IMI: Blut für Öl?

von: 9. November 2001

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Jürgen Wagner (IMI) zu den Hintergründen des Afghanistankriegs

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Blut für Öl?

Jürgen Wagner (IMI)* zu Hintergründen des Afghanistankrieges

Je länger der sogenannte „Kampf gegen den Terror“ andauert desto offensichtlicher wird es, dass der Sturz des afghanischen Taliban-Regimes ein zentrales Ziel der US-Regierung darstellt. Ausschlaggebend hierfür sind allerdings nicht die schrecklichen Anschläge des 11. September, sondern vielmehr die geostrategische Lage Afghanistans, nahe den riesigen Öl- und Gasreserven der kaspischen Region. Das eigentliche Kriegsziel der USA stellt deshalb „die Kontrolle der Ölvorräte der Region“ dar, wie Ahmed Rashid, einer der führenden US-Afghanistanexperten, feststellt.

Seit Anfang des Jahres mehrten sich die Berichte, dass insbesondere von der islamischen Bewegung Usbekistans, die in enger Verbindung zu den Taliban steht, eine zunehmende Gefahr für die Stabilität Zentralasiens ausgehe. Ein Bürgerkrieg jedoch würde die Ausbeutung der dortigen Ressourcen gefährden. Gleichzeitig dürfte man sich erhoffen nach Beendigung des Krieges, dauerhafte Militärbasen entweder in Afghanistan selbst oder den angrenzenden Ländern errichten zu können, was ein langjähriges Ziel der USA darstellt. Nachdem erste Abkommen über eine Stationierung von US-Militär in Usbekistan getroffen wurden, spricht man im Pentagon inzwischen ganz offen davon, dass diese Truppen dort mindestens drei bis fünf Jahre zur „Terrorismusbekämpfung“ bleiben sollen. Hierdurch wird Washington seinen Einfluss in der Region erheblich vergrößern können.

Der Hauptgrund für die Angriffe dürfte aber in der Rolle Afghanistans als möglichem Transportkorridor der kaspischen Ressourcen zu suchen sein. Eine Kontrolle der Transportwege stellt einen kaum zu überschätzenden strategischen Gewinn dar. Hierfür betreibt Washington schon seit Jahren eine aggressive Politik, deren Ziel, laut dem Sprecher des US-Repräsentantenhauses, dass „Brechen des russischen Monopols über Transportwege für Öl- und Gas, sowie die Förderung des Baus von […] Pipelines, die nicht durch den Iran führen“ ist.

Als sich die kalifornische Firma UNOCAL Anfang der 90er für den Bau einer Öl- und Gaspipeline von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien interessierte, eröffnete dies die Chance, endlich den Iran und Russland im „Pipelinepoker“ ausstechen zu können.

Der anhaltende Bürgerkrieg in Afghanistan machte das Projekt aber unmöglich, weshalb die Taliban, in der Ansicht, eine totalitäre Regierung in Kabul werde die erhoffte Stabilität für den Bau der Pipelines gewährleisten, ab 1994 von den USA massiv unterstützt wurden. Nachdem die US-Regierung den Taliban ab 1998 aufgrund deren Unterstützung Bin Ladens zunehmend kritischer gegenüberstanden, vor allem aber weil die Regierung in Kabul die benötigte Stabilität nicht gewährleisten wurde, legte UNOCAL das Projekt im selben Jahr so lange auf Eis, bis in Afghanistan der „notwendige Friede und die Sicherheit […] sowie eine Regierung die von den Vereinigten Staaten […] anerkannt wird“ einkehrt, wie die Firma damals erklärte.

Tatsächlich haben sowohl UNOCAL als auch die USA den Plan zum Bau einer Pipeline durch Afghanistan nie aufgegeben. Der heute innerhalb der Bush-Regierung für die Region zuständige Zalmay Khalilzad, ein ehemaliger Berater UNOCALs, schrieb im Winter 2000: „Die Bedeutung Afghanistans [wird] in den kommenden Jahren noch steigen, wenn die Öl- und Gasreserven Zentralasiens […] anfangen eine Führungsrolle auf dem Energiemarkt der Welt zu spielen. Afghanistan könnte sich als ein wertvoller Korridor erweisen.“ Da auch ihm bewusst ist, dass die afghanischen Regierung dem im Weg steht, forderte er: „Washington muss die Taliban schwächen. […] Mit der Zeit sollten sich die USA für eine Regierung in Afghanistan einsetzen, die mehr im Einklang mit unseren regionalen Interessen steht.“

Spätestens seitdem eine vor kurzem fertiggestellte russische Route zur Versorgung des europäischen Marktes, die bisher von den USA bevorzugte Trassenführung durch die Türkei unwahrscheinlich macht, ist ein Regierungswechsel in Kabul aus US-Sicht dringend erforderlich, um den damit einhergegangenen Einflussverlust ausgleichen zu können.

Der riesige Markt Indiens, bietet hierfür die einzige Möglichkeit. Da Indien ein enormes Interesse zeigt, zur Deckung seines rapide steigenden Energiebedarfs auf kaspische Ressourcen zurückzugreifen, könnte eine von den USA kontrollierte Pipeline Washington erneut ins „Große Spiel“ zurückbringen. Nur zwei Routen kommen hierfür in Frage, entweder durch Afghanistan oder den Iran. Bereits 1998 äußerte sich ein Vertreter UNOCALs bei einer Anhörung vor dem Kongress, dass für eine Versorgung Indiens aufgrund der US-Sanktionen gegen Teheran, die es US-Firmen verbieten in iranische Projekte zu investieren, eine afghanische Pipeline „die einzige mögliche Route“ darstellt. Gleichzeitig veranlasste der anhaltende Bürgerkrieg in Afghanistan die Regierung in Neu Dehli dazu, sich immer entschiedener für den Bau einer iranischen Pipeline auszusprechen.

Die Versorgung des strategisch wichtigen Indiens darf aus US-Sicht nicht in die Hände des erklärten Feindes Iran fallen. Auch würde eine iranische Route die US-Firmen von den zu erwartenden riesigen Profiten ausschließen und den, außerhalb des russisch versorgten europäischen, einzigen wichtigen alternativen Markt für die kaspischen Ressourcen, der Kontrolle Washingtons entziehen.

Da hiermit das „Große Spiel“ zugunsten des Irans und Russlands entschieden wäre instrumentalisiert die US-Regierung die Terroranschläge auf perfide Art und Weise, um ihre Interessen in der Region durchzusetzen zu können.

* Jürgen Wagner ist Vorstand der Informationsstelle Militariserung (IMI) e.V. in Tübingen.

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