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Dokumentation / in: ZNet 02.06.2002
Verschwörungstheorien oder strukturelle Analyse: der 11. September - Teil 1:
(1) Was ist eine Verschwörung, was ist eine Verschwörungstheorie?
Eine Verschwörung wird im Allgemeinen als Zusammenschluss zweier oder mehrerer Personen, die im Verborgenen verbrecherische Pläne hegen, definiert (Anm. des Übersetzers: das englische conspiracy entspricht im US-Strafrecht auch dem deutschen Begriff kriminelle Vereinigung). Zu den Beispielen für zugehörige Verschwörungstheorien gehören der Glaube, dass für das Kennedy-Attentat verbrecherische Elemente innerhalb der CIA auf ihrem Kreuzzug gegen den Liberalismus verantwortlich gewesen wären, die Anschuldigung, dass die Verhandlungen zwischen der US-Regierung und dem Iran über die Freilassung der amerikanischen Geiseln in Carters letztem Regierungsjahr fehlschlugen, weil Reagan-Mitarbeiter eine geheime Abmachung mit dem Iran getroffen hätten, derzufolge die Geiseln bis nach den Wahlen festgehalten werden sollten, oder die Behauptung jüngeren Datums, dass es sich bei den Ereignissen des 11. Septembers um das Komplott einer ebenso verbrecherischen wie geschickt agierenden CIA/Mossad-Gruppierung handelte, deren Ziel in einem Rechtsschwenk der amerikanischen und israelischen Politik bestünde.
In einem weiteren Sinne umfassen Verschwörungen auch nicht verbrecherische Handlungen mit genügend konspirativem Charakter. Beispielsweise würde es sich beim 11. September, selbst wenn der US-Präsident und seine höchstrangigen Mitarbeiter die Operation legal durchführen könnten, immer noch um eine Verschwörung handeln. Rechtlich erlaubte Attentate, die man als Unfall tarnt oder jemand anderem in die Schuhe schiebt, könnte man auch unter diese zweite, weitere Definition fassen, da es sich hier nicht nur um geheime, sondern auch mit aktiver Täuschung verbundene Aktionen handelt. Keine Definition von Verschwörung allerdings, so weit gefasst sie auch immer sein mag, beinhaltet sämtliche im Verborgenen ablaufenden Vorgänge. Menschen bedienen sich oftmals geheimer Treffen, um ihre Macht zur Erreichung bestimmter Ziele einzusetzen. Aber wenn es sich dabei jedes Mal um eine Verschwörung handeln würde, ließe sich beinahe alles als Verschwörung deuten. Wenn die Führungsebene von General Motors zusammenkommt, um darüber zu entscheiden, welcher Chevy nächstes Jahr hergestellt werden soll, wäre dies bereits eine Verschwörung. Für jede Geschäftsentscheidung und jedes Ergebnis einer Redaktionssitzung, sogar für die Personalentscheidung eines universitären Fachbereichs, der sich in nicht-öffentlicher Sitzung trifft, würde dasselbe gelten. Der Begriff der Verschwörung ließe sich überall anwenden und wäre daher völlig sinnentleert. Selbst im weitesten Sinne muss also eine signifikante Abweichung vom Normalbetrieb vorliegen. Daher würde niemand alle Geheimoperationen der staatlichen Geheimdienste als Verschwörungen bezeichnen. Spionage gehört zu den normalen und von den Diensten erwarteten Tätigkeiten, niemand bezeichnet sie als Verschwörung. Die meisten wirtschaftlichen oder politischen Entscheidungen werden im Geheimen getroffen; als Verschwörungen gelten sie nur, wenn über das "normale" Verhalten hinausgehende Verhaltensweisen vorliegen, entweder Verstöße gegen die im Umfeld geltenden Normen (im engeren Sinn) oder Manipulationen und das aktive Evozieren falscher Vorstellungen (im weiteren Sinn). Welche Definition auch immer verwendet wird, wir sprechen beispielsweise nicht von einer Verschwörung zum Gewinnen einer Wahl, wenn die verdächtigen Aktivitäten nur darin bestehen, dass Kandidaten und Wahlhelfer nicht-öffentlich an einer effektiven Wahlstrategie arbeiten. Der Wunsch, eine Wahl zu gewinnen, auch wenn man daran im Geheimen arbeitet, stellt eine "normale" Handlungsweise im Rahmen der im Umfeld geltenden Normen dar. Von einer Verschwörung sprechen wir allerdings dann, wenn es zu den Wahlkampfstrategien gehört, die Kampagnenpläne der Gegenpartei zu stehlen, ihre Drinks mit LSD zu "impfen", einen Wahlkampfhelfer behaupten zu lassen, die Gegenseite hätte ihn verprügelt, oder sonstige Aktionen mit Ausnahmecharakter durchzuführen, bei denen die geltenden Normen des Wahlprozesses überschritten werden oder aktive Irreführungen und Manipulationen vorliegen.
