in: Frankfurter Rundschau 15.04.2002

Nichts stört die Freundschaft der Uniformierten

Unbeeindruckt von der Historie und trotz des Krieges mit den Palästinensern pflegen die Armeen Deutschlands und Israels eine enge Kooperation

von: Dokumentation / Frankfurter Rundschau / Sebastian Engelbrecht | Veröffentlicht am: 17. April 2002

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Brigadegeneral Benkler arbeitet in einer Festung. Hinter den Mauern, Eisentüren und Sicherheitsschleusen der israelischen Botschaft muss sich der Militärattaché mit wenigen Quadratmetern für den Schreibtisch und die Sitzecke begnügen.

Reuven Benkler, ein 44-jähriger Mann mit dunklem Teint und langem braunem Bart, hat eine Bilderbuchkarriere in der israelischen Armee hinter sich. Seit anderthalb Jah-ren ist sein Dienstsitz Berlin. Und wenn er nicht gerade irgendwo unterwegs ist, um an Treffen deutscher und israelischer Offiziere teilzunehmen, dann sitzt er bei heruntergelassenen Jalousien und Kunstlicht in seinem Berliner Büro.

Auf die Frage, wie häufig es zu solchen Zusammenkünf-ten zwischen Soldaten beider Armeen komme, weicht Benkler vielsagend aus: „Die Beziehungen finden alltäg-lich statt. Ununterbrochen. Es sind Arbeitsbeziehungen von Verbündeten.“ Dann erzählt er von den Reisen der Bundeswehrspitzen nach Israel, vom letzten Besuch des israelischen Marinebefehlshabers und von Begegnungen der Logistikchefs beider Armeen in Deutschland, von israelischen Offizieren, die deutschen Geheimdiensten Besuche abstatten, und setzt am Ende der Aufzählung lächelnd hinzu: „Ich könnte noch eine Woche so weiter-machen.“

Benklers Antworten, seine Lobeshymnen auf eine Zu-sammenarbeit, in der es „sehr wenig Geheimnisse“ gebe, fallen für einen hohen Armeeoffizier ungewöhnlich aus-führlich aus. Fast beiläufig erwähnt er Zusammenhänge, die der deutschen Öffentlichkeit kaum bewusst sind. Die israelische Armee, sagt der General, unterstütze vor allem die Bodenstreitkräfte der Bundeswehr, nicht nur im Blick auf „Kriegführung überhaupt“, sondern „auch mit Know-how zur Aktivierung von Spezialeinsatzkräften“. Aus Benklers Andeutung kann man schließen, dass das deutsche Kommando Spezialkräfte (KSK), das inzwi-schen in Afghanistan Einsatz-Erfahrungen sammelt, zuvor auch von den Israelis ausgebildet worden ist. Die Bundeswehr profitiere „im Blick auf alles, was militärisch bei einem low intensity conflict von Interesse ist“, sagt der Attaché. Er schwärmt von der Bundeswehr, als gäbe es die Diskussion um veraltetes Kriegsgerät und den Sparfrust der Generäle nicht.

Es ist längst nicht mehr das schlechte Gewissen, das die Deutschen Kontakte zu den Israelis pflegen lässt, und Israel spekuliert keineswegs allein auf kostenlose Waf-fenimporte aus Deutschland. Vielmehr sieht Benkler den entscheidenden Grund für die gegenseitige Anziehung und den Erfolg der Kooperation in der „Ähnlichkeit zwi-schen beiden Armeen“, in ihrer vergleichbaren Professi-onalität. Die Bundeswehr könne mehr als die meisten westeuropäischen Armeen. Sie habe genug Panzer, Artillerie und Flugzeuge, um ihr Land zu verteidigen, und sei zugleich in der Lage, Peacekeeping-Truppen in ferne Länder zu schicken.

Und weil die deutsche Armee so professionell arbeitet, sendet Israel nicht nur hohe Offiziere ins Land der Bun-deswehr, sondern auch Alpinistentrupps, Ingenieure, Luftwaffen- und Marinesoldaten, erzählt Benkler. Unter Anleitung von Bundeswehrkollegen lernen israelische Soldaten in Flug- und U-Boot-Simulatoren den Umgang mit ihrem Kriegsgerät. Umgekehrt schickt die Bundes-wehr Scharfschützen und andere „wichtige Kräfte“ zu Übungen nach Israel. Dass unter den Gästen vielleicht Enkel von KZ-Wächtern und Wehrmachtssoldaten sind, interessiert Benkler nicht. Aus seiner Perspektive hat die deutsche Truppe nichts, aber auch gar nichts mit ihren Vorgängern zu tun, vielmehr stehe sie im Dienst der „Menschlichkeit“.

