in Tagesspiegel, 08.10.2002

Danke, Germany!

Die Teilnehmer der Anti-Kriegs-Demonstration in New York sehen in Gerhard Schröder eine Art Friedensengel

von: Marc Deckert, New York / Dokumentation / Tagesspiegel | Veröffentlicht am: 10. Oktober 2002

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„Deutschland hat ausnahmsweise Recht?, steht auf dem Schild, das ein Demonstrant die New Yorker Fifth Avenue hinaufträgt. Es ist ein wunderschöner Herbsttag unter blauem Himmel. Die Temperaturen sind so angenehm, dass die Menschen im T-Shirt unterwegs sind. An solchen Sonntagvormittagen ist die Museumsmeile auf der Ostseite des Central Parks normalerweise voller Touristen. Doch heute dominieren die Szene zwischen Guggenheim und Metropolitan Museum Schilder und T-Shirts mit Slogans. Eine Reihe von Organisationen und Friedensaktivisten hat unter dem Motto ?Nicht in unserem Namen? zur bislang größten New Yorker Friedensdemonstration aufgerufen und Zehntausende überwiegend jugendlicher Demonstranten sind gefolgt. Und für sie ist Gerhard Schröder in diesen Tagen kein Verräter, sondern ein Hoffnungsträger.

Ein Strom zieht zu einer Wiese im Central Park, dazwischen sind hier und da Anwohner von der Upper East Side zu sehen, die sich in das Getümmel verirrt haben. Man erkennt sie an den kleinen Hunden, die sie aus Angst, ihnen könnte etwas passieren, lieber auf dem Arm tragen. Als Datum der Demonstration hatten die Organisatoren den Tag gewählt, an dem vor einem Jahr die ersten amerikanischen Bomben auf Afghanistan fielen.

Momentan stehen die Chancen für Frieden ebenso schlecht wie damals. Wenige Tage vor der richtungsweisenden Entscheidung im Kongress wirbt Präsident Bush immer hörbarer für das Recht auf einen Erstschlag gegen den Irak. Im Repräsentantenhaus unterstützten Führer beider Parteien eine Resolution, die Bush berechtigt, Krieg gegen Saddam zu führen. Nach einer Gallup-Umfrage sind immerhin 58 Prozent der Amerikaner für einen Einsatz von Bodentruppen im Irak, selbst wenn dieser nicht durch UN-Resolutionen gedeckt sein sollte.

Doch zugleich tauchen die ersten sichtbaren Zeichen des Widerstands auf: Vor allem jene großen Anzeigen, die in den vergangenen Wochen von Prominenten und Intellektuellen in Zeitungen geschaltet wurden. In ihnen wurde Präsident Bush so deutlich attackiert wie selten zuvor. Offen warfen ihm Prominente wie der Regisseur Oliver Stone oder der Autor Gore Vidal eine ?imperialistische Politik? und die ?Manipulation? der amerikanischen Bürger vor. Auch die Demonstration in New York ? in anderen Städten finden zeitgleich Kundgebungen statt ? steht im Zeichen politischer Konfrontation. Niemand singt pazifistische Lieder. Und es gibt kaum ein Plakat, das Präsident Bush nicht direkt angreift. Einige fordern genau wie dieser einen ?Regimewechsel? ? allerdings in Washington, nicht in Bagdad. Die Demonstration richtet sich offiziell nicht nur gegen einen scheinbar unbegrenzten ?Krieg gegen den Terrorismus?, sondern zugleich gegen den vor einem Jahr mit dem ?Patriot Act? begonnenen Abbau von Bürgerrechten und ?polizeistaatliche Methoden? im Inneren. Von einer Bühne auf einem sandigen Platz im Central Park, über der der Slogan ?Not in our name? prangt, breitet sich kreisförmig ein Menschenmeer aus. Rund 20000 sind es zur Mittagszeit. Überall sind die schwarzen T-Shirts von ?New Yorkers say No to war? mit dem Logo der Zwillingstürme zu sehen, die in den letzten Wochen zur Marke der Friedensbewegung in den USA geworden sind.