(2) Wodurch zeichnen sich Verschwörungstheorien aus?
Jede beliebige Verschwörungstheorie kann wahr oder falsch sein. Automobil- und Reifenhersteller haben tatsächlich zusammen mit Ölfirmen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts konspiriert, um die Grundlagen des kalifornischen Straßenbahnsystems zu unterminieren. Israelische Agenten haben 1954 tatsächlich Geheimoperationen gegen westliche Ziele in Ägypten durchgeführt, um den britischen Rückzug zu verhindern. Die CIA hat tatsächlich eine Schiffsladung nordvietnamesischer Waffen "produziert", um die US-Aggression zu rechtfertigen. Verschwörungen existieren tatsächlich. Aber bei einem Verschwörungstheoretiker handelt es nicht einfach um jemanden, der die Tatsache akzeptiert, dass es bestimmte Verschwörungen gibt. Vielmehr liegen bei Verschwörungstheoretikern meist eine bestimmte allgemeine methodologische Herangehensweise und ein bestimmter Satz von Prioritäten vor. Verschwörungstheoretiker versuchen bestimmte Ereignisse zu verstehen, indem Sie nach im Gruppen Ausschau halten, die im Geheimen agieren, entweder auf verbrecherische Weise außerhalb der im Umfeld üblicherweise geltenden Normen oder zumindest durch die Manipulation der öffentlichen Wahrnehmung, die Schuldzuweisung an andere Parteien etc. Besonders wichtig für Verschwörungstheoretiker sind Methoden, Motive und Ergebnisse des Handelns der Verschwörer. Personen, Terminpläne, Geheimtreffen und gemeinsame verschwörerische Handlungen haben Priorität bei der Bewertung von Ereignissen. Strukturelle Beziehungen geraten dabei fast vollständig aus dem Blickfeld.Verschwörungstheoretiker fragen daher: "Hat Clinton 1998 den Sudan mit Raketen beschießen lassen, um von seinem Ärger mit Monica Lewinsky anzulenken?", anstatt zu versuchen die grundlegenden Merkmale der US-Außenpolitik zu verstehen. Sie fragen "Hat eine Gruppe innerhalb der CIA Kennedy ermordet, um zu verhindern, dass er die Truppen aus Vietnam zurückzieht?", anstatt die gemeinsamen Richtlinien der Vietnampolitik von Kennedy und Lyndon Johnson zu untersuchen, wie dies bei einer strukturellen Analyse der Fall wäre. Da Verschwörungstheorien so viel Gewicht auf einzelne Personen legen, geht es häufig darum, wer was zu wem gesagt hat, ob dieser oder jener durch ein bestimmtes Telefonat belastet wird, welche Zeugen glaubwürdig sind oder nicht, und wer wann was gewusst hat. Es herrscht allgemeines Misstrauen. Für Verschwörungstheoretiker muss nur irgendetwas passieren, schon vermuten sie eine Verschwörung dahinter. Es gibt eine neue Krankheit namens AIDS? Sie muss in einem Labor für biologische Kriegführung entwickelt worden sein. Der in den Whitewater-Skandal verwickelte Clinton-Mitarbeiter Vincent Foster hat angeblich Selbstmord begangen? Jemand muss ihn ermordet haben. TWA 800 und der Airbus 587 sind abgestürzt? Jemand muss eine Rakete abgefeuert haben.
