IMI-Analyse 2003/017 - in: exilreset #0

Bodelshausen und die Pipeline


von: | Veröffentlicht am: 10. März 2003

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Bodelshausen, die südlichste Gemeinde des Landkreises Tübingen zählt heute 5.760 EinwohnerInnen. Einer breiteren Öffentlichkeit ist diese Stadt jedoch höchstens dann bekannt, wenn das Stichwort „Nato-Pipeline“ fällt. Dann mag manchen noch die Erinnerungen an die sich außerhalb der Gemeinde befindlichen Tanklager und die dazugehörige Abfüllstation, wie auch der lang anhaltende Widerstand und die Ablehnung von Bevölkerung und Stadt Bodelshausen gegen die Errichtung und Erweiterung des Tanklagers bis hin zum Anschlag auf die sog. NATO-Pipeline bei Lorch im Juni 1984 ins Gedächtnis zurückkehren.

Daß dies nicht nur Ereignisse einer vergangenen Zeit, die des Kalten Krieges sind, mag die Entscheidung des Freiburger Regierungspräsidiums vom 25.2. vorigen Jahres verdeutlichen, in der der Neubau der rund 100 Kilometer langen Kraftstoffleitung von Kehl über den Schwarzwald nach Bodelshausen, 15 Kilometer südlich von Tübingen, genehmigt wurde. Dieses 1990 stillgelegte Teilstück des „Central Europe Pipeline Systems“ (CEPS) soll bis zum Jahr 2006 für geplante 48 Millionen Euro wiedererrichtet und neugebaut werden. Hinzu kommen jährliche Unterhaltskosten in Höhe von 500.000 Euro. Dies, wie auch die ausdrückliche Forderung von Seiten der NATO, wurde von der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der PDS-Bundestagsfraktion hin im August 2001eingeräumt.

Das CEPS wird mit Hilfe des Pipeline- Abschnittes durch den Schwarzwald vervollständigt und wird dadurch militärische Flug- und Transportkapazitäten vor allem im südosteuropäischen Raum mit erweitern helfen. Diese Erweiterungen sind gerade auch im Hinblick auf veränderte Aufgabenstellungen, Interessensgebieten und möglichen Konflikte innerhalb der NATO und der EU wie auch den „Wünschen“ einzelner Staaten wie Deutschland oder den Vereinigten Staaten zu sehen.

Neben dem Central Europe Pipeline System besteht in Deutschland in Schleswig-Holstein noch ein Teil des „North Europe Pipeline System“ (NEPS), welches allerdings in seiner Gesamtheit deutlich kleiner ausgelegt ist als das, wie es schon der Name andeutet, sich über die Staaten Zentraleuropas erstreckende CEPS. Es könnte die Vermutung bestehen, dass die Pipeline in Deutschland direkt durch das Bundesministerium für Verteidigung unterhalten wird. Das ist jedoch nicht der Fall. Sie wird hierzulande seit 1956 von der „Fernleitungs-Betriebsgesellschaft“ (FBG), einem Tochterunternehmen der „Industrieverwaltungsgesellschaft“ (IVG) betrieben. Die IVG trug vor 1951 den Namen „Montan-Industriewerke“ – dem Unternehmen, welchem schließlich die meisten Spreng- und Kampfstoffabriken des nationalsozialistischen Deutschlands unterstanden. Ein weiteres Tochterunternehmen der IVG ist die „Vereinigte Tanklager und Transportmittel GmbH“ (VTG), die den Fuhrpark der seinerzeit über 6400 bundeseigenen Eisenbahn-Kesselwagen verwaltet. Die Waggons werden im „Ernstfall“ für den Treibstofftransport auf der Schiene verwendet werden. In „Friedenszeiten“ sind sie im Regelfall von Unternehmen der Mineralölbranche angemietet.

Der Betrieb der Pipeline wird im Frieden vollständig von der FBG abgewickelt. Die Bundeswehr unterhält die Verbände der Pipelinepioniere, diese wären im „Verteidigungsfall“ für die Betriebsführung zuständig.

Dieser Truppenverband ist ausgebildet, zerstörte Abschnitte durch mobile Rohrsysteme zu überbrücken, um auch unter Gefechtsbedingungen die Leitungen für die logistische Versorgung erhalten zu können.

Das Pipelinenetz in Westdeutschland umfaßte zu Zeiten des Kalten Krieges insgesamt rund 2500 km Strecke, verbunden über 42 Hochdruckpumpstationen und 28 Tanklager. Bei der geographischen Auslegung der Pipeline zielte man auf das Hinterland der Korps der NATO-Partner. Einige militärische Flugplätze und von der IVG bewirtschaftete (nationale) Tanklager sind ebenfalls angeschlossen. Interessant ist hier anzumerken, dass der vierspurige Ausbau der Bundesstraße 27 in Richtung Tübingen seinerzeit auch deshalb in der ausgeführten Form erfolgte, um im „Ernstfall“ nördlich davon einen Behelfsflugplatz nach NATO-Norm einrichten zu können.

