in: Newsweek 26.8.2002, Übersetzung Dagmar Hoffmann (Friedensgruppe Heidenheim)

„Der Todeskonvoi von Afganistan“


von: Dokumentation / Babak Dehghanpisheh, John Barry and Roy Gutman / Newsweek / Übersetzung Dagmar Hoffmann | Veröffentlicht am: 2. Dezember 2002

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Als Bill Haglund die Mondlandschaft von Dasht-e Leili durchwanderte, eine trostlose Ausdehnung leicht gewellter Hügel in Nordafghanistan, fand er Hinweise, halb vergraben im graubeigen Sand. Fäden von Gebetsperlen. Eine wollene Kopfbedeckung. Einige Schuhe. Diese Überbleibsel, sowie Reifenspuren und Kratzer eines Bulldozers ließen vermuten, dass Haglund gefunden hatte, wonach er suchte.

Dann fand er ein menschliches Schienbein, drei Hüftknochen und einige Rippen.

Haglund ist Gerichtsanthropologe und Pionier auf dem Gebiet der „Menschenrechtsarchäologie“. In Dast-e Leili, 15 Minuten Fahrzeit entfernt vom Gefängnis der Nordallianz in Shegerghan, haben streunende Tiere die Beweise an den Tag gebracht. Einige der angeknabberten Knochen waren alt und ausgebleicht, aber einige stammten von Leichen, die erst so kurz begraben waren, dass sich noch Gewebe an den Knochen befand. Der Platz, auf dem der Bulldozer seine Spuren hinterlassen hatte, ließ auf ein Massengrab schließen. Ein verirrter Plastikhandschuh fiel H. ebenfalls ins Auge. Solche Handschuhe werden oft von Leuten benützt, die mit Leichen hantieren und könnten Beweis für ein Mindestmaß an Planung sein, so H….

Im Januar waren zwei Untersuchungsbeauftragte von „Ärzte für Menschenrechte“ („Physicians for Human Rights“ = PHR) ins nahegelegene Sheberghan-Gafängnis vorgedrungen. Was sie sehen, schockierte sie. Mehr als 3000 Taliban-Gefangene, die sich der siegreichen Nordallianz beim Fall von Konduz Ende November ergeben hatten, waren krank und hungernd in einer Einrichtung zusammengepfercht, die Raum für 800 Leute bot.

Dem Befehlshaber der Nordallianz waren die mörderischen Verhältnisse bekannt, aber er machte geltend, er habe kein Geld. Er bat die PHR, Lebensmittel und Vorräte zu schicken und die UN zu bitten, einen Brunnen zu graben, damit die Gefangenen nicht verschmutztes Wasser trinken könnten.

Aber schlimmere Horrorgeschichten kamen von den Gefangenen selbst. Wie schrecklich auch ihre Bedingungen waren, waren sie doch die Glücklichen: sie waren am Leben. Viele Hunderte ihrer Kameraden, sagten sie, waren auf der Reise von Konduz nach Sheberghan ums Leben gekommen, indem man sie in versiegelte Frachtcontainer steckte und dort ersticken ließ. Lokale Hilfskräfte und afghanische Beamte bestätigten unter der Hand, dass sie die gleichen Geschichten gehört hätten. Sie bestätigten auch wiederholte Berichte über die Verbringung vieler der Toten in Massengräber in Dasht-e Leili.

Das war der Zeitpunkt, an dem Haglund hinzugezogen wurde, ein Veteran ähnlicher Untersuchungen in Ruanda, Sri Lanka, auf dem Balkan und anderen Schauplätzen von Gräueltaten. An einer Stelle, die er von den Bulldozerspuren her für eine Ecke des Massengrabs hielt, stieß er eine lange hohle Sonde tief in den dichten Sand. Dann schnupperte er. Der beißende Geruch, der von dem Schaft ausging, war untrüglich. H. und Arbeiter aus der Gegend gruben später fünf Fuß tief und stießen auf eine Schicht verwesender Leichen, eng zusammengepresst in einer Reihe liegend. Sie gruben probeweise einen sechs Yards langen Graben und fanden auf dieser kurzen Strecke 15 Leichen. „Es waren relativ frische Leichen; das Fleisch war noch an den Knochen“, erinnert sich H. „Sie waren spärlich bekleidet, was mit Berichten übereinstimmt, dass sie sich an einem sehr heißen Ort befunden hatten.“ Einige waren an den Händen gefesselt. H. grub drei der Leichen aus, und ein Kollege nahm in einem Zelt die Autopsie vor. Die Opfer waren alle junge Männer, und ihre Körper wiesen keine offenen Wunden auf ? keine Gewehrschüsse, keine Schläge mit stumpfen Gegenständen. Dies, so H., stimmt überein mit den Berichten Überlebender vom Tod durch Ersticken….

