in : Le Monde diplomatique 13.09.2002

Dokumente eines Kriegsverbrechens

IM NORDEN AFGHANISTANS WURDEN HUNDERTE VON KRIEGSGEFANGENEN GETÖTET

von: JAMIE DORAN | Veröffentlicht am: 13. September 2002

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Der Dokumentarfilm über das Massaker von Masar wurde vor einiger Zeit im Europäischen Parlament in Straßburg in einer Kurzfassung gezeigt. Obwohl seitdem von vielen Seiten eine unabhängige Untersuchung und die Beweissicherung in einem Massengrab in Afghanistan gefordert wurden, blieb die offizielle Reaktion der Vereinigten Staaten, der UNO und anderer in den Afghanistankrieg involvierter Organisationen verhalten. US-Militärangehörigen wird inzwischen vorgeworfen, nicht nur Taliban-Gefangene gefoltert und ermordet zu haben, sondern auch am Verschwinden von bis zu 3 000 Männern im Gebiet von Masar-i Scharif beteiligt gewesen zu sein. Da Hunderte von ihnen erschossen wurden, wiegt die Frage nach der Verantwortung schwer.
Von JAMIE DORAN *

* Jamie Doran, ehemaliger Mitarbeiter des BBC-Fernsehens, ist ein mit internationalen Preisen ausgezeichneter Dokumentarfilmer und Autor. Sein Film „Massaker in Masar“ ist ein beeindruckendes, unter extrem gefährlichen Bedingungen entstandenes Dokument.
DIE Knochen sind so weiß und ausgebleicht, als lägen sie schon seit Jahrhunderten hier. Doch diese menschlichen Überreste sind erst wenige Monate alt und der letzte Lebensbeweis von jungen Männern, die auf den Schutz durch die Genfer Konventionen gesetzt hatten, dann aber unter grauenhaften Umständen starben: in Lastwagen erstickt oder exekutiert.
Sieht man sich die Knochen näher an, fallen die Stellen auf, an denen die nachts durch die Wüste streunenden Hunde herumgenagt haben. Kieferknochen, Rippen, Unterschenkelknochen und zerbrochene Schädel liegen auf einer künstlichen, bis zu fünfzig Meter langen Sandkuppe verstreut, daneben unzählige pergamentartig vertrocknete Kleiderfetzen. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man Etiketten, unter anderem aus Karatschi und Lahore.

Dasht Leili ist die letzte Ruhestätte von bis zu dreitausend Männern, die entweder auf einer wahrhaften Höllenfahrt erstickt sind oder neben ihren toten Mitgefangenen lagen, schrien und um Gnade flehten und schrien, bevor sie von Gewehrsalven hingerichtet wurden.
Sie waren in dieses gottverlassene Land gekommen, weil sie gegen die Ungläubigen kämpfen wollten, die sie für Feinde ihres Gottes hielten. Sie waren religiöse Fanatiker und bereit, zur Verteidigung ihres Glaubens ihr Leben zu geben. Keiner von ihnen hätte gedacht, dass sie ein solches Ende nehmen würden, als sie sich aus Pakistan, Tschetschenien, Tadschikistan oder irgendwelchen arabischen Staaten auf ihre gemeinsame Pilgerfahrt machten.

In den panislamischen Träumen ist Afghanistan ein Schlüsselland. Unter den Taliban wurde das Land, das von jahrzehntelangen Kriegen (und von äußeren und inneren Feinden) verheert worden war, zum Mekka für die Muslime, die den Koran kompromisslos wörtlich nehmen.

Die Welt hatte ihre absonderliche Auslegung von Gottes Wort an den herausgeschmuggelten Fotos ablesen können, auf denen Frauen, in die obligatorische Burka gehüllt, im Fußballstadion von Kabul wegen „Verbrechen“ hingerichtet wurden, auf die im Westen geringfügige oder gar keine Strafen gestanden hätten. Und die Welt wusste auch, dass dieses Land unter den Taliban zum zweitgrößten Heroinproduzenten aufgestiegen und dem Spitzenreiter in Sachen Drogenexport, Kolumbien, dicht auf den Fersen war.

