Informationsstelle Militarisierung (IMI) - 2002
 


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2.12.2002


Presseschau: Erstes Europäisches Sozialforum in Florenz - Teil 3


Berichte aus Zeitungen und anderen etablierte Medien


Teil 1: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=302
Teil 2: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=303
Teil 3: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=304

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2002-11-11-tagesspiegel
Tagesspiegel 11.11.2002

»Florenz war Basisdemokratie«

Wie der Grüne Ströbele das Europäische Sozialforum erlebte

Herr Ströbele, 40 000 Menschen beim Europäischen Sozialform in
Florenz, 500 000 bei der Abschlussdemonstration. Wie lautet Ihr
Resümee?

Die Teilnehmerzahl war überwältigend. Das ist für ähnliche
Veranstaltungen in Deutschland kaum vorstellbar. Es waren vor allem
junge, engagierte Leute. Da organisiert sich eine europaweite
Basisdemokratie, die sich die Politiker immer gewünscht haben.

Welches Signal geht von Florenz aus?

Ganz unterschiedliche Gruppen wie Attac und Vertreter politischer
Parteien haben gemeinsam eine klare Haltung demonstriert: Kein Krieg
gegen den Irak! Sie haben von den europäischen Regierungen gefordert,
in dieser Frage nicht zu wanken. Und dann ist in Florenz die Forderung
nach globaler sozialer Gerechtigkeit unterstrichen worden. Ich gehe
davon aus, dass die Bewegung der Gegner dieser Globalisierung weiter
wachsen wird, auch in Deutschland. Sie muss auch in Zukunft die
Politik unter Druck setzen, in die richtige Richtung zu gehen.

Haben Sie Anti-Amerikanismus gespürt?

Natürlich haben einige Bush angegriffen. Aber die Stimmung war nicht
gegen das amerikanische Volk gerichtet. Kritisiert wurde, dass es bei
dem geplanten Krieg gegen Irak um Ressourcen wie Öl und strategische
Positionen der USA im Nahen Osten geht.

Entgegen den Befürchtungen der italienischen Regierung blieben
Ausschreitungen aus?

Es war offenbar große Angst geschürt worden. Verbarrikadierte
Geschäfte, in der Innenstadt war alles geschlossen. Aber weil die
Polizei sich zurückgehalten hat - sie war so gut wie nicht zu sehen -,
habe ich nicht einmal einen Versuch von Gewalt beobachtet.

Das Gespräch führte Sven Lemkemeyer.

2002 © Verlag Der Tagesspiegel GmbH


2002-11-11-taz-report
Quelle: http://www.taz.de/pt/2002/11/11/a0095.nf/text

tageszeitung
taz Nr. 6901 vom 11.11.2002, Seite 11, 116 TAZ-Bericht MICHAEL BRAUN


Friedliche Invasion statt Untergang

Allen Hetzkampagnen und düsteren Prophezeiungen zum Trotz verläuft die
Demonstration des Europäischen Sozialforums in Florenz ohne
gewalttätige Zwischenfälle. Auch viele Florentiner Bürger bekunden
ihre Solidarität mit den Protestierenden

Einigermaßen enttäuschend verlief am Samstag die Demonstration des
Europäischen Sozialforums in Florenz - enttäuschend für alle, die in
einer wochenlangen Hetzkampagne den Untergang der Kunststadt am Arno
herbeigeredet hatten. "Gewalttätige Horden" waren angekündigt,
stattdessen erlebte Florenz die friedliche Invasion hunderttausender
Menschen - die Polizei meldete 500.000, das ESF eine Million -, die
mit einem Marsch gegen den geplanten Krieg im Irak protestierten.

Um 15 Uhr sollte es losgehen, doch schon zwei Stunden vorher startete
die Spitze des Zuges, um Platz für die ständig vom Bahnhof
Herbeiströmenden zu machen. Den "Ehrenplatz" ganz vorn hatte das ESF
Fiat-Arbeitern aus Turin und dem sizilianischen Termini Imerese
eingeräumt, die zur Zeit um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze
kämpfen. Ihnen folgten die Blocks der ausländischen Teilnehmer, des
"Greek Social Forum", der Franzosen von der CGT und von Attac, der
Deutschen, der Briten von Globalise Resistance, der Österreicher,
Polen, Portugiesen mit ihrem Nein zum Krieg.

Dann das Gros der Demo aus Italien. Katholische Boy-Scouts, die
"präventiven Frieden" forderten, Anarchisten hinter dem Transparent
"Der Krieg braucht dich - du brauchst den Krieg nicht", die
"Ungehorsamen" der Autonomen Zentren, der Block von Rifondazione
Comunista, die Basisgewerkschaften, die Social Forums aus Genua, aus
Florenz, Gruppen von Oberschülern und Studenten - und am Schluss der
Gewerkschaftsbund CGIL, der 200.000 Leute mobilisiert hatte.

Statt sauberer Trennung zwischen den Zugsegmenten herrschte aber dann
doch ein Durcheinander. Bei den Jungs und Mädchen von den
"Ungehorsamen" marschierten angegraute Mittfünfziger von der CGIL mit
- und in den Reihen der Gewerkschafter waren jede Menge Kids
unterwegs. Sie alle zeigten nicht zuletzt, dass die Hasskampagne gegen
das ESF zum Flop geworden war. "Sichere Verwüstungen" hatte Silvio
Berlusconi angekündigt, seine TV-Stationen und Zeitungen, aber auch
der liberal-konservative Corriere della Sera hatten vorher ein
Trommelfeuer entfacht, das zum Auftakt des ESF in einem Brandbrief
Oriana Fallacis an die Florentiner Bürger gipfelte. Wie die Faschisten
1922, wie die deutschen Besatzer 1944 seien die Leute vom ESF - "sie
respektieren Saddam Hussein, sie lieben Bin Laden"-, so Fallaci. Die
Stadt solle mit Totalschließung reagieren.

Viele Ladeninhaber hatten ihre Geschäfte tatsächlich mit Spanplatten
verrammelt. Für sie gab es ironische Repliken per
Filzstiftinschrift. "Wegen Dummheit geschlossen" stand da, oder - bei
einer Kneipe - "Depp, du hättest heute mindestens 1.000 Biere
verkaufen können."

Aber bei der Demo zeigte sich auch das andere Florenz: Der
Zeitungskioskbesitzer, der mit der Begründung "Alle zur Demo!" seinen
Stand zugesperrt hatte, der Bäcker, der blecheweise Brot und Pizza an
die Demonstranten verschenkte, jede Menge Anwohner längs des Zugwegs,
die Mineralwasser spendierten und mit weißen Bettlaken am Fenster ihre
Solidarität bekundeten. Und die nicht zuletzt zwei Mitlaufenden
applaudierten: Leonardo Domenici, dem Bürgermeister von Florenz, und
Claudio Martini, dem Präsidenten der Region Toskana. Sie hatten in den
letzten Wochen als vermeintliche Komplizen des Black Bloc am Pranger
gestanden - und sie reagierten am Samstag mit der Forderung, einige
hätten sich nun bei der Stadt Florenz genauso wie beim ESF zu
entschuldigen.

© Contrapress media GmbH


2002-11-11-taz-kommentar
Quelle: http://www.taz.de/pt/2002/11/11/a0046.nf/text

tageszeitung
taz Nr. 6901 vom 11.11.2002, Seite 1, 85 Kommentar MICHAEL BRAUN, Leitartikel


Super- statt Gegengipfel

Was ist nicht alles gesagt worden über die Globalisierungskritiker!
Eine bloße Negativbewegung habe sich da zusammengefunden, geeint
allein durch eine sich aus unterschiedlichsten, ja gegensätzlichen
Quellen speisende Gegnerschaft gegen die Mächtigen der Welt. Eine
Koalition, die nur bei "Gegen"-Gipfeln, in Protesten gegen G-8- und
EU-Gipfel, gegen IWF- und WTO-Versammlungen, zum Leben erwache. Ein
Bündnis, das sich anlässlich dieser Events allein durch Randale
Sichtbarkeit verschaffen könne. Eine reine Verhinderungsallianz, die
spätestens dann zum Niedergang bestimmt sei, wenn sich die
Gipfel-Protestiererei erst einmal in der ewigen Wiederholungsschleife
totgelaufen habe.