(3) Wodurch zeichnet sich die strukturelle Analyse aus?
Die strukturelle Analyse konzentriert sich auf die Rollen der Agierenden, Anreize für ihr Handeln und andere strukturelle Faktoren, durch die wichtige Ereignisse ermöglicht oder sogar erzwungen werden, und die - was den wichtigsten Faktor darstellt - stets wiederkehrende Wirkungen zeitigen. Bei strukturellen Analysen werden selbstverständlich auch die Handlungen von Einzelpersonen berücksichtigt, diesen wird aber nicht der Status primärer Ursachen zugebilligt. Bei strukturellen Analysen geht es ja gerade darum, über unmittelbar wirksame persönliche Faktoren hinauszugehen und grundlegende Eigenarten der zugrunde liegenden Ordnung auszumachen. Das Ziel besteht darin, etwas über die Gesellschaft oder die Geschichte zu erfahren, nicht über möglicherweise schuldbelastete einzelne Akteure. Wenn die jeweilig Beteiligten nicht zur Stelle gewesen wären, hätte höchst wahrscheinlich irgend jemand anderes ihre Arbeit erledigt. Für den Analytiker von Strukturen wiegt das Verhalten verbrecherischer Elemente weit weniger schwer als die Muster, innerhalb derer die herrschenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Normen zu bestimmten Verhaltensweisen führen. Eine strukturelle Analyse der US-Raketenangriffe auf den Sudan oder der Iran-Contra-Affäre konzentriert sich darauf, wie und warum diese Ereignisse das Ergebnis grundlegender Gegebenheiten der amerikanischen Gesellschaftsordnung sind, nicht auf die persönlichen Winkelzüge des Frauenhelden Clinton oder des außer Kontrolle geratenen Kalten Kriegers Oliver North.
(4) Hat Verschwörungsdenken überhaupt einen Wert für die strukturelle Analyse? Kann das Denken in Strukturen überhaupt Verschwörungen ausmachen?
Es gibt natürlich nicht einfach zu behandelnde Grenzfälle. Jemand könnte die unmittelbaren persönlichen Umstände eines bestimmten Ereignisses auf scheinbar verschwörungstheoretische Art untersuchen, um zu einer allgemeineren strukturellen Analyse beizutragen. Beispielsweise könnte man versuchen, einen Einfluss der CIA bei den Ereignissen des 11. September zu entdecken, um eine weitergehende (wenn auch falsche) strukturelle Theorie zu beweisen: dass die US-Regierung von der CIA beherrscht wird. Eine andere, etwas subtilere Möglichkeit könnte darin bestehen, beweisen zu wollen, dass eine bestimmte Art von Strukturen die darin verstrickten Akteure zu verschwörerischem Handeln drängt. Beispielsweise könnte jemand den Fall Enron untersuchen und dabei nicht nur - als Verschwörungstheoretiker - die unmittelbaren Handlungen des Enron-Aufsichtsrats verdammen, sondern zu dem (richtigen) Ergebnis kommen, dass die Eigenheiten des US-Marktes Verschwörungen der Führungsebenen von Konzernen gegen die Öffentlichkeit durch strukturell bedingte Motivierungen und den gesamten Marktkontext ausgesprochen wahrscheinlich machen. Der Unterschied besteht darin, dass auf der einen Seite versucht wird, eine allgemeine Erkenntnis über die Gesellschaft durch das Verständnis ihrer Strukturen zu gewinnen, auf der anderen Seite hingegen ein Einzelereignis durch die Aktivitäten der unmittelbar beteiligten Akteure erklärt werden soll.
(5) In welchem Verhältnis stehen Verschwörungstheorien und strukturelle Analyse zueinander?
