In: Christian Science Monitor, 23. Januar 2002

Der Irak, die Phantombedrohung

von Scott Ritter *

von: Dokumentation / Scott Ritter | Veröffentlicht am: 25. Januar 2002

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Gerade in diesem Moment grübeln US-amerikanische Geheimdienstmitarbeiter über den Dokumen-ten, die das Ausmaß der Intrigen von Osama Bin Laden und des Al-Qaeda-Netzwerks gegen die USA aufdecken sollen. Al Qaeda-Gefangene werden verhört, um hinter die Geheimnisse der Ver-gangenheit und die zukünftigen Gefahren für die USA und die restliche Welt zu kommen. Im Laufe dieser Untersuchung wird das Terrornetz von Herrn Bin Laden in seinem gegen den Westen erklär-ten Kampf immer mehr offensichtlich.

Einige der aufgedeckten Verbindungen sind nicht überraschend, wie z. B. zum Iran, Somalia, Su-dan, Pakistan, Saudi Arabien und Ägypten. Bemerkenswerterweise ist der Irak nicht darunter. Da die Medien nach dem 11. September jedoch hauptsächlich über Verbindungen zwischen dem Irak und Bin Laden berichteten, würde man erwarten, dass eine Flut von Beweisen aus Afghanistan kommen und so eine Verbindung bestätigen könnten.

Sogar die angeblichen Treffen zwischen Mohammed Atta, dem mutmaßlichen Führer der Attentäter vom 11. September, und einem irakischen Geheimdienstmitarbeiter in Prag sind nicht überzeugend. Die tschechische Regierung hat widersprüchliche Berichte hinsichtlich dieser Treffen gesendet und, selbst wenn diese Treffen stattfanden, das angenommene Thema der Diskussion, ein Angriff auf den Sender Freies Europa, der die Anti-Hussein-Programme sendet, ist mit den Anschlägen vom 11. September gar nicht vergleichbar.

Der Mangel an Beweisen einer Irak-Al Qaeda-Verbindung in dieser Geheimdienstgeschichte sollte Anlass dazu geben, die Quelle solcher Spekulationen, sowie die Beweggründe derer, die mit der Theorie „der irakischen Verbindung“ daherkommen, zu hinterfragen. An erster Stelle unter ihnen sind der Oppositionsführer Ahmed Chalabi vom irakischen Nationalkongress und seine amerikani-schen Förderer, insbesondere der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, der ehe-malige CIA-Chef James Woolsey und der ehemalige Mitarbeiter im Außenministerium Richard Perle.

Während meiner Dienstzeit als UNO-Waffeninspektor hatte ich die Pflicht, mich mit Herrn Chalabi und dem irakischen Nationalkongress in Verbindung zu setzen um „Geheiminformationen“ zu sammeln, die Chalabi und der Nationalkongress ihrerseits von einem Netz aus Informanten im In-land erhalten hatten. Diese Informationen schienen damals mehr Glanz als Substanz zu sein. Z. B. gab es den „Ingenieur“, der angeblich in Saddam Husseins Palästen arbeitete und von einem Netz unterirdischer Tunnels sprach, in denen angeblich Kisten voller Dokumente während der Kontrollen versteckt worden waren. Die Inspektoren fanden einen Entwässerungstunnel. Jedoch, obwohl keine Dokumente entdeckt wurden, nahm Chalabi die Existenz des Tunnels als Bestätigung seiner Theo-rie und tat so, als ob dies nun eine bewiesene Tatsache sei.

Auf der gleichen Weise als Herr Wolfowitz und Firma ein Link zwischen dem Irak und den Attentätern vom 11. September benötigten, kam Chalabi pflichtbewusst mit einer Reihe von bis jetzt „unentdeckten“ Informanten daher, die „Informationen“ über das Training „der arabischen“ Entführer durch den irakischen Geheimdienst an einem Gelände nahe der irakischen Stadt von Salman Pak haben. Es wird berichtet, dass das Gelände völlig ausgerüstet sei unter anderem mit einem kommerziellen Flugzeug, damit „Gruppen von fünf“ , bequem genug, „bewaffnet nur mit Messern und ihren bloßen Händen“ ihr Handwerk üben. Das Gelände bei Salman Pak existiert. Seine Verwendung als Al Qaeda-Ausbildungslager ist unbegründet.

Vor kurzem, als Präsident Bush verlangte, dass der Irak die Rückkehr der UNO-Waffeninspektoren erlauben solle oder sonst „die Konsequenzen erleide“, präsentierte Chalabi einfach einen anderen „Informanten“ der angeblich Zugriff zu Saddams geheimen Plänen habe, die Anlagen zur Herstel-lung von biologischen und chemischen Waffen unterirdisch vor den internationalen Inspektoren zu verstecken. Ich verbrachte mehr als sechs Jahre damit jene Organisationen zu überprüfen, für die der Informant angeblich arbeitet und obwohl manche Elemente seiner Geschichte zutreffend klin-gen, die Details, die er zum Bekräftigen seiner Geschichte von den Massenvernichtungswaffen auf-führt, sind unmöglich festzustellen oder in einigen Fällen schlicht falsch.

Als sich herausstellte, wie oberflächlich seine Quellen und wie zweifelhaft seine Beweggründe wa-ren, hörte die UNO auf, Chalabis Informationen als Grundlage für die Einleitung neuer Inspektio-nen zu verwenden. Leider kann das für die Massenmedien in den USA nicht gesagt werden.

Diese Art Berichterstattung dient manchen Politikern, die für einen breiteren Krieg aufrufen. Sie er-zeugt einen Wahnsinn von Spekulationen bezüglich des Iraks in der allgemeinen Meinung, die diese Informationen scheinbar akzeptiert obwohl sich fast keine von Chalabis Informationen zu den Me-dien als präzise genug erwiesen haben. Es gibt einen erheblichen Mangel an Klarheit und glaub-würdigen Quellen hinsichtlich der tatsächlichen Natur der irakischen Drohung gegen die USA. Eine breitere Debatte über die US-Politik bezüglich des Iraks ist unbedingt notwendig insbesondere im Hinblick auf das zunehmende Krieggerede aus Washington. Anstatt sich auf Informationen aus zweifelhaften Quellen zu verlassen, lassen sie uns alle Tatsachen auf den Tisch legen. Die Ergeb-nisse von solch einer Debatte können uns vom Entfachen eines nicht notwendigen und teuren Krie-ges bewahren.

* Scott Ritter ist ein ehemaliger Leiter der Waffeninspektionseinheit der UNO Sonderkommission für den Irak.

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