in: Neues Deutschland 07.10.2002

Neue Kräfte gegen Krieg?

Interview mit Tobias Pflüger

von: Tobias Pflüger / Interview / Dokumentation / Neues Deutschland / Rene Heilig | Veröffentlicht am: 7. Oktober 2002

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Tobias Pflüger leitet die Informationsstelle Militarisierung in Tübingen.

ND: Sie sind gerade aus New York zurückgekommen. Dort fanden sich in der UNO zahlreiche Nichtregierungsorganisationen zum Kongress. Wie lautete deren Thema?

Pflüger: Es ging um Palästina und den dringend notwendigen Frieden in der gesamten Region. Es war ein relativ breites Spektrum von Nichtregierungsorganisationen anwesend, die fair geschildert haben, wie bedrückend die aktuelle Situation in den palästinensischen Gebieten ist.

Wie bedrückend die Situation ist, das sehen wir fast jeden Abend im Fernsehen. Welche Lösungsmöglichkeiten wurden denn in der Diskussion angeboten?

Es wurden zahlreiche sehr konkrete Aktionen beschrieben, mit denen zivile Gruppen das Dasein der Bevölkerung etwas zu erleichtern versuchen. Zum Beispiel wenn es darum geht, Menschen, die ihre Wohnung verloren haben oder vertrieben wurden, ein Obdach zu bieten. Das Wichtigste war für mich die klare politische Aussage: Stopp der Besatzung. Das ist der zentrale Punkt. Es geht dabei selbstverständlich auch darum, die 1967er Grenzen Israels zu garantieren.

Die NGOs können im Kleinen etwas Not lindern, politische Grundlinien werden aber in Washington entschieden.

Ja, das war auch bei der gesamten Konferenz so. Sie war insgesamt US-lastig. Umso wichtiger scheint mir die Debatte gewesen zu sein, wie kann man innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft darauf einwirken, dass eine andere politische Grundstimmung entsteht.

Sind Sie da hoffnungsvoll aus dieser Debatte gekommen?

Ich bin nicht mehr ganz so hoffnungslos, wie ich in sie hinein gegangen bin. Es war schon beeindruckend, wenn ein Professor, der als jüdischer Bürger in den USA lebt, sich mit Kollegen zusammengesetzt und gesagt hat, die israelische Besatzungspolitik geschieht nicht in seinem Namen. Inzwischen haben sie Unmengen von Unterschriften gesammelt.

Das heißt, es gibt ? auch wenn sie hierzulande kaum wahrgenommen werden ? Intellektuelle, die gegen die herrschende US-Politik aufstehen?

Die gibt es. Auch gegen den drohenden Irak-Krieg. Insgesamt habe ich den Eindruck, das Potenzial ist viel, viel stärker als wir es hier wahrnehmen.

Haben Sie neue Verbindungen geknüpft?

Aber ja, denn im Gegensatz zu den Regierungen reden die Friedensbewegungen beider Länder direkt miteinander. Ein wichtiger Punkt ist da auch die Koordinierung von Aktionen. Gemeinsam wollen wir in den USA und in Deutschland am 26. Oktober demonstrieren. Wir werden auch sehen, ob sich solche Proteste gegen den Krieg an jenen Aktionen messen lassen können, die in Großbritannien oder Italien stattgefunden haben.

Das wäre ermutigend?

Es gäbe einen Schub. Im Moment versucht sich ja die rot-grüne Regierung als „Friedenskämpfer“. In den USA musste ich viele Hoffnungen auf deutsche Standhaftigkeit dämpfen. Wir sind gerade in der Frage Krieg-Frieden schon so oft belogen worden. Es ist nicht Frieden drin, nur weil die Verpackung rot-grün leuchtet…

Fragen: René Heilig

Zum Demonstrationsaufruf für Berlin: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=253

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