Dokumentation / in: Die Welt am 16. Jan 2003

Der Soldat Jones

In diesen Tagen, während George Bush Zehntausende Soldaten am Golf aufmarschieren lässt, muss er über die Hinrichtung eines hochdekorierten Soldaten entscheiden. Der schwarze Hauptfeldwebel a.D. Louis Jones hat eine junge Frau erschlagen - Folge des Golfkriegssyndroms oder gemeiner Mord?

von: von Richard A. Serrano / Los Angeles Times / Die Welt / Dokumentation | Veröffentlicht am: 20. Januar 2003

Drucken

Hier finden sich ähnliche Artikel

Louis Jones Jr war ein anderer Mann, als er 1991 nach dem Irak-Krieg heimkehrte. So steht es in seinem psychiatrischen Gutachten, und so hat es auch seine Familie bezeugt. Er trank zu viel, trennte sich von seiner Frau und schließlich auch von der Armee. Nach 22 Jahren Dienst bei der Spezialtruppe einer Luftlandeeinheit in Texas ließ sich der Hauptfeldwebel pensionieren. „Durchgedreht“ sei er gewesen, sagt seine Exfrau, „panisch“ und „unberechenbar“.

Wie unberechenbar, zeigte sich an einem Februarabend 1995. Auf einer nahe gelegenen Militärbasis entführte er eine junge Rekrutin, verschleppte sie in sein Haus, vergewaltigte sie und erschlug sie mit einem eisernen Kuhfuß. Weil er den Mord auf einer Militärbasis begangen hatte, wurde Jones vor ein Bundesgericht gestellt. Die Jury sprach ihn schuldig. Seine Verteidigung – er sei bei Kämpfen in Grenada und am Persischen Golf traumatisiert worden – wiesen sie zurück.

Jones ging in Berufung, schöpfte alle Rechtsmittel aus. Ohne Erfolg. Seine Hinrichtung ist nun für den 18. März angesetzt. Seit 1963 ließ die Bundesregierung zwei Menschen hinrichten: Der Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh und der texanische Drogenboss Juan Garza wurden im Juni 2001 exekutiert. Jones wird wohl die Nummer drei werden. Doch er hat noch eine Hoffnung: Präsident Bush stand unlängst einer Kommission vor, die sich mit den Folgen des Afghanistan-Krieges bei der US Army befasste. Mehrere Soldaten hatten nach ihrer Heimkehr mit extremen psychischen Problemen zu kämpfen. Und drei Soldaten einer Sondereinheit sind angeklagt, im vergangenen Jahr bei ihrer Rückkehr nach Fort Bragg in North Carolina ihre Ehefrauen getötet zu haben.

Am 30. Dezember hat Jones‘ Berufungsanwalt ein Gnadengesuch eingereicht: Jones‘ Strafe solle in „lebenslänglich“ ohne Möglichkeit einer Haftentlassung umgewandelt werden. Das Justizministerium steht mit dem Weißen Haus in Beratungen, wie nun weiter zu verfahren sei. Der Antrag fällt in eine Zeit, in der in Amerika über erzwungene Geständnisse und die Gerechtigkeit der Todesstrafe debattiert wird. Am vergangenen Wochenende haben derartige Bedenken den scheidenden Gouverneur von Illinois dazu bewogen, die Todesstrafe von 167 Häftlingen in lebenslange Haftstrafen umzuwandeln.

Was Louis Jones betrifft: Er hat den Mord zugegeben. Doch seine Petition beinhaltet neue medizinische Beweise. Demnach leidet Jones unter der „schwersten Form des Golfkriegssyndroms“ und hat schwere Gehirnschäden davongetragen, weil er während seines Einsatzes am Persischen Golf mehrfach chemischen Giften ausgesetzt war. Die Petition führt aus, dass es mehrfach Giftgasalarm gegeben habe, als seine Einheit sich in Gebieten bewegte, in denen US-Bomber irakische Waffenlager getroffen hatten und die Chemikalien als giftiger Niederschlag auf die Soldaten heruntergingen.

Das Golfkriegssyndrom ist ein nichtwissenschaftlicher Begriff, der benutzt wird, um eine Reihe von medizinischen Problemen zu beschreiben, unter denen Golfkriegsveteranen zwei bis drei Mal häufiger leiden als andere Veteranen. Zahlreiche Studien belegen, dass ihre Krankheiten zwar real sind, sich aber nicht auf eine spezifische Situation zurückführen lassen.

