in: Frankfurter Rundschau vom 18.04.2002

Leben mit und über Toten

Das von israelischen Truppen zerstörte Palästinenser-Lager Dschenin ist nur noch eine Trümmerlandschaft

von: Dokumentation / Inge Günther (Dschenin) | Veröffentlicht am: 19. April 2002

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Die Vorderfront ihrer Wohnung ist weggerissen, als ob es sich bei ihr nicht um eine Betonwand, sondern um einen Vorhang aus Stoff gehandelt hätte. Jetzt haust Fatima Abdel Salam Dschabr buchstäblich am Rand des Nichts. Wo einst ihr Wohnzimmer war, hat sie einen freien Blick auf ein Areal der Verwüstung, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Ground Zero fällt einem unwillkürlich ein, angesichts dieses Ausmaßes der Zerstörung, vielleicht drei Fußballfelder groß, wo kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Die meist zwei Stockwerke hohen Gebäude, die hier, inmitten des palästinensischen Flüchtlingslagers von Dschenin, einst dicht an dicht standen, sind zusammengestürzt wie Kartenhäuser, als israelische Armeebulldozer vor rund zwei Wochen die „Zentrale des Terrors“ ausradierten.

Möbel, Küchentische, Teppiche, Schaumstoffmatratzen, Spielzeug lugen zerpresst zwischen zerborstenen Böden und Decken hervor. Habseligkeiten, die daran erinnern, dass dort bis vor kurzem mehrere hundert Familien gelebt haben. Aus der Trümmerlandschaft staken verbogene Rohre und Erdleitungen heraus.

Ein bizarrer Anblick, vergleichbar mit einem Erdbebengebiet. Nur dass die palästinensische Variante von „Ground Zero“ von Menschenhand verursacht wurde. In Dschenin von israelischen Truppen, die nach bitteren Verlusten in dieser umkämpften Zone, wo insgesamt 23 Soldaten fielen, keine Rücksicht mehr nahmen und dafür von ihren Oberbefehlshabern volle Deckung erhielten. Mit zu verantworten wohl ebenso von palästinensischen Islamisten, die eines der dichtbesiedeltsten Wohngebiete für ihre Stadtguerilla als Unterschlupf vor einrückenden Besatzungstruppen ausnutzten und damit unsägliches Leid über die zivile Bevölkerung brachten.

Die Debatte um das Schlachtfeld von Dschenin wird anhalten. Jede Seite strickt bereits an ihren Legenden. Rechnet je nach politischem Kalkül die Zahl der Toten runter oder rauf. Eine Zahl, die vielleicht niemals genau zu beziffern sein wird. Um alle Todesopfer unter den gigantischen, zehn, zwanzig Meter hohen Schuttbergen zu bergen, wären vermutlich Ausgrabungen notwendig, die mit archäologischer Akkuratesse erfolgen müssten. Bislang hapert es selbst an einfachsten Rettungsarbeiten.

Dort, weist Fatima mit dem Zeigefinger auf die Trümmerstätte, „liegt mein Mann“. Sie sagt das mit starrem Ausdruck im bleichen Gesicht. Er war ein bewaffneter Hamas-Führer, und darauf ist sie stolz. „Er hat für sein Heimatland gekämpft. Für mich ist es eine große Ehre, seine Frau zu sein.“ Sie wirkt wie betäubt vor Schmerz. Den Mann hat sie verloren, den 15-jährigen Sohn, eines von drei Kindern, haben die Soldaten mitgenommen. Mit ihrem Leben scheint Fatima abgeschlossen zu haben. Dass ihr einziger Wunsch, den Ehering und die Uhr ihres Mannes als Erinnerung an ihn wiederzubekommen, sich kaum erfüllen lässt, weiß auch sie. Umso fester klammert sie sich an ihren Glauben, als „Schahid“, als Märtyrer, sei seiner Seele der direkte Sprung ins Paradies gelungen, wo, so Fatima, „ich ihn wiedersehen werde“.

