Dokumentation: Fälschung oder Realität? Jubelnde Palästinenser nach den Anschlägen? Inszenierte Bilder…

von: 22. September 2001

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Ein Thema das offensichtlich viele beschäftigt. Drei Texte die den Sachverhalt aufklären helfen.

Text 1: Aus der Fernsehsendung „Panorama“ vom 20. September 2001

(Quelle: http://www.ndrtv.de/panorama/sendung/medien.html)

Stärker noch als Worte: Bilder.

Die Aufnahmen jubelnder Palästinenser flimmerten wenige Stunden nach dem Anschlag weltweit über die Bildschirme. Sie erwecken den Eindruck, die halbe Stadt wäre auf den Beinen, um den Tod Tausender Amerikaner zu feiern. So die grausame Aussage der Bilder zumindest auf den ersten Blick. Medienwissenschaftler Professor Martin Löffelholz interpretiert: „Diese Bilder von jubelnden Palästinenserkindern, auch von einigen Erwachsenen, zeigen Einzelne, die sich offensichtlich freuen. Ob sie sich über die Anschläge freuen, weiß ich nicht. Ich vermute das, weil es uns so in der Berichterstattung gesagt worden ist, ich weiß es nicht. Der Kontext, der Entstehungskontext ist mir unklar.“

Bei genauer Betrachtung des vollständigen, nicht gesendeten Bildmaterials fällt auf, dass es auf der Straße drumherum ruhig ist. Nur vor der Kamera eine Gruppe aufgekratzter Kinder. Die Frau, die mit ihrem Freudentaumel in Erinnerung bleibt, geht kurz darauf ungerührt weiter. Auffällig ein Mann in einem weißen T-Shirt. Er stachelt die Kinder an, und er holt immer wieder neue Leute ran. Die Frau, die gerade gegangen ist, sagt heute, man habe ihr Kuchen versprochen, wenn sie sich vor der Kamera freut. Sie selbst sei entsetzt gewesen, als sie die Bilder im Fernsehen sah. Niemals habe sie sich über den Anschlag auf die USA gefreut. Wahrheit? Inszenierung? Vom Drehort in Jerusalem hatte eine Bildagentur das Material nach London überspielt, zur Zentrale. Von hier aus wird es zu Fernsehsendern in der ganzen Welt verteilt – unter dem Titel: Palästinenser feiern in Jerusalem. Per Satellit kommen die jubelnden Palästinenser auch nach Deutschland. Hier laufen Bilder aus aller Welt auf, Bilder, die starke Gefühle hervorrufen, aber nicht unbedingt Abbild der Wirklichkeit sind. „In Krisen und Kriegssituationen“, so Medienwissenschaftler Löffelholz, „ist eine gehörige Portion Distanz auch des Zuschauers, auch des Lesers zu dem, was von Journalisten verbreitet wird, notwendig. Das hat damit zu tun, dass auch Journalisten Fehler machen, dass auch Journalisten dem Informationsmanagement von Politik und Militär aufsitzen.“

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Text 2: Aus SPIEGEL ONLINE – 21. September 2001, 18:10

(Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,158625,00.html)

Die Macht der TV-Bilder – Was ist die Wahrheit?

Von Lisa Erdmann

Nun wenige Stunden nach den Attentaten auf New York und Washington zeigten die Fernsehsen der weltweit Bilder von Palästinensern, die die unfassbare Tat bejubelten. Jetzt heißt es, ein Teil dieser Bilder sei möglicherweise gestellt, der Rest alt.

Hamburg – Kinder jubeln, eine Frau mit schwarzem Kopftuch und Brille reißt freudig die Arme hoch, ein Mann klatscht und winkt andere Passanten herbei: Eine Straßenszene, gefilmt in Jerusalem am 11. September, am Tag der Attentate in New York und Washington. Bilder, die um die Welt gingen. Bilder, die viele Menschen erschütterten. Der Hunger nach Informationen und Filmmaterial war an diesem Tag unstillbar – so wurden auch diese Aufzeichnungen von den TV-Sendern immer und immer wieder gesendet, unterlegt mit den Worten, diese Palästinenser würden die Anschläge in den USA feiern. Doch nun, zehn Tage nach den Anschlägen, berichtet das ARD-Politmagazin
„Panorama“, dass es möglicherweise eine andere Wahrheit über diese Bilder gibt, dass die Szene vielleicht sogar gestellt sind.

Gefilmt wurden die jubelnden Palästinenser von zwei Nachrichtenagenturen: Reuters und Associated Press (AP). Die Fernsehzuschauer bekamen in der vergangene Woche nur wenige Sekunden von dem Material zu sehen. Insgesamt liefen bei den TV-Stationen aber etwa vier Minuten auf. Die Panorama-Redakteurin Annette Krüger-Spitta sah sich die gesamten Bänder der beiden Agenturen genauer an. „Das ist schließlich brisantes Material“. Dabei stellte sie Unstimmigkeiten fest.