Wer sich politisch engagiert, profitiert in jedem Fall von der strukturellen Analyse, weil hier dauerhaft geltende Faktoren mit allgegenwärtigen und sich wiederholenden Auswirkungen aufgedeckt werden. Wenn andererseits ein Ereignis das Ergebnis einer einzigartigen Konstellation bestimmter Akteure, welche nicht im System begründbare Gelegenheiten ausnutzen, darstellt, spielen strukturelle Erwägungen sicherlich weiterhin eine Rolle, aber wahrscheinlich ist diese Rolle dann nicht verallgemeinerbar, und es kann keine Theorie der strukturellen Beziehungen aufgestellt werden. Ein Staatsanwalt mag sich damit begnügen, einzelne Gesetzesbrecher dingfest zu machen; wer für sozialen Wandel eintritt, muss darüber hinausgehen. Einzigartige Ereignisse können natürlich enorm große Auswirkungen haben - man denke an das Attentat auf Hitler -, aber die Analyse der näheren Umstände dieser Ereignisse führt selten oder nie zur Erhellung der gesellschaftlichen oder geschichtlichen Umstände.
Durch strukturelle Analyse gewonnene Theorien gehen davon aus, dass der Normalbetrieb bestimmter Institutionen und Abläufe zu Verhaltenweisen und -anreizen führt, die den in Frage kommenden Ereignissen zugrunde liegt. Beispielsweise dürfte man bei einer strukturellen Analyse zu dem Ergebnis kommen, dass sich die US-Außenpolitik vor allem im Rahmen von Konzern- und geopolitischen Interessen beschreiben lässt, nicht als Ergebnis der Handlungen von Dunkelmännern, und bei der Analyse der Konzerninteressen dürfte der Schwerpunkt auch eher auf den allgemeinen Interessen liegen, nicht auf den Zielen eines bestimmten verbrecherischen Konzerns, der versucht, die US-Außenpolitik auf Kosten der Allgemeinheit für seine eigenen, eng gesteckten Interessen einzuspannen. Wenn strukturelle Analysen auch Einzelpersonen, ihre Interessen, Terminpläne und Treffen behandeln, so geschieht dies vermutlich im Rahmen einer Aufzählung von Fakten, die der Erklärung bedürfen, nicht weil die Fakten selbst bereits Erklärungen wären. Das Herzstück struktureller Analysen stellen die Auswirkungen von Organisation, Motivierung und Verhalten bestimmter institutioneller Strukturen dar. Einzelpersonen verlieren nicht völlig ihre Bedeutung, werden aber nicht als Primärursachen gedeutet.
Bei Verschwörungstheorien wird diese Gewichtung - unabhängig von der jeweils ausgemachten Verschwörung - umgekehrt. Die spezifischen Täuschungsmanöver verbrecherischer oder wenigstens im hohen Maße doppelzüngiger Elemente treten in den Vordergrund.
Denken wir an die Medien. Wenn man auf der Suche nach Verschwörungen ist, hält man normalerweise nach Zeugnissen der Unterwerfung von Medien unter die Macht Ausschau und findet ein Komplott von bösen Buben - vielleicht Konzernen, vielleicht religiösen Organisationen, vielleicht der Bundesregierung -, das die Medien davon abhält, ihre eigentliche Arbeit zu erledigen. Der Verschwörungstheoretiker will dann in der Regel wissen, wie das Komplott funktioniert, wie es andere Menschen seinem Willen unterwirft, wann die Konspirateure sich treffen etc. In der Diskussion stehen dann die Handlungen irgendeines Klüngels von Redakteuren, Autoren, Nachrichtensprechern, bestimmten Eigentümern oder sogar einer Schauspielerlobby im Vordergrund. Im Gegensatz dazu neigt die strukturelle Analyse dazu, den Schwerpunkt auf interne Medienbürokratie, Sozialisierungsprozesse, profitorientierte Motivationen in einem marktwirtschaftlichen System und Finanzierungsmechanismen (der Verkauf von Zuschauer-/Leserzahlen an die Werbekundschaft), außerdem auf die Interessen der Eigentümer von Medien direkt und im weiteren Sinne als Funktion ihrer Klassenzugehörigkeit zu legen. Durch eine strukturelle Analyse will man für gewöhnlich erfahren, wie die Medien im Innern aufgebaut sind, wie die derart gefundenen Strukturen arbeiten, welche Interessen die Zielvorgaben bestimmen und was daraus abzuleiten ist. Das Denken in Verschwörungstheorien führt in der Regel zu der Forderung, dass die Übeltäter in den Medien entweder dazu gebracht werden, ihre Motive zu ändern, oder durch neue Redakteure, Autoren, Nachrichtensprecher oder Eigentümer ersetzt werden, die sich dann anders verhalten würden. Das Denken in Strukturen leugnet nicht die Möglichkeit, dass personelle Veränderungen positive Auswirkungen haben können, erklärt aber auch, warum diese Auswirkungen von begrenztem Charakter sind. Normalerweise führt dies zu der Forderung, mithilfe von Kampagnen konstanten äußeren Druck als Gegenwicht zum konstanten Druck innerer Strukturen auszuüben und damit den Vernebelungsstrategien der Medien entgegenzuwirken, oder neue Medien zu schaffen, die frei von den institutionellen Zwängen des Mainstream sind.
