erscheint vermutlich in: Wissenschaft und Frieden 04/2002

Verteidigen Ja, Angreifen Nein

Interview mit den israelischen Kriegsdienstverweigerern Omry Yeshurun und Dan Tamir

von: Andreas Linder | Veröffentlicht am: 9. August 2002

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Omry Yeshurun und Dan Tamir hielten auf Einladung der Informationsstelle
Militarisierung Tübingen (IMI) einen Vortrag am 20.07.2002 im Schlatterhaus
Tübingen. Abschrift des Vortrags sowie ein Artikel über den Vortrag auf Anfrage.

(geführt von Andreas Linder am 20.07.02 in Tübingen)

Andreas Linder (AL): Sie haben nach Beginn der Offensive in den besetzen
Gebieten den Dienst in der israelischen Armee verweigert. Warum und was waren
die Konsequenzen?

Omry Yeshurun (OY): Ich verweigerte im Januar 2001. Das war noch vor der
neuerlichen Besetzung der palästinensischen Städte. Ich verweigerte aus Gründen,
die seit über zwei Jahren bestehen und die immer noch bestehen. Ich bin
nicht einverstanden mit der israelischen Politik in den besetzten Gebieten. Ich
werde die israelische Politik definitiv nicht mit meinen eigenen Händen
exekutieren. Gleich nach der Verweigerung wurde ein militärisches
Disziplinarverfahren gegen mich geführt. Ich wurde gleich nach der Verhandlung für 28 Tage im
Militärgefängnis Nr.6 inhaftiert.

Dan Tamir (DT): Ich habe im März 2001 einen Befehl erhalten, mit ein paar
meiner Soldaten für einen kurzen Einsatz nach Samarien, nicht weit von
Ramallah, zu kommen. Ich habe meinem Oberst gesagt, daß ich meine Soldaten nicht in
einen solchen Einsatz schicken will. Das war meine erste Verweigerung. Dann
hat mein Kommandant gesagt, wenn du deine Soldaten nicht schicken willst, dann
kommst du selbst. Ich habe gesagt: ´Gut, ich werde kommen. Ich bin kein
Deserteur.´ Übrigens wie alle anderen Verweigerer auch. Wir sind keine Deserteure.
Ich habe klar gesagt, ich werde kommen, aber ich nehme nicht teil, ich werde
keine Uniform in Ramallah anziehen und das Gewehr nicht in die Hand nehmen.
Dann habe ich verweigert und wurde auch inhaftiert, auch 26 Tage in der
Offiziersabteilung im Militärgefängnis Nr.6.

AL: Wie viele Soldaten haben denn seit Beginn der Offensive den Kriegsdienst
verweigert?

OY: Seit September 2000 gibt es 150 Refuseniks, die zu einer Gefängnisstrafe
verurteilt wurden. Über tausend haben ihre Verweigerung öffentlich erklärt.

AL: Sind die Refuseniks ein politischer Faktor in Israel?

OY: Die Refuseniks werden zur Zeit als die extreme Linke wahrgenommen. Sie
werden beachtet und sie sind ein politischer Faktor. Wir sind da und wir
können mehr werden, wenn sich der Krieg verschärft. Wenn sich die Sharon-Politik
weiter nach rechts entwickelt, wird die Zahl der Refuseniks massiv ansteigen.

DT: Ich denke, daß die Aktivitäten gegen eine Besatzung und die Weigerung,
an der Besatzung teil zu nehmen, sehr politisch ist. Das israelische Militär
wird von der Regierung für politische Zwecke mißbraucht. Sich diesem nutzlosen
Krieg zu verweigern ist eine wichtige politische Handlung.

AL: Wie reagiert denn die israelische Regierung auf die Verweigerungen?

OY: Die israelische Regierung ist natürlich gegen uns. Aber es ist die
israelische Armee, die sich um uns „kümmert.“

AL: Nimmt denn Yesh Gvul als Organisation Stellung zur Besatzungspolitik der
israelischen Regierung?

OY: Yesh Gvul gibt keine Erklärungen als Organisation. Sie bekundet ihre
Unterstützung für die Refuseniks und für jeden, der eine Gewissensentscheidung
gegen den Militärdienst vorbringt. Allerdings ist klar, daß die Mehrheit der
Aktiven von Yesh Gvul der Auffassung ist, dass Israel die besetzten Gebiete
räumen soll und dass ein palästinensischer Staat anerkannt werden muss.

AL: Was glauben Sie denn, würde passieren, wenn es noch wesentlich mehr
Verweigerer geben würde?

OY: Das Ziel der Refuseniks ist, dass es so viele Refuseniks wie möglich
gibt. Die Armee wird ein Problem bekommen, nämlich ihre „Pflicht“ in den
besetzten Gebieten zu erfüllen. Dieses Problem hat sie schon jetzt und es wird
grösser werden. Sie wird nicht mehr in der Lage sein, die grausamen Missionen dort
zu erfüllen, einige davon aufgeben und die besetzten Gebiete vielleicht
wieder ganz verlassen.

DT: Ich bin kein Prophet. 1984 und 1985 mußte sich das israelische Militär
aus dem Libanon zurückziehen. Niemand wußte genau, was die Ursachen für den
Rückzug waren. Erst 1990 hat der ehemalige Generalstabschef, Majorgeneral Moshe
Levy, in einem Interview klar gesagt, daß in der höheren Führungsebene des
Militärs die Angst vor einer größeren Verweigerungswelle die Hauptursache für
die Entscheidung für den Rückzug gewesen sei. Wir wissen also, daß
Verweigerung im Libanonkrieg ein Faktor war. Je mehr Soldaten den Dienst in Judäa,
Samaria und Gaza verweigern, desto schneller wird eine Entscheidung im
israelischen Militär und in der Regierung für das Ende der Besatzung kommen. Das hoffen
wir.

AL: Sie praktizieren selektive Verweigerung. In welchen Fällen entscheiden
Sie sich für eine Verweigerung, in welchen Fällen sind Sie bereit, im
israelischen Militär zu dienen?

OY: Ich werde in der israelischen Armee dienen, wenn Israel in
existenzieller Gefahr ist. Ein solcher Grund ist gut genug, um zu dienen und zu kämpfen.
In jedem anderen Fall, besonders der Situation, die wir zur Zeit in den
besetzten Gebieten haben, werde ich nicht dienen.

DT: Man muss etwas wichtiges wissen über Yesh Gvul. Es bedeutet auf Deutsch
übersetzt ´Es gibt eine Grenze.´ Das ist zuallererst eine persönliche Grenze
des Gewissens. Es geht um die Frage, wozu ein Soldat bereit ist und wozu
nicht. Ich bin nicht bereit, an einem unnötigen Angriffskrieg teilzunehmen. Ich
werde immer an der Verteidigung und Selbstverteidigung meines Staates und
meiner Landsleute teilnehmen. Ich sage Ja zum Verteidigen und Nein zum Angreifen.

Abdruck nur mit Autorisation

Kontakt: zu Andreas Linder: andreasbymail@gmx.net

Omry Yeshurun und Dan Tamir hielten auf Einladung der Informationsstelle
Militarisierung Tübingen (IMI) einen Vortrag am 20.07.2002 im Schlatterhaus
Tübingen. Abschrift des Vortrags sowie ein Artikel über den Vortrag auf Anfrage.

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