Die fertig geschnittenen Nachrichten-Filme in der vergangenen Woche hatten den Eindruck erweckt, da feierten viele Menschen auf der Straße. Es waren keine Total-Aufnahmen dabei, die die ganze Straße zeigten, sondern immer nur kleine Gruppen von Menschen. Auf dem gelieferten Material waren allerdings sehr wohl Totalen – sie zeigten deutlich, dass nur eine Handvoll Palästinenser jubelten, viele andere gingen einfach unbeteiligt vorbei. „Die Frau mit dem Kopftuch hat später gesagt, sie habe in die Kamera gejubelt, weil man ihr Kuchen versprochen hat“, so Krüger-Spitta. Die Palästinenserin habe erklärt, sie sei entsetzt gewesen, als sie sah, in welchem Kontext ihr Jubel gezeigt wurde. Sie verabscheue die Taten in New York und Washington. Was ist die Wahrheit?

Schon in der vergangenen Woche fegten aufgeregte Mails zu einem ähnlichen Fall rund um den Erdball. CNN habe zehn Jahre alte Bilder verwendet, um damit den angeblichen Jubel der Palästinenser zu belegen. Ein brasilianischer Student, Marcio, hatte am Mittwoch auf der Website von Indymedia, einer unabhängigen Medienplattform, einen Brief gepostet. Er schrieb, er habe Beweise dafür, dass die Bilder die am 11. September bei dem amerikanischen Nachrichtensender zu sehen waren, gefälscht seien. Das Filmmaterial stamme aus dem Jahr 1991 und zeige Freudenfeiern von palästinensischen Jugendlichen nach dem irakischen Einmarsch in Kuweit. Einer seiner Dozenten habe Videoaufzeichnungen von damals und sie mit den aktuellen Berichten verglichen. Fazit: Beide Bilder seien identisch. CNN mache Stimmung gegen die Palästinenser.

Nur zwei Tage später, am Freitag, ruderte Marcio zurück. Die Informationen seien nur eine Vermutung gewesen, der Hochschullehrer könne seinen Verdacht nicht beweisen. Doch da war es schon zu spät. Bis heute geistern Mails mit der Fehlinformation durch das Netz, bis heute erhalten viele Redaktionen, auch wir, immer wieder besorgte Hinweise von Lesern. CNN International hat den Vorwurf gegenüber SPIEGEL ONLINE heftig dementiert. Auch Reuters TV, die das Material an CNN geliefert haben, beeilten sich, die Vorwürfe zu entkräften. Sogar auf der Website von Indymedia selbst gab es Zweifel an dem Vorwurf. Ein Leser erklärte, die Bilder könnten gar nicht aus dem Jahr 1991 stammen, weil darauf ein Ford aus einer Baureihe von 1995 zu sehen sei.

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Text 3: Herrscht in Palästina wirklich Freude über Terroranschläge?

(Quelle: -, auch abgedruckt beim Bundesausschuss Friedensratschlag:
http://www.uni-kassel.de/fb10/frieden/regionen/Palaestina/goller.html)

„Die Wirklichkeit ist anders“ – Ein Brief aus Beit Jala

Wilhelm Goller schreibt am 12. September per e-mail aus Beit Jala:

„Kein Verständnis haben wir für Palästinenser, die heute jubelnd auf den Straßen stehen. – Die Fernsehbilder zeigten uns Kinder, die wir für unschuldig halten, aber auch Männer die Mitte der Zwanziger Jahre sind und die wissen was sie tun – die die Mordanschläge bejubelten.

Dieser Satz stammt aus einem Brief, den ich heute morgen aus Deutschland bekommen habe, und es war bei weitem nicht der einzige. Schon gestern erschraken meine Frau und ich, als wir im Fernsehen Bilder aus Ost-Jerusalem sahen, Bilder, die dieselben waren, die in Deutschland ausgestrahlt wurden. Diese Bilder sind wohl eine Wirklichkeit, eine zutiefst zu bedauernde Wirklichkeit, aber sie stellen nicht die Wirklichkeit Palästinas dar. Das will ich im folgenden nicht durch theoretische Worte, sondern an konkret Erlebtem erläutern:

Trauerhaus Walid
Walid Al Arja, unser Küchenchef, hatte gestern sein Haus als Trauerhaus wegen des Todes eines nahen Verwandten geöffnet und „ganz“ Beit Jala kam. Wir, die Mitarbeiter von Talitha Kumi waren um drei Uhr Ortszeit dort, also bevor das schreckliche Geschehen in Amerika sich ereignete. Walid sagte mir heute früh, daß er noch nie eine solche Trauer erlebt habe wie gestern, als die Ereignisse in den Staaten bekannt wurden. „Ganz Beit Jala hat getrauert, nicht um meinen Verwandten, sondern um die unschuldigen Opfer in Amerika.“

