in: taz köln, Nr. 106, S. 4

Mit Gabriel ins Kosovo


von: Dirk Eckert | Veröffentlicht am: 12. Juli 2002

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In Kambodscha waren sie noch als Sanitäter, im Kosovo schon im Kampfeinsatz: Auslandseinsätze werden Alltag bei der Bundeswehr: „Soldatenglück und Gottes Segen“ wünschte der kommandierende Generalleutnant im Januar 2002 den deutschen Soldaten, die zur ISAF-Schutztruppe nach Afghanistan aufbrachen. „Soldatenglück und Gottes Segen“ nannten auch Ulrike Franke und Michael Loeken ihren Film, der in Köln Premiere hatte: Ein geglückter Dokumentarfilm über eine neue deutsche Wirklichkeit, ein realistisches Bild, realistischer, als der Bundeswehr lieb sein dürfte: Vom heldenhaften Peacekeeper bleibt da nicht viel übrig.

Franke und Loeken besuchten die Bundeswehr im Kosovo. Sie zeigen die Soldaten nicht bei ihrem eigentlichen Geschäft, im Kriegseinsatz, sondern danach, während ihrer Arbeit bei der KFOR im Kosovo. Alles halten sie mit der Kamera fest – von der Patrouille bis zur Freizeit – und geben so einen Überblick über das Leben der Truppe. Gefahr und Langeweile: so lässt sich die Realität im Camp am kürzesten umschreiben. Die Bundeswehr bietet den Soldaten Abwechslung, damit die Zahl der Selbstmorde in der Truppe nicht noch weiter steigt.

Hier kommen Unterhaltungskünstler wie Gunter Gabriel ins Spiel. Seit Jahren besucht der Sänger die Bundeswehr im Ausland. Seine schwarz-rot-goldene Gitarre mit den Aufklebern zeugt davon. Seine Auftritte halten den Film zusammen: Sie steigern sich vom ersten Besuch bei der Bundeswehr in Deutschland bis zum großen Finale, dem Auftritt im Kosovo.

Das hört sich dann so an: „Es steht ein Haus im Kosovo/das ist zerbombt und leer“, singt Gabriel zur Melodie von „House of the Rising Sun“. „Doch die Jungs aus good old Germany / die stellen es wieder her“. Franken und Loeken halten die Kamera auf das Soldaten-Publikum. Das ist begeistert, Gabriel hat genau den Ton getroffen. Kein Halten mehr, als er das Camp „mitten in einem Minenfeld“ besingt: „Und der Soldat aus Stuttgart, Leipzig, Köln bis Kiel/hat Angst, dass er im fremden Land verreckt“.

Das ist das Besondere an „Soldatenglück und Gottes Segen“: Die Autoren lassen der Bundeswehr und ihren Soldaten ihre Selbstdarstellung. Die haben Franke und Loeken bereitwillig und manchmal stolz Auskunft gegeben. Am Ende der Dreharbeiten, erzählen die beiden lachend bei der Filmpremiere, wurden sie gefragt, ob sie jetzt nicht auch zur Bundeswehr wollten. Beide lehnten dankend ab. Zwischen Filmenden und Gefilmten liegen eben Welten.

„Soldatenglück und Gottes Segen – Über das Leben im Einsatz“ (2002): Filmhaus Köln, 11.-17. Juli (außer 13. Juli), jeweils 21.30 Uhr

Original: http://www.dirk-eckert.de/texte.php?id=282

© Dirk Eckert

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