Selten dringt etwas von dieser militärischen Harmonie nach außen. Ein Ereignis, das eigentlich hätte aufhor-chen lassen müssen, liegt inzwischen ein Jahr zurück: Kurz vor seiner Pensionierung zeichnete die israelische Armee den deutschen Heeres-Inspekteur Helmut Will-mann mit einer „Honorary Citation“ aus. Willmann hatte in drei Jahren als kommandierender General des Euro-korps in Straßburg internationale Erfahrungen gesammelt und sich anschließend, 1996 bis 2001, als Chef des deutschen Heeres stark für die Zusammenarbeit mit den Israelis engagiert. Sein gläserner Wohnzimmerschrank ist voll mit Bundesverdienstkreuzen, Medaillen und Aus-zeichnungen aus Europa und den USA – die Dekoration aus Israel aber ist für ihn „unter dem historischen Aspekt eine ganz besondere“.

Erstaunlicherweise zeichnete die israelische Armee den deutschen Soldaten Willmann als ersten Nicht-Israeli aus, zudem noch, gegen das Prinzip, für Leistungen außerhalb des Kampfes. Bei der Verleihung des Ordens feierten die Israelis Willmann als den „deutschen Tiger“, produzierten ihm zu Ehren ein Helmut-Willmann-Video, und seine israelischen Kollegen versicherten ihm: „Wenn Du nach Israel kommst, bist Du bei uns zu Hause.“ Aus den dienstlichen Kontakten zu israelischen Generälen wurden enge Freundschaften – überraschend für den heute 62-jährigen Willmann, der 1997 zum ersten Mal nach Israel gereist war.

Seit 1999 schickt die Bundeswehr jährlich 15 Offiziersanwärter nach Israel, die durchs Land reisen, die Holo-caust-Gedenkstätte Yad Vaschem besuchen und sich bei Übungen in der Negev-Wüste mit israelischen Elitesolda-ten messen. Willmann führte außerdem regelmäßige israelisch-deutsche Heeres-Generalstabsgespräche ein, eine Einrichtung, die es sonst nur mit den USA, England und Frankreich gibt. Die Treffen darf man sich nicht als geselliges Kaffeetrinken vorstellen. Hier werden Informa-tionen getauscht, die für beide Seiten von enormer Be-deutung sind. Die israelische Armee gehört nicht zur Nato, ist im Nahen Osten isoliert und braucht lebendige Beziehungen nach Europa. Und deutsche Generäle wie Willmann sind „fasziniert“ von der israelischen Armee, die „ständig im Einsatz ist“. Für den Umbau der Bundes-wehr „von der Friedens- zur Einsatzarmee“ suchte er gezielt den Erfahrungsschatz der Israelis und „war pro-fessionell schon sehr beeindruckt“.

Willmann bekam, was er wollte. Militärattaché Benkler bestätigt, die Israelis teilten mit den Deutschen inzwi-schen „fast ununterbrochen und direkt jede Erkenntnis, die sie aus den praktischen Erfahrungen im Einsatz gewinnen“. Anders als Benkler schweigt Willmann, wenn es um Details der Zusammenarbeit geht. Und das deut-sche Verteidigungsministerium fertigt Anfragen mit Phra-sen per Fax ab: „Einzelheiten zum Stand der bilateral vereinbarten Zusammenarbeit unterliegen dem verein-barten Vertrauensschutz.“ Tatsächlich haben die Vertei-digungsministerien beider Länder 1971 ein Abkommen geschlossen, in dem sie sich verpflichten, die „Geheim-schutzeinstufung“ der jeweils anderen Seite bei der Zusammenarbeit zu respektieren.