Ich kann zuverlässig sagen, dass mehr als 1000 Leute in den Containern starben“, sagt Aziz ur Rahman Razekh, Direktor der afghanischen Menschenrechtsorganisation. Newsweeks ausführliche Befragungen von Gefangenen, Lastwagenfahrern, afghanischen Militärs und örtlichen Dorfbewohnern ? einschließlich der Interviews mit Überlebenden, die sich gegenseitig die Haut ableckten oder daran kauten, um am Leben zu bleiben, lassen ebenfalls vermuten, dass viele Hundert Menschen starben…

Nichts, was Newsweek erfuhr, deutet darauf hin, dass Kenntnis von den Tötungen zu den amerikanischen Streitkräften durchgedrungen ist oder dass sie in der Lage gewesen wären, diese zu verhindern… Aber es ist auch wahr, dass Sprecher des Pentagon nebulöse Antworten gaben, als sie mit Fragen zu dieser Sache konfrontiert wurden. Beamte quer durch die Administration reagierten auf wiederholte Anfragen von Newsweek nicht, die sich auf eine detaillierte Aufzählung der US-Aktivitäten in der Gegend von Konduz, Mazar ?e Sharif und Sheberghan in der fraglichen Zeit bezogen, und Sprecher des Verteidigungsministeriums haben falsche Erklärungen abgegeben.

Auch an die internationalen Organisationen kann man Anfragen stellen. Wie ernsthaft haben die UN Untersuchungen darüber angestellt, was in Sherberghan geschah? Die Berichte von den Gräueltaten kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die internationale Gemeinschaft verzweifelt versucht, Stabilität in Afghanistan herzustellen. Wohlmeinende Beamte fragen sich möglicherweise, ob eine vollständige Untersuchung eine neue Runde von Kämpfen in Afghanistan auslösen könnte. Würde es das wert sein? Ein vertrauliches UN-Memorandum, von dem Teile Newsweek zugänglich gemacht wurden, besagt, dass die Befunde der Untersuchungen in den Dasht ? Leili-Gräbern „ausreichen, um eine regelrechte Untersuchung eines Verbrechens zu rechtfertigen“…

Der Milizenführer, dessen Streitkräfte angeblich die Tötungen ausführte, ist General Abdul Rashid Dostum, einer der unbarmherzigsten und erfolgreichsten Kriegsherren. Dostums Sprecher, Faizullah Zaki, erzählte Newsweek, dass viele Leute den Erstickungstod starben. Aber er bezifferte die Gesamtzahl auf „zwischen 100 und 120 Menschen, ein paar wenige aus jedem Container“, und sagte, dass einige von ihnen schwer verletzt waren und auf dem Weg (an den Folgen) starben. Er vermutete, dass der Aufstand im Qala Jangi ?Gefängnis drei Tage zuvor sich auf die Behandlung der Gefangenen ausgewirkt haben könnte. „Hätte der Vorfall in Qala Jangi nicht stattgefunden, wären die Gefangenen möglicherweise friedlicher überführt worden. Es wären dann weniger Unregelmäßigkeiten passiert“, sagte er und fügte hinzu: „Sie sind erstickt. Gestorben, nicht getötet. Niemand hat irgend jemanden getötet.“ Zaki sagte auch, dass General Dostum nicht vor Ort war, als die Gefangenen in die Container geladen wurden…

