in: Neues Deutschland 22.02.2002

Politisches Buch: Dirty secrets

Jugoslawienkrieg

von: Franz-Karl Hitze / Neues Deutschland / Pressebericht / Dokumentation | Veröffentlicht am: 23. Februar 2002

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Der Krieg gegen die Republik Jugoslawien ist mitnichten beendet. Diese Feststellung der Herausgeber Johnannes M. Becker und Gertrud Brücher im Vorwort ihres jüngsten Buches wird gerade dieser Tage mit dem Tribunal in Den Haag bekräftigt. Der hier anzuzeigende Sammelband bietet daher auch nur eine »Zwischenbilanz«. Wobei dieses »nur« es in sich hat.

Der Band basiert teils auf einer Vortragsreihe der Interdisziplinären Arbeitsgruppe für Friedens- und Abrüstungsforschung an der Universität Marburg. Simplifizierende und pauschale Urteile sind den Autoren suspekt. Akribisch ergründen sie die Motive und Geschehnisse vor nunmehr drei Jahren. Es waren eben nicht nur »Luftschläge«, wie Gerhard Schröder den brutalen Angriffskrieg gegen Jugoslawien – und eben nicht nur gegen das Kosovo/Amselfeld! – herunterspielen wollte. Die Masse der NATO-Bomben und -Raketen traf die zivile Infrastruktur Jugoslawiens und hinterließ Zerstörungen beträchtlicher Ausmaße, die für die Wirtschaft des Landes nicht folgendlos blieben. Erinnert sei hier nur an die verheerenden Schäden in den Petrol-Chemischen Kombinaten in Pancevo, Novi Sad und Nis, in der Autofabrik in Kragujevac sowie an zahlreichen Donaubrücken in der Vojvodina (viele hundert Kilometer vom Kosovo entfernt). Nicht zu schweigen von den als »Kollateralschäden« verbrämten Bombardierungen von städtischen Wohngebieten, Dörfern, Fernsehstationen, Krankenhäusern, Schulen und Kindergärten in Serbien, der Vojvodina und im Kosovo.

Mehrere Beiträge des Sammelbandes thematisieren die deutsche Verantwortung im Vorfeld des Jugoslawienkrieges. Es geraten die Diplomaten und die Militärstrategen in den Blick.

Detailliert befasst sich Tobias Pflüger mit den Modernisierungsplänen für die Bundeswehr im Kontext des Jugoslawienkrieges. Dabei verweist er darauf, dass die Veränderungen im strategischen Bereich, in der Struktur und Bewaffnung der Bundeswehr schon unter der Kohl-/Kinkel-Regierung 1991 begonnen wurden und schon die Christdemokraten und Liberalen nach out-of-area-Einsätzen drängten. Pflüger bekräftigt sodann ein weiteres Mal die unoffensichtliche Wahrheit, dass der Jugoslawienkrieg von 1999 sowohl völkerrechts- als auch grundgesetzwidrig war.

Ausführlicher widmet sich Gertrud Brücher der »Produktion und Auflösung von Widersprüchen im Menschenrechts-Interventionismus«, wobei sie akribisch die Begriffe Recht und Gewalt seziert und analysiert. Peter Becker wiederum verblüfft mit seiner These: »Im Kosovo hat ein militärischer Aufstand gegen die jugoslawische Staatsmacht stattgefunden.« Geistreich und spannend sind vor allem die Ausführungen des Friedensforschers Erich Schmid-Eenboom, der sich insbesondere mit der neuen Geopolitik befasst. Bissig tituliert er die NATO als »Schlacht- und Schießgesellschaft«. Fazit: Hier wird eine Zwischenbilanz geboten, die der politisch interessierte Leser zur Kenntnis nehmen sollte.

Johannes M. Becker/Gertrud Brücher (Hg.): Der Jugoslawienkrieg – Eine Zwischenbilanz. LIT-Verlag, Münster 2001. 216S., br., 25,90 EUR.

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