Manche Beobachter glaubten gar, diesen Wendepunkt bereits benennen zu
können: 300.000 Menschen hatten im Juli 2001 in Genua zu den
Anti-G-8-Demos eingefunden - und in den Medien fand sich nur
Kriegsberichterstattung über Straßenschlachten, die mit einem Toten
und hunderten Verletzten endeten. Doch jetzt wurde Florenz zum Beweis
dafür, dass von einem Zerbröseln der Bewegung keine Rede sein
kann. Über 60.000 Menschen trafen sich ganze drei Tage lang auf dem
Europäischen Sozialforum, bis zu eine Million demonstrierten gegen
einen Irakkrieg.

Statt eines Gegengipfels gab es diesmal also einen Supergipfel der
europäischen Globalisierungskritiker. Die fanden schnell heraus, dass
sie bei allen weiter bestehenden - und gar nicht als störend
empfundenen - Unterschieden einen ansehnlichen Bestand an
Gemeinsamkeiten haben. Sie einigten sich auf eine eigene Agenda fern
der Regierungsgipfel und auf europaweite Kampagnen gegen Krieg, gegen
Rassismus und gegen die Privatisierung sozialer Dienste. Und zeigten
bei ihrer Demo auch gleich, wie sie sich das vorstellen.

Die Massen von Florenz belegen zweifelsfrei, dass sich die
Globalisierungskritiker der Genua-Falle erfolgreich entzogen
haben. Wer meinte, mit Repression Angst erzeugen und die Leute zum
Daheimbleiben bewegen zu können, wurde eines Besseren belehrt. Wer
glaubte, die Globalisierungskritiker würden sich ihrerseits in die
Repression-Gewalt-Spirale fügen und sich so selbst diskreditieren,
wurde gleich doppelt enttäuscht: Nach Florenz kamen doppelt so viele
Menschen wie nach Genua. Und mit ihrem friedlich-fröhlichen Marsch
verweigerten sie Italiens Premier Silvio Berlusconi zudem den
Gefallen, die Aufmerksamkeit von ihren Themen auf das Thema Randale
umzulenken.

© Contrapress media GmbH


2002-11-11-taz-nach-florenz
Quelle: http://www.taz.de/pt/2002/11/11/a0034.nf/text

tageszeitung
taz Nr. 6901 vom 11.11.2002, Seite 1, 71 TAZ-Bericht MB

Bush macht mobil

Nach Massendemonstration in Florenz will Europas Friedensbewegung im
Februar 10 Millionen Menschen auf die Straße bringen. US-Präsident
will bis zu 250.000 Soldaten mobilisieren

ROM/BAGDAD taz/dpa · Europas Kriegsgegner machen mobil. Nach der
erfolgreichen Demonstration von bis zu einer Million Menschen in
Florenz gegen einen drohenden Irakkrieg am Samstag beschloss die
Abschlussversammlung des Europäischen Sozialforums gestern eine
europaweite Ausweitung der Proteste. Ziel ist es, am 15. Februar in
allen europäischen Hauptstädten 10 Millionen Menschen auf die Straße
zu bringen.

Für den Fall eines Kriegsausbruchs vor diesem Datum einigten sich die
5.000 Teilnehmer der "Versammlung der Bewegungen", auf der von
Friedensgruppen über Globalisierungskritiker bis zu Gewerkschaften
alle Mitglieder des Sozialforums vertreten waren, auf europaweite
Protestaktionen, die auf den ersten Samstag nach Beginn der
Kampfhandlungen fallen sollen. Dies sei nicht davon abhängig, ob ein
eventueller US-Angriff einseitig erfolgt oder ob er durch
UN-Beschlüsse abgedeckt ist. "Unser Nein zum Krieg erfolgt ohne Wenn
und ohne Aber", erklärte der frühere Pressesprecher des
Genua-Sozialforums, Vittorio Agnoletto, der im Einklang mit mehreren
anderen Rednern im Kriegsfall einen europaweiten Generalstreik
forderte. Die New York Times meldete unterdessen, US-Präsident George
W. Bush habe detaillierten Angriffsplänen der USA gegen den Irak
bereits zugestimmmt. An der Operation sollen 200- bis 250.000
US-Soldaten teilnehmen.

Iraks Präsident Saddam Hussein forderte gestern das irakische
Parlament zu einer Sondersitzung auf, bei der mit einer Annahme der
neuesten UN-Resolution gerechnet wird. Nach dem neuen UN-Zeitplan hat
Saddam Hussein bis Freitag Zeit, sich zur "vollen Befolgung" der
Bedingungen und zur Zusammenarbeit mit den UN-Waffeninspekteuren
bereit zu erklären. Dann folgt eine 30-Tage-Frist, in der er eine
vollständige Liste seines Waffenarsenals vorlegen muss. Spätestens am
23. Dezember sollen die UN-Kontrollen vor Ort beginnen. Verstöße des
Irak sollen unverzüglich dem Sicherheitsrat gemeldet werden. MB

report SEITE 4, ausland SEITE 11, meinung SEITE 13

© Contrapress media GmbH


2002-11-11-jungewelt
Quelle: http://www.jungewelt.de/2002/11-11/001.php

junge Welt vom 11.11.2002

Megaprotest gegen Irak-Krieg
Italien: Hunderttausende bei Friedensmanifestation

Georg Dacher / Wolfgang Pomrehn, Florenz

Hunderttausende Menschen aus ganz Europa haben in Florenz gegen den
drohenden US-Angriff auf Irak demonstriert. Die bis dato größte
europäische Manifestation gegen einen neuerlichen Golfkrieg bildete am
Samstag den Höhepunkt des Europäischen Sozialforums (ESF) gegen Krieg,
Neoliberalismus und Rassismus. Die Polizei und der gewerkschaftliche
Ordnerdienst sprachen von 500000 Teilnehmern, die Veranstalter gar von
einer Million. So oder so wurden sämtliche Erwartungen
übertroffen. Mit 200 000 hatten die Organisatoren ursprünglich
gerechnet. Wie schon beim Forum hatten sie ihre eigene
Mobilisierungskraft unterschätzt. Statt der 30 000, auf die man bei
der mehrtägigen Konferenz eingestellt war, kamen schließlich seit
vergangenem Mittwoch über 60 000 aus allen Ländern Europas, darunter
auch über tausend Teilnehmer aus Deutschland und Österreich.

Die Demonstration am Samstag war unterdessen von
Antikriegstransparenten geprägt. Auf vielen wurde der italienische
Regierungschef Silvio Berlusconi wegen seiner Unterstützung für
Washingtons geplanten Angriff auf den Irak attackiert. Neben den roten
Fahnen des linken Gewerkschaftsverbandes CGIL, der Koordination der
Gewerkschaftlichen Basiskomitees COBAS und der Rifondazione Comunista
dominierten Regenbogenfahnen mit der Aufschrift »Pace« (Frieden) das
Bild.

Daneben waren vor allem die Fiat-Arbeiter in den Blöcken verschiedener
Gewerkschaften zahlreich vertreten. Das Management des italienischen
Autoherstellers hatte vergangene Woche Massenentlassungen und die
Schließung des Werks Termini Imerese bei Palermo angekündigt. Fiat ist
eines der wichtigsten Industrieunternehmen des Landes. Hinzu kommt,
daß vor allem auf Sizilien die Arbeiter kaum eine Chance haben werden,
eine neue Arbeit zu finden. Entsprechend forderte der CGIL-Bezirk
Palermo auf einem Transparent in Florenz den Generalstreik gegen die
Massenentlassungen. Auch auf einem Podium des ESF hatten Vertreter von
CGIL und COBAS davon gesprochen, daß die gesamte italienische
Arbeiterbewegung auf die Fiat-Krise reagieren müsse.