Jennifer Leaning, Professorin an der Harvardschule für öffentliche Gesundheit und eine der mit der Untersuchung beauftragten PHR-Leute, sagte: „US-Truppen waren zu der Zeit in der Gegend. Was wussten die USA, und wann und wo ? und was haben sie dagegen unternommen?“

Die Taliban- und Qaida-Truppen in Konduz ergaben sich nach einem ausgehandelten Abkommen… Nach Aussage von Schams-ul-Haq Nasari, einem mittelhohen Nordallianz-Befehlshaber, der daran beteiligt war, wurden die Gespräche in Anwesenheit von drei amerikanischen Geheimdienstoffizieren und einem Dutzend oder mehr Angehörigen von (amerikan.) Spezialtruppen geführt. Der Befehlshaber der Nordallianz, einschließlich General Dostum, stimmten relativ großzügigen Bedingungen zu: Die afghanischen Kämpfer würden die Erlaubnis erhalten, in ihre Dörfer heimzukehren. Die meisten Pakistanis durften ebenfalls heimgehen, nachdem die Amerikaner verdächtige Qaida-Kämpfer herausgesucht hätten. Araber und andere ausländische Kämpfer würden den UN übergeben werden oder einer anderen internationalen Organisation. Gemäß der Aussage eines anderen Afghanen, der bei den Gesprächen anwesend war, Said Vasiquallah, Sadat, bestanden die Taliban-Vertreter darauf, dass ihre Männer sich General Dostum ergeben sollten, weil sie meinten, er sei der Letzte, der Rache für vergangene Tötungen nehmen würde. Die Übergabe würde formell am So., 25. November, beginnen, um den Taliban-Führern Zeit zu geben, den Handel ihren Truppen in Konduz zu „verkaufen“…

Der vereinbarte Platz für die Übergabe war Yerganak, ein Ort in der Wüste ungefähr 5 Meilen westlich von Konduz. Die meisten der Taliban-Spitzen und ausländischen Kommandierenden fuhren hinaus, und ihre Fahrzeuge wurden prompt von der Nordallianz konfisziert. Der Rest ging zu Fuß…

Die Zahl der aus Konduz strömenden Leute überforderte die vorgesehenen Einrichtungen, und die meisten derer, die sich ergaben, warteten drei oder vier Tage in der Wüste. Dostum und ein anderer Nordallianz-Führer, Affa Mohammed, waren in Yerganak, um die Übergabe zu überwachen. Ebenso Dutzende von Truppen amerikanischer Spezialkräfte, wie US- und afghanische Teilnehmer berichteten.

Ungefähr um diese Zeit kamen Soldaten von Dostums Miliz in einem Container-Depot außerhalb von Mazar-i Sharif an ? ungefähr 100 Meilen westlich ? und rekrutierten einen Fahrer, den wir Mohammed nennen wollen, einen bärtigen Mittvierziger…

Mohammed wurde gesagt, dass sein Container-Lastwagen gebraucht würde, um gefangene Taliban-Kämpfer zum Sheberghan-Gefängnis zu bringen. Er sollte sie am selben Abend im alten Fort in Qala Zeini aufnehmen, das an der Straße zwischen Mazar-i Sharif und Sheberghan liegt.

Mohammed kam in Qala Zeini ungefähr um 9 Uhr an jenem Abend an. Einige andere Container-Lastwagen warteten bereits innerhalb des Forts. Ebenso ungefähr 150 Soldaten, alles Afghanen. Ungefähr um 9 Uhr kamen die Gefangenen ? eine Mischung aus Afghanen, Pakistanis, Arabaern und Tschetschenen aus Yerganak in offenen Lastwagen und Pickups an. Soldaten befahlen den Gefangenen, von den Lastern zu steigen und nahmen ihnen ihre Turbane, Kappen und Jacken ab. Dann pferchten sie die Gefangenen in die Container, je 200 in einen Lastwagen. Die Gefangenen erkannten, dass sie nicht heimgebracht wurden wie versprochen. „F… Shamuk Naseri, er hat uns verraten“, schrie ein Gefangener, wie sich ein Fahrer im Nachhinein erinnert. Die Türen der Container-Lastwagen wurden verschlossen.