Einstweilen lebt Fatima in einer Hölle auf Erden, über und neben Toten. Im Hinterhaus befinden sich noch drei Leichen, wie lange schon, kann keiner exakt sagen. In den zehn Tagen der Militäroffensive, die sie unter fortdauerndem Panzer- und Raketenbeschuss auf einem Matratzenlager verbrachten, ist ihnen das Maß für Zeit abhanden gekommen. Ein paar Stufen führen hoch, in jenen Raum, aus dem einem schon bei sekundenlangem Blick durch die Tür bestialischer Verwesungsgeruch entgegenschlägt. Zur Seite gekrümmt liegt dort ein Mann, eine gemusterte Decke halb über Kopf und Körper geworfen, rechts neben ihm sowie auf der Treppe zwei weitere Tote. Der erste Augenschein spricht dafür, dass sie Militante waren. Im Hof stehen zwei Ölfässer, mit Sandsäcken verbarrikadiert, die ihnen offenbar als Stellung dienten.

Aber auch von Omar Mukaskas, einem 50-jährigen Familienvater, berichten die Frauen, den ein israelischer Scharfschütze erschossen habe, als er Wasser für seine Kinder holen wollte. Seine Leiche haben Rot-Kreuz-Helfer am Vortag geborgen. Seit diesem Montag lässt Israels Armee sie und auch einige Sanitäter des Roten Halbmondes ins Lager Dschenin, um die Toten abzutransportieren. Die Bergungsarbeiten kommen nur schleppend voran. Um die Opfer aus den eingestürzten Häusern zu ziehen, braucht man eigentlich schweres Gerät, heißt es beim Internationalen Roten Kreuz. Kran und Bagger ins Flüchtlingscamp zu schaffen, haben die Militärs aber zunächst nicht gestattet.

Dabei wären vielleicht noch kleine Wunder möglich. Erst am Sonntag wurden zwei verschüttete Frauen lebend geborgen. Mit schwachen Rufen war es der 60-jährigen Farhan a-Saadi sowie der jüngeren Lina Abd al-Latif gelungen, auf sich aufmerksam zu machen. Zuvor hatte sie niemand gehört, da sich kaum eine Menschenseele in jenes Gefahrengebiet wagte, das Israel zur militärischen Sperrzone erklärt hat. Mit dem Verweis, überall lauerten Todesfallen und selbst unter den Leichen hätten militante Islamisten möglicherweise Minen oder Sprengstoffpakete versteckt, hatte die Armee den Ambulanzen jeden Zutritt verwehrt. Eine Vorsichtsmaßnahme, die im Nachhinein nicht recht zu überzeugen vermag. Seitdem die Sanitäter im Lager sind, beteiligen sich immer mehr Palästinenser – die von den Soldaten offiziell verhängte Ausgangssperre missachtend – an der Suche nach Vermissten. Angst vor Bombenfallen zeigen sie nicht.

Vor einem schwarz verkohlten Haus wartet Dr. Achmed Al-Suchi auf Armee-Gesandte, um eine weitere Bergung mit ihnen zu koordinieren. Acht Leichen habe man in nur zwei Stunden bereits entdeckt, und „hier“, deutet er auf den ersten Stock, in den eine Rakete einschlug, „sind drei weitere“. Über einen völlig verkohlten Körper hat sich bereits ein Schwarm Schmeißfliegen hergemacht. Und erneut ist es dieser unerträgliche, süße Gestank fortgeschrittener Verwesung, der einem den Atem raubt. Ein Gestank, der einem beim Rundgang durchs Camp immer wieder in die Nase steigt. Indiz dafür, dass die Helfer noch viel zu tun haben werden.

„Wo ist die Welt“, schleudert Dschamal Rasmi Hasini, ein 37-jähriger Lkw-Fahrer, den Journalisten seine Empörung entgegen, vielleicht ist es auch nur seine Verzweiflung. Vor zwölf Tagen habe er zuletzt seine Frau Ilham und seine Kinder – vier Mädchen, drei Jungen – gesehen, berichtet er und zieht, wie zum Beweis ihrer Existenz, alle möglichen Ausweispapiere hervor. Als die kettenrasselnden Militärbulldozer anrückten, seien er und die Seinen dem per Lautsprecher verbreiteten Befehl gefolgt, das Haus zu verlassen. „Dann wurden wir getrennt. Mich packten die Soldaten, legten ein Gewehr auf meine Schulter und zwangen mich, ihnen vorauszugehen“ – zu einem Haus, indem sie Militante vermuteten. Dass die Armee beim Sturm auf Dschenin Palästinenser wiederholt als menschliche Schutzschilde einsetzte, haben inzwischen einige israelische Reservisten eingeräumt. Nachdem 13 von ihnen wenige Tage zuvor in einem Hinterhalt ums Leben gekommen waren, schien den Israelis offenbar jedes Mittel recht.