Wegen dieses Themas hatte es mich in die Region verschlagen. Im April stand ich, auf den Spuren einer neuen Drogenschmuggelroute durch die zentralasiatischen Länder, am Ufer des Amu Darya, der Usbekistan von seinem südlichen Nachbarn trennt. In 200 Meter Entfernung schlenderten Taliban-Grenzwächter um die verfallenen Betonbauten des Hafens von Heiraton, der einst ein strategisch wichtiger Umschlagplatz für sowjetisches Kriegsgerät und zehntausende sowjetische Soldaten war. Überspannt wurde der Fluss von der „Brücke der Freundschaft“ (ein etwas missglückter Name), aber in seiner Mitte versperrten riesige Steinblöcke die Weiterfahrt nach Osten.
Als ich ein paar Monate später kurz vor Morgengrauen heimlich über diese Brücke gebracht wurde, zeigten mir meine usbekischen „Aufpasser“ zwischen den Blöcken und dem Seitengeländer eine schmale Lücke. Ich schlüpfte durch und wurde von Soldaten der Nordallianz empfangen, die nicht nur Herat eingenommen hatten, sondern auch die strategisch wichtige Stadt Masar-i Scharif, fünfzig Minuten Fahrt vom Fluss entfernt.

Der Kampf um Masar hat letztlich den gesamten Krieg entschieden, und die Schlüsselfigur dieser Entscheidungsschlacht war General Abdul Raschid Dostum – ein brillanter Militärstratege und der gefürchtetste Warlord des Landes. Wie im tiefsten Mittelalter ließ er tausend Reiter die Bergflanken westlich von Masar hinaufpreschen, zum Angriff gegen die schweren Artilleriestellungen der Taliban. „Damit hatten sie nicht gerechnet“, erläuterte Dostum: „Wenn ich Männer zu Fuß losgeschickt hätte, wären sie alle im Granathagel umgekommen. Durch den Einsatz der Pferde durchquerten wir die Reichweite ihrer schweren Geschütze im Nu, und die Taliban liefen einfach davon.“

Bei dem Angriff starben mehr als dreihundert Reiter, doch trotz dieser schweren Verluste begann damit der Zusammenbruch des Taliban-Regimes. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe, als Dostum schon vor den Toren der Stadt Masar war, meldete der Fernsehsender al-Dschasira seinen Tod. Genau in diesem Moment unterhielt ich mich an der Front am Kokcha, einem Nebenfluss des Amu Darya, mit Dostums engstem Vertrauten, dem Kommandanten Mammur Hassan.

Bei den Leuten am Kokcha machte sich Panik breit: Sollte sich die Meldung bewahrheiten, wäre es für die Nordallianz der größte Rückschlag seit der Ermordung Massuds. Doch Hassans Haltung strahlte eine Ruhe aus, die von seinem unerschütterlichen Glauben an die Unsterblichkeit seines Freundes und Oberbefehlshabers zeugte.

Ob er mein Satellitentelefon benutzen könne, „um den General anzurufen“, fragte er und erlaubte mir, das Gespräch aufzunehmen. Binnen weniger Minuten wusste die gesamte Führung der Nordallianz, dass ihr fähigster militärischer Kopf gesund und munter war.
Hassan: „Abdul Raschid, es heißt, Sie seien tot. Al-Dschasira hat gemeldet, Sie seien gefallen.“

Dostum, lachend: „Das glaube ich nicht. Aber vielleicht sollte ich das mal überprüfen. Und ihr solltet nicht auf so einen Unfug hören.“
Hassan: „Wie läuft die Schlacht?“

Dostum: „Wir brauchen mehr Munition. Ich muss Munition kaufen – wer sie mir verkauft, ist mir egal. Ansonsten läuft alles gut, und ich habe hier zwanzig Amerikaner bei mir, die was von ihrem Geschäft verstehen.“

Es war bekannt, dass US-Flugzeuge im Kampf um Masar feindliche Vorposten angegriffen hatten, doch hier wurde nun erstmals während des Afghanistankriegs bestätigt, dass US-Militärangehörige ganz zentral am Kampf gegen die Taliban beteiligt waren. Zwei Wochen zuvor hatte mir Hassan unter vier Augen erzählt, dass die Nordallianz acht Stunden nachdem Dostum Masar eingenommen haben werde mit ihrer Großoffensive beginnen würde. So kam es dann auch, doch niemand hätte erwartet, wie vollständig die Talibanfront zusammenbrechen sollte.