(6) Warum und wie führen die meisten (wenn auch nicht alle) Verschwörungstheorien dazu, dass die rationale Analyse aufgegeben wird?
Im Rahmen einer berühmten, in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts durchgeführten Studie wollte der Forscher Leon Festinger herausfinden, wie eine religiöse Sekte darauf reagiert, dass der von ihr vorhergesagte Weltuntergang an einem bestimmten Datum nicht stattfindet. Als an dem schicksalhaften Tag nichts geschah, hörten die Gläubigen nicht etwa auf zu glauben. Stattdessen passten Sie ihren Glauben derart an die veränderten Bedingungen an, dass Gott der Menschheit noch einmal eine weitere Chance gegeben hätte; der Rest des Glaubenssystems blieb völlig intakt. Jedermann darf natürlich glauben, was er möchte, aber die Glaubensgrundlagen dieser oder jeder anderen religiösen Sekte sind nicht rationaler oder wissenschaftlicher Natur, denn zu den grundlegenden Eigenschaften wissenschaftlicher Aussagen gehört ihre prinzipielle Falsifizierbarkeit, also die Möglichkeit, dass sie durch gegenteilige Beweise ihre Gültigkeit verlieren. Wenn eine wissenschaftliche Hypothese X vorhersagt und stattdessen Nicht-X eintritt (und dies wiederholt der Fall ist, ohne dass die Diskrepanz durch zusätzliche Erklärungen aufgewogen würde), muss die Hypothese angezweifelt werden. Wenn die Hypothese a priori vorhandenes Wissen ebenso wie aktuell gesammelte Daten ignoriert und trotzdem akzeptiert wird, handelt es sich meist nicht mehr um wissenschaftliches oder auch nur rationales Denken.
Verschwörungstheoretiker tendieren dazu, Gegenbeweise auf ähnliche Weise zu behandeln wie dies bei Festingers religiösen Eiferern der Fall war. Ebenso wie die wunderbaren Wege Gottes die Gläubigen vor den Konsequenzen ihrer falschen Voraussagen gerettet haben, geschieht dies bei widerlegten Verschwörungstheorien durch zusätzliche Verästelungen von Verschwörungen. Wenn Beweise auftauchen, die einer behaupteten Verschwörung entgegenstehen, nimmt das verschwörungstheoretische Denken an, dass diese gefälscht sind. Wenn weitere Beweise die Authentizität der ersten Beweise bestätigen, müssen auch diese weiteren Beweise gefälscht sein. Auf einer Website wird beispielsweise behauptet, dass es sich bei den palästinensischen Selbstmordattentaten in Wirklichkeit um die Coups israelischer Geheimdienste handelt, bei denen israelische Agenten Bomben hochgehen lassen und den Überresten später die Leiche eines Palästinensers hinzugefügt wird. Was aber soll man in dieser Hinsicht von den sich in den Medien äußernden Familienmitgliedern der Selbstmordattentäter halten? Diese Äußerungen scheinen die Verschwörungstheorie ziemlich offensichtlich zu widerlegen. Dies aber stellt für die Verschwörungstheoretiker kein Problem dar. Es wird sofort behauptet, dass alle Interviews mit Familienmitgliedern von den Israelis inszeniert worden sind (siehe http://www.public-action.com/911/toothfairies.html ).