Die Gefangenen erkannten wahrscheinlich ihr Schicksal. „Tod durch Container“ war ein billiges Mittel des Massenmords gewesen, das sowohl Taliban als auch Nordallianz mindestens fünf Jahre lang praktiziert hatten. Verlassene Frachtcontainer von internationaler Standardgröße ? 40x8x8 ? Fuß ? säumen die Straßen von Afghanistan. Es war , wie erzählt wird, ein wilder Usbekengeneral namens Malik Pahlawan, der 1997 als Erster das Potenzial der Container als Tötungsmaschine erkannte. Nachdem ein Talibanangriff aus Mazar-i Sharif zurückgeschlagen worden war, tötete Pahlawan einem späteren UN-Bericht zufolge ungefähr 1250 Taliban, indem er sie in Containern in der Wüstensonne zurückließ. Als die Container geöffnet wurden, fand man die Insassen schwarz gegrillt vor. Als die Taliban Mazar-i Sharif 1998 einnahmen, töteten sie umgekehrt mehrere Hundert Feinde auf dieselbe Art.

Im Fall der Taliban-Gefangenen von Konduz waren die Novembertemperaturen nicht heiß genug, um die Gefangenen zu schwärzen. Aber nach ein paar Stunden begannen sie an die Seitenwände ihrer überfüllten Zellen zu schlagen. „Wir sterben! Gib uns Wasser!“ schrien einige. „Wir sind Menschen, keine Tiere.“ Mohammed nahm einen Hammer und Meißel, um Löcher in seinen Container zu schlagen, bis einer von Dostums Männern das Schlagen hörte und ärgerlich wissen wollte, was er da mache. Mohammed sagte, dass er Löcher verschließe, um die die Flucht der Gefangenen zu verhindern.

Nachdem der Soldat gegangen war, steckte einer der Gefangenen das Gesicht aus einem der Löcher. „Bist du ein Muslim?“ fragte er. „Ja“, antwortete Mohammed. „Schau meine Zunge an“, sagte der Gefangene und streckte sie heraus. Sie hatte Risse von der Austrocknung. Mohammed füllte eine Zweiliterflasche Fanta mit Wasser und reichte sie durch das Loch. Er schob auch 10 Stücke Brot hinein, alles, was er hatte. „Dank sei Allah, du bist ein Muslim“, sagte der Gefangene.

Einige der anderen Fahrer, die Newsweek ausfindig gemacht hat, sagen ,dass sie ebenfalls zu helfen versucht hätten… (Sie wurden von Dostums Soldaten mit Schlägen daran gehindert.)…

Abdullah war ein der Siedlung Langar Khaneh, die sich nahe bei Fort Qala Zeint befindet. Als die Tore von Qala Zeint für eineinhalb Tage geschlossen wurden und der Verkehr durch Langar Khaneh umgeleitet wurde, wurde Abdullahs Neugierde geweckt. Er ging zum Fort hinüber und spähte hinein. Während er beobachtete, wurden vier Container-Lastwagen ins Fort gefahren. Nicht lange danach kamen Gefangene in Pickups und Kamaz-Lastwagen an. Soldaten im Fort ? Dostums Männer, sagt Abdullah, – fuhren fort, die Gefangenen mit ihren eigenen Turbanen zu fesseln. Diejenigen, die sich nicht schnell genug bewegten oder versuchten, Widerstand zu leisten, wurden geschlagen. Die meisten Gefangenen, sagt Abdullah, wurden an den Oberarmen zusammengebunden, aber … einige unliebsame Gefangene wurden an Händen und Füßen gepackt und mit Bauchlandung in die Container geworfen. Als die Container voll waren, wurden sie verschlossen. Abdullah hatte keinen Zweifel, von was für Vorgängen er Zeuge wurde. „Der einzige Zweck war, die Gefangenen zu töten“, sagt er…

Die Container konnten nicht lange ein Geheimnis bleiben.