Starke ausländische Gruppen waren vor allem aus Frankreich und
Griechenland auf den Straßen von Florenz zu sehen. Die Französische
Kommunistische Partei hatte sogar ihre Führung eingeflogen. Selbst
Noch-Parteichef Robert Hue war trotz des aktuellen internen Konflikts
gekommen, und so gehörte die deutsche PDS zu den wenigen
westeuropäischen Linksparteien, die in der Metropole der Toskana nicht
präsent waren. Auch von den italienischen Linksdemokraten (PDS) war
wenig zu sehen, sieht man einmal von ihrem Jugendverband ab, der
zahlreich vertreten war. Die florentinischen Studenten hatten einen
eigenen Block organisiert, der allein etwa 10000 bis 15000 Menschen
umfaßte. Die deutschen Teilnehmer gingen hingegen in der Riesendemo
vollkommen unter. Nur einige wenige Fahnen der IG Metall und ein
einsames ver.di-Banner waren zu sehen. Auffallend hingegen über alle
Blöcke verstreut die palästinensichen und kubanischen Fahnen sowie die
obligatorischen Flaggen mit dem Konterfei Che Guevaras.

Nach der friedlichen Großdemonstration in Florenz haben die
Organisatoren des Europäischen Sozialforums für den 15. Februar »einen
europäischen Tag gegen den Irak-Krieg« angekündigt. Diesem Aktionstag
sollen Mitte Dezember und Mitte Januar zwei europaweite
Antikriegsdemonstrationen vorangehen.

© http://www.jungewelt.de />

2002-11-11-nzz

Neue Züricher Zeitung
NZZ 11.11.02

Der Antikriegs-Aufmarsch in Florenz ohne Zwischenfälle

Ein paar hunderttausend Manifestanten auf den Beinen -
Vorwürfe gegen Berlusconi

Zum Abschluss des «Europäischen Sozialforums» haben in Florenz ein
paar hunderttausend Demonstranten an einem Friedensmarsch
teilgenommen. Der Protestzug der Globalisierungsgegner verlief
entgegen den Befürchtungen, die Stadt werde in Ausschreitungen und
Gewalt versinken, ohne Zwischenfälle.

sdl. Florenz, 10. November. Nicht bloss 200 000 Demonstranten, wie
sich die Organisatoren aus den Reihen des «Europäischen Sozialforums»
erhofft hatten, sondern gegen eine halbe Million haben sich am Samstag
in Florenz laut polizeilichen Angaben an einem Friedensmarsch
beteiligt. Andere Stimmen des Forums sprachen gar von einer Million
Demonstranten an diesem Aufmarsch gegen die Kriege in aller Welt. Als
Absage an Kriege allgemein war die Veranstaltung zwar geplant, doch
aus aktuellem Anlass richtete sie sich am Tag nach der jüngsten
Irak-Resolution des Uno-Sicherheitsrates in erster Linie gegen den
drohenden Krieg im Irak. Dazu gesellten sich als Nebenthemen die
Situation im Nahen Osten und die Politik Israels gegen die
Palästinenser.

Geschmacklose Vergleiche

Entgegen der Angst und den Befürchtungen, wonach Florenz in
Ausschreitungen und Gewalt versinken werde, ist der Anlass ohne
Zwischenfälle verlaufen. Laut dem italienischen Innenminister Pisanu
gebührt der Dank dafür all jenen, die sich im Vorfeld des
Demonstrationszuges um einen friedlichen Verlauf bemüht hatten, den
Teilnehmern ebenso wie den Ordnungskräften und den lokalen
Behörden. Wie oft, wenn er redet, liess sich dagegen Ministerpräsident
Berlusconi am Wochenende mit einer eher einfältig anmutenden Äusserung
vernehmen. Er erklärte, das Land gewinne immer, wenn die Opposition
mit der Regierung einen korrekten und verantwortungsbewussten Umgang
pflege und sich nicht bloss auf Polemik beschränke. Zuvor hatte der
Regierungschef allerdings zu jenen gehört, welche die Panik anheizten
und Ausschreitungen geradezu beschworen. Der Präsident der Region
Toskana, Martini, meinte, dass sich nun einige Leute für ihr Verhalten
entschuldigen müssten, beispielsweise beim Bürgermeister von Florenz,
Domenici. Beide Politiker gehören dem oppositionellen Ulivo an; sie
setzten sich seit langem für die Durchführung des «Europäischen
Sozialforums» in Florenz ein und waren der Meinung, dass der Stadt
auch der «Friedensmarsch» zugemutet werden könne. Dieser Meinung waren
auch ein paar Florentiner, die da und dort Plakate in die Höhe
hielten, auf denen sie kundtaten, sie seien stolz auf ihre Stadt, weil
sie den Anti-Kriegs-Aktivisten Gastrecht gewährt habe. Diese Bürger
oder solche, die den Demonstranten entlang der Marschroute Tee aus der
Thermosflasche ausschenkten, stellten allerdings die Ausnahme und
nicht die Regel dar. Im Zentrum und an den Strassen, durch die sich
der «Friedensmarsch» wie ein bunter, nicht enden wollender Tatzelwurm
vorwärts bewegte, blieben die meisten Geschäfte geschlossen, die
Fensterläden waren verriegelt, und in vielen Gassen und Strässchen
waren kaum Leute unterwegs. Die rund 6000 Mann Ordnungs- und
Sicherheitskräfte, die im Einsatz standen, hielten sich für alle Fälle
zwar bereit, doch in der Nähe der Manifestanten fiel ihre Präsenz kaum
auf. Auf eines der zugesperrten Schaufenster hatte ein Witzbold den
Spruch gekritzelt: «Wir haben im Lotto gewonnen, aber ihr hindert uns
daran, unser Geld auszugeben.» Eine Frau gab sich mit einem Spruchband
als «Mutter der Hunnen» zu erkennen. Sie spielte damit auf eine
Passage in einem langen, eher geschmacklosen und wenig intelligenten
Artikel der Publizistin Oriana Fallaci im «Corriere della Sera»
an. Fallaci hatte die zumeist jugendlichen Teilnehmer des Sozialforums
mit den Hunnen verglichen und davon geschrieben, dass sie in Florenz
Zerstörung und Verderben anrichten würden. Die Bewohner ihrer
Geburtsstadt hatte sie aufgerufen, sich gegenüber den Teilnehmern am
«Sozialforum» und am «Friedensmarsch» zu verhalten wie das Lager des
Widerstandes gegen die Faschisten Mussolinis oder die deutschen
Besatzungstruppen am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Abwesenheit der Politiker

Neben den unzähligen Gruppen und Grüppchen aus der Grossfamilie der
«No-globals», christlichen Aktivisten und Pazifisten, Friedens- und
Solidaritätskomitees, Anhängern von Aktionen zivilen Ungehorsams, dazu
Anarchisten, orthodoxen Marxisten und Neo- beziehungsweise
Postkommunisten waren die Vertreter der etablierten italienischen
Linksparteien am Marsch von Florenz nur schwach vertreten. Darin
widerspiegelt sich unter anderem ihr schwieriges Verhältnis zum Lager
der Anti-Globalisierer und zu den anderen Kräften der
Protestszene. Von den bekannten Gesichtern waren der Chef der
Gewerkschaftszentrale CGIL, Epifani, sowie sein Vorgänger Cofferati
auszumachen, dazu Bertinotti von der Rifondazione Comunista,
prominente Grüne sowie «progressive» Kräfte der Linksdemokraten. Diese
Stimmen gehören zum Chor jener, die engere Bande der parlamentarischen
Opposition gegen Berlusconi mit der informellen Protestszene
fordern. Demgegenüber verlangen ihre Gegenspieler, dass sich die
«reformistischen» Kräfte nicht nur klar gegen das «No global»-Volk
abgrenzen müssten, sondern auch gegen die Kollegen in den eigenen
Reihen, die mit der nicht-parlamentarischen Opposition zusammenspannen
wollen. Vertreter der Linksdemokraten warnen allerdings davor, dass
ihre Partei nicht ungestraft von Ereignissen fernbleiben könne, bei
denen Themen wie die Friedenserhaltung oder die soziale Gerechtigkeit
erörtert würden.