Deutschunterricht
Ghasub besuchte ich heute in seinem Deutschunterricht. Er hat Töchter in Deutschland, die ihn gestern abend ebenfalls auf die Bilder im deutschen Fernsehen angesprochen haben. Er habe sich deshalb vorgenommen, heute mit den Schülern darüber offen zu sprechen. Aber er habe keinen Schüler getroffen, der auch nur im Ansatz eine Freude zum Ausdruck gebracht habe, Entsetzen, Angst, teilweise auch Sorge, weil doch etliche von ihnen Verwandte in Amerika haben.

Morgenversammlung
Unter dem Eindruck der Ereignisse in Belfast hatte ich in meiner Morgenandacht am Montag gesagt:
Morgenandacht (Montag, 10. September 2001)
Ein Bild hat mich letzte Woche erschüttert. Das Fernsehen hat davon berichtet – vom Schulbeginn in Belfast in Nordirland. Dort führt der Schulweg von katholischen Mädchen – vier bis acht Jahre alt – durch das Wohngebiet von Protestanten. Diese ließen die Mädchen nicht in Frieden passieren, Mädchen, die nichts wollten, als auf dem nächsten Weg zu ihrer Schule zu gelangen. Nein, es war Polizeischutz notwendig und dann war es noch schwer, zur Schule zu gelangen.

Unsere Religion ist, aber auch die anderen großen Religionen sind auf Toleranz, ja auf Nächstenliebe angelegt. Dies ist nicht immer leicht und nicht immer einfach zu praktizieren. Aber soviel steht fest: Keine Religion ruft zum Hass oder gar zur Vernichtung des Andersgläubigen auf.

So fordere ich euch heute früh auf: Nutzen wir wenigstens an unserer Schule die große Chance, nämlich den anderen, den Mitschüler egal welcher Religion und welchen Glaubens zu respektieren.

Diese Worte – zwei Tage zuvor gesprochen – habe ich heute früh erinnert und in der Kernaussage erneuert.

Zudem: Um bei diesen gestern so oft gezeigten Bildern von Wolkenkratzern und anfliegenden Flugzeugen den Blick ins Innere zu lenken, habe ich unsere Schüler darauf aufmerksam gemacht, dass derzeit drei unserer diesjährigen Abiturienten auf dem Weg über New York an Universitäten im Westen unterwegs sind. Damit wurde das Entsetzen noch konkreter, nämlich mit Namen und Personen ausgefüllt.

Muslimischer Religionslehrer
Mahmoud, der muslimische Religionslehrer, nimmt mich in der großen Pause zur Seite. Wir tauschen uns über das Geschehen am gestrigen Tag aus. Ihm liegt sichtlich daran, mir zu verdeutlichen, dass dieses Morden unschuldiger Menschen im Koran absolut verboten ist.

Trauerhaus Ibtisam
Gestern bei Walid, heute bei Ibtisam, unserer Arabischlehrerin, deren Vater gestern früh überraschend verstorben war, ich hatte sie aus dem Unterricht zu holen. Im Trauerhaus der Männer gab es nur ein Thema: Amerika! Ich wurde gefragt, wie die deutsche Politik und die Medien reagieren würden. Unter anderem habe ich auch auf das Erschrecken auf die im Fernsehen gezeigten Bilder von Ostjerusalem hingewiesen. Dazu gab es nur eine Reaktion: Sagen Sie, das ist nicht Palästina. Wir haben soviel gelitten, wir können mit den Menschen dort mitleiden!

Erklärung von Jedallah Shehadeh, Beit Jala, unserem Schulpfarrer
Vor dem unfassbaren Leid anderer vergessen wir unser Leid. Das amerikanische Volk leidet und trauert und ich finde kaum Worte, um unseren Schmerz zum Ausdruck zu bringen. Mit Augustinus will ich folgendes sagen: „Die Tränen rannen herab und ich ließ sie so ungehindert fließen, wie sie wollten, und machte aus ihnen ein Ruhekissen für mein Herz. Auf ihnen ruhte es“.

Der Schmerz und die Trauer sind groß. Als Kirche und ich sage das als der Präsident der Synode unserer Kirche sind wir gegen die Gewalt von wem das auch immer kommt. Wir beten für die Opfer und die Angehörigen der Opfer und fühlen uns solidarisch mit allen Leidenden dieser Erde, und besonders jetzt mit unseren Geschwistern in den USA.

