in: Neues Deutschland 09.11.2002

In der Festung gegen den Krieg

Auf dem Sozialforum verbünden sich europäische und USA-Friedensbewegung

von: Gerhard Klas / Dokumentation / Pressebericht | Veröffentlicht am: 10. November 2002

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Der Teilnehmerstrom zum Europäischen Sozialforum nach Florenz hält an. Mittlerweile sind es mehr als 35000 Erwerbslose, Migranten, Gewerkschafter, Studenten und Landwirte, die sich im Konferenzzentrum der Fortezza da Basso und anderen Konferenzräumen aufhalten.

Heute startet die Großdemonstration im Rahmen des ersten Europäischen Sozialforums (ESF). Und noch immer treffen in Florenz neue Teilnehmer ein, die sich für eine Gebühr von 30 Euro für das Forum registrieren lassen. Nachts schlafen sie in Schulen, Turnhallen und den Gebäuden der Stadtverwaltung. Einige müssen sich allerdings mit einem Platz im Schlachthof zufrieden geben, wo sie auf Luftmatratzen und Schlafsäcken nächtigen, denn die Kapazitäten der Stadt sind nahezu erschöpft. Das liegt nicht am bösen Willen der Stadtoberen. Ohne die Unterstützung der Stadt Florenz und der Region Toskana wäre dieses Mammuttreffen nicht möglich gewesen.

Professionell auch der Umgang mit den Medien. Für fast 2000 akkreditierte Journalisten stehen 300 PC-Arbeitsplätze bereit, die rund um die Uhr genutzt werden können. Sie sollen die Anliegen des ESF transportieren und so der Medienhetze der Berlusconi-Presse entgegenwirken. Bei einigen hat diese dennoch Früchte getragen. Viele Luxusgeschäfte und Schnellrestaurants der Kette McDonalds haben ihre Geschäfte verbarrikadiert. Die bekannte Schriftstellerin Oriana Fallaci verglich in einem offenen Brief der konservativen Tageszeitung »Corriere della Serra« die Teilnehmer des Forums sogar mit Nazihorden, die 1944 die Brücken des Arno in die Luft sprengten. Der Filmregisseur Franco Zeffirelli, ein Vertreter der rechten Kulturelite, schlägt sie deshalb als »Beschützerin von Florenz« sogar für eine Seligsprechung vor.

Andere schämen sich für das Gebaren ihrer Landsleute. So zum Beispiel ein Antiquariatshändler aus der Via Ricasoli im Zentrum von Florenz. Er hat sich seinerseits mit einem offenen Brief an das Sozialforum gewendet. »Ich schäme mich, wenn ich das Fernsehen anschalte und höre, dass Florenz wie das Schaufenster eines Kaufhauses behandelt wird und nicht wie eine Stadt, die ihren Bürgern gehört«. Viele Bürger lassen sich jedoch nicht beeindrucken und besuchen die Konferenzen des Sozialforums, auf denen sie sich ein Bild über die Friedfertigkeit der Teilnehmer machen können.
Am Freitagmorgen sprachen eine Vertreterin der US-amerikanischen Friedensbewegung, die stellvertretende Vorsitzende von Attac-Frankreich, italienische und tschechische Friedensaktivisten, Tobias Pflüger von der Antimilitaristischen Initiative Tübingen und der britische Universitätsprofessor Alex Callinicos über die Rolle der »EU in der neuen Welt(Un)-Ordnung«. Susan George traf mit ihrem Beitrag gegen einen Krieg in Irak und massiver Kritik an der Politik der USA die Stimmung der fast 4000 Besucher im größten Konferenzsaal in der Festung da Basso.

Andere Redner wie Alex Callinicos knüpften daran an, sprachen sich jedoch vehement gegen die Position aus, die EU könne sich zu einem internationalen Gegengewicht entwickeln. »Die EU ist ebenso eine imperialistische Macht, darüber brauchen wir uns keine Illusionen zu machen«, so der britische Professor. Tobias Pfüger untermauerte diese These und beschrieb den gerade stattfindenden Aufbau einer 60000 Soldaten starken EU-Eingreiftruppe. »Bei dieser Truppe geht es um Angriff«, erläuterte Pflüger. Auch sei das vorläufige »Nein« des deutschen Bundeskanzlers keinesfalls als Gesinnungswandel zu verstehen, sondern als Ausdruck unterschiedlicher Geschäftsinteressen in der Region. Viele Redner kritisierten, dass der Friedensbewegung in Europa oftmals das Etikett »antiamerikanisch« aufgedrückt werde. »Wir sind keine Anti-Amerikaner, sondern gegen die Politik der USA-Regierung«, betonte Flavio Lotti vom italienischen Friedensratschlag, »die Aktivistinnen und Aktivisten der US-amerikanischen Friedensbewegung sind unsere Verbündeten!«.

Collin Kelly, deren Vertreterin, erhielt dann auch tosenden Beifall, als sie an das Rednerpult trat. Ihr Bruder ist bei den Attentaten des 11.September ums Leben gekommen. Das sei nicht der einzige Moment gewesen, an dem sie Tränen vergossen hätte. »Ich habe auch geweint, als unsere Armee Bomben über Afghanistan abgeworfen hat. Auch dort mussten Menschen sterben, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren«, beschrieb Kelly ihre Gefühle und Gedanken. Im Publikum herrschte ergriffenes Schweigen und einige Zuhörer waren so gerührt, dass sie mit den Tränen kämpfen mussten.

Ein abermaliger Stimmungswandel setzte ein, als Collin Kelly, die sich mit weiteren Angehörigen von Opfern des 11.September in der Gruppe »Peaceful Tomorrow – friedliches Morgen« organisiert hat, die Bedeutung einer Zusammenarbeit zwischen der europäischen und USA-Friedensbewegung betonte. Als sie dann noch konstatierte, dass eine Veränderung der Verhältnisse in Irak niemals durch eine militärische Intervention, sondern nur durch eine Unterstützung der demokratischen Oppositionskräfte zu gewährleisten sei, standen mehrere tausend Zuhörer auf und klatschten minutenlang Beifall. »Ein guter Auftakt für die Großdemonstration gegen Krieg«, freute sich ein Zuhörer aus Deutschland.

Original: http://www.nd-online.de/artikel.asp?AID=26317&IDC=2&DB=O2P

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