Auch schält sich allmählich heraus, was in jener Nacht geschah, als das Zentrum des Lagers, wo sich der harte Kern der Militanten verschanzt hatte, dem Erdboden gleichgemacht wurde. Einem Großteil der verbliebenen Zivilisten gelang es wohl tatsächlich, sich ins Freie zu retten. Aber nicht allen. Die Palästinenser aus dem Lager berichten von Alten und Kranken, die nicht rechtzeitig flüchten konnten. Ein graubärtiger Mann, der seinen Namen aus Angst vor dem „Muhabarat“, wie er den israelischen Geheimdienst nennt, für sich behalten will, zeigt eine Stelle auf dem Gelände. Dort lebte einst eine ihm bekannte Familie mit ihrem gelähmten 35-jährigen Sohn Dschamal Raschid Faid. „Die Soldaten ließen den Eltern keine Zeit, ihren behinderten Sohn fertig für die Flucht zu machen. Sie sagten: Lasst ihn liegen“, schildert der Graubärtige die Szenerie. „Sie dachten wohl, der auf dem Bett ist ein verletzter Kämpfer. Dann haben sie ihn bei lebendigem Leib mit ihren Bulldozern begraben.“

Dass es sich im Falle Dschamals nicht nur um ein tragisches Einzelschicksal handeln dürfte, legt eine ganz andere Aussage nahe. Im Streitfall um die Zuständigkeit für die Totenbestattung in Dschenin bezog Israels Staatsanwaltschaft vor Gericht so Stellung: „Es gab dort Häuser, die die Leute auf Aufforderung verließen und andere, die sie nicht verließen“. . . beziehungsweise . . . „erst nachdem die Bulldozer eine Hauswand einrissen und bevor das ganze Haus demoliert wurde.“ Nur, so ist hinzuzufügen, zwischen Mauerbruch und Einsturz, blieben in diesen dünnwandigen Behausungen den Menschen wahrscheinlich nicht mal Minuten, sie zu verlassen.

Könnte damit der Tatbestand eines Massakers erfüllt sein? Waren es mehrere dutzend Tote oder doch mehrere hundert? Israel dementiert vehement und wirft den Palästinensern billige Hetze vor. Ohne eine internationale Untersuchungskommission, für die sich die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem jetzt stark macht, wird die ganze Wahrheit kaum ans Licht kommen.

Letzte Etappe der Inspektion des Lagers Dschenin, das der UN-Koordinator Philipp Winslow eine „Desasterzone größeren Ausmaßes“ nennt. Sie führt zur Moschee. Ihre Mauern stehen noch, aber drinnen ist alles von Scherben, Zigarettenkippen und dem schmutzigen Plastikgeschirr übersät, das die Soldaten zurückgelassen haben. „Geht ruhig rein, auch wenn ihr kein Kopftuch dabeihabt“, hat die Palästinenserin Omadscha Damadsch die westlichen Journalistinnen ermuntert. „Die Israelis haben unsere Moschee schon entweiht.“ Omadscha ist mitgekommen, um all das zu zeigen, was sie noch mehr aufbringt als die zerstörten Häuser ringsum: die zerrissenen Koranseiten auf dem Boden der Moschee, die Schnapsflasche mit der hebräischen Aufschrift Carmel in einer Ecke, die Exkremente im Waschraum, wo sich sonst gläubige Moslems vor dem Gebet die Hände reinigen. „Sie haben hier eine Orgie gefeiert“, sagt sie fassungslos.

Beim Rückweg aus dem Lager, vorbei an patrouillierenden Panzern, hält sich ein beklemmendes Gefühl so hartnäckig wie der Leichengestank in der Nase. Dschenin, das wird ein Geschwür bleiben, das noch lange eitern wird. Viel länger, als es braucht, die abgerissenen Elektroleitungen zu verlegen und die zerborstenen Wasserleitungen zu flicken, um das tägliche Leben auf diesem Trümmerhaufen neu beginnen zu können.

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