Neigen wir aber nicht alle dazu, Beweise zu ignorieren, die lang von uns gehegten Glaubenssätzen entgegenzustehen scheinen? Und haben wir nicht oft recht damit? Wenn der Zauberer David Copperfield dem Anschein nach eine Frau in zwei Hälften sägt, geben die meisten von uns trotzdem nicht gleich ihren Glauben an Physik und Biologie auf. Stattdessen halten wir uns an frühere Beweise und nehmen an, dass wir irgendwie getäuscht worden sind. Und selbst wenn wir nicht herausbekommen, wie Copperfield die Sache angestellt hat, dürften wir in nächster Zeit nicht einfach so in die nächste offene Kettensäge hineinlaufen. Wir halten vernünftigerweise an unseren Glaubenssätzen fest, weil eine gewaltige Menge an vorher gesammelten Beweisen vorliegt, von denen die vorherrschende Sicht auf die Dinge belegt wird, und nur ein einziger im Fernsehen gezeigter Gegenbeweis.
Verschwörungstheoretiker verfügen in den seltensten Fällen über eine gewaltige Menge an Beweisen, von denen die Verschwörung belegt würde und denen nur ein oder zwei kleine Details entgegenstünden, die man getrost ignorieren könnte. Ganz im Gegenteil werden Verschwörungstheorien oft nur von dünnsten Beweisfäden zusammengehalten und oft stehen dem unwiderlegbare Gegenbeweise entgegen, durch die genau der ursprüngliche Beweis, auf dem die Verschwörungstheorie aufbaut, widerlegt wird.
Offensichtlich handelte es sich bei den Angriffen auf das World Trade Center um eine Inszenierung der US-Regierung, erklärten Verschwörungsfanatiker nur ein paar Tage nach dem 11. September, denn es hätte sich ja herausgestellt, dass die meisten der Entführer noch am Leben wären. Diese Behauptung konnte von anfänglichen Verwirrungen profitieren, verlor aber kurz darauf jede Glaubwürdigkeit. Das hat keinen Verschwörungstheoretiker auch nur eine Sekunde lang zum Nachdenken gebracht. Der Verlust des Hauptbeweises führte keinesfalls dazu, dass man den Glauben an eine Verschwörung verlor. In einem ähnlichen Fall wurde getönt: Warum lässt man von offizieller Seite niemanden die Tonaufzeichnungen des Flugschreibers von Flug 93 anhören, dem Flugzeug, das in Pennsylvania abstürzte? Für Verschwörungstheoretiker war dies ein Beweis dafür, dass es sich bei der offiziellen Version der Entführungsereignisse eine Fälschung handelte. Aber als es den Familien der Opfer mit Verspätung endlich erlaubt wurde, die Bänder anzuhören, hat (fast) niemand der Verschwörungstheoretiker seine Behauptungen zurückgezogen.
(7) Gibt es eine glaubhafte Verschwörungstheorie im Zusammenhang mit den 11. September?
Die Ereignisse des 11. September werden nicht mit einer einzigen, sondern mit Dutzenden, sich oftmals widersprechenden Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht. Daher werden die meisten Verschwörungstheorien nicht nur von Anhängern der strukturellen Analyse zurückgewiesen, sondern auch von den meisten Verschwörungstheoretikern - natürlich mit Ausnahme der Verschwörungstheorie, der sie jeweils selbst anhängen.
Im Folgenden einige der wichtigsten Verschwörungstheorien zum 11. September:
Das World Trade Center wurde nicht von Flugzeugen, sondern durch Explosivstoffe zerstört.
Die Flugzeuge wurden überhaupt nicht entführt, sondern per Fernsteuerung durch die Luftverteidigungsleitstelle NORAD (North American Aerospace Defense Command) gelenkt.
Die Flugzeuge wurden entführt, aber die Entführer wurden vorsätzlich getäuscht und die Flugzeuge dann von NORAD gelenkt.
Die Entführer waren in Wirklichkeit im Auftrag der US-Regierung unterwegs.
Den US-Geheimdiensten war das Komplott bekannt, sie haben aber bewusst keine Gegenmaßnahmen ergriffen, um durch die hohe Zahl von Toten die öffentliche Unterstützung für einen Krieg gegen den Terrorismus, von dem die Regierung profitiert, zu mobilisieren.