Kabul fiel praktisch ohne Gegenwehr: Vom Kokcha im Nordosten, aus Taloqan und Masar-i Scharif flohen die Talibankämpfer Richtung Süden in die Stadt Kundus. Bis zu fünfzehntausend ihrer Leute, darunter mehrere tausend Ausländer, saßen dort in der Falle, als eine doppelte Übermacht der Nordallianz ihren Belagerungsring aufbaute.
Heute weiß man, dass einige der Eingekesselten durch einen schmalen Korridor nach Süden entkamen und andere, um ihre Haut zu retten, die Seite wechselten – eine in der afghanischen Kriegsführung gängige Praxis. Das Schicksal der Übrigen lag in den Händen der Unterhändler.

Zentrale Figur in den Verhandlungen war Amir Jhan, ein Warlord, der das Vertrauen beider Seiten genoss. „Die Truppenführer in Kundus waren mir alle wie Brüder und Freunde. In den Jahren zuvor hatten wir gemeinsam gekämpft, und sie baten mich, Verbindung mit der Nordallianz aufzunehmen, um die Sache durch Verhandlungen statt durch Blutvergießen zum Abschluss zu bringen. Marsa Nasri, Agi Omer, Arbab Hascham und einige andere brachten die al-Qaida und die ausländischen Gruppen dazu, sich darauf einzulassen.“

Ein Massaker liegt in der Luft
ALS Erstes machten die Taliban der Nordallianz das Angebot, dass ihre Truppenführer gegen gewisse Garantien ihre Waffen den UNO-Truppen oder den internationalen Streitkräften übergeben würden.

„Ich war dabei, als die Mullahs [der Taliban; d. Red.] Faisal und Nori und andere Leute zu einem mit den Generälen Dostum, Maqaq und Atta anberaumten Treffen in Kalai Dschanghi erschienen. Einige Amerikaner waren da, außerdem auch ein paar Engländer. Man einigte sich darauf, dass die Afghanen in Kundus ihre Waffen abgeben sollten und nach Hause zurückkehren durften, während die al-Qaida und die ausländischen Kämpfer kapitulieren und den Vereinten Nationen übergeben werden sollten.“
Kalai Dschanghi, eine große Festung im Weichbild von Masar, die zunächst von den Taliban und danach von Dostum als Hauptquartier benutzt wurde, sollte in der Folgezeit eine bedeutende Rolle spielen. Doch gerade, als man ein Abkommen ins Auge fasste, schaltete sich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld ein, weil er augenscheinlich befürchtete, dass man bei Verhandlungen über ein Ende der Belagerung die ausländischen Taliban-Kämpfer am Ende laufen lassen würde.

„Es wäre sehr bedauerlich, wenn die Ausländer in Afghanistan – die al-Qaida und die Tschetschenen und andere, die hier mit den Taliban zusammengearbeitet haben – wenn man diese Leute freilassen und ihnen irgendwie erlauben würde, in ein anderes Land zu gehen und dort ähnliche terroristische Taten zu verüben.“

In den nächsten Tagen wurde Rumsfeld immer wieder mit den Sätzen zitiert: „Ich hoffe, dass sie entweder umgebracht oder gefangen genommen werden. Es sind Leute, die schreckliche Dinge getan haben.“ Die Führung der Nordallianz konnte es sich nicht leisten, die Worte ihres wichtigsten Verbündeten und Geldgebers zu ignorieren, aber sie war ja auch keineswegs anderer Meinung. Rache, intiqaam, ist in Afghanistan so etwas wie ein Volkssport; in Kabul braute sich eine blutrünstige Atmosphäre zusammen, ein Massaker lag in der Luft.

Amir Jhan merkte, dass Eile geboten war. Er hetzte zwischen den gegnerischen Parteien hin und her, um zu verhindern, was offenbar nicht mehr zu verhindern war. Am 21. November 2001 war schließlich eine Übereinkunft erreicht: Die gesamten Streitkräfte der Taliban sollten sich gegen das Versprechen, dass man sie am Leben ließ, der Nordallianz ergeben.

