Schwäbisches Tagblatt, 09.11.1999

Nicht der letzte Krieg

Friedensbewegte berieten über Krisenherde

von: | Veröffentlicht am: 9. November 1999

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Kongress der Informationsstelle Militarisierung e.V. 6./7.11.1999

Nicht der letzte Krieg

Schwäbisches Tagblatt, die Tübinger Lokalzeitung, am 09.11.1999, über den IMI-Kongreß
Die Workshops am Sonntag werden jeweils kurz charakterisiert / Abschrift

Friedensbewegte berieten über Krisenherde

Tübingen (ren). „Wir schreiben die wahrscheinlich erste deutsche Resolution gegen Krieg in den Datennetzen“, vermutete Ralf Bendrath. Der Berliner war Referent beim Kongress „Die nächsten Kriege“ der von Tübingen aus koordinierten Informationsstelle Milita risierung (IMI). Dazu trafen sich im Gemeindehaus Lamm übers Wochenende knapp hundert Gäste aus der ganzen Republik.

„Im Kosovo-Krieg wurde erstmals der Krieg auf die Datennetze ausgeweitet“, so Bendrath in einem der Workshops. In Presseerklärungen habe die US-Air Force verkündet, sie sei in die Computersysteme der serbischen Luftabwehr eingedrungen und habe dort für die Luftabwehrraketen der Serben falsche Ziele eingeschummelt. Künftig werde die Kontrolle über Informationen eine zentrale Bedeutung in der Kriegsführung bekommen, urteilte Bendrath. Im Workshop hieß es, dann müsse eben auch die Friedensbewegung enger mit Co mputerspezialisten oder auch Leuten aus der Hacker-Szene zusammenarbeiten. „Das ist aber noch ausbaufähig“, sagte Bendrath.

Der Frankfurter Publizist Klaus Fischer bezeichnete die aktuellen Konflikte im Kaukasus als „Beginn einer Schlacht um die Energie-Ressourcen rund ums Kaspische Meer“. Diese Ressourcen würden von den USA als ähnlich groß eingestuft wie jene im nahen und mit tleren Osten. Die Konflikte könnten bald auf weitere Staaten übergreifen, sagte Fischer. Auch deutsche Firmen hätten dort neuerdings Anteile an Ölförderfirmen.

Mit der Lieferung von deutschen Hubschraubern und Gewehren an das indonesische Militär beschäftigte sich eine Ost-Timor-Arbeitsgruppe. „Diejenigen, die erst das Feuer geschürt haben, spielen jetzt Feuerwehr für Menschenrechte“, klagte die Tübinger Referent in Claudia Haydt. Für der Zukunft Indonesiens befürchteten die Workshop-Teilnehmer weitere Konflikte: „Vor allem reiche Regionen werden nach Unabhängigkeit schreien.“

Den deutschen Rüstungshaushalt hatten die Referenten Arno Neuber und Paul Schäfer im Visier. Immer mehr Militär-Ausgaben würden unter anderen Haushaltstiteln verbucht, speilielsweise der 1,2 Milliarden teure Kosovo-Einsatz unter „allgemeine Finanzverwaltun g“. So würden die offiziellen Zahlen zwar gesenkt, Tobias Pflüger (IMI) sprach jedoch von einer „qualitativen Aufrüstung“, die parallel zur quantitativen Abrüstung geschehe.

Im Abschlußplenum einigte man sich jeweils ohne gegenstimmen auf vier Resolutionen: Gegen Panzerlieferungen an die Türkei, gegen die im vergangenen April verabschiedete NATO-Strategie, gegen Lieferung von Rüstungsgütern an Indonesien und gegen die Nutzung der neuen Informationstechnologien für kriegerische Zwecke.

„ren“ ist Veronika Renkenberger, Mitarbeiterin des Schwäbischen Tagblatts Tübingen

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