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„Abgeknallt wie die Hasen“

Ein Golfkriegsveteran erzählt von Erlebnissen an der irakisch-kuwaitischen Front

von: Dokumentation / Martina Ellis / Michael Ellis / ZDF | Veröffentlicht am: 2. März 2003

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Grobkörnige Aufnahmen von „präzisen“ Bombenangriffen, alliierte Soldaten in Siegerpose im flimmernden Sand und der Mythos vom „Chirurgischen Krieg“ – das sind die Eindrücke, die vom Zweiten Golfkrieg 1991 in Erinnerung geblieben sind. Wie aber ist es damals für die Soldaten an der Front wirklich gewesen? Ein Golfkriegsteilnehmer und seine Frau erzählen.

Die Berichte des britischen Soldaten Michael Ellis entlarven die Legende vom „sauberen Krieg“ durch Präzisionswaffen als Illusion. Sie zeigen eine Realität, in der es keine Kämpfe „Mann gegen Mann“, sondern regelrechte Massaker an irakischen Gegnern gibt. In der die meisten alliierten Soldaten nicht durch den „Feind“ sterben, sondern durch die Fehler der eigenen Seite, durch „Friendly Fire“-Vorfälle. In der zwar Menschen mittels hochpräziser Computertechnik punktgenau Bomben lenken können, in der aber die Soldaten keine Wüstenausrüstung erhalten.

Der frühere Unteroffizier Ellis darf sich zwar nicht selbst äußern, hat er doch beim Ausscheiden aus der britischen Armee schriftlich Stillschweigen versprochen. „Aber keiner hat damals gesagt, dass ich nicht weiter erzählen kann, was er mir erzählt“, sagt seine deutsche Frau Martina Ellis. Also gibt sie einfach seine Erfahrungen weiter, auf Veranstaltungen, in Leserbriefen, in Fernsehdiskussionen – und erzählt, wie der Krieg nicht nur das Leben der Veteranen, sondern auch das ihrer Familien grundlegend verändert hat.

Zur Person

Michael Ellis tritt mit 19 Jahren der britischen Armee bei, ist auf Zypern und in Nordirland stationiert, bis er mit 25 Jahren als Unteroffizier bei den Bodentruppen nach Saudi-Arabien und dann in die irakische Wüste abkommandiert wird. Als einer von 54.000 Briten, die 1990 bis 1991 gemeinsam mit 170.000 US-Soldaten und 4500 Kanadiern gegen Saddam ins Feld ziehen. Ein Jahr nach Kriegsende quittiert er den Dienst, ist seitdem als Fernfahrer tätig. Ellis lebt mit seiner Ehefrau Martina und seinen drei Kindern in Deutschland.

„Das militärische Equipment der Briten in der Wüste war damals einfach untauglich“, erzählt Martina Ellis zum Beispiel. Alle paar Stunden habe bei den Panzern der Sand aus den Getrieben entfernt werden müssen, „sonst wären sie einfach liegen geblieben“. Die Soldaten hätten zudem vielfach überhaupt keine Wüstenausrüstung erhalten: „Mein Mann“, so Ellis, „bekam seine Stiefel erst nach Ende der Kampfhandlungen.

„Mein Mann bekam seine Stiefel erst nach Ende der Kampfhandlungen.“

Quelle: Martina Ellis

Ebenfalls problematisch: Die Warngeräte vor chemischen Waffen lösten oftmals Fehlalarm aus, so dass „die Männer schließlich ihre Schutzanzüge erst gar nicht mehr anlegten: Bei echtem Alarm wäre das tödlich gewesen.“ Die gleichen Geräte, meint übrigens Ellis, „nehmen auch die heutigen Truppen wieder mit in den Golf“.

„Ganz normale Männer“

Der so genannte Feind sei sowieso ganz anders gewesen, als es den Männern immer wieder geschildert worden war: „Wir standen“ , erinnere sich Michael, „damals keineswegs einer hochgerüsteten Armee aus lauter Fanatikern gegenüber.“ Mit Ausnahme der kleinen, gutgerüsteten Gruppe der Republikanergarde – der Leibwächter Saddam Husseiins – seien die Menschen, die auf irakischer Seite kämpften, ganz normale Männer gewesen. Vielfach wohl Handwerker und Bauern, die mit ihren minderjährigen Söhnen an der Front verheizt wurden.