Etwa 470 Kämpfer (darunter viele mutmaßliche Al-Qaida-Mitglieder) wurden nach Kalai Dschanghi gebracht, wo man sie in den Tunneln unter einem riesigen umzäunten Areal einsperrte. Am 25. November trafen zwei CIA-Agenten ein, die die Männer einzeln verhören sollten. Während dies geschah, kam es zu einem Aufstand. Die besiegten Taliban überwältigten mehrere Wachen, nahmen ihnen die Waffen ab und fingen an zu schießen. Binnen weniger Minuten waren außer dem CIA-Mann Johnny „Mike“ Spann auch etwa dreißig Nordallianz-Soldaten tot.

Dann begann ein Feuergefecht, das heftiger wurde, als die Taliban das Waffenlager des Forts eroberten, das sich groteskerweise in demselben Areal befand, in dem sie gefangen gehalten wurden. US-Spezialeinheiten vor Ort forderten Unterstützung aus der Luft, während britische SAS-Angehörige den Gegenangriff anführten.

Am dritten Tag war im oberirdischen Teil des Forts kein einziger Talibankämpfer mehr am Leben. Ein höchst ungewöhnlicher Sachverhalt, denn nach einer derartigen Militäroperation sollte man zumindest erwarten, ein paar Verwundete zu finden.
Die Westmedien, die bei der Kapitulation von Kundus massenhaft zugegen waren, hatten sich in Scharen nach Kalai Dschanghi aufgemacht und schickten ihre sensationellen Berichte über das Geschehen aus einem relativ sicheren Ort in der Nachbarschaft oder hielten teilweise sogar noch größeren Abstand.

Die Aufmerksamkeit der Welt im Afghanistankrieg richtete sich nun vor allem auf Kalai Dschanghi, und sie tat es erst recht, als ein paar Tage später der amerikanische Taliban-Kämpfer John Walker Lindh und 85 weitere Überlebende in den unterirdischen Tunneln entdeckt wurden. Doch unbegreiflicherweise interessierte sich damals niemand dafür, was mit all den anderen passiert war, die in Kundus kapituliert hatten.

Genau um das Schicksal dieser tausenden junger Männer zu klären, ist nunmehr – nach einer Voraufführung unseres Filmes im Europäischen Parlament in Straßburg – die Forderung nach einer offiziellen, unabhängigen internationalen Untersuchung laut geworden.

Die Geschichte dieser Soldaten wird für immer ein schmutziger Fleck bleiben, der nicht nur die Nordallianz, sondern auch die westlichen Medien, die UNO, die US-Regierung und das amerikanische Militär belastet. Zu dieser Geschichte gehört noch ein weiteres Kapitel, denn ein anderes Fort, das in der westlichen Presse bislang noch gar nicht erwähnt wurde, wurde zum Schauplatz einer Massenerschießung, bei der bis zu 3 000 Gefangene ermordet wurden.

Aber kehren wir zu Amir Jhan zurück, der in Kundus geholfen hatte, die Bedingungen der Kapitulation auszuhandeln. „Ich habe sie alle einzeln gezählt, es waren 8 000. Nun sind nur noch 3 015 übrig. Und dabei sind Paschtunen aus Kundus, Schiberghan, Balkh und Masar mitgezählt, die nicht mal zu den ursprünglichen Gefangenen gehörten, die ich übergeben habe. Wo ist der Rest?“
Die Antwort auf diese Frage liegt zumindest teilweise in dem fünfzig Meter langen Sandhügel in der Wüste bei Dascht Leili. Nach einer einfachen Rechnung fehlen rund 5 000 Gefangene. Ein paar mögen entkommen sein, ein paar könnten ihre Freiheit erkauft haben, eine größere Zahl hat man womöglich an die Geheimdienste ihrer Herkunftsländer verkauft, wo ihnen unter Umständen ein schlimmeres Schicksal droht als der Tod. Doch nach den Aussagen einer Reihe von Augenzeugen, die wir während der sechsmonatigen Untersuchung fanden, sind die meisten im Sand begraben.

Keiner unserer Zeugen hat für irgendetwas Geld erhalten, im Gegenteil: Durch ihr Mitwirken an unserem Film haben sie sich persönlich großen Gefahren ausgesetzt.

Die Geschichte, die sie erzählen, beginnt im Fort Kalai Zeini an der Straße von Masar nach Schiberghan. Diese auch nach afghanischen Maßstäben gewaltige Festung diente als Durchgangslager für die tausenden von Gefangenen aus Kundus. Offiziell hieß es, sie sollten ins Gefängnis von Schiberghan gebracht werden. Dort sollten sie von US-Experten verhört werden, die dann entschieden, wer von ihnen nach Guantánamo auf Kuba zu schicken sei.