„Ich denke, die Amerikaner fanden es bald heraus“, sagt Vasquillah (ein Bekannter Abdullahs, der in Mazar-i Sharif bei den amerikanischen Streitkräften arbeitete).

Sie waren von Beginn an im Sheberghan-Gefängnis. Um 11 Uhr vormittags am 29.11. ? gemäß einem Bericht des Fahrers Mohammed ? verließ ein Konvoi von 13 Container-Lastwagen Qala Zeini. Jeder Fahrer hatte Soldaten in der Kabine neben sich sitzen. Ein Fahrer, den wir Ghassan nennen wollen, der seine menschliche Fracht abgeholt hatte (an einer bestimmten Brücke 31 Meilen westlich von Maza-i Sharif, war ebenfalls um diese Zeit herum unterwegs. Er erinnert sich, dass einige in seinem Container am Leben waren und an die Seitenwände schlugen. „Sie wollten nur Wasser“… „Fahr weiter“, wurde ihm befohlen.

Zu der Zeit, als die Laster im Sheberghan-Gefängnis ankamen, waren viele unheilvoll still. Mohammed war der Fahrer des zweiten Lastwagens, aber er stieg aus der Kabine und ging in den Gefängnishof, als die Türen des ersten Lastwagens geöffnet wurden. Von den ca. 200, die nicht ganz 24 Stunden zuvor in den versiegelten Container geladen worden waren, hatte keiner überlebt. „Sie öffneten die Türen, und die Leichen fielen heraus wie Fisch“, sagt Mohammed. „Alle ihre Kleider waren zerrissen und nass.

Mohammed sagt, dass alle 176 Gefangenen in seinem Lastwagen überlebt hatten, weil er die Befehle missachtet und Löcher in die Seiten geschlagen hatte. (Sein Bericht wird von manchen Zeugen bestätigt.) Er und auch andere sagen aus, dass keine Amerikaner präsent waren, als die Lastwagen von seinem Konvoi geöffnet wurden.

Am folgenden Tag, dem 30. November, kam ein neuer Konvoi mit 7 Lastwagen in Sheberghan an. Der Tag darauf, 1.Dez. brachte einen dritten Konvoi, ebenfalls 7 Lastwagen. Newsweek hat Fahrer von den beiden späteren Konvois ausfindig gemacht. Ihre Erinnerungen besagen, dass die meisten dieser Container viele Tote enthielten. Aber nicht alle. Die Insassen eines Lasters gaben dem Fahrer ungefähr 45000 pakistanische Rupis (ca. 750 Dollar) durch einen Riss im Boden als Bestechung, damit er Luftlöcher schlug und Wasser durch einen Schlauch spritzte. Alle 150 Insassen überlebten. In mindestens einem Container schafften es die Insassen selbst, Löcher in den Holzboden zu reißen, und sie überlebten alle…

Die Fahrer quälen sich nach wie vor mit dem Gedanken an die Rolle, die sie bei dieser Sache gespielt haben. Warum waren keine Leute von der UN da, um die Toten zu sehen? Fragt einer. Warum wurde überhaupt nichts unternommen? Ein anderer Fahrer zitterte unkontrolliert, als er mit Newsweek sprach.

Die Konvois mit den Toten und Sterbenden ebenso wie viele Ladungen mit lebenden Gefangenen scheinen zehn Tage lang in Sheberghan angekommen zu sein. Neugierige wurden ferngehalten. Das Rote Kreuz, das von der laufenden Ankunft aus Konduz erfuhr, wollte am 29. November eine Einlassgenehmigung bekommen. Dostums Befehlshaber im Gefängnis versprach , dass Zutritt innerhalb der nächsten 24 Stunden gewährt würde. Tatsächlich kam aber das Rote Kreuz erst am 10. Dezember hinein. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Leichen wahrscheinlich bereits vergraben…

(Der folgende Abschnitt behandelt Zeugenaussagen, die auffällige Aktivitäten rund um die eingangs erwähnten Massengräber von weitem beobachtet haben; Straßen, die dorthin führten, waren gesperrt. Bulldozer wurden beobachtet…)

Eine ständig wachsende Zahl von Organisationen und Personen weiß im Großen und Ganzen, was nach dem Fall von Konduz passierte. Das Rote Kreuz hat Überlebende befragt und einen Bericht über die Ereignisse zusammengestellt… Untersuchungsbeauftragte der UN waren zugegen, als Haglund seinen Versuchsgraben durch das Dasht-e-Leili- Massengrab zog. Sie erstellten ebenfalls einen Bericht, nachdem sie lokale Zeugen befragt hatten.