„Die Menschen, die auf irakischer Seite kämpften, sind ganz normale Männer gewesen. Vielfach wohl Handwerker und Bauern, die mit ihren minderjährigen Söhnen an der Front verheizt wurden.“

Quelle: Michael Ellis

Der Zweite Golfkrieg 1990/1991

Im Anschluss an irakisch-kuwaitische Auseinandersetzungen um die Erdölförderung im gemeinsamen Grenzgebiet besetzte Irak am 2. August 1990 Kuwait und erklärte das Emirat zur 19. irakischen Provinz. Weder internationale Sanktionen (Wirtschaftsembargo, Seeblockade) noch die ultimative Resolution des UN-Sicherheitsrates vom November 1990 führten zum irakischen Rückzug. Präsident Saddam Husseins strikte Weigerung, sich der Forderung des UN-Sicherheitsrates nach Abzug seiner Truppen zu beugen, löste am 17. Januar 1991 den zweiten Golfkrieg aus, in dem alliierte Streitkräfte unter Führung der USA Irak eine schwere Niederlage beibrachten (Einstellung der Kampfhandlungen am 28. Februar 1991). Der irakische Versuch, durch Abschuss von Raketen auf Ziele in Israel dieses zu militärischer Vergeltung zu provozieren und so die gegnerische Koalition zu spalten, war fehlgeschlagen. Aus: Der Brockhaus in 15 Bänden

„Das sind“, sagt der Ex-Soldat heute, „einfach arme Schweine“ gewesen. Männer und Kinder, die vielfach nicht einmal Stiefel an den Füßen gehabt hätten und versuchten mit alten russischen Panzern aus den 50er Jahren gegen „die westliche Superarmee“ anzutreten.

Angesichts der übermächtigen Air Force hätten die Iraker nie auch nur den Hauch einer Chance gehabt – sie wurden „abgeknallt wie die Hasen. Der Anblick der massakrierten Menschen, Jung und Alt, Mann und Kind, hat sich tief in das Bewußtsein der westlichen Kämpfer eingegraben“.

Ein hoher Preis

Michael überlebt – aber um einen hohen Preis. Kurz nach dem Krieg bekommt er einen nicht erklärbaren Ausschlag am Oberkörper. Der durchtrainierte Ex-Wettkampfschwimmer, heute 37 Jahre alt, leidet außerdem unter heftigen Nierenschmerzen, starkem Nasen- und Zahnfleischbluten. Viele Kameraden klagen außerdem über Lähmungen der Muskeln und Beeinträchtigungen des zentralen Nervensystems.

Das Krankheitsbild deutet auf das Golfkriegssymptom (GWS) hin, das bis heute unter Militärs, Politikern und Wissenschaftlern umstritten ist. Michael und seine Frau sind sich sicher, dass er, genauso wie Tausende von Michaels Kameraden, mit abgereichertem Uran, so genanntem „Depleted Uranium“ (DU), in Kontakt gekommen ist.

Die Folgen des zweiten Golfkrieges

Der Befehl Saddam Husseins, alle Erdölquellen in Kuwait in Brand zu setzen, führte zu einer Umweltkatastrophe gigantischen Ausmaßes in der Golfregion. Die letzten Brände wurden erst im November 1991 gelöscht. Die Verluste lagen auf irakischer Seite bei rund 100. 000 Soldaten und rund 40. 000 Zivilisten. Die Alliierten hatten nur 130 Tote zu beklagen. Allerdings leiden rund 20. 000 Veteranen unter dem Golfkriegssyndrom (Gedächtnisverlust, chronische Müdigkeit, Depressionen, Muskel- und Gliederschmerzen), über dessen Ursachen bislang nur Hypothesen bestehen (Nachwirkungen von irakischem Giftgas, Schädigungen durch prophylaktisch verabreichte Medikamente gegen Giftgas). Aus: Der Brockhaus in 15 Bänden

Das Pentagon hat mittlerweile offiziell zugegeben, dass amerikanische A-10-Kampfflugzeuge 940.000 Dreißig-Millimeter-Projektile aus abgereichertem Uran verschossen hätten.