Das Komplott wurde in Wahrheit vom Mossad gesteuert.
Dem Mossad war das Komplott bekannt, die Israelis haben aber keine Gegenmaßnahmen ergriffen, weil sie hofften, dass die hohen Zahl von Toten die öffentliche Unterstützung für ihren Krieg gegen die Palästinenser mobilisieren würde.
Der zweite Turm des World Trade Center wurde von einer Rakete getroffen.
Es gab ein gemeinsames Komplott von verbrecherischen Elementen innerhalb der CIA, des Mossad, anderer amerikanischer staatlicher Stellen, von Mobil Oil (gegen die ein Strafverfahren angestrengt würde, dessen gesamte belastende Beweise sich World Trade Center befunden hätten) und der russischen Mafia (die insbesondere vom Handel mit afghanischem Heroin profitierte, den die Taliban unterbunden haben).
Wir sollten hier ehrlich sein. Keine der oben angeführten Theorien scheint uns auch nur im Entferntesten von Interesse zu sein, von plausibel gar nicht zu reden. Keiner von uns hätte sich auch nur fünf Minuten damit beschäftigt, die oberen Behauptungen zu untersuchen, weil sie alle eine ausgesprochene Beleidigung unserer allgemeinen Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert, darstellen. Da aber solche Theorien eine gewisse Popularität im fortschrittlichen politischen Sektor aufweisen, nehmen wir uns in diesem Essay die Zeit, sie kurz zu behandeln. Bevor wir uns allerdings mit einigen von diesen Theorien auseinandersetzen, müssen wir uns darüber klar werden, bei welchen Phänomenen es sich nicht um eine Verschwörung handelt.
(8) Weisen nicht Lügen und Vertuschungsversuche darauf hin, dass eine Verschwörung existiert? Und sind nicht Lügen und Vertuschungsversuche von fundamentaler politischer Bedeutung?
Für diejenigen, die beim 11. September eine Verschwörung am Werk sehen, handelt es sich bei den US-amerikanischen (oder israelischen oder anderen) Verantwortlichen um abgrundtief böse Menschen, die mit voller Absicht Tausende hingeschlachtet oder deren Sterben zugelassen haben. Aber selbst wenn sich herausstellen sollte, dass der 11. September geschehen konnte, weil bestimmte Regierungsbeamte geschlampt oder sich als unfähig erwiesen haben, und dass diese Beamte dann später konspiriert haben, um ihre Schlamperei oder Unfähigkeit zu verbergen, dann handelt es sich dabei natürlich um eine Verschwörung ganz anderen Kalibers als der vorsätzliche Massenmord, den sich die Verschwörungstheoretiker ausmalen.
In der Tat, unfähige und schlampige Beamte sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Und Beamte, die auf illegale Weise versuchen ihre Fehler zu vertuschen, sollten man vor Gericht bringen. Aber weder das eine, noch das andere Problem hat einen Einfluss auf die Politik der Linken oder überhaupt eine wichtige Bedeutung. Im Gefolge des 11. September haben die USA ein Land bombardiert, obwohl es Warnungen gab, denen zufolge dieses Vorgehen zum Hungertod von Millionen von Menschen führen könnte. Die Beschäftigung mit Beamten, die versuchen ihre Inkompetenz zu vertuschen, führt wahrscheinlich nur dazu, dass der ja keineswegs im Verborgenen getroffenen Entscheidung von Bush & Co., unzählige Menschen zu gefährden, nicht genügend Beachtung geschenkt wird.
Im Zusammenhang mit dem 11. September kann wahrscheinlich ohne weiteres von einem enormen Versagen der Geheimdienste gesprochen werden, daher sollte es niemanden verwundern, wenn viele Beamte versuchen möglichst schnell aus der Schusslinie zu kommen. Aus diesem Grund werden dann viele offizielle Versionen der Geschichte des 11. September erzählt, die ebenso viele Widersprüche beinhalten. Dies stellt aber keinesfalls einen Beweis für die Richtigkeit der Verschwörungstheorien dar. Im Gegenteil - wenn die Ereignisse so sorgfältig einstudiert waren, wie von den Verschwörungstheoretikern behauptet wird, hätten die Verschwörer dann bei der Koordinierung dessen, was offiziell erzählt wird, nicht geschickter vorgehen können?
