in: Evangelische Zeitung, 24.11.2002

Mehr als 500.000 Menschen beim Anti-Kriegs-Fest in Florenz

Abschluss des Europäischen Sozialforums ohne Zwischenfälle

von: Evangelische Zeitung / epd / Bettina Gabbe / Dokumentation | Veröffentlicht am: 2. Dezember 2002

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Florenz. Bei der großen Abschlussdemonstration des Europäischen Sozialforums in Florenz geschah, was alle inständig gehofft hatten: Ohne Zwischenfälle marschierten weit mehr als 500.000 Kriegsgegner unterschiedlicher politischer Ausrichtung gewaltfrei durch die Toskana-Metropole. Die im Vorfeld heraufbeschworenen Szenarien von schweren Ausschreitungen wie beim G8-Gipfel vor rund einem Jahr in Genua wurden nicht Wirklichkeit.

Nach dreieinhalb Tagen mit Hunderten von Veranstaltungen verschwand die Angst vor drohender Gewalt, die die Inhalte des Forums der Globalisierungskritiker in der öffentlichen Diskussion in den Hintergrund gedrängt hatte. Unter Begleitung eines massiven, aber kaum sichtbaren Polizeiaufgebots marschierten nach Angaben der Veranstalter eine Million, laut Behörden knapp 500.000 Kriegsgegner durch die verlassene Stadt.

Nachdem die 40.000 Teilnehmer des Sozialforums nicht wie erwartet Zerstörungen angerichtet hatten, solidarisierten sich auch in der Stadt gebliebene Florentiner mit den Demonstrationsteilnehmern. Sie ließen weiße Laken aus ihren Fenstern hängen anstatt Schilder mit der Aufschrift „Wegen Trauerfall geschlossen“, wie die Schriftstellerin Oriana Fallaci gefordert hatte. Ebenso wie die italienische Regierung hatte die gebürtige Florentinerin das Treffen von Globalisierungsgegnern in ihrer Stadt vehement abgelehnt.

In den Tagen des Forums hatten selbst Mobiltelefone in Florenz mit der Melodie des Widerstandsliedes „Bella ciao“ geklingelt. Zum Hauptfeind der versammelten Globalisierungskritiker wurden „internationale Konzerne“. Während die meisten italienischen Teilnehmer vor allem die „Kriegspolitik“ der USA kritisierten, verbreiterten ausländische Teilnehmer wie Tobias Pflüger von der Tübinger „Informationsstelle Militarisierung“ das Bild.

Vor der Ankunft der zahlreichen Busse und Sonderzüge mit Demonstranten hatten die meisten Bewohner die Stadt verlassen. Autos und selbst die in Italien allgegenwärtigen Müllcontainer waren von den Straßen verschwunden. Die Tankstellen mussten auf offizielle Order hin nicht nur während der Demonstration geschlossen sein, sondern auch zuvor ihre Tanks leeren.

Auch der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende von Greenpeace Deutschland, Wolfgang Sachs, und der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele marschierten mit den Kriegsgegnern. Ströbele will nun bei der Bundesregierung gegen Polizeikontrollen an den Grenzen während des Forums protestieren.

Nach dem friedlichen Ablauf des Forums freut sich auch der Gouverneur der Toskana, Claudio Martini, der die Veranstaltung nach Florenz eingeladen hatte, auf das nächste Treffen 2003 in Paris. „Ich frage mich, warum man das alles nicht für möglich gehalten hat.“ Auch Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der das Forum unterbinden wollte, schreibt sich den Erfolg auf seine Fahnen: „Die Regierung hat unter schwierigen Bedingungen das Prinzip der Demonstrationsfreiheit garantiert.“

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