Antikriegstag 2002 Hamburg, Demonstration, 31.08.02, Abschlusskundgebung St.-Pauli-Landungsbrücken

Blohm+Voss hat eine ganz und gar militaristische Tradition…

Rede Lühr Henken, Hamburger Forum e.V.

von: Lühr Henken | Veröffentlicht am: 5. September 2002

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Liebe Friedensfreundinnen, liebe Friedensfreunde,

Wir führen die Abschlusskundgebung der Demonstration anlässlich des Antikriegstags hier am Elbufer durch, weil wir damit in Blickweite zur Kriegsschiffwerft Blohm+Voss stehen. Zur 125-Jahr-Feier der Werft im Juni überboten sich die Honoratioren Hamburgs in wahren Huldigungen an die Werft. Der Präsident des Übersee-Klubs sprach von einem ?Herzstück der Stadt?. Der Erste Bürgermeister von Beust verkündete: „Ihr Name ist in Hirn und Herzen aller Hamburger Mitbürger festgeschrieben. Die Stadt steht Ihnen immer zur Seite.“ Und der Flottenchef der Deutschen Marine wünschte: „Bauen Sie einfach weiterhin so tolle Schiffe, nicht nur für uns, aber auch für uns.“ Die Veranstaltung im Festsaal des Rathauses mit 600 geladenen Gästen degenerierte zu einer Public-Relations-Veranstaltung für eine der berüchtigsten Rüstungsbuden der Welt.

Was wird hier gefeiert? Wofür schlägt das Herz dieser Herren? Blohm+Voss war maßgeblich am Aufbau der kaiserlichen Kriegsmarine durch den Großkampfschiffbau zur Führung eines Seeangriffskrieges und damit für den ersten Weltkrieg mitverantwortlich. Nachdem der Kaiser den Krieg gegen die Handelsschifffahrt befohlen hatte, stellte Blohm+Voss bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 98 U-Boote her. Der Großkampfschiffbau bei Blohm+Voss in den 30er Jahren trug zur Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs bei. Berüchtigt dabei die BISMARCK, das größte Schlachtschiff der Welt. Während des vom Hitler-Faschismus vom Zaun gebrochenen Zweiten Weltkriegs entstanden hier 230 U-Boote, etwa in jeder Woche eins mit Hilfe von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. Der Firmeneigner Rudolf Blohm war Wehrwirtschaftsführer und Leiter des Hauptausschusses Schiffbau. Die Werft Blohm+Voss hat eine ganz und gar militaristische Tradition, von dessen Helgen viel tausendfacher Tod ausging. Diese mörderische Tradition wird allzu gern verdrängt, würde sie doch sonst eine direkte inhaltliche Traditionslinie zur Gegenwart erschließen.

Beginnend mit dem Panzerwannenbau für die Kampfpanzer Leopard ab dem Beginn der 60er Jahre bis heute ist es der Werft beharrlich gelungen, sich im Überwasserkriegsschiffbau bis an die vorderste Stelle in der Welt zu platzieren. Vor etwa 25 Jahren nahm Blohm+Voss Abschied vom Handelsschiffbau und konzentrierte sich auf die Herstellung von Fregatten für die Bundesmarine, aber auch für den Export. Blohm+Voss führt das sogenannte Deutsche Fregatten Konsortium. Von den Fregatten ihres Meko-Konzepts wurden in den letzten 25 Jahren über 50 hergestellt, so dass der Weltmarktanteil am Export in den 90er Jahren bei 60 Prozent lag.

Bei Blohm+Voss ist das Typschiff der neuen F-124-Fregattenklasse für die Deutsche Marine entstanden. Es ist das Baumuster für zwei weitere Fregatten, die in Kiel bei HDW und in Emden bei TNSW entstehen. Mit 1,3 Milliarden DM für jedes Schiff ist es das teuerste deutsche Kriegsschiff aller Zeiten. Es ist zum weltweiten Einsatz und zum vollständigen Schutz eines Einsatzverbandes in der Lage. Blohm+Voss terminiert die Übergabe der fertigen SACHSEN an die Deutsche Marine auf den 29. November. Wir kündigen schon heute unseren Protest an.

Blohm+Voss hat den Wettbewerb zur Herstellung von fünf Korvetten für die Deutsche Marine gewonnen. Die Korvette ist ein neuer Schiffstyp für die Deutsche Marine, der größenmäßig zwischen Schnellboot und Fregatte angesiedelt ist. Sie ist speziell für den Einsatz vor fremden Küsten konzipiert, mit dem erklärten Ziel, an Land schießen zu können. Die Korvetten erhalten dafür zwei unterschiedliche Arten von Lenkflugkörpern. Das System POLYPHEM kann der Schütze über ein Glasfaserkabel noch in mehr als 60 km durch ein Fenster lenken, um die 20 kg Sprengstoff explodieren zu lassen und Marschflugkörper sollen nach mehr als 200 km Flug Zerstörungen auf dem Land anrichten. Die Korvetten sind hochseegängig und bilden mit den neuen Fregatten zusammen einen Einsatzverband. Damit wird der Verbund des Überwasserseekrieges von der Hohen See bis in die Küste hinein und an Land möglich. Zwei der fünf Korvetten werden hier bei Blohm+Voss gebaut und werden in fünf bis sieben Jahren fertig sein. Es sollen weitere 10 Korvetten folgen.

Ebenso wie die Langstreckentransportflugzeuge Airbus A400 M und die Marschflugkörper TAURUS für die Luftwaffe, wie Kampfdrohnen TAIFUN für das Heer und das neue Spionagesatellitensystem SAR Lupe entsteht mit Fregatten und Korvetten eine neue Waffenqualität für die Bundeswehr, mit der eine weltweite militärische Interventionsfähigkeit geschaffen wird. Mit Landesverteidigung hat das nichts mehr zu tun.

Blohm+Voss als Teil des ThyssenKrupp-Konzerns, dessen dubiose Rüstungsexportgeschäfte immer wieder für Schlagzeilen sorgen, bemüht sich mit Regierungsunterstützung erfolgreich um den Waffenexport. So werden derzeit unter der Konsortialführerschaft von Blohm+Voss für Südafrika vier Fregatten hergestellt, davon zwei in Hamburg, und sechs Korvetten für Malaysia, die mit Materialpaketen aus Hamburg versehen dort gebaut werden.

Blohm+Voss ist im Überwasserkriegsschiffbau auf dem Weltmarkt Marktführer. Es hat an die militaristische Tradition aus Kaiserreich und Führerstaat angeknüpft. Das ist wahrlich kein Grund zum Feiern und Verherrlichen von Kriegswaffen, sondern bestärkt uns in unserem Kampf für das Ende der Rüstungsproduktion und des Rüstungsexports und die Umstellung auf zivile Produktion. Vielen Dank.

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Lühr Henken ist aktiv beim Hamburger Forum für Frieden und weltweite Abrüstung, im Bundesausschuss Friedensratschlag und ist IMI-Beirat

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