Der Befund von Jones‘ Gehirnschädigung wurde von Robert W. Haley erstellt, Direktor des Southwestern Medical Center an der Universität von Texas und Experte für Golfkriegskrankheiten. Haley hat festgestellt, dass Jones unter „verstärkter Reizbarkeit, Feindseligkeit und zahlreichen anderen neurologischen Symptomen“ leide, dass Einwirkung der Chemiegifte „Schädigungen der Gehirnzellen verursacht“ hätten und dies „die wahrscheinliche Erklärung für Jones‘ Verbrechen“ sei.

Diese Diagnose wurde erst nach dem Prozess gestellt. Jones‘ Verteidiger hatten während der Verhandlung mit dessen posttraumatischem Stresssyndrom argumentiert – Begleiterscheinungen seines Dienstes im Golfkrieg und bei der Invasion von Grenada 1983. Damals, so Haley, seien die Anwälte sich nicht der schweren Hirnschädigung ihres Mandanten bewusst gewesen. Und die Nation habe sich bis jetzt nicht damit abgefunden, wie verheerend sich die Erkrankungen aus dem Golfkrieg auswirken könnten. Die Anklage wies die Argumente der Verteidigung zurück, schließlich habe Jones den Mord geplant und sorgfältig versucht, ihn zu vertuschen.

In einem Brief an den Präsidenten, den Jones im Todestrakt der Strafanstalt in Terre Haute (Indiana) schrieb, gibt er zu, „schreckliche Verbrechen und Sünden“ begangen zu haben. Er bereue, die 19-jährige Tracie Joy McBride, Rekrutin der Goodfellow Air Force Base im texanischen San Angelo, getötet zu haben. Jones schrieb auch über sein persönliches Versagen seit dem Golfkrieg. „Herr Präsident, es gibt viele, viele Begierden, die uns Menschen in Versuchung führen . . . Ungeachtet dessen, wie wenig oder viel irgendeine Versuchung mich beeinflusst hat: Ich hätte genauso gut ein Mann von hoher Moral sein können. Genauso, wie ich ein guter Soldat war.“

Jones hatte keine Vorstrafen, und wenn man seine Armeeakte betrachtet, war seine militärische Karriere mustergültig. Er kämpfte in zwei Kriegen, war Unteroffizier eines Infanteriezuges und Ausbilder bei den Fallschirmjägern und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. „Sie haben Ihrem Land gut gedient, und wir werden Sie vermissen“, stand auf seinen offiziellen Entlassungspapieren. „Ihre Leistung bringt Ihnen und der Armee der Vereinigten Staaten großes Ansehen.“ Ob Jones‘ Gewalttat etwas mit den emotionalen oder physiologischen Folgen des Krieges zu tun hatte oder mit beiden – das Militär ist sich dessen bewusst, was in Fort Braggs passierte, und plant psychologische Dienste für einen möglichen nächsten Krieg im Irak.

Jeanne Stellman, Professorin für Gesundheitswesen an der Columbia-Universität, befasst sich seit 15 Jahren intensiv mit Vietnamveteranen. Sie fand heraus, dass „Depression, Angstzustände und andere psychische Probleme“ immer noch vielen von ihnen zu schaffen machen – 30 Jahre nach Kriegsende. „Es ist die Aufgabe der Armee, im Krieg zu kämpfen und unser Land zu beschützen“, sagt sie. „Und wir, das Volk, scheinen zu glauben, dass das ohne Schaden getan werden könne. Aber das stimmt nicht.“

Der 52-jährige Jones kommt aus ärmlichen Verhältnissen. Er hatte eine schwere Kindheit und wurde sexuell und psychisch missbraucht, wie in der Beweisaufnahme der Verhandlung festgestellt wurde. Erst in der Armee konnte er sich hervortun. Mark Cunningham, ein Psychologe, der Jones vor dessen Prozess untersucht hatte, sagte, das Militär sei sein Lebensinhalt geworden – so sehr, dass Jones die Armee zärtlich „Sam“ nannte. Stephen E. Peterson, ein Psychiater, der als Zeuge bei dem Prozess auftrat, sagte, Jones habe emotional stark gelitten. In Grenada sprang er mit einem Fallschirm mitten in feindliches Feuer. Er erschoss als Heckenschütze einen feindlichen Soldaten, sah aus nächster Nähe, wie Menschen von Haubitzengeschossen getötet wurden. Und während der Operation „Desert Storm“ musste er an brennenden Ölfeldern vorbei. „Dieser Mann hatte eine Menge Stress in der Armee“, sagt Peterson. „Äußerlich sieht er zwar heil aus. Aber innen drin hat es ihn zerrissen.“

