in: Ossietzky 06/2002, 23. März 2002

Warum Somalia?

Somalische Tragödie

von: Claudia Haydt | Veröffentlicht am: 20. März 2002

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Die Somalis leben seit mehr als einem Jahrzehnt im Kriegszustand – die Bevölkerung ist einiges gewöhnt. Doch seit dem letzten Herbst ist die Angst noch größerer geworden. Die „Allianz gegen den Terror“ droht mehr oder weniger direkt mit militärischer Intervention. Die einzigen „Beweise“ für die Existenz aktiver Terrorgruppen in Somalia und eine Kooperation der Übergangsregierung mit diesen Gruppen, sind Anschuldigungen von oppositionellen Warlords (u.a. Aideed Jr.) und der äthiopischen Regierung. Diese beiden Gruppen versuchen nach Ansicht vieler Beobachter, die USA zu überzeugen, Somalia anzugreifen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen (1).

Somalia, das Land am Horn von Afrika, liegt günstig – militärisch, geostrategisch und bezüglich der wichtigsten Seehandelsrouten. Es steht zu vermuten, dass der bevorstehende Krieg um Somalia seine Dynamik aus innersomalischen Brüchen, aus regionalen Spannungen und aus den Interessen der US-amerikanischen „Terror-Krieger“ und ihren Verbündeten beziehen wird.

Deutschland nimmt dabei nicht nur eine untergeordnete Rolle an der Seite der USA ein, sondern hat selbst einen wesentlichen Anteil beim Aufbau der Drohkulisse. Vor der Küste von Somalia patrouillieren seit Januar zahlreiche Kriegsschiffe darunter drei deutsche Fregatten begleitet von Versorgungsschiffen und fünf Schnellbooten. An Bord sind zur Zeit 1.250 Marine-Soldaten. In Dschibuti sind 50 deutsche Fallschirmjäger stationiert und in Kenia seit Mitte März 160 Soldaten mit drei hochmodernen Seeaufklärungsflugzeugen vom Typ Breguet Atlantic. Scharpings (später wieder dementierte) Äußerung, Somalia wäre wohl das nächste Ziel des Anti-Terror-Kampfes, wird dort im Kontext der Entsendung des deutschen Kontingents gesehen. „Die Deutschen kommen!“ und „Wer es sich leisten kann hat seine Familien außer Landes gebracht.“ (2) berichtete DIE WOCHE aus Somalia.

Die Geschichte der fatalen „Interventionen“ in Somalia ließe sich über Kolonisation, Dekolonisation, willkürliche Grenzziehung, politische und währungspolitische Einflussnahmen über die Intervention Anfang der 90er Jahre bis in die Gegenwart verfolgen. Zentralistische Herrschaftsmodelle (egal ob kapitalistisch oder sozialistisch) passen auf die Clanstrukturen Somalias genauso wenig, wie die sich zur Zeit abzeichnende „Drei-Staaten-Lösung“ (Somaliland, Puntland und der „Rest“) zu den teilnomadischen Bevölkerungsgruppen. Einen vorsichtigen Hoffnungsschimmer gab es im Sommer 2000 als unter Vermittlung der UN in Dschibuti 3000 somalische Stammesälteste eine Übergangsregierung bestimmten. Diese Regierung hatte und hat nur wenig internationale Unterstützung und so gut wie keine finanzielle Ressourcen (z.B. kein Geld für die Besoldung von Staatsbediensteten oder Infrastrukturmaßnahmen). Das ist wohl ein wichtiger Grund dafür, dass sie nur mäßig erfolgreich dabei war, sich als zentrale Macht durchzusetzen. Dennoch waren (vor dem 11. September) erste zaghafte Anzeichen für eine Verbesserung der Situation erkennbar: Exil-Somalis kehrten zurück in ihre Heimat, es wurden wieder Investitionen getätigt und viele kleine Betriebe wurden neu oder wieder eröffnet.