2002-11-11-agi
Quelle:
http://www.agenziaitalia.it/english/news.pl?doc=200211111357-0064-RT1-POL-0-NF82&page=0&id=agionline-eng.italyonline

Agenzia Italia (AGI)

TERRORISM: PISANU, CAUTION AND ATTENTION AFTER BLAIR'S WARNING

(AGI) - Rome, Italy, Nov 11 - "We will evaluate with caution and
attention every report, also those that arrive from the UK" said the
Minister for the Interior, Giuseppe Pisanu, regarding the warnings of
terrorist attacks launched by British premier Tony Blair, attacks that
are supposedly being planned by Al Qaeda for the run-up to
Christmas. Pisanu, who was speaking at the inauguration ceremony of
the academic year at the Pontifical Lateranese University, did not
want to go into further detail about what "caution and attention"
might mean preferring to underline on several occasions only this
aspect, that is of a further assessment. No reply however as regards
the arrival of 5000 violent subjects, as reported by the Italian
Intelligence Services on the occasion of the Social Forum, something
which then never occurred. Pisanu preferred not to comment. (AGI)
111357 NOV 02


2002-11-11-guardian
Quelle: http://www.guardian.co.uk/guardianpolitics/story/0,3605,837564,00.html

Comment

Florence builds a bridge to a brave new social paradise

Anti-globalisation is not a nine-day wonder that ended on September 11

John Vidal
Monday November 11, 2002
The Guardian

In 1425, the powerful wool merchants' guild of Florence commissioned
the artist Lorenzo Ghiberti to construct a door for the baptistry of
St John in the city. He was to "do whatsoever he desired and designed
so that it should be the most perfect and most beautiful
imaginable". Ghiberti took 27 years and did not disappoint. His doors
were described by Michelangelo as worthy of being called the "gates of
paradise".

Last week in Florence, a similar kind of open-ended brief, to imagine
and construct a European social edifice worthy of being one day called
a 21st-century paradise, was entrusted to the institutions,
politicians and people of Europe. It came from 40,000 intellectuals,
students, ecological and social activists, people representing the
poorest and most marginalised, radical economists, concerned
individuals, humanitarians, artists, culturalists, churches,
scientists and land workers from a bewildering array of non-government
groups and grassroots social movements.

With the title, Another Europe is Possible, and under the banner of
the European Social Forum, the many social movements and groups that
have demonstrated in Seattle, Genoa, Prague, London and a dozen other
cities over the past three years - against world leaders and
organisations such as the Interna-tional Monetary Fund or the World
Trade Organisation - set out to show that they could actually propose
change and not simply oppose what is happening around the world.

This was no ordinary political gathering; indeed many called it "the
new politics". Seemingly without form, issuing no final communique,
inadequately translated, often chaotic, the four-day meeting drew
people from every corner of Europe and 80 other countries.

No conclusions were reached or consensus sought, for this was more a
laboratory of ideas and debate than a rally to conceive a new party or
constitution, but for the first time it is possible to disentangle the
broad threads of a genuine new vision for Europe from the 400
passionately debated overflowing meetings, often attended by 3,000
people or more.

Top of the list, they sought a demilitarised Europe at peace with
itself and the world, an ethical continent that takes a high moral
stance against US imperialism. High on the list too was a radical
rethink, or complete rejection, of the predatory capitalism the
continent now knows. They imagined a Europe that rejected crude market
ideology, made institutions fully accountable, put people before
profit, and where big business was not allowed to dominate the
political or consumer agendas.

There were specifics: Europe, they said, should have open borders, and
all people within it should have the right to work and to have a home;
it should have a Tobin tax on financial markets and regulation of
corporations; there should be no GM foods or pollution; no privati
sation of public services; the media should be in the hands of the
many not the few; and racism should be driven out.

There was almost complete consensus on three issues: that
"neo-liberalism" - the free-market ideas espoused by the IMF and G7 -
is a violent political and economic doctrine; that trade with poor
countries should be fair; and that one vote every four years given to
political parties run by self-serving elites is no way to run modern,
complex democracies in a globalised economy.

The talk over, and with none of the violence that the Italian
government and media had widely predicted, the 40,000 mainly young
people at the meeting were joined by 250,000 trade unionists,
socialists, peaceniks and others from across Europe in a massive peace
march through the most beautiful city in Europe. It was, said Claudio
Martini, the president of Tuscany, who had thrown open the doors of
the city, "an historic day for the state, the city and the
social-forum movement". He did not have to say it was also one in the
eye for the right.

Many at the forum detected something exciting and very fresh
emerging. With the left in Europe dominated for so long by
inter-factional fight ing, sclerotic parties, narrow visions, and
ignorance of others' concerns, traditions or cultures, hoary old
communists, unionists, ecologists and fringe groups were all saying
they were astonished by the passion for profound change, and the
engagement of a new generation. The Florence meeting is important,
they said, but as yet we do not quite understand why.

Several things are apparent. Clearly, anti-globalisation,
anti-capitalism, pro-democracy - or whatever tag people want to put on
this movement of movements - is not a nine-day wonder that started in
Seattle and ended promptly on September 11 (as so many US and British
commentators have crowed). What was first given expression at the
world trade meeting in Seattle may be said to be maturing in fits and
starts into a very broad social justice movement, and shedding its
TV-inspired image of grungy anarchists smashing symbols they do not
like. Clearly, too, it is based not just on emotionalism but on
growing political theory and analysis, and is becoming popular enough
to draw in many on the left who had given up hope that change was
possible.

Second, many believe they are witnessing the globalisation of
opposition to neo- liberalism, in direct parallel to the globalisation
of capital and economic policies around the world. Out of this, the
theory goes, an all-embracing populist agenda based on the experience
of the grassroots is emerging. Moreover, for the first time in recent
history, the agenda for change is being driven by the grassroots. The
European social forum is itself an idea picked up from the World
Social Forum, based in Pôrto Alegre, Brazil, where each year tens of
thousands meet in opposition to the World Economic Forum, the annual
talking shop in Davos. The social forums' loose structures,
emphasising debate and information-sharing, only go as far as to
encourage people to return to their communities to effect change. This
participatory system is completely different to the established
organising of political ideas.

But how far might this mushrooming of concern influence real power, as
displayed in governments, at the EU or in global institutions like the
WTO? The answer, of course, is not much yet, but groundswells have a
habit of developing rapidly and, post-Florence, no politician should,
like Tony Blair, be able to suggest that all demonstrations against
world leaders or institutions are "spurious".

In the short term, the belief held by many in Florence is that
meetings like this will draw together unlikely partners and refresh
thinking both on the left and among the millions disenchanted by
establishment politics. That's not going to construct the gates to a
beautiful new European social paradise, but it may be the foundations
for a bridge leading towards it.

John Vidal is the Guardian's environment editor

Guardian Unlimited © Guardian Newspapers Limited 2002


2002-11-12-faz

FAZ vom 12. November 2002

Die Botschaft der Hunderttausende

Das "Social Forum" in Florenz - mehr als die Aufzählung von Mißständen
Von Heinz-Joachim Fischer


FLORENZ, 11. November

Das Ereignis wird man sich merken müssen: Florenz, November 2002. Unter
dem Namen "Social Forum" versammeln sich rund 20 000 Personen fünf Tage
lang, von Mittwoch bis Sonntag. Sie treffen sich in der alten
Stadtfestung Fortezza da Basso zu einem Gedankenaustausch. Am Samstag
stoßen Hunderttausende dazu, und rund eine halbe Million zieht von der
mächtigen Bastion in der Nähe des Hauptbahnhofs in einem friedlichen
Marsch zum Stadion, um das Ganze in einem freundlichen Konzert mit
Tanzen und Singen ausklingen zu lassen. Die Befürchtungen, ein solches
Protesttreffen werde unweigerlich von Gewaltaktionen begleitet sein, so
daß die Florentiner Geschäftsleute gut daran getan hätten, ihre
Läden, Banken, Tankstellen zu schließen und zu verbarrikadieren,
bewahrheiteten sich nicht.