In Kalai Zeini zwang man die Männer, sich nebeneinander auf einen riesigen Platz innerhalb der Festungswälle zu setzen. Kurze Zeit später traf ein Konvoi von Container-Lastwagen ein. Die Gefangenen mussten Aufstellung nehmen und wurden dann in die Container gepfercht.

Ein afghanischer Offizier der Nordallianz, der bereit war, zu reden, wenn seine Anonymität gewahrt blieb, erzählt die Geschichte weiter: „Wir waren für die Ablieferung der Gefangenen verantwortlich und beluden fünfundzwanzig Container, für die Fahrt von Zeini nach Schiberghan. Wir steckten etwa zweihundert Mann in jeden Container.“

Als die Taliban bei mehr als dreißig Grad Hitze wie Sardinen in die unbelüfteten, völlig lichtlosen Stahlkästen gezwängt wurden, flehten sie um Erbarmen. Die Antwort folgte prompt. Was geschah, schildert ein afghanischer Soldat, dessen Aussage durch das Eingeständnis glaubwürdig wird, dass er selbst einige Gefangene umgebracht hat.

Soldat: „Ich schoss auf die Container, um Löcher für die Luftzufuhr zu machen, und einige wurden dabei getötet.“
Interviewer: „Sie persönlich haben Löcher in die Container geschossen. Wer hat Ihnen den Befehl dazu gegeben, warum haben Sie das gemacht?“
Soldat: „Die Kommandeure haben es uns befohlen.“

Doch dieser Soldat verschleiert mit seiner ehrlichen Aussage eine Ungeheuerlichkeit. In den Containern, die wir gefunden haben, befinden sich nämlich viele Einschusslöcher unten und in der Mitte, aber nicht oben. Hätten sie wirklich der Belüftung dienen sollen, um das Überleben der Gefangenen zu ermöglichen, hätte man in den oberen Teil des Containers geschossen.

Ein Taxifahrer aus der Umgebung war zu einer der provisorischen Tankstellen an der Überlandstraße gefahren. „Als sie Gefangene von Kalai Zeini nach Schiberghan transportierten, wollte ich mein Auto voll tanken. Ich roch etwas Komisches und fragte den Tankwart, wo es herkam. ,Schauen Sie sich um‘, sagte er. Da sah ich die drei Container-Lastwagen. Ströme von Blut schossen aus den Containern. Mir standen die Haare zu Berge, es war ganz schrecklich. Ich wollte wegfahren, aber da stand einer der Laster im Weg, der liegen geblieben war und abgeschleppt werden musste.“

Als der Taxifahrer am nächsten Tag vor seinem Haus in Schiberghan stand, erlebte er eine nicht minder grausige Szene: „Ich sah, wie drei weitere mit Containern beladene Lastwagen an meinem Haus vorbeifuhren. Aus denen lief das Blut nur so heraus, wie Regen.“
Nicht bei allen Containern brachten die Kugeln den eingeschlossenen Gefangenen die tödliche Erlösung. Die meisten überließ man vier, fünf Tage ihrem Schicksal, bis sie erstickten, verhungerten, verdursteten. Als man die Container schließlich öffnete, war von den Insassen nur noch eine grauenhafte Masse aus Urin, Blut, Kot, Erbrochenem und verwesendem Fleisch übrig geblieben.

Was einem beim Betreten des Gefängnisses in Schiberghan allerdings als Erstes durch den Kopf geht, ist die Frage, wie man realistischerweise davon hätte ausgehen können, in einer Anstalt für maximal fünfhundert Gefangene könne man bis zu fünfzehnmal mehr Menschen unterbringen. War es wirklich Zufall, dass viele der für Schiberghan bestimmten Gefangenen dort niemals ankamen?
Als die Container mit ihrer Ladung menschlicher Fleischmasse vor dem Gefängnis aufgereiht standen, hörte einer der Soldaten, die den Konvoi begleitet hatten, wie die Gefängniskommandanten Befehl erhielten, alle Beweise sofort zu vernichten. „Die meisten Container hatten Einschusslöcher. In jedem Container waren ungefähr 150 bis 160 Leute tot. Ein paar atmeten noch, doch die meisten waren tot. Die Amerikaner sagten den Leuten in Schiberghan, sie sollten sie aus der Stadt schaffen, bevor sie von den Satelliten gefilmt würden.“
Diese Aussage, die auf eine US-amerikanischen Beteiligung hinweist, wird bei allen künftigen Untersuchungen ein entscheidender Punkt sein. Eine völkerrechtliche Verfolgung, aber auch die zivile und die Militärgerichtsbarkeit auf nationaler Ebene, ist in hohem Maße darauf angewiesen, die Befehlskette zu ermitteln, die zu dem verbrecherischen Geschehen führt. Mit anderen Worten: Man muss feststellen, wer in Schiberghan das Sagen hatte.