Die erste Rednerin des Nachmittags heißt Colleen Kelly. Ihr Bruder Bill starb am 11.September im World Trade Center. ?Der Gedanke verzehrt mich, dass diese Kriege auch im Namen meines Bruder geführt werden?, ruft Colleen Kelly von der Bühne aus und bekommt großen Applaus. Die 40-jährige Krankenschwester aus der Bronx ist Mitbegründerin einer Organisation von Opferfamilien, die sich gegen den Militärangriff auf Afghanistan und den möglichen Schlag gegen den Irak wenden. Später, hinter der Bühne, erzählt sie, wie schwer es für sie war, sich als Angehörige gegen den Krieg in Afghanistan auszusprechen. ?Wir waren anfangs eine sehr kleine Minderheit, doch jetzt treffe ich immer mehr Opferfamilien, die nicht verstehen, was der Irak mit dem 11.September zu tun hat. Die Leute beginnen zu fragen ,Was soll der Unsinn??? Colleen Kelly hat ein sympathisches, offenes Gesicht, ihre schwarzen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie spricht voller Bescheidenheit, während ein wenig abseits ihr Mann steht und ihr kleiner Sohn herumtollt. In die Rolle der Sprecherin hat sie sich nicht gedrängt, und sie wirkt, als sei ihr diese Position selbst ein wenig suspekt. Doch andererseits sagt sie: ?Es gibt kein wichtigeres Thema als Krieg und Frieden. Wo ist die nationale Debatte darüber?? Seit Monaten versucht Colleen Kelly mit ihrer Gruppe Kongress-Abgeordnete, die als Friedenspolitiker gelten, auf ihre Seite zu ziehen. Doch sie sagt, die Resonanz sei minimal. ?Die glauben, eine ablehnende Haltung sei unpopulär.? Insofern ist sie froh über jede Hilfe, selbst wenn die vom deutschen Bundeskanzler im Wahlkampf kommt: ?Wir müssen uns bei euch bedanken?, sagt Colleen Kelly, und das klingt, als sei es ehrlich gemeint.

Auch die ?New York Times? glaubt, dass das Thema Irak für viele Liberale zu heikel sei. In ihrer Sonntagsausgabe stellt sie fest, dass sich vor allem die üblichen Hollywood-Pazifisten diesmal kaum zu Wort melden. Einige jedoch tauchen im Central Park auf ?, und sie gehören zu den am meisten bejubelten Rednern. Der Schauspieler Gabriel Byrne, bekommt riesigen Applaus, als er die Bush-Regierung eine ?Junta? nennt. Martin Sheen, der in der Serie ?The West Wing? einen fiktiven US-Präsidenten spielt, herzt hinter der Bühne jeden Friedensaktivisten, der in seine Nähe kommt. Und das Hollywood-Paar Susan Sarandon und Tim Robbins hält eine beachtlich nuancierte Rede gegen ?Fundamentalismus auf allen Seiten?. Robbins glaubt, dass ein Irak-Krieg vor allem aus wirtschaftlichen Gründen geführt werden würde. ?Unser eigener Fundamentalismus heißt Business?, ruft er.

Nahezu alle hier sind sich sicher, dass Bush andere Gründe für einen Irak-Feldzug hat als jene, die er vorgibt. ?Saddam ist ein vorgeschobener Bösewicht. Es ist so offensichtlich, dass man kaum darüber diskutieren kann?, sagt Lowell Boyers. Der New Yorker Künstler trägt Anstecknadeln von verschiedenen Friedensdemos auf seinem Sakko. Er hat schon an etlichen teilgenommen. ?Es ist verrückt, wie wenig in den großen Medien über unseren Widerstand berichtet wird?, sagt Jones. ?Aber das hier ist zu groß, das lässt sich nicht unterdrücken.? Am 26. Oktober wird Boyers nach Washington fahren, um dort an einem Friedensmarsch teilzunehmen. Dass er Bush damit umstimmen kann, glaubt er nicht. ?Es wird Krieg geben, aber wir haben trotzdem die Pflicht, unsere Zweifel auszusprechen.? Einer der populärsten Anstecker im Central Park lautet: ?Widerspruch ist patriotisch.?

An einem Kiosk in der Lexington Avenue, stehen nach der Demonstration drei Polizisten. Sie kaufen Süßigkeiten und Kaugummi. Einer, ein muskulöser Typ mit quadratischem Kinn, sagt zum anderen: ?Diese Demonstranten sollten alle nach Afghanistan gehen, und dort leben. Die haben ja niemanden verloren am 11. September.? Zumindest da irrt der Mann.

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