Gerade deshalb muß man sich "Florenz November 2002" merken. Denn nicht
mehr der Ausbruch oder die Drohung mit Gewalt steht im Vordergrund,
sondern eine politische Botschaft von scheinbar Unpolitischen an
Politiker, Parteien und Gewerkschaften, an gesellschaftliche
Institutionen. Die halbe Million von Florenz - eine ganze nach Angaben
der Organisatoren - war nicht von einer Partei oder Gewerkschaft auf die
Beine gebracht, sondern allein von einer gemeinsamen Überzeugung: So wie
die Welt ist, so wie die Gesellschaft konstruiert und funktioniert,
stimmt etwas nicht. So wie alles ist, kann, darf es nicht bleiben.

Man sah in den Debatten zuerst gar nicht das Neue; die einzelnen
Argumente erschienen bekannt. Da waren Pazifisten, die mit ihrem Nein
zum Krieg im allgemeinen und zu dem möglichen gegen den Irak im
besonderen ein universales Ziel formulierten. Und so ging es weiter bei
jeder Gruppe. Jedes Anliegen erschien irgendwie gerechtfertigt. Die
Umweltschützer wollen die Natur bewahren und Schaden von unserem
Planeten abwenden. Linkskatholiken streiten für soziale Gerechtigkeit.
Kommunisten sagen, man dürfe die kleinen Leute nicht einfach
auf die Straße setzen, während die Manager die Wirtschaft ruinieren,
aber dicke Gehälter einstreichen. Globalisierungsgegner befürchten, daß
die weltweite unbarmherzige Konkurrenz alle sozialen Errungenschaften
beseitigt.
Weltwirtschaftsreformer sind gegen die gegenwärtige Verteilung in
Produktion und Handel zwischen reichen Industrienationen und armen
Ländern. Lebensmittelwächter wehren sich gegen die Manipulation unserer
Nahrungsmittel. Arbeitslose, Teilzeitarbeiter, Migranten aus
unterentwickelten Staaten streiten für ihre Anliegen.
Altachtundsechziger weinen den alten Idealen nach und haben doch keine
besseren gefunden. Und dann sind da noch diejenigen, die gegen jede Form
von Fremdenhaß und Rassismus kämpfen - bleibt da etwa nichts mehr zu tun?

Aber es ging nicht nur um ein Sammelsurium aller Mißstände dieser Welt.
Der Protest in Florenz brach sich gerade abseits der traditionellen
Parteien Bahn. Einige linksradikale Politiker wie Bertinotti von den
Kommunisten oder der linksdemokratische Gewerkschaftsführer Cofferati
waren dabei, aber als Mitläufer, nicht als Gestalter. Neu ist, daß sich
Menschen aus mehr als 100 Ländern und von mehr als 400 unterschiedlichen
Gruppen in der Ablehnung des Bestehenden zusammenfanden. Aus den vielen
Flicken der Auflehnung ist plötzlich eine bunte Decke von
Hunderttausenden geworden. Und Fortsetzung folgt. Die Organisatoren des
"Social Forum" haben angekündigt, sie würden auch zehn Millionen
Menschen auf die Straße bringen können. Beim nächsten europäischen
Ministertreffen im süditalienischen Lecce soll es weitergehen.

Das Signal aus Florenz haben die italienischen Politiker als
Alarmzeichen verstanden. Der Politische Sekretär der Linksdemokraten,
Fassino, meldete sich in der Turiner Zeitung "La Stampa" zu Wort. Daraus
sprach jedoch mehr die Ratlosigkeit, warum sich eine solch starke
Bewegung außerhalb seiner Partei, immerhin der stärksten Kraft in der
parlamentarischen Linksopposition, hat entwickeln können. Der Präsident
der Abgeordnetenkammer, Casini, fand freundliche Worte für die Anliegen,
die in Florenz vorgetragen wurden. Ihm, einem in der Wolle gefärbten
Christlichen Demokraten der Mitte, geht es darum, diese
außerparlamentarische Opposition, vornehmlich von relativ jungen Leuten
getragen, in die Demokratie und ihre Spielregeln einzubinden.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2002, Nr. 263 / Seite 12


2002-11-12-jungewelt
Adresse: http://www.jungewelt.de/2002/11-12/017.php

junge Welt vom 12.11.2002

Interview
Europäisches Sozialforum: Markt der Möglichkeiten?

jW fragte Luca Casarini, Sprecher der italienischen Disobbedienti
(Ungehorsamen)

Interview: Dario Azzellini

* Die Disobbedienti (Ungehorsamen) sind nach den Protesten gegen den
G8-Gipfel in Genua aus den »Tute Bianche«, den »Giovani Comunisti«
(Jugendorganisation der Rifondacione Comunista) und weiteren linken
Netzwerken und Gruppen hervorgegangen. Während des Europäischen
Sozialforums (ESF) am Wochenende in Florenz haben
Studierendenkollektive, die sich zu den Disobbedienti zählen, die
Verlegervereinigung Italiens besetzt, um gegen Copyright zu
protestieren. Gleichzeitig drangen fast 100 Disobbedienti in die bei
Florenz gelegene Caterpillar-Baggerfabrik ein und besudelten alles mit
roter Farbe, da Caterpillar Bagger an die israelische Armee liefert,
die eingesetzt werden, um palästinensische Häuser und Siedlungen
niederzureißen.

F: Welche Einschätzung haben Sie vom ESF?

Wir hatten zuvor darüber diskutiert, wie dieses ESF von uns
»durchquert« werden kann. Das ESF ist ein komplizierter Raum,
öffentlich, aber nicht einfach. Denn es besteht die Gefahr, vom
babelartigen Reichtum an Sprachen, Kulturen und Ansätzen in die Armut
des Supermarkts zu verfallen. Ein Supermarkt mit Minigruppen, die sich
teilweise sogar auf Stalin oder bin Laden beziehen und eine große
Marketingaktion in völliger Beliebigkeit durchziehen. Unser Anliegen
war zu sehen, wie wir in dieser Multitude sein können; und auf der
Demonstration war sichtbar, daß es uns gelungen ist.

F: Die Disobbedienti haben versucht, das Bild des ESF mit direkten
Aktionen zu beeinflussen.

Es war schwer, einerseits den Kriminalisierungsversuchen der Regierung
etwas entgegenzusetzen und andererseits diese Multitude zu durchqueren
und Botschaften zu senden. Das ist der Knoten. Wir haben uns etwas
allein gefühlt, weil wir die einzigen waren, die immer wieder gesagt
haben, daß es wichtig ist, das Element des Ungehorsams, der direkten
Aktion und der Nichtkompatibilität zu erhalten. Das bedeutet aber eben
auch nicht, sich von den Leuten abzusetzen. Es war unglaublich, wie
die Menschenmassen auf der Demonstration geklatscht haben, als wir
vorbeiliefen. Wir wurden hervorragend aufgenommen! Und niemand kann
behaupten die Menschen wüßten nicht, was wir gesagt haben. Das kann
man vielleicht bei anderen Strömungen sagen, aber wir haben immer
wieder deutlich gesagt, was wir denken und mit welcher Haltung wir zum
ESF kommen. Viele Leute teilen unsere Einschätzung, daß es weitergehen
muß mit Aktionen.

F: Das ESF als Markt der Möglichkeiten kam ja bei vielen gut an, und
viele, bis hin zu Berlusconi, haben sich gefreut...