Zwei Anmerkungen

Etwas schwerer möchte ich es mir aber doch noch machen und hoffe, dass ich verstanden werde: Wir waren seit gestern Nachmittag hier zusammen mit unseren palästinensischen Mitarbeitern und Freunden von den Ereignissen schockiert und entsetzt; wir waren aber auch betroffen, mit welcher Sorglosigkeit in der Berichterstattung in den internationalen Medien vom einem palästinensisch-terroristischen Hintergrund gesprochen wurde, keine Stunde nach Bekanntwerden der Ereignisse in den Staaten, die beiden Türme standen noch. Das brandmarkt ein ganzes Volk.

Ein letztes will ich auch nicht verschwiegen: Ich habe die Bilder noch vor Augen, als Bill Clinton mit Frau und Tochter in Bethlehem zum 1. Advent die Kerzen am Christbaum auf dem Platz der Geburtskirche anzündete oder die Bilder von einem Flaggenmeer amerikanischer und palästinensischer Flaggen in Gaza, als Clinton zur Sitzung des Nationalrats kam, in der die Verfassung geändert wurde und damals alle Israel – feindlichen Statements gestrichen wurden. Amerika stand hoch im Ansehen! Dieses Bild hat sich seit dem letzten Jahr, vor allem in den allerletzten Wochen nachhaltig geändert, gerade auch hier in Beit Jala. „Made in USA“ – dies ist ein geflügeltes Wort, wenn hier Panzer einfahren, Hubschrauber stundenlang kreisen und wenn man die stattliche Sammlung von Munition allen Kalibers sieht, die nach angriffen von Kindern und Jugendlichen auf den Strassen und in den zerbombten Häusern gesammelt werden: Made in USA!

Amerika hat in den Augen der Menschen hier seine Glaubwürdigkeit als ehrlicher Makler und Friedensstifter verloren, Amerika wird nur noch als blinder Parteinehmer für Israel gesehen. Die zeitliche Koinzidenz der Besetzung von Beit Jala und der gemeinsame amerikanisch-israelische Auszug in Durban hat dies massiv verstärkt.

Nachsatz: Als Erzieher sehe ich dann aber gerade bei einem gewissen Verständnis für eine solche politische Bewertung es für um so wichtiger an, keine Vermengung zwischen politischer Position und Akzeptanz terroristischer Agitation zuzulassen. Das – da bin ich mir sicher – ist Konsens an unserer Schule.

Beit Jala, 12. September 2001 Wilhelm Goller

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Text 4: Islamwissenschaftler kritisieren Berichterstattung

dpa-Meldung vom Dienstag 18. September 2001, 11:46 Uhr

– Orient- und Islamexperten deutscher Hochschulen haben die Berichterstattung in den Medien über die Terroranschläge in den USA kritisiert.

48 Wissenschaftler von 17 deutschen Universitäten hätten eine entsprechende Stellungnahme unterschrieben, sagte Marco Schöller vom Orientalischen Seminar der Universität Köln am Dienstag in einem dpa-Gespräch. Die Experten bezeichnen die bisherige Berichterstattung als „teilweise unzulänglich und in Teilen irreführend“.

Die Wissenschaftler monieren, dass die derzeitige politische Situation im Vorderen Orient sowie die Rolle der USA in der Nahostpolitik der vergangenen 50 Jahre vernachlässigt werde. Irreführend sei zudem, dass Einzelereignisse als beispielhaft für die Reaktion einer ganzen Region vorgeführt würden. „Das fiel mir bei den Jubelszenen in den palästinensischen Gebieten auf“, erläuterte Schöller. „Man sah im Fernsehen immer nur dieselben Bilder, dieselben jubelnden Kinder und immer dieselbe Frau.“

Die Stellungnahme beschränkt sich nach Darstellung des Kölner Wissenschaftlers aber nicht auf Medienkritik: Darin komme auch die Auffassung seiner Kollegen zum Ausdruck, dass es sich bei den terroristischen Verbrechen nicht um Taten vor dem Hintergrund eines Kampfes der Kulturen drehe. Tatsächlich gehe es bei dem Konflikt „um die Verteilung von Machtpositionen im Nahen Osten“.

Die europäischen Staaten sollten sich der Erklärung zufolge mehr als bisher und langfristig in der Region politisch engagieren. „Bevor man auf Grund der aktuellen Ereignisse den Menschen in den islamischen Ländern ihre Würde abspricht und die Taten einiger Extremisten als generellen Angriff auf Freiheit und westliche Zivilisation bezeichnet, sollte sich die westliche Nahostpolitik verstärkt darum bemühen, in den islamischen Ländern die Bedingungen für ein würdevolles Dasein in Wohlstand und Freiheit zu schaffen“, heißt es in der Erklärung.

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