Diese Entwicklung kam durch den „Kampf gegen den Terror“ nun fast komplett zum erliegen. Wichtigster Faktor dabei war die Schließung der Barakaat Bank über die fast alle Auslandsfinanztransaktion in Somalia durchgeführt wurden. Ungefähr die Hälfte aller Somalis haben keine andere Einnahmequelle als die Gelder, die sie von ihren Angehörigen im Ausland erhalten. Angeblich finanziert die Barakaat Bank Terrorismus. Gemeint sind damit Al Kaida und „Al-Itihaad“, eine islamistische Gruppierung, die 1996/97 nach Unruhen von separatistischen Somalis in Süd-Äthiopien und Anschlägen in Addis Adeba, für die Al-Itihaad verantwortlich gemacht wurde, durch die äthiopischen Armee weitgehend aufgerieben wurde. Beim Kampf gegen „Al-Itihaad“ war die äthiopische Armee nicht zimperlich und sie führte zahlreiche Massaker auch in Somalia durch. Die einzigen größeren nachweisbaren Aktivitäten von „Al-Itihaad“ sind heute solche im sozialen Bereich, wie das Betreiben von Krankenhäusern, Schulen und Suppenküchen – Einrichtungen, die aufgrund der desolaten Situation in Somalia bitter nötig sind. Die Schließung der Barakaat-Bank macht nicht nur zahlreiche Menschen arbeitslos sondern führt nach Einschätzung des UN-Koordinators für Somalia zum totalen ökonomischen Kollaps.

Die ökonomische Destabilisierung geht Hand in Hand mit der militärischen. Immer mehr Warlords verweigern der neuen somalischen Regierung ihre Unterstützung. Diese Kriegsfürsten erhalten Waffen und Munition überwiegend aus Äthiopien – allein 2001 kamen von dort 120 Tonnen Munition und leichte Waffen. (3) Äthiopien scheint ein vereintes Somalia zu fürchten, da sonst möglicherweise separatistische Tendenzen im Süden Äthiopiens gestärkt werden könnten. Unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Terror kann Äthiopien seine Interessen deutlich entschiedener umsetzen und es tut dies u.a. in verschiedenen Kommandoaktion seit November 2001 im Einvernehmen und in Kooperation mit US- und britischen Truppen. Ein schwaches und von Äthiopien abhängiges Somalia böte evtl. ein Chance für Meer- und Tiefseehafenzugang – seit der Abspaltung Eritreas ist Äthiopien Binnenland.

Auch die USA haben offensichtlich ähnliche Interessen: Der Tiefseehafen Berbera, von der Sowjetunion in den 70ern gebaut „ist einer der besten im indischen Ozean. Der Flughafen hat eine der längsten Pisten in Nordafrika.“ (4) Die USA hatten sich schon vor dem 11. September um ein Basis in der Region bemüht, die Verhandlungen mit Aden (Berbera liegt genau am gegenüberliegenden Ufer des Golfs von Aden) scheiterten nach dem Anschlag auf das Kriegsschiff USS Cole. Seit 17. März 2002 schließt die USA auch offiziell nicht mehr aus, dass Somalia das nächste Schlachtfeld im Terrorkrieg sein wird.

Die Antwort auf die Frage „Warum Somalia?“ ist so zynisch wie simpel: Motiv, Möglichkeit und Gelegenheit sind vorhanden, ebenso die willigen Komplizen. Das Land ist arm und hat keine Lobby. Die Truppen der „Allianz gegen der Terror“ sind positioniert. Der Startschuß wird kommen.

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Claudia Haydt, Beirätin der Informationsstelle Militarisierung (IMI), Soziologin und Religionswissenschaftlerin

(1) 13.12.2002 „Somali Terrorists Return Home“ http://news.bbc.co.uk/hi/english/world/africa/newsid_1706000/1706164.stm
(2) Johannes Dietrich „Laßt uns in Frieden“, Die Woche, 11. Januar, 2002.
(3) Johannes Dietrich „Lasst uns in Frieden“, Die Woche, 11. Januar, 2002.
(4) „Port Extends U.S. Anti-Terror Reach“, 10.12.2001, www.stratfor.de

Dieser Text zum download: http://www.imi-online.de/download/Warum-Somalia.pdf

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