Betrachten wir beispielsweise, was die Verschwörungstheoretiker Illarion Bykov und Jared Israel zu sagen haben: "Offenbar ist Cheney der entscheidende Hinweis herausgerutscht, dass zwischen dem für den Schutz des Präsidenten zuständigen Secret Service und der Luftfahrtbehörde FAA (Federal Aviation Administration) eine Standleitung eingerichtet war, bevor ihm klar wurde, dass er zu viel redete und er den Satz nicht beendete. Aber er redete nicht nur zu viel, er hörte auch zu spät damit auf" (www.emperors-clothes.com/indict/indict-3.htm ).
Hier haben wir also Vizepräsident Cheney, der gerade erfolgreich eine Verschwörung durchgeführt hat, als deren Resultat Tausende von Amerikanern im Feuersturm ihr Leben gelassen haben, und wenn wir dieser Art von Diskussion überhaupt Beachtung schenken, sollen wir glauben, dass er die "Version für die Öffentlichkeit" so schlecht vorbereitet hat, dass ihm an dieser Stelle beinahe die Wahrheit herausrutscht.
Wer sollte die Untersuchung der Ereignisse des 11. September durchführen: der Kongress, ein unabhängiger Ausschuss oder niemand? Bush und Cheney haben versucht, den Umfang der Untersuchung zu beschränken. Für die Verschwörungstheoretiker bedeutet dies einen weiteren Beweis ihrer Schuld. Aber wenn Bush und Cheney wirklich gerade erst ein Komplott geplant und durchgeführt haben, bei dem Tausende ihr Leben gelassen haben, müssten Sie dann vom Mehrheitsführer im Senat, Tom Daschle, wirklich erst "verlangen" die Untersuchung einzuschränken? Wenn er sich unnachgiebig zeigt, warum nicht einen kleinen "Unfall" arrangieren, durch den die Kontrolle über den Senat an die Republikaner zurückfallen würde (denn der Gouverneur von Süd-Dakota, der einen Ersatzmann benennen müsste, ist Republikaner)? Warum wurden übereifrige Reporter, die nach Dokumenten suchen, die belegen könnten, was Bush wirklich wusste, nicht "zufällig" von einem Lkw erfasst? Da wird uns also erzählt, wir hätten einige der rücksichtslosesten und perversesten Mörder, die die Geschichte je gesehen hat, vor uns, und dann "rutscht ihnen etwas heraus" und sie "verlangen" von ihrem Gegner die Untersuchung nicht zu intensiv durchzuführen.
Nachdem man erst einmal das Reich der Verschwörungstheorien betreten hat, gerät man sofort auf schlüpfrigen Grund und schliddert einem Morast entgegen, in dem kein Gegenbeweis jemals ausreichen wird und jeder Bericht mithilfe neuer Annahmen den Bedürfnissen entsprechend uminterpretiert wird. In einer Bertrand Russel zugeschriebenen Anekdote hält dieser einen Vortrag, nach dessen Ende eine ältere Frau auf ihn zukommt und feststellt: "Im Wesentlichen haben Sie ja recht, aber was das Universum angeht, ist Ihnen das Wesentliche entgangen. Alles, was wir sehen können, steht auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte." Russell überlegt einen Moment und sagt dann: "Na gut, aber worauf steht denn die Schildkröte?" Sie antwortet: "Auf einer anderen, noch größeren Schildkröte." Woraufhin Russell fragt, worauf denn diese Schildkröte stehe. Ihre Antwort: "Schildkröten ohne Ende." Nicht viel anders funktionieren meistens Verschwörungstheorien. Wenn eine zunächst aufgestellte Behauptung nicht aufrecht erhalten werden kann, egal, man kann ja eine andere aus dem Hut ziehen.
Weiter mit Teil 2: http://www.imi-online.de/2003.php3?id=382
Stephen R. Shalom & Michael Albert / Bernd Ohm (Übersetzung)/ Dokumentation
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