Wir haben zwei aus verschiedenen Gegenden stammende Fahrer gefunden, die uns an zwei unterschiedlichen Tagen zu derselben Stelle in der Wüste führten. Sie waren wegen ihrer direkten Beteiligung erkennbar betroffen. Ihre Berichte über die Fahrt von Kalai Zeini durch Schiberghan nach Dascht Leili sind erschütternd.

Die anwesenden Amerikaner bemerken nichts
FAHRER 1: „Es waren ungefähr 25 Container. Da die Bedingungen für die Gefangenen sehr schlecht waren, weil die keine Luft kriegten, schossen sie in die Container. Viele Gefangene verloren ihr Leben. In Schiberghan luden sie die Gefangenen aus, die offensichtlich noch am Leben waren. Aber darunter waren auch einige verletzte Taliban und andere Männer, die vor Schwäche ohnmächtig geworden waren. Wir haben sie zu dieser Stelle gebracht – sie heißt Dasht Leili -, und sie wurden erschossen. Ich bin dreimal hier hergefahren und habe jedesmal etwa 150 Gefangene gebracht. Sie haben geschrien und geweint, als sie erschossen wurden. Außer mir haben etwa zehn bis fünfzehn andere Fahrer die gleiche Fahrt gemacht.“

Fahrer 2: „Sie haben meinen Lastwagen schon in der Stadt Masar beschlagnahmt und mir nichts bezahlt. Sie haben meinen Lastwagen genommen und einen Container darauf geladen, und ich habe die Gefangenen von Kalai Zeini nach Schiberghan gebracht und dann nach Dasht Leili, wo sie von den Soldaten erschossen wurden. Manche lebten noch, waren verletzt oder bewusstlos. Sie haben sie hierher gebracht, ihnen die Hände gefesselt und sie erschossen. Ich habe vier Fahrten mit den Gefangenen gemacht, hin und zurück. Insgesamt habe ich 550 bis 600 Menschen hierher gebracht.“

Nach den Enthüllungen des Nachrichtenmagazins Newsweek vom 26. August räumt die US-Regierung schließlich ein, dass es ein Massaker in Dascht Leili gegeben habe und dass beim Gefängnis von Schiberghan Amerikaner gewesen seien. Aber dass sie nichts bemerkt hätten.

Das ist nicht glaubhaft. Auch der Aufruf seitens der Amerikaner an die afghanische Regierung, eine Untersuchung der Ereignisse einzuleiten, kann man kaum ernst nehmen. Denn die afghanischen Behörden, die den Warlords verpflichtet sind, haben weder die finanziellen Mittel noch die Kompetenzen, es zu tun.

Fahrer 1: „Im Gefängnis von Schiberghan waren Jumbisch-Leute (die Miliz des Usbeken-Führers General Dostum) und amerikanische Soldaten. Hier in Dascht Leili habe ich keine [Amerikaner; d. Red.] gesehen, aber im Gefängnis habe ich welche gesehen, und vielleicht waren sie auch in den Lastwagen.“
Interviewer zu Fahrer 2: „Als Sie die Gefangenen hierher gebracht haben, waren da amerikanische Soldaten bei Ihnen?“
Fahrer 2: „Ja, es waren welche bei uns.“
Interviewer: „Hier, in Dascht Leili?“
Fahrer 2: „Ja, hier.“
Interviewer: „Wie viele amerikanische Soldaten waren bei Ihnen?“
Fahrer 2: „Eine ganze Menge, vielleicht 30 bis 40. Die ersten beiden Male sind sie mit uns gekommen, aber bei den nächsten beiden Fahrten habe ich keine gesehen.“

Auf der letzten Etappe des Weges zum Schlachtplatz von Dascht Leili konnte man noch Monate später die Bulldozerspuren sehen; die Leichen wurden in eine Grube geschoben und dann unter Tonnen von Sand verscharrt.
Wie andere Augenzeugen aussagen, erging es den Überlebenden der Fahrt von Kalai Zeini nach Schiberghan, deren Schicksal in den Händen von US-Soldaten lag, kaum besser als ihren im Sand verscharrten Brüdern.