Wenn demnächst der Krieg beginnt, werden diese Ansätze weggespült,
denn dann wird über konkrete Aktionen geredet werden müssen und nicht
über Theorien und Politmarketing. Als »Ungehorsame« konnten wir
feststellen, daß diese Bewegung mittlerweile riesig ist. Selbst unser
Disobbedienti-Block war eine Multitude an sich riesig, bunt,
vielfältig und auch nicht eingrenzbar. Wir haben aber jetzt ein
anderes Problem, nämlich die direkte Aktion, den Konflikt wieder
anzuschieben. Einen Konflikt, der zusammen mit einem politischen
Projekt zur Seele der Bewegung wird.

Berlusconi hat gesagt: Das, was gewesen ist, sei die Art, Opposition
zu machen. Aber wenn Berlusconi und der Innenminister das sagen,
sollten wir uns dem Problem stellen. Denn wenn sie kein Problem haben,
dann haben wir ein Problem. Deswegen bin ich nicht für etwas, bei dem
man sagen kann »Alle haben gewonnen« - wir müssen gewinnen! Also
diejenigen, die sich dem Krieg entgegen stellen, jene die eine
wirkliche soziale Opposition wollen, die der Regierung und den
Mächtigen Probleme bereitet!

F: Was bedeutet das konkret?

Das europäische Netzwerk der »Ungehorsamen« hat sich vorgenommen,
innerhalb der ersten 24 Stunden nach Kriegsbeginn Aktionen des
Ungehorsams durchzuführen und nicht nur zu sagen, daß der Krieg nicht
in Ordnung ist. Das haben wir mit einer Million Menschen gesagt. Jetzt
muß es darum gehen, wie man ihn aufhält oder zumindest nicht zum
bloßen Zeugen wird. Die richtige Welt beginnt nach dem ESF.

* Infos: www.altremappe.org und www.sherwood.it

© http://www.jungewelt.de />

2002-11-12-haaretz
Quelle:
http://www.haaretzdaily.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=228618

Ha'aretz, Israel

Tuesday, November 12, 2002 Kislev 7, 5763
Israel Time: 06:28 (GMT+2)
Last update - 20:03 09/11/2002

European anti-war rally streams through Florence
By Reuters

FLORENCE, Italy - More than 450,000 anti-war protesters from across
Europe marched through Florence on Saturday, denouncing any U.S. plans
to attack Iraq.

Fired with anti-American sentiment and angered by a tough new UN
resolution to disarm Iraq, European activists joined forces in a
carnival atmosphere and marched together singing Communist anthems and
blowing shrill whistles. "Take your war and go to hell," one of the
colorful banners read. "No to war," said another.

The rally marked the climax of the first European Social Forum, which
brought together anti-globalization campaigners from across the
continent for four days of talks and concerts.

The forum was planned months ago, with tens of thousands of
participants from dozens of countries stretching from Portugal to
Russia. Delegates discussed topics from debt-reduction to support for
the Palestinian uprising.

But organizers said the march was given added relevance by Friday's
unanimous vote in the UN Security Council, which gave Iraq a last
chance to disarm or face almost certain war.

Authorities estimated more than 450,000 protesters were on the
streets, and people were still streaming in from a fleet of buses and
trains hired for the occasion.

Organizers said the crowd could swell to more than a million people,
making it one of the biggest rallies ever seen in Italy.

"The atmosphere here is wonderful. Absolutely perfect. It shows that a
new young left is emerging," said Stavos Valsamis, a 27-year-old Greek
activist from Athens.

Protesters clambered up scaffolding around arches near the city center
to get a better view of the massed throngs.

The march was bigger than a protest at a G8 summit in Genoa last year,
when 300,000 demonstrators took to the streets and an orgy of violence
left one protester dead and hundreds injured.

Some 7,000 police were on call but security forces kept a low profile,
with most held in reserve some distance from the seven-km (4.5 mile)
rally route.

The rest of Florence was a ghost town with most shops in the art-rich
historical center pulling down the shutters for fear of violence. The
city's famed museums were open and offered free entry to the few
tourists around.

"We no longer have any illusions about institutions like the United
Nations and their ability to help humanity," said Alain Krivine, a
far-left French politician. He was convinced the United States had
already made up its mind to attack Iraq.

"Marches alone won't stop wars, but this is quite literally a first
step," he said.

While Friday's UN resolution gives the Security Council a central role
in assessing the new arms' inspection program for Iraq, it does not
require the United States to seek council authorization for war in the
case of violations.


2002-11-15-afp
Quelle: http://de.news.yahoo.com/021115/286/32jde.html


AFP

Freitag 15. November 2002, 10:19 Uhr

Italienische Polizei nimmt rund 20 Globalisierungskritiker fest

(AFP) Die italienische Polizei hat in der Nacht zum Freitag etwa 20
Globalisierungskritiker festgenommen. Die Staatsanwaltschaft von
Cosenza in der südlichen Region Kalabrien habe die Festnahmen wegen
des Verdachts auf Bildung einer "zersetzende Vereinigung" angeordnet,
sagte ein Justizmitarbeiter. Unter den Gefangenen sei auch der Chef
der in Neapel ansässigen Gruppe "no global", Francesco Caruso. Der
junge Mann werde wie zwei weitere Anführer im Gefängnis von Trani
festgehalten. Alle drei seien Teil eines "südlichen
Rebellennetzwerkes", sagte der Justizmitarbeiter weiter. Ihre
Organisation habe absichtlich beim Gipfeltreffen der G-8-Staaten im
Juli 2001 in Genua Zwischenfälle provoziert. Bei gewaltsamen
Auseinandersetzungen von Globalisierungkritikern mit der Polizei waren
damals ein Mensch getötet und Hunderte verletzt worden.


2002-11-15-standard
Quelle: http://derstandard.at/?id=1132764

15. Nov, 2002
19:18 MEZ

Verhaftungswelle unter führenden Globalisierungskritikern in Italien

20 Personen wegen "umstürzlerischer Aktivitäten" festgenommen -
Landesweite Proteste gegen Inhaftierungen

Rom - Rund 20 führende Globalisierungskritiker sind in der Nacht auf
Freitag in Süditalien festgenommen worden. Wegen umstürzlerischer
Aktivitäten und Verwicklung in die Krawalle am Rand des G8-Gipfles in
Genua im Juli 2001 wurde in Salerno der Chef der neapolitanischen
No Global-Aktivisten Francesco Caruso verhaftet. Er wird beschuldigt,
mit einigen Gleichgesinnten die umstürzlerische Organisation "Netz des
rebellischen Süden" aufgebaut zu haben.

Die Organisation soll bei internationalen Treffen wie dem G8-Gipfel in
Genua und dem Global-Forum im März 2001 in Neapel für Krawalle und
Verwüstungen gesorgt haben. Sie habe außerdem Demonstranten zum
Widerstand gegen die Polizei und zur Straßenrevolte aufgehetzt,
betonten die Staatsanwälte. In den Sog der Ermittlungen seien
insgesamt 42 Personen geraten, berichtete das italienische
Staatsfernsehen RAI. Durchsuchungen wurden in mehreren italienischen
Städten durchgeführt.

Die Verhafteten wurden sofort nach der Festnahme in das Mafiakillern
und Terroristen vorbehaltene Hochsicherheitsgefängnis von Trani
gebracht, ohne vorher die Möglichkeit gehabt zu haben, mit ihrem
Anwalt Kontakt aufnehmen zu können. Die Festnahmebegründung ist 360
Seiten lang.

Hauptanklagepunkt

Laut den Tageszeitungen "La Repubblica" und "L'unita" lautet der
Hauptanklagepunkt "subversive Tätigkeit zum Umsturz der ökonomischen
Ordnung des Staates", ein, den Zeitungen nach, Gesetz aus der
Mussolinizeit. Der konservative "Corriere" wiederum interpretiert den
Anklagepunkt so, dass damit der wirtschaftliche Schaden, der aus den
"Verwüstungen und Ausschreitungen" in Neapel und Genua und in der
Folge Image-Verlust Italiens als Fremdenverkehrsland, sicherer
Standort etc. hervorgegangen ist, gemeint sein soll.