Spätestens in drei Jahren, falls es die Durchführung der Bauarbeiten zulassen sollte, dürften nach der Wiederinbetriebnahme der Pipeline, der Verlauf der Rohrleitungen für die aufmerksame Spaziergängerin bzw.

Spaziergänger relativ einfach auszumachen sein. Denn sobald die Leitungen Straßen, Bahndämme, Flüsse, Bäche oder auch Kanäle unterqueren, sind rot-weiße Markierungspfosten an beiden Seiten aufgestellt. Auf freiem Feld stehen diese zumindest in Sichtweite. In zu durchquerenden Wälder eine mindestens 6 m breite Schneise geschlagen. Bei der Errichtung wurden oder werden Wohngebiete nie gekreuzt, sondern immer in Nähe umgangen. Die Röhren mit einem Durchmesser von 200 mm und einer Wandstärke, je nach Grabentiefe zwischen 7,1 und 8 mm, sind in einem mit Sand angefüllten, zwischen 80 und 100 cm breiten und 120 cm tiefen Graben eingebettet.

Im Süden der Bundesrepublik trugen manche Pfosten Schilder mit der Aufschrift: »Treibstoffversorgungsleitung, Bezirksverwaltung Süd, Sitz Idar- Oberstein« angebracht. Mittlerweile sind auch Strassenschilder mit der Aufschrift „FBG“ zu finden.

Bis zum Jahr 1990 bildeten die Treibstofftransporte von und zu dem Tanklager mit einer Kapazität von schließlich 30 000 Kubikmetern, welche eine nicht unerhebliche Gefahr für Bodelshausen und die umliegenden Gemeinden darstellte, eine Quelle der Ablehnung und des Widerstandes gegen die Pipeline. Dies verhinderte zwar nicht die Errichtung von Pipeline und Tanklager, jedoch wurde die freiwillige Feuerwehr Bodelshausen mit vor allem fahrbaren Untersätzen in einem Maße ausgestattet, welches für eine Gemeinde dieser Größenordnung doch eher ungewöhnlich ist. Ob dies allerdings ausgereicht hätte, um einem Unfall von bspw.

einem Tanklastwagen begegnen zu können, mag anheimgestellt bleiben. Diese Straßentransporte könnten nach Aussage Offizieller in Zukunft unterbleiben. Das Tanklager soll in Zukunft ausschließlich als Puffer- und Weiterleitungsstation dienen.

Die Pläne für den Neubau eines Kraftstofflagers und einer Leitung in der Region wurden früher von SPD und Grünen (lokal) bekämpft In unserer Zeit wurde der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping von dem gewesenen Fachbereichsleiter an der Volkshochschule Stuttgart für Gesundheit/Bewegung und Umwelt, Koordinator für die Lokale Agenda 21 in Stuttgart, Mitglied bei den Naturfreunden und jetzigem MdB Winfried Hermann schriftlich aufgefordert die „Akzeptanz für die Reaktivierung der Leitung zu erhöhen“. Dieser Hinweis wurde von Seiten der Regierung aufgenommen und der Pipeline der Grüne Punkt mit der Begründung verliehen, sie sei „umweltverträglicher“ als der Straßentransport. Jedoch zeigen die hohen Bau- und Unterhaltskosten, was von solchen Argumenten zu halten ist.

Auf mögliche Beeinträchtigungen von Grundwasser und Heilquellen, wie auch von Land- und Forstwirtschaft wurde nicht näher eingegangen. Leider wurden die Bedenken und Bitten bzw. Aufforderungen der Umweltverbände, der Gemeinde Baiersbronn, des Tübinger Friedensplenums und des Tübinger Kreisrates Gerhard Bialas (Tübinger Linke/PDS), auf den Neu- bzw. Ausbau der Pipeline zu verzichten, nicht beachtet.

Anmerkend sei hinzugefügt, daß bei freien Kapazitäten die Pipeline, wie schon vor dem Fall der Mauer auch zivil genutzt werden soll und die Unterscheidung zwischen hier „guter“ ziviler Nutzung und da „böser“ Nutzung von Seiten des Militärs nicht zutrifft. Eine korrekte Beschreibung und Analyse des Problems müßte umfassender und tiefer ansetzen.

Für den nächsten Spaziergang in Wald, Feld und Flur wie auch zur Anregung ist nachfolgend noch der geplante Streckenverlauf mit den angrenzenden Ortschaften abgedruckt.

Aalen
Wäschenbeuren
Birenbach,
Börtingen-Zell
Oberwälden
Holzhausen
Uhingen
Schlierbach
Großbettlingen
Industriegebiet Mark/
West, Betzingen
Bodelshausen
Obernau/Niedernau

 

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