in: Neues Deutschland 26.07.2002

EADS und Boeing kooperieren

Zusammenarbeit bei der Raketenabwehr - Europäer wollen auf den US-Markt

von: Dirk Eckert | Veröffentlicht am: 2. August 2002

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Die Rüstungsmesse im britischen Farnborough ist noch nicht zu Ende und schon können die beiden wichtigsten Luftfahrt- und Rüstungskonzerne der Welt ? die amerikanische Boeing und die europäische EADS ? auf einen Erfolg anstoßen: Erstmals arbeiten die beiden Konkurrenten zusammen.

Am Dienstag unterzeichneten Boeing und EADS bei der internationalen Luftfahrtschau südlich von London eine Absichtserklärung, bei einem amerikanischen System zur Raketenabwehr zusammenzuarbeiten. Boeing hat darüber einen Sechs-Jahres-Vertrag mit der US-Regierung.

Mit dem Deal gelingt EADS ein weiterer Schritt in den amerikanischen Markt. Die Regierung der USA gab im Jahr 2000 mit 60Milliarden Dollar fast viermal mehr für Rüstung aus als die Verbündeten in Europa. Von dem Kuchen will auch EADS etwas abbekommen. Einmal bereits hatte sich das deutsch-französisch-spanische Unternehmen beim Pentagon um einen Auftrag für Tankflugzeuge beworben, war aber gescheitert. Allerdings ist EADS schon an einem Projekt der US-Rüstungsfirmen Lockheed Martin und Northrop Grumman für die amerikanische Küstenwache beteiligt.

Auf mittlere Sicht will EADS auch in den Vereinigten Staaten produzieren, wie Greg Bradford von EADS laut ?Seattle Times? in Farnborough sagte. Die EADS habe dazu einen Drei-Stufen-Plan: Zuerst suche sie die Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Boeing. Dann würden einzelne Arbeiter angeheuert, etwa für die Wartung von Airbus-Flugzeugen. Schließlich würde man eigene Flugzeuge produzieren wie etwa Tankflugzeuge. Die Hoffnung, diese eines Tages doch noch ans Pentagon zu verkaufen, gibt EADS noch nicht auf.

Überhaupt hat der europäische Rüstungsriese ein ehrgeiziges Ziel vor Augen: Bis 2004 soll der Umsatz von Rüstungsprodukten um 50Prozent auf 9 Milliarden Euro steigen. Innerhalb des Konzerns soll deren Anteil am Gesamtumsatz von 20auf 30Prozent bis 2012 wachsen. Das Geschäft mit den USA läuft jetzt langsam an. Keinen Hehl macht die europäische Rüstungsindustrie daraus, dass ihr die Rüstungsausgaben vor allem in Deutschland zu niedrig sind. ?Nach den Bundestagswahlen muss in Deutschland mehr für den militärischen Bereich und für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden?, forderte Jean-Louis Gergorin von EADS laut ?Süddeutscher Zeitung?. Den Ausbau der Rüstungsproduktion erklärt die FAZ am 24.Juli so: ?Um sich vom Auf und Ab in der Zivilluftfahrt abzukoppeln und dem Börsenkurs Auftrieb zu geben, forcieren die Strategen in München und Paris jetzt den Ausbau des Rüstungsgeschäfts.?

Die Kooperation war laut Presseberichten von der USA-Regierung befürwortet worden. Hintergrund sind die Bedenken, die die europäischen NATO-Staaten, darunter auch die Bundesrepublik, gegenüber dem Raketenschutzschild haben, mit dem die USA sich gegen Raketen aus ?Schurkenstaaten? schützen wollen. Unter Hinweis auf den Terrorismus soll das Raketenabwehrprogramm, wegen dem die USA auch den ABM-Vertrag mit Russland gekündigt hatten, jetzt den europäischen Regierungen schmackhaft gemacht werden. ?Da Europa sich am Krieg gegen den Terror beteiligt, wächst aus der Perspektive der Terroristen sein Wert als Ziel?, so Rainer Hertrich, einer der beiden Chefs der EADS. Die Kooperation mit Boeing könnte ein Übriges tun: Lehnt etwa Deutschland das Raketenabwehrprojekt weiter ab, stehen in Zukunft Arbeitsplätze auf dem Spiel. Mit der Integration von Bündnispartnern könnten die USA aber auch einen Teil der Kosten abwälzen, die bisher auf 48Milliarden Dollar bis 2007 geschätzt werden. Zupass kommt der Industrie wie der amerikanischen Regierung, dass auch in Europa bereits an Raketenabwehrsystemen gearbeitet wird. Mit der Zusammenarbeit zwischen EADS und Boeing rücken Europa und die USA bei der Raketenabwehr wieder näher zusammen. Damit gebe man der transatlantischen Zusammenarbeit eine neue Dimension, meinte Boeing-Chef Phil Condit. Die europäischen Regierungen sind laut EADS informiert worden, hätten aber noch nicht Stellung bezogen.

Bisher lieferten sich Boeing und die EADS vor allem einen erbitterten Konkurrenzkampf. Bei Passagierflugzeugen könnte EADS aber, hält der Trend an, Boeing jetzt überrunden. Mit ihrem Airbus A380 will EADS, der die Airbus-Gruppe zu 80 Prozent gehört, den amerikanischen Flugzeugbauer auf dem Feld der Großraumflugzeuge auf den zweiten Platz verweisen.

Dirk Eckert

Datum: 26.7.2002
Erschienen in: Neues Deutschland

URL: http://www.dirk-eckert.de/texte.php?id=289

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