"Provokation gegen die ganze Bewegung"

Die von der Staatsanwaltschaft der süditalienischen Stadt Cosenza
geführte Ermittlung gegen die Chefs der No Global-Bewegung in Italien
löste hitzige Reaktionen aus. "Die Festnahmen sind eine Provokation
gegen die ganze Bewegung. Caruso und seine Kollegen sind wegen ihrer
politischen Tätigkeit festgenommen worden. Es ist kein Zufall, dass
die Festnahmen eine Woche nach der erfolgreichen Friedensdemo in
Florenz stattfinden", so der Sprecher der italienischen
Globalisierungskritiker, Luca Casarini.

Für die italienischen No Global-Aktivisten ist die Festnahmewelle in
Süditalien ein harter Schlag. Die Globalisierungskritiker hatten
vergangene Woche den Erfolg des Europäischen Sozialforums in Florenz
vergangene Woche gefeiert. An der Großdemonstration gegen einen
Militärangriff auf den Irak, der größten Friedensdemonstration Europas
der letzten Jahre, hatten sich über eine halbe Million Personen
beteiligt.

Proteste gegen Festnahmen von No Global-Aktivisten

Die Festnahme von 20 führenden Globalisierungsaktivisten schlägt hohe
Wellen. Spontane Solidaritätsdemonstrationen mit den Festgenommenen
fanden in mehreren italienischen Städten statt. In Bologna besetzten
einige Aktivisten der No Global-Bewegung einige Stunden lang den
zentralen Polizeisitz. In Florenz wurden Sit-ins organisiert.
Metallarbeiter, die am Freitag auf den Straßen gegen die massive
Streichung von Arbeitsplätzen beim Turiner Autokonzern Fiat
protestierten, solidarisierten sich mit den Festgenommenen. Weitere
Solidaritätskundgebungen sind für morgigen Samstag in ganz Italien
geplant.

Solidarisch mit den Festgenommenen erklärte sich auch der französische
Bauernführer Jose Bove. "Die Justizbehörden wollen unsere Bewegung in
Verruf bringen", sagte Bove, der vergangene Woche den Protestzug des
Europäischen Sozialforums in Florenz geführt hatte. "Diese Festnahmen
haben eine politische Bedeutung", fügte er hinzu. (APA/red)


2002-11-16-news
Quelle: http://www.news.ch/detail.asp?ID=124124

news.ch
Samstag, 16. November 2002 / 18:12:29

Italiens Opposition vermutet hinter Festnahmen Komplott

Rom - Nach der Verhaftung von 20 führenden Globalisierungsgegnern in
Italien vermutet die Opposition ein politisches Komplott. In mehreren
Städten wurden Proteste gegen die Festnahmen organisiert.

Die am Freitag Festgenommenen sollen nach Behördenangaben bei
internationalen Treffen wie dem G8-Gipfel in Genua und dem
Global-Forum im März 2001 in Neapel für Krawalle und Verwüstungen
gesorgt haben. Sie hätten ausserdem Demonstranten zum Widerstand gegen
die Polizei und zur Strassenrevolte aufgehetzt, behaupten die
Staatsanwälte.

Die Verhaftungswelle scheint das Resultat eines politischen Kalküls zu
sein, sagte hingegen Ex-Gewerkschaftschef Sergio Cofferati am
Samstag. Der Vorsitzende der Linksdemokraten, Piero Fassino, erklärte
sich angesichts der Initiative der Staatsanwälte der süditalienischen
Stadt Cosenza sprachlos.

Die Festnahmewelle erscheine ihm eine Racheaktion nach dem Erfolg der
Friedensdemonstration in Florenz, sagte Fassino. An der
Grossdemonstration gegen einen Militärangriff auf Irak, der grössten
Friedensdemonstration Europas der letzten Jahre, hatten sich über eine
halbe Million Personen beteiligt.

Heftig attackiert wurden die Ermittler auch von den Grünen, die zu den
aktivsten Sympathisanten der No Global-Bewegung
zählen. Altkommunisten-Chef Fausto Bertinotti sprach von einer
skandalösen Kriminalisierungskampagne gegen die No Global-Aktivisten.

Spontane Solidaritäts-Initiativen mit den Verhafteten wurden am
Samstag in mehreren italienischen Städten organisiert. Vor der
Strafanstalt der Stadt Trani, in der der Chef der süditalienischen
Globalisierungskritiker Francesco Caruso inhaftiert ist,
demonstrierten Hunderte von Freunden, die mit ihm vergangene Woche den
Protestzug durch die Strassen von Florenz geleitet hatten.

fest (Quelle: sda)


2002-11-16-jw
Quelle: http://www.jungewelt.de/2002/11-16/001.php

junge Welt vom 16.11.2002

Berlusconi buchtet ein

Repressionswelle in Italien: 20 Aktivisten der »no-global«-Bewegung
festgenommen / Damiano Valgolio

Die italienische Regierung schwingt gegen ihre Kritiker die
Repressionskeule. In der Nacht zum Freitag sind 20 Vertreter der
globalisierungskritischen Bewegung festgenommen worden. Unter den
Verhafteten befinden sich auch die beiden Sprecher des
süditalienischen »no global«-Netzwerkes, Francesco Caruso und Giuseppe
Fonzino. Insgesamt wird gegen 41 Personen in ganz Italien
ermittelt. Ihnen wird vorgeworfen, die »Zersetzung der demokratischen
Ordnung« betrieben zu haben. Von den Verhafteten sind noch am Freitag
13 in das Gefängnis von Trani gebracht worden, die übrigen sieben
wurden unter Hausarrest gestellt. Die offenbar lange vorbereitete
Aktion der Staatsanwaltschaft von Cosenza fand knapp eine Woche nach
Abschluß des Europäischen Sozialforums von Florenz statt. Die meisten
Inhaftierten gehörten zu den Organisatoren des Forums, das am
vergangen Samstag mit einer Demonstration gegen Neoliberalismus und
Krieg endete. Weit über eine halbe Million Menschen hatten sich an der
seit langem größten Antikriegsdemonstration in Europa beteiligt.

Vertreter der italienischen Linken bezeichneten die Verhaftungen am
Freitag als »unglaubliche Provokation«. Bereits am Mittag kam es im
ganzen Land zu Protesten. Unter anderem in Rom und in Mailand
demonstrierten mehrere tausend Menschen für die sofortige Freilassung
aller Inhaftierten. In Bologna besetzte eine Gruppe der
»disobbedienti«, einer Bewegung aus autonomen Gruppen und der
Kommunistischen Jugend, das Gebäude der Staatsanwaltschaft. Für den
heutigen Nachmittag haben die »disobbedienti« eine Großdemonstration
in Neapel angekündigt, der Heimatstadt der meisten Inhaftierten.

Fausto Bertinotti, Vorsitzender der »Rifondazione Comunista« (PRC),
äußerte gestern in einer Stellungnahme zu den nächtlichen Verhaftungen
»große Besorgnis und Wut«. Er bezeichnete die Repressionsmaßnahmen der
Berlusconi-Regierung als durchsichtiges Manöver, »um die gesamte
soziale Bewegung zu treffen und einen Schock zu erzeugen«.

Tatsächlich werden den Verhafteten keine Gewalttaten vorgeworfen,
sondern Aktionen, die seit Jahren im Rahmen des zivilen Ungehorsams
praktiziert werden. Der Paragraph 270/2, mit dem Caruso und die
übrigen »no global«-Aktvisten kriminalisiert werden sollen, bezieht
sich unter anderem auf das Besetzen von Gebäuden oder das Blockieren
von Straßen. In den letzten 30 Jahren ist dieser Paragraph in keinem
Strafverfahren angewendet worden. Wichtige Vertreter der
globalisierungskritischen Bewegung, wie der katholische Pfarrer Don
Vitaliano, haben angekündigt sich aus Solidarität selbst anzuzeigen.

