IMI-Standpunkt 2003/037 - in: Volksstimme (Wien)

Der Kritiker und seine Gesellschaft

"Wir haben einen fiktiven Präsidenten, der mit einem fiktiven Wahlergebnis gewählt wurde. Jetzt führt er Krieg aus fiktiven Gründen." - Michael Moore profiliert sich als einer der Sprecher der US-Friedensbewegung.

von: Dirk Eckert | Veröffentlicht am: 3. April 2003

Drucken

Hier finden sich ähnliche Artikel

Spätestens seit er den Oscar für den besten Dokumentarfilm bekommen hat, gehört der Filmemacher und Publizist Michael Moore zu den wohl bekanntesten amerikanischen Kriegskritikern. Macht er so weiter, überholt er noch Noam Chomsky an Bekanntheit, der bislang die Koryphäe war, was Kritik an den Vereinigten Staaten betraf.

Moores Erfolg kommt nicht von ungefähr und ist mehr als verdient. Mit dem Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“ hat Moore eine wunderbare Gesellschaftskritik vorgelegt. Der Film ist ein Frontalangriff auf die amerikanische Waffenlobby. So fragt Moore bspw. den obersten Propagandisten der Waffenlobby, die Hollywood-Legende Charlton Heston, warum in den USA so viel mehr Menschen durch Schusswaffen zu Tode kommen als in anderen Ländern. Allen Ernstes antwortet Heston, das liege daran, dass die Amerikaner eine so gewalttätige Geschichte hätten. Was müsste dann erst in Deutschland los sein, angesichts der Nazi-Vergangenheit, fragt Moore zurück. Und die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, haben die keine blutige Vergangenheit? Heston fällt dazu nichts ein, er blamiert sich vor laufender Kamera. Schließlich bleibt ihm nur noch die Flucht. So schön wie Moore hat schon lange keiner mehr einen Reaktionär bloßgestellt.

Dabei ist Moore eigentlich gar nicht besonders radikal, eher ein Linksliberaler, der sich gerne auch mal als amerikanischen Patrioten bezeichnet. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen hat er für den Bürgerrechtler Ralph Nader Wahlkampf gemacht. Die Hoffnung auf eine Demokratische Partei, die ihren Namen verdient und nicht eine Kopie der Republikaner ist, hat er nie aufgegeben. Wenngleich er die jetzigen Demokraten in „Stupid White Man“, dem Buch, das noch immer auf Platz 1 der Beststeller-Listen rangiert, als „hoffnungslosen Fall“ beschreibt und Bill Clinton den besten republikanischen Präsidenten, den Amerika jemals hatte, schimpft.

Schonungslos geht Moore gegen den alltäglichen Wahnsinn an: die Kriege, den Rassismus, die Waffenlobby, das miese Sozialsystem. Wer auf die Schnelle ein Dutzend gute Argumente gegen Bush sucht – Moore hat sie. Alle Sauereien der Clinton-Regierung? Bei Moore nachschlagen. Dass er dabei immer eine gehörige Portion Satire verwendet, macht die Sache unterhaltsamer und ihn unangreifbar: Wer beim Publikum einen Lacher erzielt, hat gewonnen. Da können die KritikerInnen gegen ihn anschreiben, so lange sie wollen.

Auch im Irak-Krieg ließ Moore seine Fans nicht im Stich. Er nutzte die Oscar-Verleihung für eine Generalabrechnung mit Bush und dem Irak-Krieg, als er sich und die anderen Oscar-AnwärterInnen in der Kategorie Dokumentarfilm, die er mit auf die Bühne genommen hatte, vorstellte: „Wir lieben das Nicht-Fiktive, aber wir leben in fiktiven Zeiten. Wir haben einen fiktiven Präsidenten, der mit einem fiktiven Wahlergebnis gewählt wurde. Jetzt führt er Krieg aus fiktiven Gründen.“ Kürzer geht’s nicht. Für die Oscar-Veranstalter war das zu viel. Sie spielten schnell Musik ein, was den Ruhm des Rebellen Michael Moore, der die Oscar-Verleihung politisierte, natürlich nur noch mehr steigerte. Seine Homepage michaelmoore.com verzeichnet mittlerweile seinen Angaben zufolge mehr Zugriffe als das Weiße Haus. Dort finden sich Reden und Artikel, ebenso das Video zum Song „Boom!“ der Band „System of a Down“, bei dem Moore Regie geführt hat und das die weltweiten Proteste gegen den Krieg verarbeitet.

Der Krieg wird Moore sicher noch viel Gelegenheit für Spott und Kritik bieten. Etwa wenn Militärs im Ruhestand in den Fernsehsendern den Krieg erklären: „Könnte das US-Militär bitte seine Truppen von ABC/CBS/NBC/CNN/MSNBC/Fox zurückziehen?“, fragte er neulich in der „Los Angeles Times“. Dabei braucht er seine Zeit eigentlich, um an seinem nächsten Film zu arbeiten. „Fahrenheit 911″ heißt das Projekt, das sich mit der Zeit nach dem 11. September befassen soll und die Verbindungen zwischen den Familien Bush und Bin Laden thematisiert. Schon in „Bowling for Columbine“ hat er die Terroranschläge vom 11. September als Beispiel dafür gezeigt, wie sich die USA ihre Feinde immer wieder selbst erschaffen. Das wird er jetzt wohl ausarbeiten. Wir dürfen gespannt sein.

Original-URL: http://www.dirk-eckert.de/texte.php?id=401

Ähnliche Artikel