Nachdem Jones vom Persischen Golf zurückgekehrt war, bemerkte seine dritte Frau Sandra Lane, eine Unteroffizierin der Armee, dass er seinen Humor verloren hatte. Er litt täglich unter Kopfschmerzen und trank zu viel. Er wurde tyrannisch, und dann, sagt sie, schlug er sie. Jones suchte Hilfe auf seiner Militärbasis. Er wollte an einem Wutseminar teilnehmen, das ihm helfen sollte, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Doch das Programm wurde gestrichen. Er suchte eine Klinik für psychisch Kranke auf, den Wehrdisziplinaranwalt der Basis und traf sich mit einem Geistlichen. Helfen konnte ihm niemand. Im Frühjahr 1993 schließlich quittierte er den Armeedienst. Er begann ein Studium, verließ die Universität aber rasch wegen schlechter Noten. Danach nahm er mehrere schlecht bezahlte Jobs an, trug Zeitungen aus, arbeitete in Fast-Food-Restaurants und als Busfahrer auf der Militärbasis.

Nur zwölf Tage nach Tracie McBrides Verschwinden wurde Jones verhaftet. Er gestand den Mord und führte die Polizei zur Leiche, die er unter einer Brücke versteckt hatte. Den Ermittlungsbeamten erzählte er, dass er sie entführt habe, weil sie ihn an seine Ex-Frau Sandra erinnerte. Und dass er sich während der Entführung und des Mordes wie fremdgesteuert gefühlt habe. „Es war wie in einem Traum. Was mache ich hier . . .? Die Wut, das Böse – das alles war nicht ich.“

Louis Jones erzählte einem Neurologen, dass er schwarzen Rauch aufsteigen sah, als er die Frau ermordete. Wie damals in Kuwait. Und er habe ein lautes Lachen gehört. „Es war Satans Stimme“, sagte Jones, während er auf einem Stuhl stand, um die Dramatik des Moments zu verstärken. „Da waren drei Millionen Dinge, die in meinem Kopf herumschwirrten.“ Die Staatsanwältin Tanya Pierce hält dagegen, dass Jones sorgfältig versucht habe, den Mord zu vertuschen und Beweise zu vernichten; das Opfer musste auf Handtüchern durch sein Apartment laufen, damit an seinen Schuhen keine Teppichfasern kleben blieben. Sie sagte, dass er gewusst habe, was er tat. „Da war eine Menge mehr. Nicht nur ein paar Schrauben locker. Für die Jury war das nicht stichhaltig.“ Vor Gericht hatte Jones sich bei der Familie seines Opfers entschuldigt: „Und sollte ich auch von nun an bis in alle Ewigkeit mit meinen Schmerzen leben, es würde niemals auch nur annähernd an die Schmerzen heranreichen, die Sie durchleiden müssen. Ich habe ein Leben zerstört, das nicht meines war.“

Reverend Jackson Fry, ein texanischer Pfarrer, der Jones unterstützt, hat kürzlich ebenfalls einen Brief an den Präsidenten geschrieben, in dem er um mildernde Umstände für den Todeskandidaten bat. Er schrieb, dass Jones ein wieder geborener Christ sei und dass von ihm keine Gefahr ausgehe, wenn er sein ganzes Leben im Gefängnis verbringen würde. Fry sieht eine tragische Ironie in Jones‘ Schicksal und was es für Soldaten bedeutet, die in naher Zukunft aus dem Irak zurückkehren. „Die Regierung muss abwägen, ob sie diesen Mann hinrichten wird. Ein Mann, dessen Leiden ganz klar mit seinem Dienst in der Armee in Verbindung stehen und wahrscheinlich bei seinem Verbrechen eine Rolle gespielt haben“, schrieb Fry an Bush. „Zur gleichen Zeit sendet die gleiche Regierung andere Männer und Frauen in die Ungewissheit (into harm’s way), in die gleiche Region, um unser Land zu verteidigen.“ Und er fügt hinzu: „Gerade so, wie es Louis Jones getan hat.“

©Los Angeles Times Übersetzt von Sandra Garbers

Ähnliche Artikel