Ein Soldat berichtet über einen Vorfall, bei dem er gesehen haben will, wie ein amerikanischer Soldat einen gefangenen Taliban offenbar mit dem Ziel ermordete, den anderen so viel Angst zu machen, dass sie reden: „Ich war als Soldat in Schiberghan und habe gesehen, wie ein amerikanischer Soldat einem Gefangenen das Genick gebrochen hat. Ein anderes Mal übergossen sie Gefangene mit Säure oder etwas Ähnlichem. Die Amerikaner machten, was sie wollten. Wir konnten sie nicht davon abhalten alles war unter der Befehlsgewalt des amerikanischen Kommandanten.“

Ein zur selben Zeit ebenfalls in Schiberghan stationierter General der Nordallianz behauptet: „Ich war Zeuge. Ich habe gesehen, wie sie ihnen in die Beine gestochen, ihnen die Zunge, das Haar, den Bart abgeschnitten haben. Manchmal sah es aus, als machten sie es zum Spaß. Sie nahmen einen Gefangenen mit nach draußen, schlugen ihn zusammen und brachten ihn zurück ins Gefängnis. Manchmal kam der Gefangene aber auch gar nicht zurück.“

Alle Zeugen aus unserem Film haben sich bereit erklärt, vor einer internationalen Untersuchungskommission oder in einem gerichtlichen Prozess aufzutreten, falls es auf Grund ihrer Aussagen zu so etwas kommen sollte. Und wenn es die Gelegenheit dazu gäbe, würden sie auch die beteiligten US-Militärangehörigen identifizieren.

Während die Vorwürfe von Folter und Ermordungen im Gefängnis von Schiberghan nach so langer Zeit vielleicht schwer zu beweisen sind, liegt ein Massengrab mit womöglich tausenden von Gefangenen nur vier Kilometer von dem Gefängnis entfernt. Wenn Angehörige der US-Streitkräfte also tatsächlich an der Beseitigung dieser Gefangenen beteiligt waren, wenn sie, wie viele Zeugen behaupten, an der Spitze der Befehlskette standen, wenn sie zusahen, wie hunderte bei Massenerschießungen hingerichtet wurden, dann haben sie sich Kriegsverbrechen schuldig gemacht, die einen eklatanten Bruch der Genfer Konventionen darstellen.

Zu einer Zeit, da der US-amerikanische Kongress neue Gesetze durchpeitscht, die verhindern sollen, dass jemals ein US-Soldat im Ausland vor Gericht gestellt werden kann, sollten die Senatoren und Abgeordneten im Repräsentantenhaus die Ansichten von Andrew McEntee bedenken. Der prominente Menschenrechtsanwalt und ehemalige Vorsitzende von amnesty international meinte, nachdem er die Transkripte der Aussagen unserer Zeugen gelesen und sich stundenlang das filmische Beweismaterial angesehen hatte: „Meines Erachtens ergibt sich aus den vorgelegten Beweisen eindeutig, dass eine umfassende unabhängige Untersuchung unabdingbar ist. Man hat die Gefangenen umgebracht und ihre Leichen verschwinden lassen. Hier handelt es sich nicht um simple Verstöße gegen internationales Recht, sondern um Delikte nach den Gesetzen verschiedener europäischer Länder, die nach übergeordneter Zuständigkeit verlangen, vor allem aber sind sie auch nach US-amerikanischem Recht Verbrechen.“

Es mag zwar so aussehen, als lägen das Massaker von 1968 in dem vietnamesischen Dorf My Lai und das militärgerichtliche Verfahren gegen Leutnant Calley lange zurück und als habe die Welt sich seitdem stark verändert – doch die Grundprinzipien des Rechts und der Rechtsprechung sind gleich geblieben. Wer unschuldig ist, hat von der Wahrheit nichts zu befürchten.

dt. Sigrid Ruschmeier
Le Monde diplomatique / JAMIE DORAN / Dokumentation

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