wissen nicht, wie es ihnen jetzt geht.

taz: Welche Perspektiven sehen Sie für den Irak?

Altaan: Die USA sind den Irakern im Moment willkommen. Wenn sie Demokratie aufbauen, unser Land neu aufzubauen – o.k.! Aber sie dürfen nicht länger bleiben als ein oder zwei Jahre.

taz: Immerhin waren es die USA und ihre Verbündeten, die Saddam Hussein gestürzt haben. Warum das Misstrauen?

Altaan: Als Iraker weiß ich, was im Irak passiert ist, seit der Diktator an der Macht ist. Die USA haben viel gegen das irakische Volk gemacht, aber nicht gegen den Diktator. Etwa das Embargo. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner gekommen sind, um uns zu befreien.

taz: Warum sind die USA im Irak?

Altaan: Es geht um eine neue Weltordnung. Irak ist der zweite Schritt nach Afghanistan. Und es geht um das Öl. Irak hat die zweitgrößten Ölreserven der Welt. Außerdem gab es schon vorher viele Gelegenheiten, die Iraker von dem Diktator zu befreien. Zum Beispiel 1991, der große Aufstand im Irak. Es heißt immer, das war ein schiitischer oder kurdischer Aufstand, aber es war ein irakischer Aufstand. Doch die USA erlaubten dem Diktator, Hubschrauber einzusetzen und seine Truppen, die Republikanischen Garden.

taz: Das war 1991. Was wäre heute die Alternative gewesen?

Altaan: Wir haben immer gesagt: Hebt das Embargo auf, isoliert das Saddam-Regime, unterstützt die irakische Opposition.

taz: Die irakische Opposition hat zumindest in Teilen den Krieg unterstützt.

Altaan: Ich sage Ihnen mal etwas zur irakischen Opposition: Im Irak gibt es verschiedene Oppositionsparteien, etwa die Irakische Kommunistische Partei, gegründet 1934, oder eine islamische Partei, 1958 gegründet, oder die kurdischen Parteien. Diese Parteien sind alle aktiv im Irak, sie sind die richtige Opposition. Doch diese wurden nicht unterstützt, stattdessen haben die USA ab 1992 den bis dahin unbekannten Ahmed Chalabi, der ihre Interessen vetritt, als Oppositionsführer aufgebaut und mit Geld unterstützt.

taz: Zu den Antikriegsdemonstrationen, zu denen auch Ihre „Irakische Friedensinitiative gegen Krieg und Diktatur“ aufgerufen hat, kommen immer weniger Leute. Wofür oder wogegen müsste die Friedensbewegung jetzt auf die Straße gehen?

Altaan: Gegen die Besetzung des Irak. Die USA sagen, der Aufbau des Irak sei ihre Sache. Aber auch die Uno will ihn kontrollieren und Frankreich will die Kontrolle der Europäischen Union. Aber niemand redet davon, die Kontrolle dem irakischen Volkes zu überlassen. Im Moment sind amerikanische beziehungsweise alliierte Truppen im Irak in Ordnung. Das irakische Volk braucht Wahlen, Parteien, eine freie Presse. Doch dann sollten die USA wieder abziehen. Wir müssen unser Land so schnell wie möglich selbst regieren.

Interview: Dirk Eckert

Stichwort: Irakische Friedensinitiative

Der 42-jährige Haitham Altaan ist in Köln in der „Irakischen Friedensinitiative gegen Krieg und Diktatur“ aktiv. Gegründet wurde die Initiative vor einem Jahr, als der Krieg gegen den Irak immer wahrscheinlicher wurde. Die Initiative versteht sich nicht als feste Organisation. Dementsprechend ändert sich auch die Zahl der Teilnehmer. „Mal kommen zwanzig, mal dreißig Leute“, sagt Altaan. Er selbst engagiert sich im „Irakischen Kulturverein“ in Köln, andere kommen zum Beispiel aus dem „Irakischen Studentenverein“.

Die „Irakische Friedensinitiative“ sieht sich als Teil der weltweiten Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung und arbeitet auch mit deutschen Friedensgruppen zusammen. Dort gab es anfangs Probleme, wie Altaan erzählt: „Viele Leute hier, auch in der Linken und der Friedensbewegung, waren gegen den Krieg, aber sonst interessierte sie der Irak nicht.“ Viele hätten die Diktatur als Nebensache abgetan.

Original-URL: http://www.dirk-eckert.de/texte.php?id=402

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