Am Freitag protestierten auch die streikenden Arbeiter des
italienischen Autoherstellers FIAT mit Blockaden gegen geplante
Massenentlassungen. Diese Aktionen, die sie »sozialen Ungehorsam«
nennen, hatte die Gewerkschaft FIOM gemeinsam mit dem »no
global«-Netzwerk vorbereitet. Offenbar war diese Zusammenarbeit ein
weiterer Grund für die Verhaftungen in der Nacht vor den
Protesten. »Die Regierung will die Bewegung gerade jetzt
kriminalisieren, wo ihre Positionen und Aktionsformen immer größeren

Anklang bei der Bevölkerung und den Gewerkschaften finden. Ich habe
gerade Widerspruch eingelegt und eine gerichtliche Überprüfung
beantragt«, sagte Rechtsanwalt Malinconico, der den Inhaftierten
Caruso vertritt, im Gespräch mit jW. Die Metallarbeitergewerkschaft
FIOM hat unterdessen ihre Solidarität mit den Verhafteten erklärt.


2002-11-18-bz
Quelle: http://www.berlinonline.de/aktuelles/berliner_zeitung/politik/.html/194142.html

Berliner Zeitung
Politik
Montag, 18. November 2002

Proteste gegen Verhaftungswelle in Italien
20 Globalisierungsgegner festgenommen

Thomas Götz

ROM, 17. November. Die Festnahme von 20 Globalisierungskritikern in
Italien hat am Wochenende im ganzen Land Demonstrationen
provoziert. In Rom protestierten 10 000 Menschen gegen die
Verhaftungen. Die Polizei trat mit Helmen, Schlagstöcken und
Tränengaspistolen gegen die Demonstranten an. Der offenbar befürchtete
Sturm auf den Regierungssitz Palazzo Chigi blieb jedoch aus.

Die 20 Globalisierungsgegner waren am Freitag bei Razzien in ganz
Italien festgenommen worden. Ihnen werden politische Verschwörung,
Subversion, aufrührerische Propaganda, Angriff auf die Verfassung und
Eindringen in öffentliche Gebäude vorgeworfen, wie die Polizei
erklärte. Die Vorwürfe beziehen sich auf ein Regierungstreffen im März
vergangenen Jahres in Neapel und den G-8-Gipfel in Genua im Juli. Die
Demonstranten warfen der Regierung vor, sie versuche, eine friedliche
Bewegung zu zerschlagen.

Angebliche Umsturzpläne

Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft von Cosenza stieß bei der
Opposition auf Unverständnis. Der Anklagetext bezieht sich auf einen
Paragrafen des "Codice Rocco" aus den dreißiger Jahren, ein Gesetz,
das dem faschistischen Regime die Verhaftung politischer Gegner
ermöglichte. Die Inhaftierten hätten den "Umsturz der staatlichen
Ordnung" vorbereitet und sich "verschworen, um die Arbeit der
Regierung zu behindern", wirft der Ankläger den vorwiegend
jugendlichen Häftlingen vor. Einige der Beschuldigten hätten Kontakte
mit nach Frankreich geflüchteten ehemaligen Terroristen, behauptet die
Anklageschrift. Sie wurde am 4. November unterzeichnet, also vor dem
"Europäischen Sozialforum" in Florenz, das vergangene Woche ohne die
befürchteten Zwischenfälle zu Ende gegangen war.

Gegen den verhafteten Francesco Caruso, der die
Globalisierungskritiker in Neapel anführt, sprechen Aufnahmen von den
Unruhen in Neapel im Vorjahr. Caruso wurde in der Nähe einer Gruppe
fotografiert, die gerade Schlagstöcke für den Kampf gegen die Polizei
verteilt. Andere Angeklagte waren als Zeugen in Verfahren gegen
Polizisten aufgetreten, denen Gewaltanwendung gegenüber Demonstranten
vorgeworfen wird.

Staatsanwalt Domenico Fiordalisi, der Autor der Anklageschrift, stand
bereits einmal wegen seines forschen Vorgehens in der Kritik. 1991
ließ der junge Jurist im süditalienischen Ort Paola den
christdemokratischen Bürgermeister und Gemeinderäte des Städtchens
verhaften. Das Justizministerium schickte eine Untersuchungskommission
nach Paola, die dem Juristen kein gutes Zeugnis ausstellte.

Linke Oppositionspolitiker erklärten, die Regierung schüre bewusst die
Spannung, um Globalisierungskritiker und jegliche Opposition
kriminalisieren zu können. Die Globalisierungskritiker wollen am
Dienstag in Rom entscheiden, wie sie künftig vorgehen wollen. Sie
kündigten weitere Protestmärsche an, bis die Inhaftierten wieder frei
wären. Die Anwälte beantragten ein Haftprüfungsverfahren. (mit dpa)


2002-11-18-taz
Quelle: http://www.taz.de/pt/2002/11/18/a0055.nf/text

taz Nr. 6907 vom 18.11.2002, Seite 2, 84 TAZ-Bericht MICHAEL BRAUN

Proteste in Italien

Die in Italien festgenommenen Globalisierungskritiker werden weiter
verhört. Schwache Beweislage, bizarre Methoden, heftige Proteste

ROM taz · Die 20 Globalisierungskritiker, die in Italien unter dem
Vorwurf staatsfeindlichen Verhaltens festgenommen worden sind, haben
alle Anschuldigungen zurückgewiesen. "Die Handschellen werden unseren
Kampf nicht stoppen", schrieb der inhaftierte Vorsitzende der
Globalisierungsgegner von Neapel, Francesco Caruso, gestern.

Er und 19 weitere Aktivisten waren am Freitag auf Antrag der
Staatsanwaltschaft der süditalienischen Stadt Cosenza in
Untersuchungshaft genommen worden. Seit Samstag werden sie von den
Staatsanwälten vernommen. Die Staatsanwaltschaft Cosenza erhebt im
Haftbefehl schwerste Anschuldigungen: Mittels Bildung der Vereinigung
"Sud Ribelle" habe die Gruppierung politische Konspiration betrieben,
um die Regierung an der Ausübung ihrer Funktionen zu hindern, um
"subversive Propaganda" zu treiben und gewaltsam die wirtschaftliche
Ordnung des Landes umzustürzen.

Am Haftbefehl fällt aber nicht nur auf, dass als eines der Ziele der
Vereinigung die Verhinderung der internationalen Gipfel in Neapel
(März 2001) und Genua (Juli 2001) genannt, die Gründung des
subversiven Clubs jedoch auf den Mai 2001 datiert wird - der Verein
hätte es damit geschafft, schon vor seiner Bildung aktiv zu
werden. Auch sonst bietet der Haftbefehl keinen einzigen Beweis.

Das braucht er auch nicht. Die "Konspiration" - ein im Faschismus
geschaffener Straftatbestand - liegt nicht erst bei Taten, sondern
schon bei Absichten vor. Und diese "dokumentieren" die Staatsanwälte
in bizarrer Manier. So wird einer Verhafteten vorgehalten, sie sei in
Genua als Reporterin von Radio GAP unterwegs gewesen. GAP steht für
Global Audio Project, der Staatsanwalt jedoch erinnert sich, dass auch
die terroristische Gruppe des 1972 umgekommenen Giangiacomo
Feltrinelli sich GAP nannte - und unterstellt den Angeklagten schlicht
wegen des Kürzels umstürzlerische Absichten.

So schwach die Beweislage, so dramatisch war die Inszenierung. Alle
Verhafteten wurden in Hochsicherheitsgefängnisse gebracht, die
gewöhnlich Mafiosi und Terroristen vorbehalten sind. Die Bewegung der
Globalisierungskritiker, aber auch der Gewerkschaftsbund CGIL und die
Partei der Linksdemokraten reagierten mit scharfer Kritik auf die
Verhaftungswelle, und schon am Samstag demonstrierten in Rom, Neapel
und zahlreichen anderen Städten zehntausende unter dem Slogan "Wir
sind alle subversiv" für die Freilassung der Globalisierungsgegner.
MICHAEL BRAUN

____________________________________

Teil 1: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=302
Teil 2: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=303
Teil 3: http://www.imi-online.de/2002.php3?id=304


Europäisches Sozialforum / Florenz / Dokumentation





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