Diese DU-Projektile sind panzerbrechend, können zentimeterdicken Stahl durchschlagen. Beim Aufprall wird die kinetische Energie in Hitze umgewandelt, ein Teil des Geschosses entzündet sich – radioaktive und toxische Partikel werden frei. Es entsteht feiner Staub, der eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen werden kann und der über Wasser und Boden in die Nahrungsmittelkette gelangt.

Schlimmer Verdacht

Bis heute kämpfen britische und amerikanische Veteranenvereine darum, einen schlimmen Verdacht auch von offizieller Seite bestätigt zu bekommen: Dass die US Army im Golfkrieg 1991 die Soldaten als Versuchskaninchen benutzte.

Bisher hat nur einer seine Schlacht wirklich gewonnen: Der britische Veteran Shaun Rusling, dem ein britisches Gericht am 23. Mai vergangenen Jahres das Golfkriegssyndrom als offizielle Krankheit anerkannte und es als „Folge eines Militäreinsatzes“ bezeichnete. Bislang war dem britischen Soldaten, genauso wie seinen betroffenen Kameraden, von der Armee die Pension verweigert worden, weil die Symptome nicht als Krankheit anerkannt worden waren.

„Wir wurden“, betont Michael Ellis, „zu keiner Zeit über mögliche Verseuchungsgefahr aufgeklärt. Wenn die Strahlenmeßgeräte ausschlugen, wurden wir damit beruhigt, dass die Dinger defekt seien.

„Wir wurden zu keiner Zeit über mögliche Verseuchungsgefahr aufgeklärt. Wenn die Strahlenmeßgeräte ausschlugen, wurden wir damit beruhigt, dass die Dinger defekt seien.“

Quelle: Michael Ellis

„Zusätzlich habe er vor dem Einsatz von den Armee-Ärzten jede Menge Impfcocktails zum Schutz vor Biowaffen wie Anthrax erhalten. „Wir haben damals natürlich nachgefragt, was da drin ist in den Spritzen. Man hat uns die Antwort verweigert und mit dem Kriegsgericht gedroht“. Diese Kriegs-Impfungen tauchten nie in den Impfpässen auf.

Nur noch geschwiegen

Die Behandlung der psychischen Folgen war nie Thema. Zwar habe die Armee hinterher psychologische Unterstützung angeboten: „Aber wer beim Militär zum Psychiater geht, gilt als Weichei.“ Also sah jeder zu, dass er selbst mit sich fertig wurde. „Direkt nach dem Krieg“, erinnert sich Martina Ellis, „wollten die Männer überhaupt nicht darüber reden, dass da was gewesen ist. Die meisten haben nur noch vor dem Fernseher gesessen und geschwiegen.

„Direkt nach dem Krieg wollten die Männer überhaupt nicht darüber reden, dass da was gewesen ist. Die meisten haben nur noch vor dem Fernseher gesessen und geschwiegen.“

Quelle: Martina Ellis

„Den Familien habe man immer das Märchen vom „Wüstenspaziergang“ aufgetischt. Viele Ehen im Bekanntenkreis der Ellis seien zerbrochen, weil die Veteranen einerseits immer schneller aggressiv wurden, andererseits aber das Interesse an Allem und Jedem verloren hatten.
Erst, wenn einmal alles aus ihnen herausbrach, wurde deutlich, „wie sehr die Erlebnisse an der Seele gefressen haben“, sagt Ellis. Die Erinnerungen an die verstorbenen Kameraden und Freunde, der Anblick der toten Kindersoldaten. Und die Gewissheit: „Mensch, auch Du bist dafür verantwortlich“.

Original: http://www.heute.t-online.de/ZDFde/druckansicht/0,1986,2031963,00.html
(04.02.2003)

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