Auch die Hilfsmission für Afghanistan der UN und der UN-Beauftragte für Menschenrechte haben hin-und herüberlegt, was zu tun sei. „Sie müssen verstehen, Sie haben es hier mit einer explosiven Angelegenheit zu tun“, sagte ein Rotkreuz-Vertreter in Afghanistan, um zu erklären, warum er zögerte, das Thema zu erörtern. Bis jetzt hat jedenfalls das amerikanische Militär weder eine ordentliche Untersuchung eingeleitet noch wurde von ihm verlangt, an einer teilzunehmen, die von anderen Stellen ausgegangen wäre…

Ende Februar wurden offiziellen Vertretern des Pentagon und des State Department vertrauliche Kopien des ersten formellen Berichts ´übergeben, den Haglund und seine Kollegen vom PHR erstellt hatten. Übereinstimmend hat jedoch das Pentagon geantwortet, dass die Zentrale Befehlsstelle selbst Untersuchungen durchgeführt habe und zu dem Ergebnis gekommen sei, dass US-Truppen nichts von irgendwelchen Tötungen wüssten ? dass das Pentagon in der Tat keine Veranlassung habe zu glauben, dass es solche Tötungen überhaupt gegeben habe.

…“Unsere Jungs waren nicht dabei, haben nichts beobachtet und wussten nichts darüber, – falls wirklich so etwas passiert sein sollte.“

Aber ist das die volle Wahrheit?

Die amerikanische Einheit, die ganz direkt beteiligt war, war das 595 ? A-Team, ein Teil der 5. Spezialkräfte-Einheit, die in Fort Campbell ihre Basis hatte. Der Führer der 595, die aus einem Dutzend Männer bestand, war Captain Mark D. Nutsch.

(Der folgende Abschnitt berichtet von einer Auszeichnung von Capt. Nutsch nach seiner Heimkehr in Kansas sowie davon, dass die 595 direkt mit Dostum zusammenarbeitete. Die Schlacht um Mazar-i Sharif wird geschildert.)

Mitglieder der 595 waren bei Dostum während der Verhandlungen über die Kapitulation und danach wieder bei der Übergab von Yerganak… Die ganzen drei Tage lang, als die ersten Konvois mit Toten in Sherberghan ankamen, waren Spezialkräfte in der Gegend. Es war auch ein getrenntes Team von vier US-Geheimdienstleuten in Kampfausrüstung im Gefängnis, um erste Selektionen von Quaeda-Verdächtigen vorzunehmen. In genau dieser Zeit kamen die Container an..

(Der Arzt der 595, Bill Pelton, war dort und behauptete später, die Leute seien an ihren Verwundungen durch vorherige Kämpfe gestorben.)

Der letzte Abschnitt behandelt die fragwürdige Rolle des Internationalen Roten Kreuzes, das, um Hilfe bringen zu können, auf der Basis von Verschwiegenheit arbeitet. Rotkreuz-Offizielle gaben teils sehr harsche Auskünfte, wenn sie nach den Containern gefragt wurden.

Dagegen haben die PHR, frustriert von den ausbleibenden Antworten sowohl in Kabul als auch in Washington, einen Bericht herausgegeben, der die Funde Haglunds dokumentiert.

Original: http://www.truthout.org/docs_02/08.21A.death.convoy.p.htm

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Übersetzung: Dagmar Hoffmann, Heidenheimer Friedensgruppe, Wildstr. 1 89522 Heidenheim Tel.+Fax: 07321-53544, Konto-Nr. der Friedensgruppe HDH: 12 44 23 000 bei der Heidenheimer Volksbank BLZ 932 901 10

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