Besonders erprobt ist das Schweigegelübde beim Aus-tausch von Informationen über „fremdes Wehrmaterial“. Seit 1967 sollen die Israelis der Bundeswehr Informatio-nen über Panzer sowjetischer Bauart geliefert haben, die sie auf ihren Feldzügen gegen arabische Nachbarn erbeutet hatten. Die deutsche Armee revanchierte sich 1991 mit Panzern aus dem Bestand der Nationalen Volksarmee. Der Bundesnachrichtendienst tarnte sie als Landmaschinen, lud sie in Hamburg aufs Schiff, vergaß aber, die Wasserschutzpolizei zu informieren. So flog das Vorhaben auf. Die Panzer wurden dennoch nach Israel geliefert. Niemand außer dem engsten Kreis der Beteilig-ten weiß, ob und wie viele Waffen auf diese Weise – vorbei am Bundestag und vorbei am Bundeskanzleramt – schon nach Israel geliefert wurden, ob für den Einsatz oder zu Informationszwecken.

Selbst der Krieg, den sich Israelis und Palästinenser dieser Tage liefern, bringt die Treue der deutschen Bun-desgenossen nicht ins Wanken. Außenminister Joschka Fischer erklärte sich schon bei seiner letzten Nahost-Visite Mitte Februar für unbefugt, die Militärbeziehungen in Frage zu stellen. Forderungen von Kirchenvertretern, CDU, israelischen Menschenrechtsorganisationen und demonstrierenden Palästinensern in Deutschland, we-nigstens den Waffenexport nach Israel zu stoppen, pral-len bei der Bundesregierung ab. Bis heute schweigt sie allerdings auch zu israelischen Vorwürfen, Deutschland, Frankreich und Großbritannien hätten wegen des Krieges in Nahost ein „Waffenembargo“ verhängt. Im Bundessi-cherheitsrat soll es in den vergangenen Monaten zu Verzögerungen bei der Genehmigung von Waffenausfuh-ren nach Israel gekommen sein.

Kein Land außerhalb der Nato kauft in Deutschland so viele Waffen ein wie Israel. Allein im Jahr 2000 geneh-migte die Bundesregierung Exporte von „Kriegswaffen und rüstungsrelevanten Gütern“ nach Israel in Höhe von 346 Millionen Mark (knapp 177 Millionen Euro). Schon seit vier Jahrzehnten rüstet Deutschland die israelische Marine mit U-Booten aus. Die drei neuesten in der israe-lischen Flotte lieferten die Deutschen in den vergange-nen drei Jahren; fünf Sechstel der Kosten trug die Bun-desregierung und löste damit ein Versprechen ein, das sie während des Golf-Kriegs angesichts der Bedrohung Israels durch deutsche Waffentechnik in irakischer Hand gegeben hatte.

Nach Informationen des Militärexperten Otfried Nassau-er vom „Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit“ bezieht Israel außerdem Komponenten aus deutscher Produktion für seine Waffen oder Waffensys-teme. Darunter seien Bauteile für Panzer, Lastwagen, Hubschrauber und Flugzeuge, „Optronik“, elektronische Bausteine und Zünder. Dass deutsche Komponenten im Kampf gegen die Palästinenser eingesetzt werden, hält Nassauer „in bestimmten Bereichen“ für „ziemlich wahr-scheinlich“. Nur nachweisen könne man es nicht.

Um einen offiziellen Exportstopp zu verfügen, wäre der Nachweis nicht nötig. Da würden die selbst auferlegten politischen Grundsätze der Bundesregierung vom Januar 2000 schon ausreichen, die den Export von Kriegswaffen und „kriegswaffennahen sonstigen Rüstungsgütern“ in Länder verbieten, „die in bewaffnete Auseinandersetzun-gen verwickelt sind oder wo eine solche droht“.

Mit den Waffenexporten von Deutschland nach Israel ist auch Reuven Benkler unzufrieden – auf seine Weise. „Es gibt Exporte, aber nicht genug“, sagt der Militärattaché. Die deutsche Gesellschaft und der Bundestag seien da „wegen der Geschichte“ sehr empfindlich. Kompliziert sei vor allem, Rüstungsgüter für die israelische Armee zu kaufen, von denen befürchtet wird, sie könnten als „An-griffswaffen“ verwendet werden.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich wegen des israelisch-palästinensischen Krieges am Waffenexport nach Israel etwas ändern wird. Deutschland steht seit 1957, als Franz Josef Strauß und Schimon Peres erste militärische Verbindungen herstellten, fest an der Seite Israels. Ei-nem so engen Verbündeten werden weder Bundesregie-rung noch Bundeswehr die Gefolgschaft verweigern. Helmut Willmann jedenfalls leidet auch dieser Tage mit den israelischen Freunden: „Ich weiß um die Last, die diese Armee tragen muss, um die Last, die dieses Volk tragen muss.“

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